Greenpeace Magazin Ausgabe 2.99

Generation Hoffnung

Ökologisches Engagement wird manchmal auch mit Preisen belohnt. Wie beim Wettbewerb „Europas Jugend forscht für die Umwelt“. Wir stellen Ihnen einige Gewinner vor und geben eine Übersicht der wichtigsten Umweltpreise.

Nickoloz ist 16 und hat einen Kloß im Hals. Mit seinem weißen Hemd, dem dunklen Anzug, der ihm eine Nummer zu groß ist, und der etwas zu fest gebundenen Krawatte steht er da, als würde ihn gleich ein Lehrer zur mündlichen Abiturprüfung bitten. Nickoloz kann nichts sagen, will nichts sagen – zumindest nicht jetzt. Die Juroren des diesmal in Berlin stattfindenden Wettbewerbes „Europas Jugend forscht für die Umwelt“ befragen gerade drei Franzosen am Nachbarstand. Gleich ist er dran. Dann darf Nickoloz an seiner rund 4,5 Quadratmeter großen Ausstellungswand sein Projekt vorstellen – auf englisch, versteht sich. Nr. 16, Nickoloz Chankoshvili, Georgien: Fledermausschutz – ein dringendes Problem.

Poster hat er aufgehängt, einige Fotos und eine georgische Landkarte angepinnt, einen Fledermauskasten angenagelt. Der Rest der Wand ist mit Texttafeln und einer Graphik zugepflastert. Nickoloz hat den Populationsschwund der georgischen Fledermäuse dokumentiert. Fünf Jurorengruppen werden ihn in den nächsten zwei Tagen jeweils zehn Minuten lang malträtieren. Sie werden sich Notizen machen, viele Fragen stellen und freundlich nicken. Und am dritten Tag werden sie eines der 68 Projekte zum Sieger erklären und dem oder der Glücklichen einen Scheck über 8000 Mark überreichen.

Während früher vorwiegend die Zerstörung der Natur dokumentiert wurde, erarbeiten die jungen Umweltforscher heute eher Lösungen für die Zukunft, erklärt Uta Krautkrämer-Wagner, Geschäftsführerin der Stiftung „Jugend forscht e.V.“. Der Trend geht hin zu vorsorgender und nachhaltiger Umwelttechnik. Was macht man mit dem Müll eines Schnellrestaurants? Wie kann man mit Hilfe von Differentialgleichungen Verkehrsstaus verhindern, wie schwermetallverseuchte Böden elektrochemisch reinigen? Oder man entwickelt ein funktionierendes Wellenkraftwerk, wie die drei Niederländer, die dafür den dritten Preis erhielten. Per Kabel am Meeresgrund verankert, folgt das Ufo-ähnliche Gebilde der Wellenbewegung und erzeugt durch die Rotation Energie. „Wir wollten nur was Nützliches für die Umwelt tun“, meint Adrian de Groot – als sei das die natürlichste Sache der Welt. Der Info-Teil über Umweltpreise beginnt auf Seite 46.

Mein Freund, der Baum

Maria Pestova, 15, Russische Föderation: Früher wollte die zarte, 1,50 Meter große Maria Primaballerina werden. Jahrelang trainierte sie täglich an der Ballettstange. Bis sie anfing, die durch menschlichen Eingriff entstandene Kuzomenskikh-Wüste in ihrer Heimat auf der nordrussischen Halbinsel Kola mit Bäumen zu bepflanzen. Nach zwei Jahren fandt sie heraus, daß die Kiefer (Pinus sylvestris) in den lockeren und kargen Sanddünen am ehesten Wurzeln schlägt. Außerdem verbesserte sie das Pflanzverfahren und konnte damit die Überlebenschancen der jungen Kiefern erhöhen. Jetzt will Maria Ökologie studieren.

Gizat träumt vom blauen Himmel

Gizat Aibasov, 15, Kasachstan: Gizat hat sich verliebt: Der heute tiefblaue Himmel über Berlin hat es ihm angetan. Die Tage, an denen er solch einen Himmel über seiner Heimatstadt Almaty sieht, kann er an seinen Händen abzählen. Der rasant zunehmende Verkehr legt eine permanente Smogwolke über die Stadt. Fast alle Autos fahren mit verbleitem Benzin. Gizat entwickelte eine Methode, mit der man billig und schnell der Bleigehalt ermitteln kann. Der Jury zeichnete ihn mit einem Sonderpreis aus. Gizat weiß: „Ich will Ingenieur werden und das Benzin verbessern, damit weniger Abgase entstehen.“ Für einen blauen Himmel über Almaty.

Häuser aus Klärschlamm

Selime Günder, 16, Türkei: Am Goldenen Horn stank es bestialisch zum Himmel. Jahrelang schwemmte die Meeresströmung schwermetallbelasteten Schlick in die Istanbuler Hafenbucht. Ausbaggern? Ja — doch wohin mit dem giftigen Dreck? Selime hatte die entscheidende Idee, daraus Ziegel zum Häuserbau zu brennen. In ihnen werden nicht nur die Schwermetalle eingeschlossen, der hohe organische Anteil des Schlamms führt auch dazu, daß beim Brennen weniger Energie verbraucht wird. Ob allerdings die Ziegel aus Klärschlamm tatsächlich ungefährlich sind, ist noch nicht abschließend geklärt.

Das Meer als Kraftwerk

Chris Weel, 16; Arthur Baas, 16; Adrian de Groot, 15, Niederlande: Man müßte die Kraft der Wellen nutzen können; diese Idee kam Adrian beim Surfen. Aus alten Fahrradteilen schraubte und sägte er mit seinen Freunden binnen Wochen ein funktionierendes Wellenkraftwerk zusammen. Wissenschaftler werden ihr Modell jetzt größer nachbauen. Die Jungs aber wollen derweil wieder Windsurfen gehen.

Rettung für die Flussperlmuschel

Jürgen Geist, 21, Deutschland: Bevor Jürgen das Geheimnis lüftete, warum die Flußperlmuschel ausstirbt, watete er tagelang durch Bäche, untersuchte Dutzende von Sedimentproben und kleinste Korngrößen. Irgendwann kam er darauf: Am Verschwinden der Muschel ist der hohe Anteil von Feinsedimenten schuld. Außerdem entwickelte er ein Verfahren, um den Sedimentzustand bestimmen zu können.

Sauber gedacht

Miglena Manuchova Palova, 15; Jordanka Vantchova Bozhilova, 16, Bulgarien: Jordanka möchte später viel durch die Welt reisen und mit zehn Hunden in den USA leben. Miglena ist sich noch nicht sicher, was sie machen will. Aber eines wissen sie beide: Die von ihnen entwickelte Methode, schmutziges Wasser zu reinigen, sollte in ganz Bulgarien angewandt werden. Die Abwässer der in ihrer Heimatstadt Kostenets ansässigen Farben- und Papierwerke konnten die beiden Teenies bereits erfolgreich reinigen. Ein Jahr haben sie daran gearbeitet. „Wir wollten etwas für unsere Stadt tun und für die Menschen, die darin leben“, sagt Jordanka.

Giftige Hilfe

Haris Niksic, 21; Melina Dzajic, 20, Bosnien-Herzegowina: Der Krieg war schon lange vorbei. Da kamen Haris und Melina auf die Idee, die Hilfsgüter zu untersuchen, die ihnen das Überleben sichern sollten. In Lippenstiften, Lidschatten, Konserven und Medikamenten fanden sie sowohl verbotene krebserregende Inhaltsstoffe als auch zugelassene Stoffe in grenzwertüberschreitender Konzentration. Viele Hilfsgüter lagern noch immer in Schuppen. Was mit ihnen geschehen soll, weiß niemand. Haris und Melina wollen nur eins: Humanitäre Lieferungen sollten kontrolliert werden und keine billige Entsorgung sein.

Der Fledermausmann

Nickoloz Chankoshvili, 16, Georgien: Nickoloz ist ein alter Hase in Sachen „Jugend forscht“. Mit 13 machte er zum erstenmal mit. Damals untersuchte er Spinnen. Jetzt gilt sein Forscherdrang den Fledermäusen. Nickoloz stöberte in alten Kirchtürmen, kroch in Höhlen umher, zählte Völker von herabhängenden schlafenden Fledermäusen um herauszufinden, warum ihre Populationen schrumpfen: Es fehlen die Unterschlupfe — Baumhöhlen, Felshöhlen, Kirchen- oder Hausdächer. Dafür erhielt er den Sonderpreis der Stiftung „Schweizer Jugend forscht“: Die Teilnahme an einer einwöchigen Forschungskonferenz zum Thema Wildlife.

Von FRANK H. GRIESEL
Fotos: ENNO KAPITZA