Gewinnen. Olympia im Bürgerkrieg

Greenpeace Magazin Ausgabe 4.02

Gewinnen. Olympia im Bürgerkrieg

Manche haben schon als Kindersoldaten gegeneinander gekämpft. Doch bei den Spielen im Südsudan treten sie als Sportler zum friedlichen Wettstreit an.



Das Flugzeug fliegt so hoch, dass es wie ein winziges silbernes Kreuz am Nachmittagshimmel blinkt. Als sein Motordröhnen die Menschen auf den Feldern bei Turalei erreicht, schauen sie nach oben. Es ist eine Antonow, im Südsudan ein gefürchteter Name. „Wenn sich das Geräusch verändert, heißt es, dass sie zurückkommt,“ sagt Acuil Banggol. „Dann schaust du, was die anderen machen. Am besten wirfst du dich auf den Boden.“ Aber das Flugzeug verschwindet in der Ferne. Die Menschen arbeiten weiter. Heute wird es keinen Bombenangriff mehr geben.

Im Sudan herrscht schon so lange Bürgerkrieg, dass Bomber zum täglichen Leben gehören; mehr als einen flüchtigen Blick zum Himmel hat man für sie nicht übrig. Acuil freut sich aus einem besonderen Grund darüber, dass die Antonow den Ort links liegen lässt: In Tularei findet gerade die Twic-Olympiade statt. Gleich beginnt das Volleyball-Finale, auch Fußballmannschaften und Leichtathleten müssen angefeuert, Medaillen müssen gewonnen werden. Und dabei soll einer der längstandauernden Kriege der Welt wenigstens heute nicht stören.
 
Am Anfang war es nur ein Traum des Zwei-Meter-Mannes Acuil, doch er hat ihn wahrgemacht – „Olympische Spiele“ im Südsudan. Zwar nehmen nur die Menschen aus Twic teil, einer Region, die an die arabischen Landesteile im Norden grenzt. Aber ein Anfang ist gemacht. Das Konzept ist simpel: Twic ist unterteilt in sechs „Payams“ – Bezirke –, die jedes Jahr im Januar Sportler nach Turalei schicken, wo sie in Fußball, Volleyball, Leichtathletik und Tauziehen gegeneinander antreten. Es gewinnt der Payam mit den meisten Medaillen. Dieses Jahr finden die Spiele das zweite Mal statt, den Siegern winkt eine mechanische Getreidemühle. Ein Preis, für den es sich in einem Land fast ohne Straßen und Steinhäuser zu kämpfen lohnt.

Wer den Pomp einer modernen Olympiade kennt, auf den müssen die Twic-Spiele geradezu surreal wirken. Bei der Eröffnungszermonie marschiert jedem Payam ein Fahnenträger voran, auf dessen selbstgemachter Flagge Sterne, Leoparden oder Stiere prangen. Dahinter folgen die Sportler. Eigentlich soll jede Mannschaft einheitliche Trikots tragen; weil es sich im Sudan aber niemand leisten kann, seine Kleidung nach solchen Kriterien auszusuchen, gleichen die Athleten einer barfüßigen Lumpenarmee. Für Acuil jedoch sind diese jungen Männern und Frauen die Zukunft. 2001, bei der ersten Eröffnungsfeier, musste er weinen. Diesmal ist er einfach nur stolz. „Die Erwachsenen haben wir an den Krieg verloren,“ sagt er, „doch gebt mir die Kinder, ich werde sie für immer verändern.“

Ein paar Stunden später schaut Acuil zu, wie Hunderte von Menschen auf einem staubigen Fußballplatz feiern. Gerade hat die Mannschaft von Turalei die aus Akoc 3:0 geschlagen. Die Spieler gehen gemeinsam vom Feld, halten sich an den Händen und grüßen die Menge. Vom Ergebnis war keiner überrascht. Turalei, fanatisch von den heimischen Fans angefeuert, schien zwar zunächst schwächer als der Gegner. Doch nach ihrem ersten Tor – einem eher komischen Freistoß – rissen sie das Spiel herum. Nach jedem Tor warfen sich die Spieler geradezu halsbrecherisch in den Staub, wo sie sich begeistert wälzten und umarmten. Irgendwo schallte aus einem Radio der „BBC World Service“, aber keiner hörte hin. Sonst scharen sich alle um die Nachrichten, den einzig zuverlässigen Draht zur Außenwelt. Heute nicht. Das Spiel zog alle völlig in seinen Bann.

Es begann Weihnachten vor drei Jahren. Acuil, früher ein erfolgreicher Basketballer, verbrachte den Heiligabend bei seinem ehemaligen Coach Akel in Ajip, einer Stadt tief im Süden des Sudans. Während sie aßen, fielen ihm Flüchtlinge auf, die auf der Straße Volleyball spielten. Sie stammten aus verschiedenen Clans, die sich sonst eher bekämpften als miteinander Sport zu treiben, doch hier lachten sie zusammen. „Ich dachte, so etwas könnte ich doch auch in Twic machen“, erinnert sich Acuil. Ein Jahr später, 2001, war es soweit. Und in diesem Jahr lockt das große Ereignis bereits Tausende Zuschauer nach Turalei. Für die Spiele wurde eine Schotterpiste, die während der Hungersnot 1998 für Hilfsflüge in den Busch geschlagen wurde, in ein Fußballfeld verwandelt, Baumstämme und Bretter in Tore. Irgendwo hat jemand sogar echte Netze aufgetrieben. Rings um den Platz wurden fünf Laufbahnen in den Boden gekratzt. Sicher eine der bescheidensten Arenen der Welt. Gemessen am Sportsgeist aber gehört sie zu den besten.

Jeder Payam errichtet für seine 147 Athleten ein eigenes „Olympisches Dorf“, in dem die Sportler wohnen und trainieren – staubige Lager und einfache Lehmhütten. Alle schlafen auf dem Boden. Die meisten haben nur eine Decke. Wer ein Moskitonetz besitzt, drängt sich darunter mit mehreren anderen Athleten zusammen. Sie stehen bei Sonnenaufgang auf, und die Sportlerinnen kochen für das ganze Team – wenn sie etwas zum Kochen haben. Wenn nicht, bleiben alle hungrig. Doch die Stimmung ist gut. John Ajac, ein Zwölfjähriger mit Engelsgesicht, hat eigens ein Schlachtlied für seine Volleyball-Junioren aus Pannyok komponiert. Er hielt sich für einen guten Spieler – bis seine Mannschaft verlor. Trotzdem weicht das Lächeln nicht aus seinem Gesicht: „Wir dachten, wir sind gut. Jetzt weiß ich, dass Turalei besser ist“, sagt er.

Martin Areic ist da deutlich nüchterner. Für den Kapitän des Fußballteams aus Aweng zählt nur der Sieg, denn für ihn stehen Stolz und Ehre auf dem Spiel. Er besteht auf einem Interview und erzählt, wie stolz sein Vater auf seine sportlichen Leistungen sei. Während der 18-Jährige spricht, krabbeln Fliegen um den Schnitt an seinem Fuß. Sie kümmern ihn nicht: „Was ich hier mache, ist genauso wichtig wie Vieh hüten.“

Am 15. Januar treffen die Teams ein, dann beginnen die Ausscheidungsrunden, auf die drei Finaltage folgen. Die Oberaufsicht über alles hat Acuil Coach Akel übertragen, einem jovialen Mann, der im schwarzen Trainingsanzug und mit der grellgrünen Stoppuhr um den Hals eine gute Figur macht. Er muss sich mit Problemen herumschlagen, die sich Schiedsrichter bei einer „echten“ Olympiade vermutlich nicht einmal vorstellen können. Zum Beispiel die Gefahr, dass eine falsche Entscheidung eine Stammesfehde zwischen den Payams auslösen könnte. Da er nicht aus Twic stammt, gilt er inzwischen aber als unparteiisch. Im letzten Jahr waren noch einige Leibwachen nötig, um ihn vor Angriffen wegen angeblichen Betrugs zu schützen. Dieses Jahr genügt ein Wächter mit einer Maschinenpistole als Signal, dass Akels Entscheidungen endgültig sind. „Die Leute fragen mich oft, warum ich denn nicht ihren Bezirk unterstütze. So ist der Sport, antworte ich dann. Das müssen sie lernen“, sagt er. Manche nehmen die sportlichen Ideale womöglich schon etwas zu ernst. Bei den Qualifikationsrunden geriet auch Akel ins Staunen: „Einige Mädchen waren so glücklich, dabei zu sein, dass sie bei ihrer Ankunft in Ohnmacht fielen. Und wenn sie ihren Wettkampf gewannen, wurden sie wieder ohnmächtig. Wir mussten sie zum Arzt bringen. Für manche ist so viel Glück einfach zu viel.“ Das klingt fast etwas zu dick aufgetragen. Doch im Südsudan liegen die Dinge nun einmal anders.

Das Land um Turalei erstreckt sich flach und konturlos bis zum Horizont. In der Trockenperiode ist der Boden ausgedörrt, in der Regenzeit ein undurchdringlicher Sumpf. Ein harsches Land, wo man selbst in guten Zeiten ums Überleben kämpfen muss. Und dies sind wahrlich keine guten Zeiten. Seit der Unabhängigkeit von Großbritannien 1956 herrscht fast ununterbrochen Krieg zwischen dem arabischen Norden und dem schwarzafrikanischen Süden, der Heimat des Dinka-Stammes und anderer Völker. Es ist ein Krieg der Ethnien, der Kulturen, der Religionen. Ein Ende ist nicht in Sicht. Nur zwischen 1972 und 1983 gab es Frieden. Dieser Krieg hat etwas von mittelalterlicher Barbarei. Eine klare Frontlinie gibt es fast nie. Dafür fallen Regierungstruppen zu bestimmten Zeiten in den Süden ein, um zu rauben und zu plündern. Im Süden kontrolliert die Regierung nur ein paar Garnisonstädte, die sich im permanenten Belagerungszustand befinden. Auf dem Land herrscht die Sudanesische Volksbefreiungsarmee SPLA, mit einer eigenen Verwaltung für den befreiten Süden, der praktisch nur aus Lehmhüttendörfern und endlosem Busch besteht; ohne Industrie, Infrastruktur oder Entwicklung. Wie in der Eisenzeit. Die einzigen Zeichen der Moderne sind Waffen. Davon allerdings gibt es reichlich.

Viele Sportler hier sind nicht einmal 20 und doch schon Kriegsveteranen, die Jahre brutaler Kämpfe hinter sich haben. Kindersoldaten, jede Menge davon. James Majol Ajang, 17, zum Beispiel, der sich gerade das Fußballfinale angeschaut hat; ein schnelles, wüstes Spiel, barfuß auf steinigem Boden. Es endete mit einem Elfmeter und dem Sieg für Aweng, James’ Payam. Eine wilde Feier folgte. Doch James ist ein stiller junger Mann mit distanziertem Blick und traurigen Augen. Am Rande des Platzes erzählt er seine Geschichte. Mit elf Jahren wurde er zwangsrekrutiert und kämpfte vier Jahre für die SPLA. Ein hartes Leben. Er musste für die erwachsenen Soldaten Essen beschaffen. Wenn er etwas falsch machte, wurde er geschlagen oder musste hungern. Er war an zahllosen Gefechten beteiligt. Wenn er spricht, starrt er auf den Boden. Er lächelt nicht. Ob er je einen Menschen getötet habe? Das kann er nicht sagen, es sei aber wahrscheinlich: „Eines Morgens, als wir die Araber angriffen, wurden wir zurückgeschlagen und besiegt. Viele starben. Ich feuerte, habe aber keine Ahnung, ob ich jemanden erschossen habe. Man weiß ja nicht von jeder Kugel, wo sie einschlägt.“

James trainiert für das 400-Meter-Finale, er weiß, dass seine Kindheit anders war als die anderer Jungen. Schon die nackten Füße und seine Kleidung aus fünfter Hand erinnern ihn ständig daran. „Wir machen jetzt zwar Sport, doch für uns ist alles schwer. Da ist nichts normal“, sagt er.

Er hat ein paar Monate gegen die Nuer gekämpft, einen schwarzen Stamm, dessen Führer sich immer mal wieder auf die Seite der Regierung schlugen. Jetzt tauchen Nuer als Flüchtlinge in Twic auf. Es ist nicht leicht für sie, hier zu leben. Doch durch die Olympischen Spiele ändert sich das langsam. Fast alle Payams haben Nuer-Sportler in ihrem Team. Man erkennt sie leicht an den Stammesnarben im Gesicht, doch sie werden genauso angefeuert wie ein Dinka. Zacariah Markwa, 19, ist Nuer. Er läuft die 200 Meter für Turalei. Seine Familie haben Regierungssoldaten vor vier Jahren bei einem Überfall auf sein Dorf umgebracht. Er spricht bis heute nicht gut Dinka, aber die Spiele bieten ihm die Chance, sich in seiner neuen Heimat ein wenig Anerkennung zu verschaffen. „Letztes Jahr kannte mich noch keiner. Dieses Jahr laufe ich mit und alle wissen, wer ich bin. Hier sind wir alle nur Sudanesen.“

Der Grund für die Vertreibung der Nuer ist: Erdöl. Wegen des Öls wird der Norden niemals seinen Anspruch auf den Süden aufgeben. Nicht, solange dort schwarzes Gold aus dem Boden geholt werden und den multinationalen Energiekonzernen lukrative Verträge abgerungen werden können. Die stehen Schlange, um in dieses florierende Geschäft einzusteigen: Talisman Energy aus Kanada, Petronas aus Malaysia und Lundin Oil aus Schweden sind dabei. Einen Ölkonzern hält keiner auf, schon gar nicht ein paar lokale Guerilleros. Im Südosten des Landes, wo im März vergangenen Jahres ein Konsortium mit Probebohrungen begann, wurden schon 48 Dörfer niedergebrannt und 55.000 Menschen vertrieben. Die Regierung betreibe eine Politik der „verbrannten Erde“, sagen Menschenrechtsgruppen. „Es muss Frieden herrschen, bevor Öl gefördert werden darf“, fordert Hannah Williams vom britischen Hilfswerk Christian Aid. Die Organisation recherchiert zur vom Öl entfachten Gewalt und ist Hauptsponsor der Twic-Olympiade.

Ein eher frommer Wunsch. Die SPLA attackiert Pipelines. Die Regierung vertreibt die Einheimischen. Der Krieg geht weiter.Doch es gibt Dinge im Südsudan, die noch grausamer sind als der Krieg ums Öl und Kindersoldaten. In jeder Trockenzeit fallen Reiterbanden der arabischen Nomadenstämme Baggara und Mussiriya ein. Sie fackeln Dörfer ab, töten Männer, verschleppen Frauen und Kinder als Sklaven in den Norden. Das klingt mehr nach 13. als nach 21. Jahrhundert. David Deng wurde in seinem Dorf Maper gefangen. „Sie nahmen mich und meine Eltern und meine Brüder und Schwestern mit. Sie warfen mich auf den Rücken eines Kamels und sagten mir, sie würden mich töten, wenn ich weine“, erzählt er und sitzt ruhig unter einem Dornenstrauch am Rande von Turalei. Deng ist erst zwölf. Zwei Jahre verbrachte er in Gefangenschaft und hütete für einen arabischen Bauern namens Ali Jaffa das Vieh. An seinem Fuß hat er eine Narbe: Man hat einen Nagel hindurchgejagt, als Strafe für einen Fluchtversuch. Er hatte dennoch Glück. Er konnte weglaufen und schaffte es bis nach Hause. Ein Bruder und eine Schwester sind tot. Wo seine Eltern sind, weiß Deng nicht. Aber er spielt Fußball. Beim Junior-Turnier, mit anderen ehemaligen Kindersklaven. Sklaven wie Mowien Akway, der Volleyball für seinen Payam Wunroc spielt. Er fristete vier seiner 15 Jahre als Gefangener im Norden. Man hat ihm auf einem Bein mit einem heißen Eisen ein Brandzeichen verpasst, weil er sich über seine langen Arbeitstage als Hirte beklagt hatte. Oder Aguek Athie, die ebenfalls von den Reitern entführt wurde und nicht darüber sprechen will, was ihr arabischer Herr ihr antat, wenn sie allein waren.

Solche Wunden könne die Twic-Olympiade nicht heilen, würden Zyniker wohl behaupten. Zu Recht? „Für diese Menschen war ihr ganzes Leben ein einziger Kampf“, sagt Coach Akel. „Werden wir verbrannt? Werden wir umgebracht? Diese Spiele sind etwas Positives. Sie machen ihnen Hoffnung.“ Vielleicht hat Aguek, die leise, aber bestimmt spricht, während sie geistesabwesend mit dem Finger im Sand malt, selbst eine Antwort für die Zweifler. Sie spielt Volleyball für ihren Payam. „Es lenkt mich ab. Ich trage etwas Neues in meinem Herzen“, sagt sie.

Aber selbst bei der Olympiade kann man dem Krieg nicht entkommen. Am letzten Tag donnern zwei MiG23-Kampfjets durch die Luft. Stunden später folgt eine Antonow, die langsam Richtung Süden fliegt. Und überall sind Waffen. An jeder Ecke des Fußballfeldes lungern SPLA-Soldaten in der Sonne, Maschinengewehre und Mörser lässig über der Schulter. Wenn ein lokaler Würdenträger das Spielfeld besichtigt, führen die Bodyguards stolz ein Mad-Max-artiges Waffenarsenal vor. Der Krieg ist hartnäckig. Doch die kleinen Fortschritte sollte man nicht übersehen. Als Kindersoldat kämpfte James noch gegen die Nuer. Jetzt, als Sportler, läuft er mit ihnen und gegen sie. „Ich habe nichts gegen sie. Jetzt, da Frieden ist zwischen Dinka und Nuer, sind wir alle gleich“, sagt er.

Die Sonne brennt noch vom Himmel, als die Volleyballendspiele beginnen. Wegen der Hitze finden die Wettkämpfe am frühen Morgen statt oder spät am Nachmittag. Aber auch um kurz nach fünf ist es noch drückend heiß. Riak Bol, Spielführerin der Frauenvolleyball-Mannschaft von Turalei, ficht das nicht an. Sie sind das Heimteam. Dies ist ihre Stunde.

Bei den Männern ist die Entscheidung eben gefallen. Jetzt versammelt sich die Menge, um den Frauen zuzuschauen. Und plötzlich stehen sie, deren Leben sich sonst auf Kochen, Putzen und Mutterschaft beschränkt, im Mittelpunkt. Es ist eine Chance, zur Heldin zu werden, wie der männerdominierte Sudan nur wenige bietet. Riak weiß das. Sie ist Mutter von drei kleinen Mädchen. Ihr Mann verschwand nach Kenia. Sie braut seit zwölf Jahren Bier für ihr Dorf, um zu überleben. „Wenn ich gut spiele, spielt auch meine Mannschaft gut“, sagt sie vor dem Finale. „Wenn meine Mannschaft gut spielt, ist mein Dorf glücklich. Und dann bin auch ich glücklich.“

Sie versammelt ihr Team vor dem Spiel gegen Pannyok um sich, redet ernst, fasst jede bei den Schultern. Sie ist eine beeindruckende Erscheinung, groß und elegant im selbst geschneiderten grün-gelben Trikot. Die Fans stimmen zum Trommelrhythmus ihre Gesänge an. Das Spiel beginnt. Riak retourniert einen mächtigen Aufschlag und holt den ersten Punkt im ersten Satz, den ihr Team problemlos gewinnt. 15:4 zeigt die Papp-Anzeigetafel. Der zweite Satz ist stärker umkämpft. Pannyok führt 7:2. Mit einem Ballwechsel, bei dem auf ihrer Seite des Netzes nur Riak den Ball berührt, kippt das Match. Fünfmal kommt der Ball geflogen, fünfmal schlägt sie ihn zurück. Sie holt den Punkt. Und Turalei gibt keinen weiteren mehr ab. Sie gewinnen mit 15:7. Während sich ihre Mitspielerinnen vor Freude auf den staubigen Boden werfen, steht Riak ein paar Sekunden abseits. Als die Menge sie umringt, legt sie ihre Hand an den Mund und stößt einen spitzen Triller aus. Zwei Spielerinnen, die wild in der Menge feiern, fallen in Ohnmacht. Vielleicht ist das Glück zu groß. Coach Akel hat nicht übertrieben. Sie kippen einfach um, werden von der Menge aufgehoben und im Siegestaumel weggetragen. Dass Volleyball nur ein Spiel ist, kann den Frauen in diesem Moment keiner weismachen.

In der konservativen Dinka-Gesellschaft sind Frauen solche Triumphe selten vergönnt. Es ist ein Klischee – aber eines mit einem Körnchen Wahrheit – dass im Südsudan eine Kuh mehr wert ist als eine Tochter. Hier geht kaum eine Frau zur Schule, und etwas anderes zu tun als Kinder großzuziehen und zu kochen ist für fast alle ein Traum, der nie wahr wird. Riak haben ihre älteren Brüder von der Schule genommen, weil sie sich um die alternde Mutter kümmern sollte. Sie sorgt dafür, dass ihre Töchter eine gute Ausbildung erhalten. Und Volleyball spielen. „Sie sind stolz auf mich, weil ich das so gut kann. Für meine Bildung kann ich nichts mehr tun, aber meine Töchter werden alle die Schule abschließen“, sagt sie.

Es gibt noch andere Heldinnen bei der Twic-Olympiade. Achel Chol, 15, hat im vergangenen Jahr drei Leichtathletik-Goldmedaillen gewonnen. Dieses Jahr holt sie zwar nur eine über 100 Meter, dazu zwei Silbermedaillen. Dafür ist sie eine lokale Berühmtheit. Und für das Mädchen, das seine Vormittage in der Schule verbringt und nachmittags zu Hause Mais mahlt, tut sich eine neue Welt auf: „Ich werde so lange trainieren, bis ich eine richtige Olympia-Siegerin bin und gegen Sportler aus anderen Ländern gewonnen habe.“ Ihre Eltern sorgten sich, sie könne im Olympischen Dorf mit Jungs zusammenkommen, und wollten ihr die Teilnahme verbieten. Doch sie wehrte sich. „Ich habe mich durchgesetzt. Ich bin ein Mädchen und möchte ein Beispiel geben mit dem, was ich kann und will“, sagt sie. Auch das ist im Süden Sudans schon ein Sieg.

Und davon gibt es bei den Twic-Spielen noch mehr. Nicht jeder wird mit einer Medaille belohnt. Wenn barfüßige Athleten 1500 Meter auf betonhartem Boden laufen, kritisiert man nicht einmal den letzten im Ziel. Die zerschundenen Füße und abgerissenen Fußnägel sind Beweis genug für ihren Einsatzwillen. Wenn drei Frauen auf der gleichen Distanz hinter dem Ziel kollabieren, weil es so heiß ist und sie noch nichts gegessen haben, zweifelt man nicht an ihrer Fitness. Man bewundert ihre Hingabe. Wenn ein Fußballer sich den Zeh ausrenkt und – statt sich vor Schmerz zu krümmen – seine Mitspieler bittet, ihn wieder einzurasten, lobt man seinen Mut.

Bei den Spielen von Twic geht es um mehr als nur Sport. Es geht nicht um überragende Fähigkeiten, rücksichtslose Taktik oder neue Rekorde. Dass sie überhaupt stattfinden, ist der Erfolg . „Seit ich hier bin, denke ich nicht an den Krieg. Aber wenn wir zurück müssen, dann geht alles wieder los. Bald beginnt die Trockenzeit“, sagt Justin Angelo Akwei, der den Payam Ajac Kuac trainiert, und ein schmerzlicher Ausdruck huscht über sein Gesicht.

Doch noch haben alle nur den Sieg und die Getreidemühle im Sinn. Auch wenn Politiker sich die Chance nicht entgehen lassen, auf diesen Zug aufzuspringen. Im Südsudan geschieht nichts ohne den Segen der SPLA. Auch bei der Twic-Olympiade werden auf Eröffnungs- und Schlussfeier Lieder der SPLA gesungen. Wenn auch nicht mit größter Hingabe. Um wenigstens irgendetwas Offizielles zu spielen, legen SPLA-Funktionäre zum Fußballfinale eine Kassette mit einer Rede von John Garang ein, ihrem Chef, der ein bequemes Leben in der kenianischen Hauptstadt Nairobi führt. Auch wenn die Ansprache von 1988 ist und für eine längst vergessene Waffenstillstandsinitiative wirbt. Monoton scheppert Garangs Stimme aus dem Lautsprecher, bis sie plötzlich leiert, immer leiser wird und schließlich ganz verstummt. Keiner schert sich darum. Oder um die SPLA-Funktionäre, die verzweifelt versuchen, das Gerät wieder in Gang zu setzen. Hier läuft ein Endspiel. Und das ist viel wichtiger.

Es ist der letzte Tag der Olympiade. James tritt im 400-Meter-Lauf an. Er hat keine Angst. Er war Soldat, er hat geschossen. Er hat Freunde sterben sehen. Dies ist nur ein Rennen auf einer alten Landebahn mitten im Busch, barfuß auf hartem Boden. Nur ein Rennen. Hunderte Zuschauer stehen an der Bahn. Ein Pfiff ertönt und James rast los. Bleibt in Führung. Auch in der letzten Kurve liegt er zehn Meter vor den anderen, und obwohl der zweite noch ein wenig aufholt, fliegt James als erster durchs Ziel. Triumphierend reißt er die Arme empor. Keine Rede mehr davon, dass dies nur ein Rennen war. Kein Gedanke an die schreckliche Vergangenheit oder an das Vieh des Vaters. An verpasste Schuljahre oder wunde Füße. An die Welt, die ihn vergessen hat – und tausende Andere wie ihn. „Nächstes Jahr will ich wieder dabei sein. Ich werde jeden Morgen früh aufstehen und laufen. Nächstes Jahr noch schneller und besser. Selbst wenn wir heute noch ewig hätten weiter laufen müssen, hätte ich gewonnen“, sagt James. In diesem einen Augenblick des Sieges, als er mit der Brust das Zielband zerriss, hat der Kindersoldat weit mehr gewonnen als nur ein Rennen.

Von PAUL HARRIS GARY CALTON



Länderinfo - Sudan

Fläche: 2,5 Mio km2 (fünfmal so groß wie Spanien, größtes Land Afrikas)

Einwohner: 30,4 Millionen

Hauptstadt: Khartum (2,5 Mio Einwohner, Großraum 6 Mio)

Lebenserwartung: 54,2 Jahre (m)/57 Jahre (w)

Alphabetisierungsrate: 68,9 % (m)/44,9 % (w)

Pro-Kopf-Einkommen im Jahr (BSP): 290 US-Dollar

Ausfuhrgüter: Baumwolle (20 % der Ausfuhrerlöse), Sesam (20 %), lebende Tiere (13 %)

Entwicklungsstand nach UN-Rangliste: 138. von 162 Staaten

Unabhängigkeit von Großbritannien 1956; seitdem Bürgerkrieg zwischen dem islamistischen Norden und dem christlich-animistischen Süden, der allein von 1983 bis 1999 über zwei Millionen Menschenleben gekostet hat.