Fokus

Glo­ba­li­sie­rungs­geg­ner:
Zustand kritisch

Einst war sie groß und neu. Heute müht sich die Antiglobalisierungsbewegung, richtig wahrgenommen zu werden

Fokus
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Glo­ba­li­sie­rungs­geg­ner:
Zustand kritisch

Einst war sie groß und neu. Heute müht sich die Antiglobalisierungsbewegung, richtig wahrgenommen zu werden

Text: Pepe Egger

Fotos: Piotr Petrus, Espen Eichhöfer (Portraits)

Seattle, Genua, Heiligendamm – um die Jahrtausendwende waren Globalisierungsgegner die Avantgarde der außerparlamentarischen Linken. In der Kampagne gegen das Freihandelsabkommen TTIP wurde die Bewegung noch einmal groß, zugleich mischte sich manch nationalistischer Abwehrreflex in den Protest. Wo aber steht sie heute?

Beim Hamburger Treffen der G20 im Juli 2017 rauchte es gewaltig. Inhalte blieben dabei auf der Strecke
Beim Hamburger Treffen der G20 im Juli 2017 rauchte es gewaltig. Inhalte blieben dabei auf der Strecke
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Irgendwann kommt das Chlorhühnchen doch noch auf den Tisch. Natürlich kein echtes. Hier, im „Bundesbüro“ von Attac nahe dem Frankfurter Hauptbahnhof, zwischen alten Transparenten an den Wänden und Flyern in den Regalen, hätte dieses sehr spezielle Federvieh im Dezember 2017 aus vielerlei Gründen nichts verloren. Vielmehr geht es um die Frage, wie ein gerupftes Klischee den vielleicht größten Kampagnenerfolg der Antiglobalisierungsbewegung in den letzten zehn Jahren mit herbeigeführt hat, darin gipfelnd, dass im September 2016 nach Veranstalterangaben deutschlandweit rund 320.000 Menschen gegen die Freihandelsabkommen TTIP und Ceta auf die Straße gingen.

Denn das Chlorhühnchen, die in Chemikalien gebadete und zum Verzehr freigegebene Kreatur, versorgte die Antiglobalisierungsbewegung mit leicht verdaulicher Systemkritik: Hier die überkapitalistischen USA und ihre tier-, natur- und menschenfeindliche Deregulierung, dort die nicht gar so schlimme EU, deren Verbraucherstandards mit einem Freihandelsabkommen geschleift werden sollen. Das sorgte für Zorn auf der Straße und Geld in der Spendenkasse. Mehr kann sich eine Organisation wie Attac doch nicht wünschen. Oder?

„Wir hatten das Chlorhühnchen erwähnt“, sagt Roland Süß jetzt, und man sieht, dass ihm das Hühnchen bis hier oben steht, „um zu verdeutlichen, dass es in den Regelungen zwischen der EU und den USA Unterschiede gibt. Das war ein Punkt in einer ganzen Argumentationskette, aber es wurde von den Medien aufgegriffen und immer wieder hochgespielt. Am Ende wurden wir gefragt, wieso fokussiert ihr euch so auf das Chlorhühnchen?“

Sein Mitstreiter Werner Rätz, wie Süß einer von knapp 30.000 deutschen Attac-Mitgliedern, hält das Chlorhühnchen sogar für problematisch, weil es eine ganz falsche Vorstellung der tatsächlichen Kritik an TTIP transportiert habe: „TTIP war ja zu keinem Zeitpunkt ein Versuch der USA, die EU über den Tisch zu ziehen“, sagt Rätz. „Im Gegenteil: TTIP war immer der Versuch der großen Konzerne, in beiden Vertragsregionen hohe Normen zu schleifen.“ Weswegen Attac schon früh vor antiamerikanischen Untertönen in der TTIP-Kritik gewarnt habe.

Doch machten nicht auch diese Untertöne den TTIP-Protest so erfolgreich, dass sogar die SPD schließlich von dem Abkommen abrückte? Und war das nicht immer schon ein Problem der Bewegung: dass knappe Slogans und knallige Feindbilder eher die Massen mobilisieren als Arbeitsgruppen zu komplexen Themen wie der Finanztransaktionssteuer? Letztere trägt Attac – wörtlich Association pour la taxation des transactions financières et pour l‘action citoyenne – zwar immer noch im Namen. Als ihr mächtigster Befürworter auf EU-Ebene machte aber zuletzt, ausgerechnet, Wolfgang Schäuble von sich reden.

Freilich: Bei Attac sind sie der Ansicht, Schäuble habe ihre Forderung bis zur Unkenntlichkeit verwässert. Aber dass er sie überhaupt aufgegriffen hat, lässt sich auch auf den Druck der Bewegung zurückführen, die seit der WTO-Konferenz 1999 in Seattle und über die Krise von 2008 hinaus beharrlich für eine andere Globalisierung warb. Die Frage ist nur, auch nachdem sich die Wahrnehmung der Proteste zum G20-Gipfel im Juli in Hamburg weitgehend in der Polarisierung zwischen Polizei und Krawallmachern verlor: Hat sie sich in diesem Kampf erschöpft?

Hier die Polizei, auf der anderen Seite die „Krawallmacher“. Da ist kein Platz für Zwischentöne
Hier die Polizei, auf der anderen Seite die „Krawallmacher“. Da ist kein Platz für Zwischentöne
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1. Station
Der bewusste Konsum

Anfang September 2001 erhielten die Globalisierungsgegner Zuspruch von unvermuteter Stelle. Der G8-Gipfel von Genua lag zu diesem Zeitpunkt erst einen guten Monat zurück. Die Gewalt des Schwarzen Blocks und der Polizei, die zum tragischen Tod von Carlo Giuliani geführt hatten, den friedlichen Protest der Mehrheit der Demonstranten, all das musste die Welt erst einmal verarbeiten, sich ein Bild dieser damals in Berichten oft so genannten „neuen linken Sammlungsbewegung“ machen. Da verteidigte sie Bundeskanzler Gerhard Schröder bei einer Wirtschaftstagung der SPD: Die vielen Menschen etwa aus kirchlichen Gruppen oder Dritte-Welt-Initiativen, die eine unkontrollierte Herrschaft der internationalen Finanzmärkte und Großkonzerne befürchteten, seien keineswegs „nur Spinner“. Es könnten vielmehr jene sein, die „übermorgen in Verantwortung für die Länder eintreten“.

Gute 16 Jahre später reiht sich in einer riesigen Halle am Gleisdreieck in Berlin Stand an Stand, ein unerschöpfliches Angebot: faire Kleider, faire Kosmetik, faire Brotaufstriche und ebensolche Investmentfonds. Der hier stattfindende „Heldenmarkt“ ist in gewisser Weise die Jahreshauptversammlung aller Eine-Welt-Läden, die „Messe für alle, die was besser machen wollen“. Wenn der TTIP-Protest die jüngste kämpferische Manifestation der Bewegung ist, ist das hier ihre sanfte und zugleich geschäftstüchtige: Statt südamerikanischer Häkelromantik gibt es durchdesignte Logos von sozial orientierten Start-ups. „Spinner“ geben sich hier nicht zu erkennen. Aber wird hier wirklich noch für etwas Grundsätzliches gekämpft?

Stichprobe: An einem Tisch bietet CAN, das „Conscious Action Network“, Schokolade an. Ein Teil des Erlöses jeder Tafel dient dazu, Elefanten in Tansania zu schützen oder Kinder in Kolumbien mit Solartaschenlampen auszustatten. Tom Zachmeier macht die Filme dazu, er trägt noch die olivgrüne Mütze und Jacke des Solidaritäts-Tropenreisenden. Und des zupackenden Machers, der Gutes tun will. „Wir, denen es gut geht“, sagt Tom, „können mit einem Knopfdruck, einem Klick bewirken, dass es jemand anderem besser geht, einem Schulkind, einer Bäuerin, einem Elefanten. Und weil wir das können, sollten wir es auch tun, nicht allein für das Kind, sondern auch für uns selbst.“

Auf die Frage, ob er sich selbst der globalisierungskritischen Bewegung zurechnet, muss Tom erst einmal nachdenken. Eigentlich nicht. Globalisierung, da könne man ja gar nicht so pauschal dagegen sein, findet Tom, denn die „Interconnectedness“, um die es ihm geht, das sei ja auch eine Art globale Verbundenheit. Überhaupt mag Tom nicht „gegen“ etwas sein. „Für mich ist das Einzige, was zählt“, sagt er, „zu handeln, etwas zu tun. Sobald jemand gegen etwas ist, interessiert es mich nicht mehr. Kann man gerne machen, aber ohne mich.“

Erste Erkenntnis: Wer Dinge bewegt, ist noch lange nicht Teil einer Bewegung.

Werner Rätz und Roland Süß engagieren sich bei Attac, am zentralen Knotenpunkt der Antiglobalisierungsbewegung. Doch ob eine ihrer Kampagnen etwas Richtiges und Wichtiges bewirkt, hangt nicht allein von ihnen ab
Werner Rätz und Roland Süß engagieren sich bei Attac, am zentralen Knotenpunkt der Antiglobalisierungsbewegung. Doch ob eine ihrer Kampagnen etwas Richtiges und Wichtiges bewirkt, hangt nicht allein von ihnen ab
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2. Station
Das bewusste Leben

Die Interconnectedness treibt auch Anna um, aber doch ein bisschen anders, vielleicht: politischer. Anna kommt aus Stralsund, aber sie sagt, sie habe immer schon gedacht, „dass es so zufällig und willkürlich ist, wo du geboren bist und was für Privilegien dir das einräumt“. Anna ist 37, sie hat halblanges dunkelblondes Haar und die Fähigkeit, über etwas wie „internationale Solidarität“ so klischeelos und beiläufig überzeugend zu sprechen, dass man gleich aufspringen und mitmachen will. Wenn es zufällig ist, meint sie, wo man geboren wird, dann heißt das im Umkehrschluss für sie, „dass Leute, die im Süden geboren sind, den gleichen Anspruch auf Respekt und gute Arbeits- und Lebensbedingungen haben wie wir hier auch“.

Aber, sagt Anna, dazu müsste man die Welt halt irgendwie anders organisieren.

Sie zum Beispiel fing irgendwann an, sich daran zu stören, wenn sie „so billige T-Shirts“ kaufte. Und zwar billig mit System, also so, dass eine Firma allein nichts dagegen tun könne, weil sie ja untergehe gegen die billigeren anderen. Anna wusste auch, dass das zu umgehen für sie allein unmöglich wäre, weil sie dann ja mit ihrem Budget fast nichts mehr kaufen könnte. Da hat sie beschlossen, sich zumindest dafür einzusetzen, „dass das System sich ändert“.

Sie fand die Berliner Gruppe der Clean Clothes Campaign. Mit Aktionen in Einkaufsstraßen versucht die CCC, bessere Arbeitsbedingungen in der globalen Textilindustrie zu erreichen. Es geht um existenzsichernde Bezahlung, das Verhindern von Kinderarbeit, Gewerkschafterrechte. Mindeststandards, eigentlich. Und der Kampf dafür: nicht aufsehenerregend, eigentlich. Nicht neu, nicht innovativ, keine verrückte Social-Start-up-Idee, für die es Gründerpreise gibt. Aber noch immer angesagt.

Nur leider auch nichts, was eine Bewegung zusammenhalten könnte. Anna, die sich selbst durchaus als Globalisierungskritikerin begreift, sieht die jedenfalls nicht mehr: „Es hat sich ein bisschen zerfleddert. Und es gibt einfach sehr viele Baustellen, wo die Leute so vor sich hinkämpfen.“

Zweite Erkenntnis: Eine Bewegung ist keine Bewegung mehr, wenn sie sich selbst aus den Augen verloren hat.

Anna aus Stralsund setzt sich ganz konkret für bessere Arbeitsbedingungen in der Bekleidungsindustrie ein. Eine große Bewegung sieht sie nicht mehr
Anna aus Stralsund setzt sich ganz konkret für bessere Arbeitsbedingungen in der Bekleidungsindustrie ein. Eine große Bewegung sieht sie nicht mehr
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3. Station
Die bewusste Bewegung

Die vielleicht zentrale Baustelle der Globalisierungskritik bearbeitet Attac, seit fast 18 Jahren schon. Allerdings darf man sich auch diese Organisation trotz weltweit etwa 90.000 Mitgliedern nicht zu professionell vorstellen, mit einem schicken Hauptquartier, wo eine Vorsitzende oder ein Sprecher mit mundgerechten Thesen zum Interview bereit säßen. Attac ist diesen Schritt bis heute bewusst nicht gegangen.

Stattdessen ist da das erwähnte „Bundesbüro“, das die deutschen Mitglieder bei ihren Aktivitäten unterstützt, die Webseite am Laufen hält und die Logistik koordiniert. Und aus der Masse der ehrenamtlich Aktiven Interviewpartner vermittelt.

Werner Rätz und Roland Süß sind demzufolge keine herausgehobenen Repräsentanten, sondern einfach die zwei, die hier gerade Zeit hatten: Rätz ein ehemaliger Linksradikaler, der jetzt Studien der „Deutsche Bank Research“ zitiert, Süß ein Fachmann für Handelsabkommen, der mal eine Besucherführung in der Deutschen Börse dazu nutzte, die DAX-Anzeigetafel mit einem Transparent für die „Entwaffnung der Finanzmärkte“ zu verhängen. Rätz, heute mit langen weißen Haaren, war ganz früher in der CDU, später, in den Achtzigerjahren, in der Friedensbewegung, dann 25 Jahre in der Lateinamerikasolidarität.

Den langen Atem scheint es zu brauchen. Roland Süß sagt, Attac werde immer mal wieder von Medien rauf- oder runtergeschrieben, vor Heiligendamm 2007 habe es geheißen, jetzt sei wohl die Luft raus, vor den TTIP-Protesten genauso. So komme es dann, dass sich alle, auch er selbst, von Zeit zu Zeit gehörig wundern, wenn auf einmal eine Kampagne „abgeht wie die Feuerwehr“, wie Süß das nennt.

Süß, von Beruf Gebäude-Energieberater, ist damals, gleich zu Beginn, zu Attac gestoßen wegen der Art, wie man mit Leuten zusammenarbeiten konnte, auch wenn man nicht in allen Punkten mit ihnen übereinstimmte. Ohne dass es eine „Parteilinie“ gäbe. Auch das ist noch immer so.

Weswegen es manchmal nicht ganz leicht zu sagen ist, welchen Standpunkt Attac zu einem Thema hat. Man muss sich das so vorstellen: Eine Arbeitsgruppe erarbeitet sich Wissen zu einem Thema, etwa zu TTIP oder einem Economic Partnership Agreement (EPA) zwischen der EU und der Gruppe der afrikanischen, karibischen und pazifischen Staaten (AKP). Dann schlägt sie das Thema auf Attacs „Ratschlag“ vor, der Generalversammlung. Dort wird abgestimmt, ob das Thema wichtig ist und tauglich für eine Kampagne. Und selbst wenn das bejaht ist, hängt es noch von den lokalen Attac-Ehrenamtlichen ab, ob sie dazu etwas machen oder nicht, Infostände, Demonstrationen, Petitionen, online wie offline. Und ob das Thema dann in der Öffentlichkeit verfängt, ist noch mal eine ganz andere Frage.

Womit wir wieder beim Chlorhühnchen wären und der unverhofften Breitenwirkung der TTIP-Proteste. Für Rätz kam es „etwas plötzlich und überraschend“, dass sich so viele Menschen gegen TTIP engagierten. Er hat das begrüßt, logisch, aber er fand die etwas „alarmistische Stimmung“ bei manchen doch auch irgendwie befremdlich. Denn: Für ihn hätte es mindestens drei oder vier andere Themen gegeben, die genauso viel Aufmerksamkeit wie TTIP verdient hätten, zum Beispiel EPA, das Freihandelsabkommen, das kaum jemand kennt.

Auch Attac, das ist im schwindenden Licht dieses Spätherbstnachmittags deutlich geworden, ist nur eine Organisation, die versuchen kann, Debatten anzustoßen. Im größeren Stil vielleicht als die Vermarkter fairer Produkte oder punktuell ansetzende Organisationen. Doch eine „handlungsorientierte Volksbildungsbewegung“, die Attac bleiben will, kann nicht mehr tun, als eben das: bilden, aufklären Impulse aussenden – und auf die richtige Wirkung hoffen.

Denn das ist die dritte Erkenntnis: Eine Bewegung braucht immer die anderen.

Thomas und Samuel von der Interventionistischen Linken in Berlin sehen den Kapitalismus derzeit in einer multiplen Krise. Ein Symptom: Trumps Abschottungswahn. Eine linke Alternative: steckt noch in den Kinderschuhen
Thomas und Samuel von der Interventionistischen Linken in Berlin sehen den Kapitalismus derzeit in einer multiplen Krise. Ein Symptom: Trumps Abschottungswahn. Eine linke Alternative: steckt noch in den Kinderschuhen
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4. Station
Das andere Bewusstsein

Aber ist da noch wer? Jemand, der grundsätzlicher gegen den globalisierten Kapitalismus kämpft? Nicht in kleinen Schritten, sondern für den großen Wurf?

Das ist, ganz grob gesagt, das, was sich Samuel und Thomas vorgenommen haben. Thomas studiert Geschichte, Samuel hat vor kurzem seinen Abschluss in Politik und Wirtschaft gemacht. Beide sind Mitglied der Interventionistischen Linken (IL) in Berlin und streben einen „Bruch“ mit den herrschenden Verhältnissen an.

Das Interview findet in einer WG in Berlin-Gesundbrunnen statt. Samuel löffelt noch sein Frühstück aus einer Art Bratpfanne, aber die beiden haben schon vor dem Gespräch diskutiert, Stichpunkte gemacht, einen analytischen und politischen Zugang gesucht zur Frage der „globalisierungskritischen Bewegung“. Überhaupt entsprechen die beiden so gar nicht dem Bild der IL als Krawallfraktion, wie es der Boulevard malt, wenn er mal auf den Verbund von linksradikalen Splittergruppen zu sprechen kommt. Vielmehr wird alles Radikale, alles politisch Leidenschaftliche bei Samuel und Thomas in ein abwägendes Nachdenken übersetzt; darüber, warum die Welt sich grundlegend ändern sollte. Patentlösungen haben auch sie keine. Aber eine Ahnung, wie groß die Aufgabe wäre. Die vierte Erkenntnis drängt sich daher schon jetzt auf: Es bleibt kompliziert.

Der springende Punkt in der Argumentation der beiden ist vielleicht, dass sie unsere Gegenwart als ein Kräfte- und Gewaltverhältnis lesen. Samuel, der früher auch bei Attac war, nennt das „unsere gewaltförmige Welt“. Er sagt: „Unser Leben hier, wie wir es leben, und unser Alltag kann ja nur so geführt werden, weil es eine unglaubliche Gewalt gibt, die ihn ermöglicht.“ Was erklärt, warum die beiden sich für eine grundlegende, radikale Alternative einsetzen. Thomas sagt: „Alles andere wäre, glaube ich, zynisch. Wenn tagtäglich Menschen im Mittelmeer oder Leute immer noch an vermeintlich ausgerotteten Krankheiten sterben...“

Zugleich bringt der drängende Wunsch nach Veränderung aber eine eigentümliche Geduld mit sich, die überraschend scheint für zwei junge Linksaußen. Samuel und Thomas wissen, dass die Systemalternative nicht von heute auf morgen kommt, weswegen sie in ganz großen Bögen denken, in „Bewegungszyklen“ und „Krisenzyklen“.

Das führt zum Beispiel dazu, dass die beiden eine Figur wie Donald Trump nicht etwa lautstark verfluchen, sondern analytisch kühl als Symptom einer „multiplen Krise des Kapitalismus“ interpretieren. Ökologische Krise, Krise des Liberalismus, dazu die soziale Polarisierung, die galoppierende Ungleichheit, das alles seien „Szenarien, die immer näher kommen“. Trump und die „rechte Internationale“ seien ein „Bruch mit den Glücksversprechen der neoliberalen Globalisierung, dass es weltweit allen Menschen immer besser gehen wird. Trumps Position ist ja, wir müssen verteidigen, was wir haben. Wir müssen eine Mauer bauen.“

Samuel sagt, es komme darauf an, dazu eine politische Alternative zu formulieren: „Sich auf den realen Zerfall der neoliberalen Weltordnung positiv zu beziehen und nicht Angst zu schüren, das wäre die große Herausforderung.“ Aber, sagt er, „das steckt noch in den Kinderschuhen“.

5. Station
Wieder draußen. Oder?

Zurück auf der Straße zwischen Berliner Mietskasernen bleiben Fragen – und ein bisschen Ratlosigkeit: „Eine andere Welt ist möglich“, das gilt wohl immer noch, auch wenn die globalisierungskritische Bewegung, die den Slogan einst erfand, heute heterogener, suchender, tastender wirkt denn je. Es bleiben Baustellen wie die CCC, wie Attac und die IL, es bleiben Ansätze und Fragmente und Versuche, wie man eine andere Welt erreichen könnte.

Aber eines ist nach einer Woche auf den Spuren der Globalisierungskritiker klar, auch weil die alle genau mit diesem Umstand hadern: Wir sind Teil der Globalisierung, ob wir wollen oder nicht. Die Frage ist bloß, was wir daraus machen. Ob wir uns raushalten. Oder uns an der einen oder anderen Stelle einklinken, um den Lauf der Dinge zu beeinflussen.

Und das ist die letzte, vielleicht wichtigste Erkenntnis: Die Bewegung für eine gerechtere, schönere und bessere Welt, das sind im Zweifel wir alle.