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Greenpeace Magazin Ausgabe 3.05

Grausames Schlachten auf dem Eis

Text: Kirsten Milhahn

An der kanadischen Ostküste dürfen Jäger in dieser Saison so viele junge Robben töten wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Ein Augenzeugenbericht

Der Helikopter senkt sich auf die Eisscholle. Gleißend blau dehnt sich der Himmel über der weißen Wildnis des St.-Lorenz-Golfs. In einiger Entfernung erkennen wir dunkle Punkte: Robbenbabys, nur wenige Wochen alt. Dazwischen schwingen Männer Keulen. Blut sammelt sich in Pfützen auf dem Eis. Wir nähern uns vorsichtig. „Haut ab!“, brüllen die Jäger, „wir machen hier nur unsere Arbeit!“

Es ist „Erntezeit im Golf“, sagen die einen. „Das größte Massaker an Meeressäugern“ nennen es die Aktivisten des Internationalen Tierschutzfonds (IFAW): Kanada hat dieses Jahr 319.000 junge Sattelrobben und etwa 10.000 Klappmützen-Robben offiziell zur Jagd freigegeben. Damit fallen so viele Jungtiere den Schlächtern zum Opfer wie zuletzt vor fast 50 Jahren, als es noch keine offiziellen Fangquoten gab. Insgesamt sollen im Zeitraum von 2003 bis 2005 nicht weniger als 975.000 Robben getötet werden, sieht der Plan der Regierung vor.

Bereits Anfang der 80er Jahre hatte die Jagd auf wenige Tage alte „Whitecoats“, Weißmäntelchen, die Öffentlichkeit empört. 1983 erließ die EU ein Importverbot für Felle von Robbenbabys und dämmte damit den Handel ein. Kanada senkte die Fangquoten drastisch. Doch 1995 wartete Fischereiminister Brian Tobin mit neuen Rekordzahlen auf. Seine Begründung: Die Robben hätten sich stark vermehrt und fräßen den Fischern ihre Existenzgrundlage weg, vor allem den Kabeljau. Tierschützer hingegen argumentieren, das wahre Problem sei die Überfischung der Bestände. Trotzdem und entgegen allen Warnungen von Biologen töten Jäger seit zwei Jahren jeweils etwa ein Drittel des gesamten Robbennachwuchses. Vermutlich geht die kanadische Regierung bei der Festlegung der Quoten von zu hohen Bestandzahlen aus. Zwar dürfen die „Whitecoats“ heute nicht mehr erschlagen werden; stattdessen stellen die Jäger aber ihren ein wenig älteren Artgenossen im grau-schwarz gefleckten Fellkleid nach.

Die riesigen Blutlachen geben dem Eis etwas Unwirkliches. Männer ziehen an Haken aufgespießte Kadaver hinter sich her. Sie lassen rote Schleifspuren zurück. Andere schlagen mit langen Holzknüppeln Robbenjungen den Schädel ein. Näher als zehn Meter dürfen wir nicht an die Jäger heran, auch Gespräche mit ihnen hat uns das Fischereiministerium untersagt. Keiner von uns verspürt den Drang danach. Es herrscht beklemmende Stille, die nur von dumpfen Schlägen auf die Schädel der Robbenjungen unterbrochen wird.

Fliehen die hilflosen Tiere oder verstecken sie sich hinter Eisblöcken vor der tödlichen Keule, werden sie an den Flossen wieder herangezogen. Manche recken dem Jäger ihren Kopf entgegen, fauchen, als hätten sie tatsächlich eine Chance, die Attacke abzuwenden. Doch schon kracht der Hakapik auf sie hinab, ein Knüppel mit einem schweren Eisenring und einem Haken am oberen Ende. Die meisten der Tiere sind auf der Stelle tot. Andere verlieren nur das Bewusstsein und werden bei lebendigem Leibe gehäutet. Um dies zu verhindern, hat sich jeder Jäger laut Gesetz zu vergewissern, ob das Tier wirklich tot ist. Er muss den Augenblinkreflex testen und, falls nötig, noch einmal zuschlagen. Keiner hält sich daran.

Für die Jäger sei das Schlachtfest eine Gelegenheit, innerhalb kurzer Zeit schnelles Geld zu machen, sagt Roger Simon, Direktor der Fischereibehörde in Charlottetown, Hauptstadt der Provinz Prince Edward Island. Letztes Jahr brachte ein Pelz 55 kanadische Dollar ein. Bei gutem Wetter könne ein Jäger in drei Tagen bis zu 300 Tiere töten und folglich 16.500 kanadische Dollar verdienen. Die Pelze gehen größtenteils an Rieber Skinn, einen Zwischenhändler im norwegischen Bergen. Er verarbeitet die Felle und verkauft sie als Luxusgut nach Russland, China, aber auch in EU-Staaten wie Deutschland und Italien.

Die Tierschützer fordern nationale Importverbote, um das Gemetzel zu stoppen, wie es sie in den USA, den Niederlanden, Belgien und Italien bereits gibt. Die Deutschen müssten dem Beispiel folgen, fordert Ralf Sonntag, Leiter von IFAW Deutschland. Für Kanada hätte dies nicht einmal wirtschaftliche Einbußen zur Folge: Während das Schlachten auf den Magdalenen-Inseln im St.-Lorenz-Golf gerade einmal 50.000 Dollar einbringt, ließe sich dort mit Tourismus fast zehnmal so viel verdienen.