Greenpeace Magazin Ausgabe 1.97

GREENPEACE - zur Sache: Feuer am Amazonas

Brandrodung vernichtet am Amazonas pro Jahr eine Fläche so groß wie Schleswig-Holstein; das zeigen Satellitenfotos. Für die Medien ist der größte Regenwald der Erde kein Thema mehr. Das wollen die Greenpeacer Ana Toni und Harald Zindler ändern.

Der brasilianische Dschungel hat sich in Millionen von Jahren zu einem Wald der Superlative entwickelt: Der Lebensraum um den Amazonas-Fluß und seine zahllosen, weitverzweigten Nebenflüsse beherbergt das artenreichste Ökosystem der Welt. Zwischen 30 und 50 Prozent aller Tier- und Pflanzenarten unseres Planeten, so schätzen Wissenschaftler, sind in Amazonien heimisch. Auf nur einem Hektar Regenwald zählten Biologen den Rekord von mehr als 300 Baumarten. In Amazonien zirkulieren 20 bis 30 Prozent des Süßwassers der Erde. In dem gigantischen Netz aus Flüssen und Bächen leben bis zu 2000 Fischarten und so seltene, faszinierende Tiere wie der Süßwasser-Delphin und der Riesenotter oder die Seekuh, die unter Wasser genüßlich die Seegrasfelder abweidet.

Im Auftrag von Großgrundbesitzern und Sägewerkseignern schlagen Holzfäller Schneisen in den Wald und markieren quadratische Flächen. Große, alte Bäume aus profitträchtigen Holzarten schleppen sie heraus; alle anderen Bäume des Planquadrats werden umgesägt und nach einigen Monaten des Trocknens – restlos abgebrannt. Die Asche dient als Dünger für ein Feld oder eine Rinderweide. Aber nach maximal zwei Jahren Landwirtschaft oder fünf Jahren Viehhaltung sind die Nährstoffe aufgezehrt. Im Gegensatz zu nordischen Wäldern, die in einer dicken Humusschicht wurzeln, ist der Boden eines tropischen Regenwaldes arm wie die Steppe. Beinahe die gesamten Nährstoffe für das üppig wuchernde Grün stecken in der Vegetation selbst, in Stämmen und Blättern – und zirkulieren oberirdisch.

Nach Angaben der brasilianischen Regierung gingen dem Amazonasgebiet durch Rodung bislang 470.000 Quadratkilometer Wald verloren, eine größere Fläche als Deutschland, die Schweiz und Österreich zusammen. Kahlschlag ist in Brasilien ein Synonym für Entwicklung und Fortschritt. Wald gilt als Feind, den man „erobern“ und zivilisieren muß. Mit diesem Bewußtsein wachsen die Kinder in Brasilien auf; in den Fernseh-Seifenopern kommen die „Primitiven“ immer aus dem Wald.

Die brasilianische Regierung zollt diesem Bewußtsein auf ihre Weise Tribut: Für ein Stück intakten Wald muß der Besitzer mehr Steuern zahlen als für ein Stück abgebrannten Wald. Für die Abholzung erhält er obendrein Subventionen. Die finanziellen Anreize zum Umweltfrevel sind also verlockend. Das spiegelt sich auch in den Dumping-Preisen wider, zu denen die Regierung das artenreichste Ökosystem der Welt neuerdings an asiatische Holzkonzerne verschleudert: Bei einem Hektarpreis von nur acht Dollar griff die malaysische Holzkompanie WTK zu – und erwarb gleich 300.000 Hektar. Über eine weitere Million Hektar wird verhandelt. Die bisherige internationale Greenpeace-Kampagne gegen Mahagoni-Einschlag soll ausgeweitet werden zu einer Amazonasschutz-Kampagne. Wir müssen es schaffen, den größten tropischen Regenwald der Erde erfahrbar zu machen; seine Bedeutung für das Mikroklima wie für den Treibhauseffekt der Erde. Nur was die Menschen persönlich schätzen, werden sie auch erhalten.

Zugleich müssen wir das Eindringen der asiatischen Holzkonzerne verhindern, die in ihren eigenen Ländern schon massiv kahlgeschlagen haben. Und wir müssen der Landbevölkerungg Amazoniens – drei bis vier Millionen Menschen – Alternativen bieten. Der aggressive Raubbau nützt ja nur vordergründig der Bevölkerung. Die Köhler beispielsweise, die auf dem Gelände der Sägewerke arbeiten und die Stammabschnitte zu Holzkohle für die Schwerindustrie verschwelen, verdienen nur sieben Dollar am Tag. Noch haben sie keine Alternative. Sie könnten aber viel besser leben, wenn sie die riesigen Brachflächen rekultivieren würden. Dazu brauchen sie Unterstützung.

Statt Kahlschlag und Abbrennen von unberührtem Wald zu subventionieren, sollte die brasilianische Regierung Landwirtschaft auf den verödeten Feldern und Weiden fördern, denen der Wald schon zum Opfer gefallen ist. Es gibt bereits kleinbäuerliche Kooperativen, die auf gerodeten Flächen beispielsweise Bananen und Orangen anbauen. Um nicht nur den Rohstoff zu verkaufen, sondern einen – bescheidenen – Mehrwert zu schaffen, extrahieren die Bauern nach der Ernte das Fruchtfleisch und frieren es ein. Mit Kühlwagen wird es in die Städte transportiert, wo das Mark zu Marmelade, Saft oder Speiseeis weiterverarbeitet wird. Außerdem sammeln die Bauern Paranüsse und züchten Bienen.

Die internationale Mahagoni-Kampagne von Greenpeace führte immerhin dazu, daß die brasilianische Regierung im Juni 1996 ein zweijähriges Moratorium für neue Einschlagskonzessionen von Mahagoni beschloß. Eduardo Martins, der Leiter der nationalen Umweltbehörde IBAMA, gratulierte Greenpeace telefonisch und nannte das Moratorium einen „historischen Sieg“. Wir sehen es nur als kleinen Schritt in die richtige Richtung. Die Zerstörung des Amazonas aufzuhalten, ist eine große Herausforderung für die ganze Welt. Eine internationale Umweltschutzorganisation muß direkt nach Amazonien gehen, dorthin wo die Abholzung passiert.