Greenpeace Magazin Ausgabe 1.98

GREENPEACE - zur Sache: Sonnenstrom für jedermann

In Deutschland werden neue Solarfabriken gebaut. Nun muß der Staat die massenhafte Verbreitung der Technologie fördern, meint Greenpeace-Solarexperte Sven Teske.

Der Wettlauf um den Weltmarkt für Photovoltaik hat begonnen. In den USA und Japan werden seit Jahren Werke für die Produktion von Solarzellen aufgebaut, jetzt zieht Deutschland endlich nach.

Shell will in Gelsenkirchen gemeinsam mit Pilkington eine Fabrik mit 25-Megawatt Jahresfertigung aufbauen. ASE, eine Tochter des Energieriesen RWE, peilt am schon bestehenden Standort im bayrischen Alzenau eine Jahresproduktion von künftig 13 Megawatt Solarmodulen an – mit der Option zur Verdoppelung. Beide Fabriken werden mit insgesamt 28 Millionen Mark vom Bundesforschungsministerium und den Landesregierungen Nordrhein-Westfalens und Bayerns gefördert.

Vor zwei Jahren hatte ASE die damals letzte deutsche Produktionsstätte für Solarmodule in Wedel bei Hamburg geschlossen. Argument: In Deutschland könne man nicht wirtschaftlich produzieren, zudem gebe es hier auf absehbare Zeit keinen Markt. Eine doppelte Fehleinschätzung, die Greenpeace mit einer Ende 1995 gestarteten Solarkampagne widerlegte. Mehr als 4000 Menschen erklärten während der Kampagne, eine Photovoltaik-Anlage kaufen zu wollen. Das Münchner Institut „Ludwig Bölkow Systemtechnik“ errechnete im Auftrage von Greenpeace ein Konzept für eine Solarfabrik mit einer Produktionskapazität von fünf bzw. 20 Megawatt. ASE und andere hielten dagegen, das Konzept sei utopisch, man brauche in Deutschland keine neuen Solarfabriken.

Tatsächlich wuchs der Markt für Solarmodule von zwei Megawatt Gesamtleistung 1995 auf mehr als zehn Megawatt im vergangenen Jahr. Die spärlichen Förderprogramme des Bundes und der Länder sind längst ausgeschöpft; zu wenige Gemeinden zahlen bislang eine kostendeckende Einspeisevergütung für Solarstrom. Genau darauf aber, auf flächendeckende Hilfen zur Markteinführung privater Solaranlagen, kommt es jetzt an, damit die in Deutschland hergestellten Anlagen auch mehrheitlich in Deutschland installiert werden. Je schneller der Binnenmarkt wächst, desto eher wird Strom aus Solarzellen wirtschaftlich werden.

Japans Regierung hat ein „70.000-Dächer“-Förderprogramm gestartet, US-Präsident Clinton kündigte an, in den USA würden bis zu eine Million Solaranlagen staatlich gefördert. In Deutschland aber läßt eine umfangreiche Starthilfe für die Photovoltaik seit Jahren auf sich warten. Im April legte Greenpeace einen Vorschlag zur Markteinführung von Photovoltaik-Anlagen vor. Doch während Forschungsminister Rüttgers (CDU) nun endlich die solaren Zeichen der Zeit erkannt zu haben scheint, verschläft Wirtschaftsminister Rexrodt (FDP) die überfällige Markteinführung von Solaranlagen völlig.

Mit der Novellierung des Energiewirtschaftsgesetzes und des Stromeinspeisungsgesetzes hätte die Möglichkeit bestanden, eine kostendeckende Einspeisevergütung für Solarstrom festzuschreiben. Statt dessen wird in Bonn wieder nur an einem kleinen Alibi-Programm gebastelt. Der „große Wurf“ für die Solarenergie ist vom Bundeswirtschaftsministerium offenbar nicht mehr zu erwarten.

Die Gründung neuer Solarfabriken ist ein wichtiger und hoffnungsvoller Schritt. Der nächste muß zügig folgen: ein Programm zur Markteinführung, damit Solarzellen auch in Deutschland endlich zur Massenware werden.