Jetzt abonnieren Magazinarchiv durchsuchen

Greenpeace Magazin Ausgabe 5.15

Griff nach dem Himmel

Text: Susanne Tappe

Um die Megastädte der Zukunft zu versorgen, muss zumindest ein Teil der Lebensmittel vor Ort angebaut werden. Einige Wissenschaftler wollen dazu hoch hinaus: Sie planen, Ställe und Plantagen in Hochhäusern zu stapeln

Ein Hochhaus in der Hafencity von Rotterdam, sieben Stockwerke, nichts Besonderes von außen. Doch hinter der Fassade quiekt es.

Im ersten, zweiten und dritten Obergeschoss leben 300.000 Schweine und 1,25 Millionen Hühner. Dank ihrer Abwärme, ihrem CO2-Ausstoß und ihrem Mist gedeihen die Pilz- und Gemüsezuchten im vierten bis siebten Stock. Pflanzenabfälle landen in den Trögen der Fleischlieferanten, und Reste aus der Schlachterei im Erdgeschoss dienen der Fischzucht im Keller als Futter. Ökologische Kreislaufwirtschaft in Reinkultur – das hatten die Entwickler des „Deltapark-Projekts“ im Sinn, doch die Bevölkerung sah nur eine Agrarfabrik von monströsem Ausmaß. Die Vision des „Farmscrapers“ scheiterte im Jahr 2000 am öffentlichen Widerstand.

Bis heute hat es keine ähnlich komplexe Idee, die Pflanzenzucht und Fleischproduktion verbindet, über das Entwurfsstadium hinaus geschafft. Aber insbesondere in asiatischen Metropolen wird intensiv daran geforscht. Die Begründung lautet immer gleich: Wir werden immer mehr und wir drängen in die Städte. Bis 2030 werden Prognosen der Vereinten Nationen zufolge zusätzliche 1,7 Milliarden Menschen in die Stadt ziehen, bis zur Mitte des Jahrhunderts zwei Drittel der dann auf 9,6 Milliarden Menschen gewachsenen Weltbevölkerung dort leben.

Sie alle müssen ernährt werden. Doch Stadt und Land haben sich im Laufe der Jahrhunderte zunehmend entfremdet. Besonders in Europa, wo nur noch 20 Prozent der Nahrungsmittel regional erzeugt werden und der Boden für neue landwirtschaftliche Flächen knapp ist. Viele Wissenschaftler suchen nach einer agrartechnischen Lösung und wollen dabei hoch hinaus. Dickson Despommier, Professor an der Columbia University New York und Vordenker des „Vertical Farming“, prognostiziert, dass 2050 die Hälfte der Welternährung in städtischen Farmscrapern produziert werden könnte. „Diese Science-Fiction-Projekte überreizen das Thema“, sagt hingegen Frank Lohrberg, Professor für Landschaftsarchitektur an der Universität Aachen. „Dass in Zukunft im großen Maßstab Lebensmittel in der Stadt produziert werden müssen, halte ich für Nonsens.“

Zumindest Salat in meterhohen Regalen ist aber längst keine Science-Fiction mehr. In Japan wird er bereits in mehr als 200 Pflanzenfabriken angebaut, zum Beispiel in der fensterlosen Halle der Firma Spread Inc. in Tokio. Auf 16 Etagen bis unter die Decke gestapelt, wächst er hier ohne Winterpause und kann neunmal pro Jahr geerntet werden. Witterungsbedingte Missernten gibt es nicht. Die Produktivität pro Quadratmeter ist 100-mal höher als auf einem Feld vor den Toren der Stadt. Und das ohne Sonne und einen Krümel Erde.

Die Wurzeln der Salatköpfe schwimmen in Nährlösung, der Wasserverbrauch der „Hydroponic“ ist gering. Lichtstärke der Leuchtstoffröhren, Lufttemperatur, Feuchtigkeits- und CO2-Gehalt werden automatisch kontrolliert, Schädlinge und Krankheiten ausgesperrt. Die künstlichen Bedingungen sollen klinische Reinheit garantieren und Pestizide überflüssig machen. Der Haken: Noch sind die Bau- und Stromkosten hoch. Am Ende ist der Salatkopf rund 20 Prozent teurer als einer vom Feld. Die Masse der Armen, die zukünftig die Megastädte bevölkert, wird ihn sich nicht leisten können. Das ist einer der Gründe, warum Frank Lohrberg in Farmscrapern kein Zukunftsmodell sieht. „Wir stapeln in der Stadt eher andere Dinge: Wohnungen, Büros und Dienstleistungen. Das verspricht immobilienwirtschaftlich eine viel größere Wertschöpfung.“ Er setzt stattdessen auf städtische Nischen. „Das Potenzial an nutzbaren Dachflächen ist groß, und aus Klimaschutzgründen sollten wir sie sowieso begrünen, warum dann nicht mit Gemüse?“ Auch hier seien die Kosten allerdings nicht gering. „Denn Sie müssen ja fast alles, was die Pflanzen brauchen, dort hochschaffen.“

„Wenn man eine solche Nutzung bei Neubauten mitdenkt, wird es viel billiger“, sagt die Architektin und Expertin für produktive Stadtlandschaften Katrin Bohn. Auch die Energiekosten der vertikalen Farmen bekäme man langfristig bestimmt in den Griff. „Aber ein Industriegebiet, wo unter Luftabschluss und Personenausschluss die Nahrung für die Großstadt produziert wird, ist für mich eine veraltete Zukunftsvorstellung“, sagt sie. „Die viel spannendere Frage ist doch, wie wir die Nahrungsproduktion nachhaltig in die Stadt einbauen und damit gleichzeitig die Lebensqualität dort erhöhen können.“

Die Zukunft liegt wohl in einer Kombination aus Urban Farming und dem Urban Gardening (Gemeinschaftsgärtnern) – und in neuen Allianzen zwischen Stadt und Land.

Der Gemüsehändler ihres Vertrauens
Bio, saisonal, regional – das sind für viele Verbraucher wichtige Kriterien beim Einkaufen. Doch stimmen die Herstellerangaben auf der Verpackung? Auf Nummer sicher gehen Kunden in der „Farmery“ in Durham, North Carolina, denn hier wachsen Salate, Kräuter und Pilze im Supermarkt. Zurzeit gibt es nur einen kleinen Prototyp. Doch schon im Herbst sollen Farmery--Besucher auf 8000 Quadratmetern ernten können, während ein Stockwerk höher Nachschub sprießt.
thefarmery.com

In anderem Licht
Es ist die größte Indoor-Farm Amerikas, das Sortiment ist klein aber fein: In sechsstöckigen Regalen auf 90.000 Quadratmetern wachsen bei „farmed here“ in Chicago verschiedene Sorten Basilikum und Rauke. Ihre grünen Blätter erstrahlen im pinken Licht von roten und blauen LEDs – optimal für die Fotosynthese und energiesparender als Leuchtstoffröhren. Binnen 24 Stunden werden die zarten Pflänzchen an lokale Restaurants und Supermärkte geliefert.
farmedhere.com

Fällt nicht weit vom PC
Im Besprechungsraum hängen Tomaten von der Decke, Maracuja-Bäumchen dienen als Raumtrenner und die Lobby dominiert ein Reisfeld: Das allgegenwärtige Grün beim Personaldienstleister Pasona Group in Tokio soll die Mitarbeiter entspannen und inspirieren und gemeinsame Gartenarbeit den Teamgeist fördern. Mittags können sich die Angestellten mit ihrem selbst geernteten Obst und Gemüse in der Kantine stärken. Inzwischen berät Pasona andere Unternehmen, die ihre Büros ergrünen lassen wollen.

Der Salat mit dem Blubb
Bestechend simpel und schon vielfach im Einsatz: Aquaponik, die kombinierte Züchtung von Gemüse und Fisch. Die Pflanzen wurzeln in einem Substrat, etwa Mineralwolle, und werden mit dem nährstoffreichen Wasser aus Fischtanks versorgt. Die Ausscheidungen der Tiere dienen als Dünger, anschließend fließt das durch die Pflanzen gereinigte Wasser zurück in die Tanks. Es wird kaum Frischwasser benötigt. Europas größte urbane Aquaponik-Farm steht in Berlin.
ecf-farmersmarket.com

Einfach treiben lassen
„Land ist knapp? Na, dann nichts wie raus aufs Meer“, dachte sich offenbar ein Team von Designern aus Barcelona und entwickelte die „Smart Floating Farms“. Sie sollen Vertical Farming, Hydro- und Aquaponic verbinden, um auf einer Ponton-Konstruktion ganzjährig rund 8000 Tonnen Gemüse und 1700 Tonnen Fisch zu züchten. Zur Bewässerung würde Regenwasser aufge-fangen, Strom sollen Solar-paneele, Mikrowindturbinen und ein Wellenkraftwerk liefern. Die schwimmenden Farmen könnten vor Küstenstädten wie New York, Istanbul und Mumbai treiben – 18 der 21 größten Städte liegen nah am Meer. Noch ist das Ganze aber Zukunftsmusik.
bit.ly/gpm1504

Acker mit Aussicht
Mit Schaufeln und Harken machten sich im Mai 2010 zwei Dutzend junge Leute ans Werk. Binnen sechs Tagen brachten sie auf dem Dach eines Firmengebäudes in Brooklyn rund 550.000 Kilogramm Erde aus und schufen so den größten Dach-acker der Welt: die Brooklyn- Grange. Dort und auf einem zweiten Dach in Queens werden jedes Jahr rund 25.000 Kilogramm Biogemüse angebaut, das an Anteils-eigner, Restaurants und auf Wochenmärkten verkauft wird. Außerdem werden Schulungen angeboten.
brooklyngrangefarm.com