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Greenpeace Magazin Ausgabe 2.15

Größenwahn am Bosporus

Text: Andrea Hösch

Präsident Erdoğan plant mehrere Mammutprojekte – darunter einen Kanal, der in Istanbul Gestank verbreiten könnte

„Istanbul wird in ein paar Jahrzehnten nach faulen Eiern stinken“, prophezeit Cemal Saydam, „die Stadt wird ersticken.“ Der Meeresexperte der Hacettepe-Universität sieht eine ökologische Katastrophe auf die Metropole zukommen, falls Präsident Recep Tayyip Erdoğan den 50 Kilometer langen Istanbul-Kanal ausbaggern lässt. Dieser soll neben dem Bosporus das Schwarze mit dem Marmarameer verbinden und 2023 fertig sein – rechtzeitig zum hundertjährigen Bestehen der Republik.

Das Großprojekt begründet der Präsident der Türkei ausgerechnet mit dem Umweltschutz: Er wolle die Unfallgefahr auf dem Bosporus und die Luftverschmutzung in der Stadt eindämmen. Ein weiterer Beweggrund ist aber wohl, dass mit der zweiten Wasserstraße der Montreux-Vertrag aus dem Jahr 1936 ausgehebelt würde. Anders als bei der Bosporus-Meerenge könnte die Türkei selbst entscheiden, welche militärischen Flotten die künstliche Wasserstraße passieren dürfen und ob sie von Frachtschiffen Gebühren erhebt.

Umweltingenieur Saydam fürchtet, dass dieses mehr als zehn Milliarden Dollar teure Megaprojekt große Risiken mit sich bringt: Der künstliche, 150 breite und 25 Meter tiefe Kanal erhöhe aufgrund des massiven Aushubs das Erdbebenrisiko und – schlimmer noch – bringe das gesamte marine Ökosystem der Region aus dem Gleichgewicht. Denn die beiden Meeresgebiete sind völlig unterschiedlich: Der Wasserspiegel des kalten, salzarmen Schwarzen Meeres liegt 30 Zentimeter höher als der Pegel des wärmeren, salzigeren Marmarameeres. Einen zweiten Durchbruch werde das Ökosystem nicht verkraften, warnt Saydam, denn schon jetzt führe der Zufluss durch den Bosporus zu Sauerstoffmangel im Marmarameer. „Das wäre, als öffnete man einen Wasserhahn. Das Schwarze Meer würde sich nach und nach entleeren.“ Binnen weniger Jahre würden sich die unumkehrbaren negativen Auswirkungen zeigen: Weil die stärkere Strömung sauerstoffarmes, aber nährstoffreiches Tiefenwasser aufwirbelt, käme es zu Algenblüten, die den Sauerstoffgehalt noch weiter reduzierten. „Im Marmarameer wird alles Leben ersticken, und es wird nach Schwefel riechen.“

Seit Saydam von dieser gefährlichen Infrastrukturinvestition gehört hat, nutzt er jede Gelegenheit, die Öffentlichkeit über die Gefahren aufzuklären. Doch rund 70 Prozent der Medien stehen unter dem Einfluss von Erdogans Partei AKP – Kritik an der Regierung schweigen sie tot, weil sie Repressionen fürchten. Mutige Journalisten werden oft eingeschüchtert, entlassen, als „Terroristen“ gebrandmarkt und vor Gericht gestellt. „In der Türkei saßen Ende 2013 mindestens 27 Journalisten wegen ihrer Arbeit im Gefängnis – so viele wie in kaum einem anderen europäischen Land“, schreiben die „Reporter ohne Grenzen“. Auf deren Rangliste der Pressefreiheit landet die Türkei auf Platz 154 von 180.

Bis zum Jubiläumsjahr 2023 soll eine ganze Serie von Großprojekten abgeschlossen sein, gegen die Umweltschützer Sturm laufen. Seine Vision von der Türkei als einer der zehn größten Volkswirtschaften der Welt will sich Erdoğan weder von Wissenschaftlern noch von der Justiz kaputtmachen lassen. Richter verspottet er, wie im Fall des erst kürzlich eingeweihten Palastes mit mehr als tausend Zimmern, einem Schwarzbau in einem Naturschutzgebiet in Ankara. „Sollen sie ihn doch abreißen, wenn sie können“, verhöhnte Erdoğan die Robenträger und ließ das mehr als 600 Millionen Euro teure Protzgebäude einfach weiterbauen. Unbequeme Experten wie Saydam ignoriert er, indem er sie nicht in die Planungen einbezieht und Umweltverträglichkeitsprüfungen kurzerhand aushebelt. So peitschte Erdoğan im bislang grünen und artenreichen Norden von Istanbul die dritte Hängebrücke über den Bosporus durch. Die 1275 Meter lange Überquerung befindet sich derzeit im Bau. Geplant sind acht Fahrspuren und eine Zubringerautobahn. Eine Umweltverträglichkeitsprüfung gibt es für dieses Projekt nicht.

Ebenfalls im Norden der 16-Millionen-Metropole setzt sich der türkische Staatspräsident schon zu Lebzeiten ein Denkmal: Der nach ihm benannte RTE-Großflughafen, Istanbuls dritter Airport, soll sechs Start- und Landebahnen bekommen, mehr als 22 Milliarden Euro kosten und bis 2018 fertig sein. Pro Jahr sollen dort 150 Millionen Passagiere abgefertigt werden. Zum Opfer fallen dem Prestigeprojekt rund 50 Quadratkilometer Wald mit rund 2,5 Millionen Bäumen und wichtige Trinkwasserreservoirs wie der Terkos-See. „So wenig Weitsicht ist inakzeptabel“, sagt der Vorsitzende der türkischen Architektenkammer, Baran Bozoğlu. In Zeiten drohender Dürren und Wasserknappheit müsse man Bäume pflanzen und nicht fällen.

Ob Erdoğans Größenwahn noch aufzuhalten ist? „Wer unsere Projekte zerstören will, muss zuerst uns zerstören“, wetterte der türkische Präsident im März 2014. Eine Chance, den neuen Kanal zu verhindern, sieht Cemal Saydam trotzdem noch immer. Er setzt darauf, dass sich die betroffenen Schwarzmeeranrainer, vor allem die ukrainische und die russische Regierung, einschalten und den bedrohlichen Durchbruch doch noch stoppen.