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Greenpeace Magazin Ausgabe 1.18

Großes Kino, gute Gründe

Text: Wolfgang Hassenstein

Was gibt es Neues vom Klimawandel? Und was tut sich beim Klimaschutz? In unserer neuen Rubrik „Wasserstandsmelder“ halten wir Sie über das spannendste Wettrennen unserer Zeit auf dem Laufenden – das um die Rettung der Erde. Aktueller Stand: Die Lage ist (sehr) ernst, aber nicht (völlig) hoffnungslos

Klimawandel: Der Pegel steigt
Doppelt so groß wie London, sechsmal Rügen, zwanzig Millionen Mal das Gewicht der Titanic: Medien suchten nach den besten Größenvergleichen, als am 12. Juli endlich A-68 geboren war – einer der gewaltigsten Eisberge, die je beobachtet wurden. Mit einem Riss im Eisschelf Larsen C vor der Antarktischen Halbinsel hatte er sich lange angekündigt, nun war die Abnabelung perfekt. Die 5800 Quadratkilometer große Eisscholle kann in den Südlichen Ozean hinaustreiben.

Ein schaurig-schönes Schauspiel fernab der Zivilisation, durch Satellitenbilder für jedermann sichtbar gemacht: Das ist großes Kino, und der Klimawandel führt Regie. Denn weil wärmer werdendes Ozeanwasser von unten an den gefrorenen Massen leckt, kommt es zu Schelfeisabbrüchen – also der Kalbung von Eisbergen an jenem Teil der Gletscher, die sich bereits aufs Meer geschoben haben – immer näher am antarktischen Festland. Schon am 26. September meldeten Forscher des Alfred-Wegener-Instituts in Bremerhaven den nächsten Fall: Diesmal hatte sich in der Amundsensee, 2000 Kilometer vom Larsen-Schelf entfernt, eine Scholle gelöst – „nur“ 265 Quadratkilometer groß, aber weitaus folgenschwerer.

Denn dahinter erhebt sich der 162.000 Quadratkilometer große Pine-Island-Gletscher, der eisreichste Gletscherstrom der Welt, der bereits schneller fließt und dünner wird, weil das schrumpfende Schelfeis zunehmend seine Rückhaltefunktion verliert. Die Kontaktlinie des Eises zum Untergrund zieht sich jährlich um 1,5 Kilometer zurück und droht bald eine Schwelle zu erreichen, von der an sich das Bodenprofil polwärts absenkt. Glaziologen fürchten, dass das Meerwasser dann noch schneller vordringt – und eine Destabilisierung des gesamten Westantarktischen Eisschildes einsetzt.

Die Unterscheidung ist wichtig: Abbruch und Schmelze bereits auf dem Wasser schwimmenden Schelfeises wirken sich nicht unmittelbar auf den Meeresspiegel aus. Doch löst sich diese Barriere auf und Festlandeis, das kilometerdick auf der Antarktis lagert, versinkt in den Fluten, ist das eine monumentale Menschheitsgefahr.

So warnen Experten immer lauter, dass die Pegelprognosen des Weltklimarats IPCC wahrscheinlich weit übertroffen werden. Bereits 2016 bezifferte der US-Klimatologe Robert DeConto in der Zeitschrift „Nature“ allein den Beitrag der Antarktis zum globalen Anstieg bis 2100 auf einen Meter; bis 2500 drohe ein Zuwachs um 15 Meter. Nun zeigten britische und schwedische Forscher in einer Nature-Studie anhand von Rillen, die Eisberge vor 12.000 Jahren in den Meeresboden der Pine-Island-Bucht pflügten, dass der Zerfall der Westantarktis binnen eines Jahrtausends in der Erdgeschichte nichts Neues wäre.

Derweil bestätigen aktuelle Daten, dass sich der Anstieg des Meeresspiegels beschleunigt. Laut der Studie eines Teams um Xianyao Chen von der Ocean University of China ist der jährliche Zuwachs von 2,2 Millimeter im Jahr 1993, als die Satellitenmessungen begannen, auf 3,3 Millimeter 2014 gestiegen. Wichtigster Treiber sei derzeit die Gletscherschmelze in Grönland. Chen und Kollegen erwarten, dass das Tempo weiter steigt – und appellieren an die Politik: Das Ergebnis unterstreiche „die Dringlichkeit, den Klimawandel zu verringern, Küstenschutzpläne zu fassen und die Folgen des fortschreitenden Meeresspiegelanstiegs abzumildern“.

Während der Film im Gletscherkino weiterläuft, erklären auch andere Forscher explizit, was verschleppter Klimaschutz für Folgen hätte. Ein Team um den deutschen Klimatologen Alexander Nauels von der Universität Melbourne kombinierte Emissionsszenarien, die unterschiedliche Entwicklungen der Energieerzeugung einbeziehen, mit neuen Erkenntnissen unter anderem aus der Antarktis. Sein Ergebnis, im Oktober in „Environmental Research Letters“ veröffentlicht: Ohne ein nahezu komplettes Kohle-Aus bis 2050 würde der Meeresspiegel im Lauf des Jahrhunderts um 1,3 Meter steigen. Es wäre das Ende vieler Küstenstädte, fruchtbarer Flussdeltas und ganzer Inselstaaten wie der Malediven.

Klimaschutz: Schaffen wir das?
Der Kommentar einer an den Jamaika-Sondierungsgesprächen beteiligten FDP-Politikerin offenbarte Anfang Oktober die ganze Misere des Klimaschutzes: Partei-Vize Katja Suding erteilte der Grünen-Forderung nach einem schnellen Kohleausstieg bis 2030 mit der Begründung eine Absage, dies sei doch „ein Ziel, das man sich für dieses Jahrhundert vorgenommen hat“.

Die Ignoranz von Politikern, die sich verbal zu den Zielen von Paris bekennen, beim Klimaschutz aber trotzdem dauernd bremsen, unterscheidet sich im Ergebnis kaum von der offenen Wissenschaftsfeindlichkeit eines Donald Trump. Zur Erinnerung: Die letzte Bundesregierung hat in ihrem Klimaschutzplan festgeschrieben, die deutsche Energieversorgung müsse „spätestens bis 2050 nahezu vollständig dekarbonisiert erfolgen“. Stand der Forschung ist, dass selbst das viel zu spät wäre.

Doch es gibt zum Glück auch Politiker, die begriffen haben, wie ernst die Lage ist und worum es eigentlich geht. Nur deshalb konnte sich ja die Weltgemeinschaft in Paris darauf verständigen, den Temperaturanstieg bis Ende des Jahrhunderts auf klar unter zwei, möglichst 1,5 Grad Celsius gegenüber vorindustrieller Zeit zu begrenzen. Rund ein Grad Anstieg liegt bereits hinter uns, bleibt ein gutes halbes Grad Spielraum.

Anhand dieses Zielwertes versuchen Wissenschaftler nun – was kompliziert ist und mit vielen Unsicherheiten behaftet –, das verbleibende CO2-Budget zu errechnen: Rund 600 Gigatonnen (Milliarden Tonnen) Kohlendioxid dürfen noch in die Atmosphäre gelangen, um eine gute Chance zu wahren, das Paris-Ziel einzuhalten. Derzeit setzt die Menschheit jährlich 41 Gigatonnen CO2 frei. Die Zeit drängt also.

Deshalb hat eine Gruppe von Experten um Christiana Figueres, die ehemalige Generalsekretärin der UN-Klimakonvention, die „Mission 2020“ ausgerufen: Spätestens in drei Jahren müsse der „Turning Point“ der globalen Emissionen erreicht sein, erklären sie, die Kurve von da an deutlich nach unten weisen. Was etwas willkürlich klingt, ist gut begründet: Der CO2-Ausstoß könnte dann bis 2040 in relativ sanftem Schwung auf null sinken (siehe Grafik). Doch schon, wenn wir den Höhepunkt der Emissionen aufs Jahr 2025 aufschöben, bliebe kaum Zeit, um die Wirtschaft umzustellen: Nötig wäre dann ein schwindelerregender Absturz der Emissionen zum Nullpunkt im Jahr 2035. „Das wäre in niemandes Interesse“, warnt Figueres. Auch nicht in dem der FDP.

Deshalb noch mal für den Spickzettel der Koalitionäre in Berlin: Innerhalb dieser Legislaturperiode steht nicht nur das deutsche Klimaziel 2020 auf dem Programm, sondern auch die globale CO2-Trendwende – für deren Gelingen Braunkohle-Deutschland entscheidend mitverantwortlich ist.

Oder ist der Wendepunkt womöglich schon erreicht? Drei Jahre lang sah es ganz danach aus, von 2014 bis 2016 stiegen die Emissionen nicht mehr. Im November, während der Klimakonferenz in Bonn, präsentierte das „Global Carbon Project“ dann eine ernüchternde Prognose: Im Jahr 2017 legt der CO2-Ausstoß offenbar wieder um rund zwei Prozent zu. Das liege vor allem daran, dass die Produktion in Chinas Fabriken angezogen habe – und dortige Flüsse wenig Wasser führten: Die Staudämme lieferten weniger Strom.

Doch Anlass zur Resignation ist das nicht, und die machte sich auch auf der Bonner Konferenz nicht breit. Dort verkündete eine Gruppe von 25 Metropolen, von Accra über New York bis Paris, ihre Emissionen fortan massiv zu senken, um bis zur Jahrhundertmitte bei null zu sein. Auch das smoggeplagte China tut seinen Teil: Es hat jüngst den Bau von 151 Kohlemeilern gestoppt oder auf Eis gelegt.

Mission 2020? Bleibt possible.