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Greenpeace Magazin Ausgabe 6.14

Grün intelligent vernetzt

Text: Michael Pollan Illustration: Stephen Doyle

Pflanzen können viel mehr, als wir glauben, haben Wissenschaftler herausgefunden. Zeit, sie mit anderen Augen zu sehen

Im Jahr 1973 landete ein Sachbuch auf der Bestsellerliste der New York Times, in dem behauptet wurde, Pflanzen seien empfindsame Wesen, die Emotionen spüren, Klassik lieber mögen als Rockmusik und auf Gedanken von Menschen in hunderten Kilometern Entfernung reagieren können. „Das geheime Leben der Pflanzen“ von Peter Tompkins und Christopher Bird bot ein verführerisches Gebräu aus seriöser Pflanzenkunde, quacksalberischen Experimenten und mystischer Naturverehrung. Es sprach die Fantasie der Öffentlichkeit just zu der Zeit an, als das New-Age-Denken in den Mainstream einsickerte. Die einprägsamsten Passagen beschrieben die Experimente eines ehemaligen CIA-Experten für Polygrafie (Polygrafen werden landläufig als „Lügendetektor“ bezeichnet) namens Cleve Backster, der 1966 aus einer Laune heraus ein Galvanometer mit dem Blatt eines Drachenbaums in seinem Büro verband. Zu seinem Erstaunen stellte er fest, dass er mit der bloßen Vorstellung, der Drachenbaum finge Feuer, diesen dazu bringen konnte, die Nadel des Polygrafen ausschlagen zu lassen. Der Apparat registrierte einen elektrischen Impuls, was darauf hindeutete, dass die Pflanze Stress empfand. „Sollte die Pflanze etwa seine Gedanken gelesen haben?“, fragen die Autoren. „Backster wäre am liebsten auf die Straße gelaufen, um es in alle Welt hinauszurufen: ‚Pflanzen können denken!‘“

Mehrere seriöse Botaniker versuchten erfolglos, den „Backster-Effekt“ zu wiederholen. Die Forschung über „das geheime Leben der Pflanzen“ wurde diskreditiert. Aber das Buch hatte Spuren hinterlassen. Menschen begannen, mit ihren Pflanzen zu sprechen oder ihnen Mozart vorzuspielen, und zweifellos tun das nach wie vor viele. Das könnte man als harmlos abtun; unsere Vorstellung von Pflanzen wird wohl immer ein Hauch von Romantik umwehen. Doch nach Ansicht vieler Pflanzenforscher hat das Buch ihrem Gebiet nachhaltig geschadet und zur „Selbstzensur“ unter Wissenschaftlern geführt, die darauf aus waren, „mögliche Übereinstimmungen zwischen Neuro- und Pflanzenbiologie“ zu erforschen, also die Möglichkeit, dass Pflanzen wesentlich intelligenter und uns ähnlicher sind als angenommen – fähig zu Wahrnehmung, Kommunikation, Informationsverarbeitung, Lernen und Erinnern.

Das Zitat über die Selbstzensur stammt aus einem kontroversen, 2006 im Fachmagazin „Trends in Plant Science“ erschienenen Artikel, in dem die Autoren eine neue Disziplin vorschlugen, für die sie (etwas leichtsinnig) den Begriff „Neurobiologie der Pflanzen“ wählten. Die Autoren – darunter Eric D. Brenner, ein US-Molekularbiologe, Stefano Mancuso, ein italienischer Pflanzenphysiologe, und František Baluka, ein slowakischer Zellbiologe – argumentierten, dass die bei Pflanzen beobachteten komplexen Verhaltensweisen nicht völlig mit herkömmlicher Genetik und Biochemie erklärt werden könnten. Pflanzen vermögen so viele Umweltvariablen zu spüren und optimal auf sie zu reagieren – Licht, Wasser, Schwerkraft, Temperatur, Bodenstruktur, Nähr- und Giftstoffe, Mikroben, Pflanzenfresser oder chemische Signale anderer Pflanzen –, dass eine Art gehirnähnliches System zur Informationsverarbeitung existieren könnte, um Daten einzuordnen und Reaktionen zu koordinieren. Die Autoren führten aus, bei Pflanzen seien elektrische und chemische Signalsysteme identifiziert worden, die denjenigen in den Nervensystemen von Tieren entsprächen. Auch seien Neurotransmitter wie Serotonin, Dopamin und Glutamat in Pflanzen gefunden worden, deren Rolle allerdings noch unklar bleibe.

Je nachdem, mit welchem Experten man heute spricht, stellt das Gebiet der Pflanzen-Neurobiologie entweder ein radikal neues Bezugssystem in unserer Auffassung vom Leben dar oder ein Abgleiten in trübe wissenschaftliche Gewässer, wie sie „Das geheime Leben der Pflanzen“ aufgewühlt hat. Die Befürworter finden, wir sollten aufhören, Pflanzen als passive Objekte zu betrachten, als stummes, unbewegliches Mobiliar unserer Welt. Nur menschliche Arroganz und die Tatsache, dass sich das Leben der Pflanzen in viel langsameren Zeitdimensionen abspielt, halte uns davon ab, ihre Intelligenz und den daraus resultierenden Erfolg anzuerkennen. Pflanzen dominierten jede Landumgebung und machten 99 Prozent der Biomasse der Erde aus. Verglichen damit seien Menschen und alle anderen Tiere „nur Spuren“, wie es ein Pflanzen-Neurobiologe formuliert.

Viele Wissenschaftler haben kräftig ausgeteilt gegen das neue Fachgebiet. So unterzeichneten 36 prominente Botaniker einen bissigen Antwortbrief auf das Brenner-Manifest in „Trends in Plant Science“. „Beginnen wir mit der simplen Feststellung, dass es keinen Beweis für Strukturen wie Neuronen, Synapsen oder ein Gehirn bei Pflanzen gibt“, schrieben die Autoren. Tatsächlich hatte das niemand behauptet – in dem Manifest war nur von „entsprechenden“ Strukturen die Rede –, doch die Verwendung des Wortes „Neurobiologie“ in Abwesenheit echter Neuronen war offenbar mehr als viele Wissenschaftler ertrugen.

„Ja, Pflanzen übertragen elektrische Kurz- und Langzeitsignale, und sie nutzen einige neurotransmitterähnliche Stoffe als chemische Signale“, sagt Lincoln Taiz, emeritierter Professor für Pflanzenphysiologie der Universität Santa Cruz und einer der Unterzeichner des Briefes. „Aber die Mechanismen unterscheiden sich erheblich von denen wirklicher Nervensysteme.“ Taiz zufolge leiden die Schriften der Pflanzen-Neurobiologen unter „Überinterpretation von Daten, Teleologie, Vermenschlichung, Herumphilosophieren und wilden Spekulationen“.

Die Kontroverse dreht sich weniger um die bemerkenswerten Entdeckungen der neueren Pflanzenforschung als darum, wie diese zu interpretieren und zu benennen sind: ob pflanzliches Verhalten, das nach Lernen, Entscheiden und Intelligenz aussieht, auch so bezeichnet werden oder ob diese Begriffe für Lebewesen mit Gehirnen reserviert sein sollten.

Keiner der Wissenschaftler, die zu pflanzlicher Intelligenz arbeiten, behauptet, dass Pflanzen über telekinetische Fähigkeiten oder Emotionen verfügen. Keiner glaubt, dass wir irgendwo in den Pflanzen ein walnussförmiges Organ entdecken werden, das ihr Verhalten steuert. Nach Ansicht der Forscher gleicht die Intelligenz der Pflanzen derjenigen von Insektenkolonien oder Schwärmen, in denen viele Individuen ohne Verstand ein Netzwerk bilden.

Viele der beeindruckenden Fähigkeiten von Pflanzen gehen auf ihre existenzielle Zwickmühle zurück. Als im Boden verwurzelte Wesen sind sie unfähig, sich von der Stelle zu bewegen, wenn sie etwas brauchen oder wenn die Bedingungen sich verschlechtern. Diese „sessile Lebensweise“ setzt ein umfassendes und nuanciertes Verständnis der Umgebung voraus. Ein hochentwickelter sensorischer Apparat ist erforderlich, um an Nahrung zu gelangen und Bedrohungen zu erkennen. Pflanzen haben zwischen 15 und 20 verschiedene Sinne entwickelt, darunter Analogien zu unseren fünf: Sie „riechen“ Chemikalien in der Luft oder „schmecken“ sie auf ihrer Oberfläche, sie „sehen“ Licht und Schatten, „ertasten“ mit Ranke oder Wurzel feste Objekte und können, wie unlängst entdeckt, sogar „hören“. Als Heidi Appel, Ökologin an der Universität von Missouri, einer intakten Pflanze das Geräusch einer Raupe beim Fressen eines Blattes vorspielte, löste dies in der Pflanze die Produktion chemischer Abwehrstoffe aus.

Die sensorischen Fähigkeiten von Pflanzenwurzeln faszinierten schon Charles Darwin. Der Schlusssatz seines 1880 erschienenen Buches „Das Bewegungsvermögen der Pflanzen“ ist einigen Pflanzen-Neurobiologen geradezu heilig: „Es ist kaum eine Übertreibung, wenn man sagt, dass die (…) Spitze des Würzelchens, welche das Vermögen die Bewegungen der benachbarten Theile zu leiten hat, gleich dem Gehirn eines der niederen Thiere wirkt; das Gehirn sitzt innerhalb des vorderen Endes des Kopfes, erhält Eindrücke von den Sinnesorganen und leitet die verschiedenen Bewegungen.“ Darwin zufolge müssen wir uns die Pflanze als eine Art auf dem Kopf stehendes Tier vorstellen, mit dem „Gehirn“ unter der Erde und den Geschlechtsorganen oben.

Botaniker haben seither herausgefunden, dass die Spitzen von Pflanzenwurzeln außer Schwerkraft, Feuchtigkeit, Licht, Druck und Härte auch Stickstoff, Phosphor, Salz, Mikroben und chemische Signale benachbarter Pflanzen erspüren können. Wurzeln ändern rechtzeitig ihre Wachstumsrichtung, bevor sie auf ein unüberwindbares Hindernis oder eine giftige Substanz stoßen. Sie können unterscheiden, ob benachbarte Wurzeln zur eigenen oder einer anderen Art gehören. Irgendwie sammelt eine Pflanze all diese Informationen über ihre Umgebung, ordnet sie ein und „entscheidet“ dann, wohin genau sie ihre Wurzeln oder Blätter entfaltet. Das sind komplexe Verhaltensweisen, doch wie die meisten pflanzlichen Verhaltensweisen sind sie für Tiere entweder unsichtbar oder geschehen sehr, sehr langsam.

Die sessile Lebensweise erklärt auch die enorme Begabung von Pflanzen für Biochemie, die derjenigen von Tieren und wohl auch menschlichen Chemikern weit überlegen ist. (Viele Medikamente, von Aspirin bis zu Opiaten, stammen aus pflanzlichen Verbindungen.) Da sie nicht weglaufen können, bieten Pflanzen ein komplexes molekulares Vokabular auf, um eine Notlage zu signalisieren, Feinde abzuschrecken oder zu vergiften und Tiere dazu zu bringen, Dienste für sie zu verrichten. Seit den frühen Neunzigerjahren ist bekannt, dass Blätter einer Pflanze, die infiziert sind oder von Insekten angefressen werden, flüchtige Chemikalien ausstoßen. Damit geben sie anderen Blättern das Signal, sich zu wehren. Manchmal enthält diese Warnung Informationen über das Insekt, gewonnen aus dessen Speichel. Je nach Pflanze und Angreifer kann die Abwehr beinhalten, dass Gifte erzeugt werden oder sich Geschmack und Textur so verändern, dass die Blätter ungenießbar werden. Vielleicht das cleverste Beispiel für pflanzliche Signalübertragung ist das Engagement sogenannter „Pflanzen-Bodyguards“. Arten wie Mais oder Limabohnen stoßen, wenn sie von Raupen angegriffen werden, ein chemisches Notsignal aus, welches parasitische Wespen anlockt, die sodann die Raupen vernichten.Landwirte könnten eines Tages vom Wissen über die Kommunikation der Pflanzen profitieren. Eine mechanische „Nase“, an einem Traktor befestigt, könnte dem Bauern auf dem Feld helfen, von Insekten befallene Pflanzen zu identifizieren. Der Einsatz von Pestiziden könnte gezielt dosiert werden.

Stefano Mancuso, der Dichter-Philosoph der Bewegung, ist entschlossen, den Pflanzen jene Anerkennung zu verschaffen, die sie verdienen. Der schlanke, bärtige Endvierziger aus Kalabrien wirkt eher wie ein Geistes- als wie ein Naturwissenschaftler und ist der vielleicht leidenschaftlichste Vertreter der Pflanzenperspektive. Sein etwas großspurig „Internationales Labor für Pflanzen-Neurobiologie“ genanntes Institut nahe Florenz residiert bescheiden in einem Flachbau. Bei einer Führung durch die Labore zeigt er mir unter Licht gezogene Maispflanzen, denen man beibringt, Schatten zu ignorieren, einen zur Messung seiner Reaktion auf Luftverschmutzung mit einem Galvanometer verbundenen Pappelschößling und eine Kammer, in der eine Art Massenspektrometer laufend alle flüchtigen Substanzen registriert, die verschiedene Pflanzen von der Pappel bis zur Paprika ausstoßen. „Wir machen ein Lexikon des chemischen Vokabulars jeder Art“, erklärt Mancuso. Er schätzt, dass dieses Vokabular aus 3000 Verbindungen pro Pflanze besteht, während, wie er lächelnd bemerkt, „ein durchschnittlicher Student gerade auf 700 Wörter kommt“.

Zu Beginn unseres Gesprächs frage ich Mancuso nach seiner Definition von Intelligenz. Philosophen und Psychologen streiten sich seit mindestens einem Jahrhundert darüber. Die meisten Definitionen fallen in eine von zwei Kategorien. Bei der ersten setzt Intelligenz ein Gehirn voraus; sie bezieht sich auf spezifische geistige Qualitäten wie Verstand, Urteilsvermögen und abstraktes Denken. Die zweite, weniger gehirnfixiert und eher metaphysisch, betont das Verhalten und definiert Intelligenz als die Fähigkeit, optimal auf die Herausforderungen zu reagieren, die Umgebung und Umstände mit sich bringen. Es dürfte kaum überraschen, dass die Pflanzen-Neurobiologen sich diesem zweiten Lager zurechnen.

„Meine Definition ist sehr einfach“, sagt Mancuso. „Intelligenz ist die Fähigkeit, Probleme zu lösen.“ Anstelle eines Gehirns „suche ich nach einer verteilten Art von Intelligenz, wie wir sie bei einem Vogelschwarm beobachten“. Dort muss jeder Vogel nur ein paar einfachen Regeln folgen, etwa eine vorgeschriebene Entfernung von seinem Nachbarn einhalten, doch der kollektive Effekt einer großen Zahl Vögel, die einen simplen Algorithmus ausführen, ist ein komplexes und gut koordiniertes Verhalten. Mancusos Hypothese lautet, dass etwas Ähnliches in Pflanzen am Werk ist, wobei ihre Tausenden von Wurzelspitzen die Rolle der einzelnen Vögel spielen.

„Neuronen sind vielleicht überbewertet“, sagt Mancuso. „Eigentlich sind sie bloß reizbare Zellen.“ Pflanzen haben ihre eigenen reizbaren Zellen, viele in einem Bereich genau hinter der Wurzelspitze. Wie Pflanzen ohne Gehirn das tun, was sie tun, wirft die Frage auf, wie unser Gehirn das tut, was es tut.

Die Hypothese, dass intelligentes Verhalten bei Pflanzen eine beim Signalaustausch in Zellen eines Netzwerks entstehende Eigenschaft ist, mag weit hergeholt klingen, doch die Art und Weise, wie Intelligenz aus einem Netzwerk von Neuronen entsteht, unterscheidet sich davon womöglich nicht wesentlich. Die meisten Neurowissenschaftler würden zustimmen, dass Gehirne, als Ganzes betrachtet, zwar bei den meisten Tieren als Kommandozentrale fungieren, doch dass man innerhalb des Gehirns eher ein führerloses Netzwerk vorfindet.

Vor allem wenn eine allgemeingültige Definition fehlt, ist es möglich, Intelligenz so zu definieren, dass die Grenze zwischen Tieren und Pflanzen entweder verstärkt oder unterminiert wird. „Ich räume ein, dass Menschen eine Sonderstellung einnehmen“, sagt Mancuso. „Wir sind die erste Spezies, die darüber streiten kann, was Intelligenz ist. Aber es ist die Quantität, nicht die Qualität“ der Intelligenz, die uns von anderen abhebt. Wir existieren in demselben Kontinuum wie Akazie, Rettich und Bakterium. „Intelligenz ist eine Eigenschaft von Leben“, sagt er.

Den Begriff „Gedächtnis“ querbeet auf alle biologischen Reiche anzuwenden könnte noch heikler sein, vielleicht, weil wir so wenig darüber wissen, wie es funktioniert. Wir neigen dazu, uns Erinnerungen als etwas Immaterielles vorzustellen, doch in Gehirnen bringen einige Formen der Erinnerung neue Verknüpfungen im neuronalen Netzwerk mit sich. Immunzellen „erinnern“ sich an ihre Erfahrungen mit Krankheitserregern und rufen diese Erinnerung ab, wenn sie später erneut auf sie treffen. Von Pflanzen weiß man seit langem, dass Erfahrungen wie Stress die molekulare Umhüllung der Chromosomen verändern können. Dies wiederum entscheidet darüber, welche Gene aus- und welche eingeschaltet werden. Dieser sogenannte epigenetische Effekt kann dauerhaft sein und wird manchmal an die Nachkommen weitervererbt.

Während des Gesprächs mit Mancuso denke ich die ganze Zeit an Begriffe wie „Willen“, „Entscheidung“ und „Absicht“, die er Pflanzen ganz nebenbei zuschreibt, fast als handelten sie bewusst. Er erwähnt die Nesselseide, Cuscuta europaea, eine parasitische Ranke, die sich um den Stiel einer anderen Pflanze windet und dieser die Nährstoffe aussaugt: Sie „entscheidet“ sich zwischen verschiedenen potenziellen Wirten, indem sie nach dem Duft einschätzt, welcher am nährstoffreichsten ist. Nachdem die Ranke ein Ziel ausgewählt hat, nimmt sie eine Art Kosten-Nutzen-Rechnung vor, bevor sie beschließt, wie viele Windungen sie „investieren“ soll.

Um ihr Argument zu stützen, dass Pflanzen sich ihrer Umgebung bewusst sind, führen Mancuso und sein Kollege Baluka aus, dass man sie mit den-selben Anästhetika betäuben kann wie Tiere (eine dösende Venusfliegenfalle würde nicht merken, wenn ein Insekt ihre Schwelle überschreitet). Sind Pflanzen verletzt oder gestresst, erzeugen sie Ethylen, das auf Tiere betäubend wirkt, erklärt mir Baluka. Vorsichtig frage ich, ob er damit sagen wolle, dass Pflanzen Schmerz empfinden können. „Wenn Pflanzen ein Bewusstsein haben, dann sollten sie Schmerz empfinden, ja“, sagt er. „Wenn man keinen Schmerz fühlt, ignoriert man die Gefahr und überlebt nicht. Schmerz macht anpassungsfähig.“ Ich muss alarmiert dreingeschaut haben. „Eine unheimliche Vorstellung“, räumt er achselzuckend ein. „Wir leben in einer Welt, in der wir andere Organismen essen müssen.“

Unvorbereitet darauf, die ethischen Folgen pflanzlicher Intelligenz in Betracht zu ziehen, spürte ich meinen Widerstand gegen das ganze Konzept sich verfestigen. Descartes, der glaubte, nur der Mensch besitze ein Bewusstsein, vermochte sich nicht vorzustellen, dass Tiere Schmerz empfinden. Ihr Schreien und Heulen tat er als bloße Reflexe ab, als bedeutungslosen physiologischen Lärm. Könnte es die entfernte Möglichkeit geben, dass wir jetzt denselben Fehler bei den Pflanzen machen? Dass der Duft von Jasmin, Basilikum oder frisch gemähtem Gras, den wir so lieben, die chemische Entsprechung eines Schreis ist?

Lincoln Taiz bringt für die Vorstellung von Schmerz bei Pflanzen wenig Geduld auf und fragt, was denn da empfinde – ein Gehirn fehle schließlich. „Kein Hirn, kein Schmerz“, sagt er kurz und bündig. Mancuso ist vorsichtiger. „Wir wissen es einfach nicht, also sollten wir still sein.“ Weil Pflanzen empfindsame und intelligente Wesen seien, meint er, seien wir verpflichtet, sie mit einem gewissen Respekt zu behandeln, also ihren Lebensraum vor Zerstörung zu schützen und Praktiken wie genetische Manipulation, Monokulturen und die Zurichtung zum Bonsai zu vermeiden. Aber das solle uns nicht davon abhalten, sie zu essen. „Pflanzen haben sich entwickelt, um gegessen zu werden – das ist Teil ihrer evolutionären Strategie“, sagt er. Er führt ihre modulare Struktur und das Fehlen unersetzbarer Organe ins Feld, um seine Sichtweise zu untermauern.

Die zentrale Frage, an der sich bei Pflanzen-Neurobiologen und ihren Kritikern die Geister scheiden, lautet wohl: Erfordern Fähigkeiten wie Intelligenz, Schmerzempfinden und Erinnern das Vorhandensein eines Gehirns, wie die Kritiker einwenden, oder können sie aus ihrer neurobiologischen Verankerung gelöst werden? Das ist eine philosophische und zugleich wissenschaftliche Frage, da die Antwort davon abhängt, wie man diese Begriffe definiert. Wären die Pflanzen-Neurobiologen willens, Intelligenz, Gedächtnis und Bewusstsein das Präfix „pflanzenspezifisch“ voranzustellen (wie Mancuso und Baluka es im Fall von Schmerz zu tun bereit sind), würde die Kontroverse sich vermutlich zumindest teilweise in Luft auflösen.

Bestimmte Begriffe in einer Weise zu definieren, die Pflanzen und Tiere unter denselben semantischen Schirm bringen würde – sei es Intelligenz, Absicht oder Lernen –, ist eine philosophische Entscheidung mit erheblichen Konsequenzen dafür, wo wir uns selbst in der Natur verorten. Seit Darwins „Entstehung der Arten“ haben wir zumindest intellektuell verstanden, dass wir alle aus demselben Stoff gemacht sind. Alle Arten sind mit denselben existenziellen Herausforderungen konfrontiert: sich zu ernähren, zu verteidigen und zu vermehren – nur unter extrem unterschiedlichen Umständen, und deshalb haben sie eine unglaubliche Vielfalt von Instrumenten entwickelt, um zu überleben. Gehirne sind praktisch für Kreaturen, die sich viel bewegen; aber sie sind ein Nachteil für solche, die am Platz verwurzelt sind. So eindrucksvoll es für uns sein mag, aber ein Bewusstsein ist einfach nur eins von vielen Instrumenten des Lebens. Dass Menschen diese Anpassung so hoch bewerten, ist wenig überraschend, war sie doch der leuchtende Endpunkt unserer langen evolutionären Reise, zusammen mit jener Begleiterscheinung des Bewusstseins, die wir als „freien Willen“ bezeichnen.

Wie tun Pflanzen all die erstaunlichen Dinge, die sie tun, ohne Gehirn? Mancuso empfiehlt, sich gerade auf ihr Anderssein zu konzentrieren. So könnten wir wertvolle Dinge lernen und neue Technologien entwickeln. Das war sein Vortragsthema bei einer Konferenz der Gesellschaft für Signalübertragung und Pflanzenverhalten in Vancouver, er nannte es „Bioinspiration“. Wie könnte das Vorbild pflanzlicher Intelligenz uns helfen, bessere Computer, Roboter oder Netzwerke zu konstruieren?

Mancuso will mit einem prominenten Computerwissenschaftler zusammenarbeiten, um einen pflanzenbasierten Computer zu entwerfen, dem verteilten Rechnen nachempfunden, wie es tausende Wurzeln bei der Verarbeitung von Umweltvariablen ausführen. Im anregendsten Teil seines Vortrags ging es um unterirdische Pflanzennetzwerke. Er bezog sich auf die Forschungen von Suzanne Simard, einer Waldökologin an der Universität von British Columbia, und zeigte eine Darstellung davon, wie Bäume sich in einem weitgespannten Netzwerk organisieren, indem sie das unterirdische Geflecht symbiotischer Mykorrhiza-Pilze nutzen, das ihre Wurzeln verbindet. Dieses „woodwide web“, das waldweite Netz, erlaubt es Gruppen von Bäumen, Warnungen vor Insektenangriffen weiterzugeben und bei Bedarf auch Kohlenstoff, Stickstoff und Wasser auszutauschen.

Am Telefon beschreibt Simard, wie sie und ihre Kollegen dem Fluss von Nährstoffen und chemischen Signalen durch dieses unsichtbare unterirdische Netzwerk nachspürten: Sie injizierten Tannen radioaktive Kohlenstoffisotope und folgten deren Ausbreitung durch die Waldgemeinschaft mit diversen Messmethoden, unter anderem per Geigerzähler. Innerhalb weniger Tage waren Vorräte radioaktiven Kohlenstoffs von Baum zu Baum geleitet worden. Jeder Baum in einem 30 Quadratmeter großen Waldstück war mit dem Netzwerk verbunden; die ältesten Bäume fungierten als Knotenpunkte, einige mit bis zu 47 Verbindungen. Das Waldnetzwerk ähnelte dem Linienplan einer Fluggesellschaft.

Das Muster des Nährstoffverkehrs zeigte, wie „Mutterbäume“ das Netzwerk nutzten, um beschattete Jungpflanzen zu ernähren, darunter ihre Ableger – die die Bäume offenbar als Verwandte erkennen –, bis sie groß genug sind, um das Licht zu erreichen. Und Simard fand als verblüffendes Beispiel artenübergreifender Kooperation heraus, dass Tannen das Pilzgeflecht nutzten, um im Jahresverlauf Nährstoffe mit Amerikanischen Weißbirken auszutauschen. Die immergrüne Art hilft der sommergrünen aus, wenn sie Zucker übrig hat, und fordert die Leihgabe später zurück. Für die Waldgemeinschaft scheint der Wert dieser kooperativen Untergrundökonomie in einem besseren Allgemeinzustand und größerer Widerstandskraft gegen Störungen zu liegen. In seinem Vortrag stellte Mancuso ein Bild der Knoten und Verbindungen in einem Waldnetzwerk neben ein Diagramm des Internets und behauptete, in mancher Hinsicht sei Ersteres überlegen. „Pflanzen sind in der Lage, skalierbare Netzwerke eigenständig operierender und sich selbst reparierender Einheiten zu bilden“, sagte er. „Pflanzen!“

Als ich Mancuso bei der Beschreibung der Wunder unter unseren Füßen zuhörte, ging mir durch den Kopf, dass Pflanzen in der Tat ein geheimes Leben haben, seltsamer und wunderbarer, als Tompkins und Bird es beschrieben hatten. Die meisten von uns denken an Pflanzen – sofern wir überhaupt über sie nachdenken – als etwas Altes, Überbleibsel einer einfacheren, vormenschlichen evolutionären Vergangenheit. Aber für Mancuso sind Pflanzen der Schlüssel zu einer Zukunft, in der sich alles um Systeme und Technologien dreht, die vernetzt, dezentralisiert, modular und redundant sein werden – und grün: in der Lage, sich von Licht zu ernähren. „Pflanzen sind ein großartiges Symbol für Modernität.“ Zumindest sollten sie es sein: Ihre Hirnlosigkeit stellt sich als Stärke und vielleicht als wertvollste Inspiration heraus, die wir von ihnen übernehmen können.

Übersetzung: Kerstin Eitner