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Greenpeace Magazin Ausgabe 4.15

Grüne Invasion

Text: Julia Lauter

Pazifische Austern im Wattenmeer, Asiatische Tigermücken in Süddeutschland: In Europa verursachen nichtheimische Arten jährlich Kosten in Höhe von 12,5 Milliarden Euro. Nun sucht die EU nach einer Strategie, um den Exoten Einhalt zu gebieten

Wer mit Niels Jensen auf die Jagd geht, muss ihm ins Dickicht folgen. Zügigen Schrittes bahnt sich der 67-jährige Däne mithilfe einer Machete seinen Weg durch dichte Brombeer- und Wildrosenwände, bis er vor einer Lichtung haltmacht. Der Boden ist auf Knöchelhöhe übersät mit den dunkelgrünen Blättern des Riesenbärenklaus. Während der Rest der Pflanzenwelt erst zarte Knospen treibt, hat die Staude Mitte April schon tellergroße Blätter. „Bereits in zwei Wochen wären die Pflanzen hier hüfthoch. Im Juni stünde dieses Feld voll mit drei Meter hohen Stauden, darunter nur nackte Erde.“ Das will Jensen verhindern. Seit 28 Jahren kämpft er gegen die Ausbreitung der Pflanze, durchkämmt systematisch die Natur rund um seine Heimat Kiel, gräbt Jahr für Jahr die Wurzeln aus und schneidet die Staude zurück. Nun wähnt er sich kurz vor seinem Ziel: In zwei Jahren soll Kiel bis auf wenige Ausnahmen frei vom Riesenbärenklau sein.

Doch warum soll er überhaupt weg? Der Riesenbärenklau ist eine nicht heimische Art, ein sogenannter Neobiont. Ursprünglich stammt das Gewächs aus dem Kaukasus und wurde Anfang des 19. Jahrhunderts in Mitteleuropa eingeführt. Zunächst als Zierpflanze in Gärten angepflanzt, bauten ihn bald auch Imker als Futterpflanze für ihre Bienenvölker an. Doch die Staude zeigte bald ihre Schattenseite: Jede einzelne produziert bis zu 50.000 Samen und breitet sich rasant aus. Mit ihren großen Blättern nimmt sie anderen Pflanzen das Licht und dominiert so viele straßennahe Brachen, wo sie besonders häufig vorkommt. Darüber hinaus enthält der durchsetzungsstarke Riese phototoxische Säfte, die beim Menschen in Verbindung mit Sonnenlicht zu schmerzhaften Hautverbrennungen führen können. Auch deshalb gehört der Riesenbärenklau zu den am meisten bekämpften nicht heimischen Pflanzen.

Die Zahl aller Neobiota beläuft sich in Europa auf etwa 12.000. Laut Bundesnaturschutzgesetz gilt als nicht heimisch, was in dem betreffenden Gebiet noch nie vorkam oder seit mindestens 100 Jahren verschwunden ist. Meist finden die Neuankömmlinge einen Platz in der neuen Umwelt, ohne Probleme zu verursachen. Doch rund 15 Prozent der Neobiota gelten als invasiv – ihre starke Ausbreitung hat unerwünschte Auswirkungen auf andere Arten oder ganze Biotope. Bekannte Beispiele sind Waschbären, die die Nester der vom Aussterben bedrohten Sumpfschildkröte plündern. Oder die Asiatische Tigermücke, die unter anderem den Erreger des Dengue-Fiebers übertragen kann und sich von Südeuropa aus ihren Weg nach Deutschland bahnt. Unter Wasser verwandelt die Pazifische Auster im wärmer werdenden Wattenmeer viele Muschelbänke in Austernriffe. All diesen Neobiota ist gemein, dass sie heimischen Arten Ressourcen und Lebensraum streitig machen, Krankheiten einschleppen und ökologische Kreisläufe verändern.

Die zunehmende Vernetzung der Erdteile ließ die Zahl der Neobiota in den vergangenen Jahrzehnten in die Höhe schnellen. Sie gelangen an Bord von Schiffen, Flugzeugen und Lastwagen quasi über Nacht in die neue Umwelt. In der EU verursachen sie jährliche Kosten in Höhe von rund 12,5 Milliarden Euro – Tendenz steigend. Am einfachsten berechenbar ist das in der Landwirtschaft, wo der Ernteausfall und die Kosten zur Beseitigung neuer „Schädlinge“ erhoben werden können. Im Naturschutz ist der Schaden hingegen schwer zu beziffern: Welche Umweltveränderungen sind eindeutig den invasiven Neobiota zuzuschreiben? Sind neue Arten weniger wert? Und welchen Wert hat die ökologische Vielfalt? „Da gibt es keine einfachen Antworten“, sagt Stefan Nehring vom Bundesamt für Naturschutz. Das zeige sich am Beispiel des Halsbandsittichs: Einzelne Exemplare dieser grünen Papageienart wurden in den 60er-Jahren in Deutschland ausgesetzt. Heute leben in großen Städten entlang des Rheins etwa 8500 dieser Vögel. Erwiesen ist, dass sie mit anderen Höhlenbrütern wie Spechten oder Fledermäusen um Nistplätze konkurrieren. „Wie viele Tiere tatsächlich verdrängt werden, ist aber schwierig zu bemessen. Dazu brauchen wir umfassende Untersuchungen.“

Doch Handlungsbedarf besteht schon jetzt, darüber sind sich die Experten in Europa einig. Bisher lag das Vorgehen gegen die invasiven Neobiota in der Hand der Mitgliedsstaaten, nun arbeitet die EU-Kommission an einer länderübergreifenden Strategie. Grundlage dafür ist eine Liste, auf der die invasiven Arten gesammelt werden, deren Einfuhr, Erwerb, Verwendung, Freisetzung und Verkauf künftig EU-weit verboten sein soll. „Der Fokus liegt dabei auf den noch nicht etablierten Neobiota“, sagt Nehring. Denn hat eine Art bereits eine kritische Anzahl an Exemplaren überschritten, ist eine Eindämmung gar nicht mehr oder nur mit größtem Aufwand möglich. Daher liege der Schlüssel in der koordinierten Prävention, so Nehring. Derzeit erarbeiten Experten eine einheitliche Risikobewertung für potenziell invasive Arten, die die EU-Liste bis 2016 auf den Weg bringen soll.

„Die Liste ist ein guter Vorstoß“, sagt Magnus Wessel vom Bund für Umwelt und Naturschutz. „Aber sie lässt außer Acht, dass die unerwünschten Pflanzen und Tiere oft nur ein Symptom weitreichenderer Umweltprobleme sind.“ So weist das Vorkommen des Riesenbärenklaus auf eine Überdüngung der Böden hin – eine Folge der industriellen Landwirtschaft. Und auch globale Phänomene wie der Klimawandel begünstigen die Ausbreitung gebietsfremder Arten: Neobiota wie die Pazifische Auster überleben dank milder Winter und steigender Gewässertemperaturen. „Wir dürfen nicht die neuen Arten zum Sündenbock für die vom Menschen verursachten Probleme in der Natur machen“, sagt Wessel. Tatsächlich seien in Mitteleuropa zwar heimische Arten lokal verdrängt worden, ihr Aussterben dürfe man aber nicht den Neuankömmlingen anlasten. „Pflanzen wie der Riesenbärenklau überleben besser in der industrialisierten und überdüngten Landschaft. Aber die Bekämpfung dieser Arten bringt uns nicht den Mohn und die Kornblume zurück.“

Der Umgang mit invasiven Neobiota wirft grundsätzliche Fragen auf: Will man Natur in ihrer historischen Ursprünglichkeit erhalten? Und ist das im Hinblick auf die wirtschaftliche Nutzung von Umwelt überhaupt möglich? „Veränderungen sind Teil der Natur und ich spreche mich gegen einen Fremdenhass auf neue Tiere und Pflanzen aus“, sagt Wessel. „Gleichzeitig wollen wir nicht nur drei dominante Arten auf der Welt haben.“ Die genetische Vielfalt dürfe weder durch Nachlässigkeiten im Umgang mit Lebensräumen noch mit Neobiota gefährdet werden. Niels Jensens Sisyphos-Arbeit leiste deshalb einen wichtigen Beitrag: „Diese Anstrengungen erzielen lokale Erfolge und schärfen den Blick für unsere Umwelt.“ Und wer mit Jensen auf die Jagd geht, weiß: Es gibt noch viel zu tun.