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Greenpeace Magazin Ausgabe 6.13

Hauptsache die Kasse stimmt

Die Schweiz gehört zu den wichtigsten Drehscheiben des weltweiten Rohstoffhandels. Dort ansässige Konzerne verdienen an der Ausbeutung von Minenarbeitern in Entwicklungsländern Milliarden und bescheren dem Alpenland sprudelnde Steuereinnahmen. Das Dorf Rüschlikon bei Zürich ist durch die schmutzigen Geschäfte reich geworden – aber nicht lebenswerter

„Wir ziehen hier weg“, habe er damals seiner Frau gesagt. Albert Heuberger, schlohweißes Haar und Pilzkopffrisur, er, der seit 30 Jahren hier wohnt, im schweizerischen Rüschlikon direkt am Zürichsee, hat es nach der Gemeindeversammlung im Dezember 2011 fast nicht mehr ausgehalten in seinem Dorf. Niemand beeindruckt hier mit einem Vermögen von einer Million Franken, weil jeder fünfte Haushalt mindestens so viel besitzt. Die Steuern sind niedrig, die Arbeitslosigkeit auch. Soziale Probleme sind kaum vorhanden. Man hat es schon sehr lange sehr gut hier, im Speckgürtel der Stadt Zürich, wo im Jahr 2011 ein einziger Mann 360 Millionen Franken an Steuern bezahlte, umgerechnet 293 Millionen Euro. Steuermillionen, in denen die große Mehrheit der Rüschliker einen Segen, Heuberger und einige andere aber einen Fluch sehen, weil sie dieses Geld für schmutzig halten.

Damals in der Gemeindeversammlung erlebte der 68-jährige Mathematiklehrer, wie die wohlhabenden Bewohner von Rüschlikon wirklich über das viele Geld denken. Es gehört zur direkten Demokratie in der Schweiz, dass die Bürger über die Höhe der Steuern in ihrer Gemeinde selbst entscheiden können. An jenem Abend konnten die Rüschliker abstimmen, ob der ohnehin schon niedrige kommunale Steuersatz um weitere sieben Prozent gesenkt werden sollte. Dies wurde durch die außerordentlich hohen Steuererträge möglich, die dieser eine Mann dem Dorf zufließen ließ. Er machte das kleine Rüschlikon mit seinen 5293 Einwohnern auf einen Schlag zur finanzstärksten Gemeinde des Kantons Zürich. Jetzt sollte es auch noch die steuergünstigste werden.

Doch Heuberger und weitere 15 Bürger hatten sich im Vorfeld der Abstimmung zur Gruppe „Solidarität Rüschlikon“ zusammengeschlossen und einen Gegenantrag gestellt: Die Steuern sollten nur um fünf Prozent gesenkt werden. Von den restlichen zwei Prozent könnte jährlich eine Million Schweizer Franken als Solidaritätsbeitrag an soziale Projekte gespendet werden, das war ihre Idee. Doch der Antrag wurde mit überwältigender Mehrheit abgelehnt.

Albert Heuberger ist dann doch in Rüschlikon geblieben, nachdem der erste Frust verflogen war. An einem sonnigen Vormittag spaziert er durch sein Dorf, das seit jener Gemeindeversammlung regelmäßig in den Medien auftaucht, auch über die Landesgrenzen hinaus. Immer dann nämlich, wenn die Geschäfte jenes betuchten Mannes zum Thema werden. Heuberger geht den Gehrimoosweg entlang, am Hang des Zimmerbergs. Von hier erstreckt sich Rüschlikon bis hinab ans Ufer des Zürichsees. Ein einsamer Bauernhof steht mitten im Wohngebiet, es riecht nach Kuhmist, Hühner gackern. Man hat einen herrlichen Blick auf den See.

Ganz in der Nähe des Bauernhofes steht eine moderne Villa. Dichte Hecken verstellen den Blick auf das terrassenförmig angelegte Grundstück. Das Haus mit dem grauen Putz ist unscheinbar, am Briefkasten kein Namensschild. Hier wohnt der Mann, der Rüschlikon mit seinem Geld ins mediale Rampenlicht hob, Ivan Glasenberg. Er ist Vorstandsvorsitzender und Hauptaktionär eines der größten und umstrittensten Rohstoffunternehmen der Welt: Glencore, mit Hauptsitz in Baar im steuergünstigen Kanton Zug. Durch den Börsengang Glencores im Jahr 2011 machte Glasenberg ein Vermögen von geschätzten sechs bis sieben Milliarden Franken und wurde zu einem der reichsten Männer der Schweiz. Von den 360 Millionen Franken, die Glasenberg an Steuern bezahlte, gingen 200 Millionen an den Kanton Zürich, 160 flossen direkt nach Rüschlikon.

Ursprünglich stammt Glasenberg aus Südafrika, wohnt aber seit 1994 mit seiner Familie in der beschaulichen Gemeinde. 2010 wurde er eingebürgert. Damals wusste kaum jemand im Dorf, wer der Mann ist. Den Gemeindepräsidenten interessierte hauptsächlich, ob er ausreichend Deutsch spricht.

Man sieht den 56-jährigen Glasenberg im Dorf kaum. Er meidet die Öffentlichkeit und schätzt die Rüschliker, weil sie sehr diskret sind. Schon 29 Jahre arbeitet er für Glencore, seit 2002 ist er Chef des Konzerns und damit einer der reichsten und mächtigsten Männer im globalen Rohstoffgeschäft. Seit der Fusion mit dem Bergbauunternehmen Xstrata im Mai dieses Jahres ist Glencore einer der größten Rohstoffkonzerne weltweit und mit einem Umsatz von 159 Milliarden Euro das zweitgrößte Unternehmen der Schweiz. Glencore produziert und verarbeitet Aluminium, Bauxit, Nickel, Zink, Kupfer, Blei, Kohle und Öl, handelt mit diesen Stoffen sowie mit Agrarprodukten.

Seit langem wird der Konzern von Nichtregierungsorganisationen (NGOs) scharf kritisiert: Sie werfen der Rohstofffirma Korruption, Umweltverschmutzung und Menschenrechtsverletzungen in verschiedenen Abbaugebieten vor, wie etwa im Kongo und in Sambia. Glencores Geschäfte seien intransparent, unethisch und nutzten den sogenannten Ressourcenfluch auf skandalöse Weise aus: Rohstoffreiche Entwicklungsländer verarmen, während sich einige wenige Akteure die Gewinne aus dem schmutzigen Geschäft in Steueroasen sichern. Glencore bekam deswegen bereits Schmähpreise für die übelsten Geschäftspraktiken wie den „Public Eye Award“ (2008) und den „Black Planet Award“ (2012).

In Kolumbien, das berichten lokale Gewerkschaften, soll die Bevölkerung im Umkreis von Glencores Kohleminen systematisch vertrieben und bedroht worden sein. Auf den Philippinen will Glencore die weltweit größte Kupfer- und Goldmine erschließen, tausende Indigene müssten dafür umgesiedelt werden. Die Wasserversorgung zehntausender Menschen sei bedroht, erklärt die Schweizer Entwicklungsorganisation „Brot für alle“. Laut einer Studie von NGOs bauen in einer Mine in der Provinz Katanga im Kongo mehr als tausend Kleinschürfer mit primitiven Mitteln Kupfer und Kobalt ab, darunter hunderte Kinder und Jugendliche. Ein Teil dieser Erze gelange über Zwischenhändler auch an den Glencore-Konzern. Die Firma bestreitet das.

Glencore-Chef Ivan Glasenberg gibt so gut wie keine Interviews, und wenn doch, hält er sich meist bedeckt. In einem seiner seltenen Gespräche mit Journalisten, auf das die schweizerische „Sonntagszeitung“ eineinhalb Jahre warten musste, sagte Glasenberg: „Ich bin mit der Kritik nicht einverstanden.“ Was Glencore in Afrika tue, sei großartig. Es investiere in die Infrastruktur, schaffe Arbeitsplätze und verbessere den Lebensstandard der Menschen. Man kritisiere sein Unternehmen nur aus ideologischen Gründen. „Wir haben all den NGOs und Politikern gesagt: Unsere Minen sind offen für euch.“ Auch die Pressestelle weist Kritik an dem Konzern zurück. Pressesprecher Charles Watenphul sagt: „Wir nehmen die Vorwürfe ernst. Aber viele sind schlicht falsch, da stimmen die Fakten nicht.“ Watenphul verweist auf Glencores Verhaltenskodex: Darin schreibt der Konzern, er sei um Menschenrechte und Umweltschutz bemüht.

Albert Heuberger war fassungslos, als die Herkunft von Glasenbergs Steuermillionen bekannt wurde. So viel Geld für das wohlhabende Rüschlikon, Geld, das auf Kosten ärmerer Staaten erwirtschaftet worden war. Deshalb wollte „Solidarität Rüschlikon“ mit seinem Antrag dafür sorgen, dass ein Teil des Geldes wieder den Menschen in den Abbauländern zugutekommt. „Wir wussten von Anfang an, dass das nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist“, sagt Heuberger. Daher war der Antrag eher ein formeller Vorwand, um über Grundlegendes öffentlich zu diskutieren. Nämlich darüber, ob an diesen Steuermillionen Schmutz klebt, weil sie aus „unfairen, nicht nachhaltigen Geschäften stammen“, bei denen „Menschenrecte verletzt und die Umwelt geschädigt“ werden. So schreibt es „Solidarität Rüschlikon“ auf einem Flugblatt, das die Gruppe vor der Abstimmung überall im Dorf verteilt hat. „Es ging uns dabei nie um die Person Glasenberg“, sagt Heuberger. „Wir wollten auf die ungenügende Schweizer Gesetzgebung hinweisen.“

Glencore handelt in der Schweiz zwar nach geltendem Recht. „Solidarität Rüschlikon“ fordert aber von der Regierung gesetzliche Bestimmungen, die Firmen mit Sitz in der Schweiz dazu zwingen sollen, Menschenrechte und Umwelt weltweit zu respektieren. Das fordern auch 50 weitere Organisationen in einer gemeinsamen Kampagne mit dem Titel „Recht ohne Grenzen“.

Im Dorf sorgte der Antrag von „Solidarität Rüschlikon“ für Furore. Über 400 Bürger kamen zur Abstimmung. Normalerweise kommen nicht mehr als 70. „Wir haben damals auf eine ernsthafte Diskussion gehofft“, sagt Heuberger. „Aber einige Leute haben regelrechte Schmähschriften über uns verlesen. Wir wurden abgeschmettert.“ Man habe ihnen vorgeworfen, einen unbescholtenen Bürger an den Pranger zu stellen, der jedes Recht habe, reich zu sein. Die Vehemenz der Angriffe habe ihn überrascht.

Heuberger ist ein hagerer Mann. Mit unaufgeregter Stimme erzählt er, wie Rüschlikon immer mehr zum toten Villenvorort von Zürich verkommt. Wie die Dorfgemeinschaft verkümmert, weil Durchschnittsfamilien der hohen Miet- und Bodenpreise wegen fortziehen müssen. Und wie die Reichen sich hinter Hecken und Mauern verschanzen, anstatt sich im Dorf zu engagieren. Für die freiwillige Feuerwehr, die das Dorf mit der Nachbargemeinde zusammen betreibt, stellte Rüschlikon im vergangenen Jahr gerade noch einen einzigen Mann.

Im Ortskern am Seeufer wirkt es zwar noch wie eine einfache Gemeinde: Dort steht eine Kirche mit überdimensioniertem Ziffernblatt, vereinzeltes Fachwerk, der Gasthof Rose, erbaut im Jahr 1540. Doch freie Wohnungen sind in Rüschlikon so gut wie nicht mehr vorhanden. Knapp 2500 Euro zahlt man hier durchschnittlich für einen Quadratmeter Bauland. Vor zehn Jahren war es weniger als die Hälfte. Allerorten werden alte Bauten abgerissen und moderne Appartementhäuser hochgezogen. Diese thronen vor allem oben am Hang, in der Nähe von Glasenbergs Villa. „Kläglich, dass man mit dem vielen Geld nichts Schöneres baut“, sagt Heuberger.

Auch Bernhard Elsener, der Gemeindepräsident Rüschlikons, ist besorgt über die rasante Veränderung des Dorfbildes. Doch Elsener glaubt nicht, dass wohlhabende Leute nur wegen der niedrigen Steuern herkommen. Vielmehr locke der See, die Ruhe, die optimale Lage – in zehn Minuten ist man in Zürich, in zwanzig in Zug. Elsener hat Sympathie für das Anliegen von Heuberger. Doch das ändere nichts an der beschaulichen und vorteilhaften Lage von Rüschlikon, findet er. Dass dieses Dorf inzwischen reich geworden ist, so reich, dass sich viele Normalverdienende das Leben hier nicht mehr leisten können, und dass dieser Wohlstand auf Kosten anderer geht – das wird in Rüschlikon und der gesamten Schweiz gern verdrängt.

Das ressourcenarme Alpenland wurde in den letzten Jahren zur Drehscheibe des globalen Rohstoffhandels, ohne dass die Öffentlichkeit es wirklich bemerkt hat. Steuerprivilegien und eine schwache Regulierung lockten Konzerne nach Genf oder Zug. Mittlerweile läuft bis zu einem Viertel des weltweit durch den Rohstoffhandel erwirtschafteten Geldes über die Schweiz. Fünf der zehn umsatzstärksten Unternehmen des Landes sind Rohstoffkonzerne.

Zwischen 2001 und 2011 sind die Erlöse in diesem Sektor um das Vierzehnfache gestiegen. Das schreibt die NGO „Erklärung von Bern“ (EvB), die die Rohstoffbranche beobachtet. Die Organisation hat vor zwei Jahren mit dem Buch „Rohstoff – das gefährlichste Geschäft der Schweiz“ dazu beigetragen, verschwiegene Unternehmen und ihre Geschäftsmethoden ins öffentliche Bewusstsein der Eidgenossen zu bringen. Die Recherchen der Autoren über die Arbeitsbedingungen von Minenarbeitern im Kongo schlugen hohe Wellen. Sie warnen, das Rohstoffgeschäft schädige den guten Ruf des Landes. Deshalb fordert die NGO eine strengere Regulierung für den Rohstoffsektor und mehr Transparenz.

Während die EU und die USA neue Regeln für Rohstofffirmen beschlossen haben, bewegt sich die Schweiz aus Furcht vor Standortnachteilen nur widerwillig. „Die Lobbyanstrengungen der Branche haben zugenommen“, sagt EvB-Sprecher Oliver Classen, und die Regierung in Bern setze eher auf die freiwillige Transparenz der Rohstofffirmen anstatt auf neue Gesetze. Dennoch gibt sich Classen optimistisch: „In der Schweiz werden stärkere Transparenzvorschriften kommen – aber nur unter massivem internationalen Druck.“

Am Bahnhof in Rüschlikon, direkt an den Gleisen, liegt eine Bauparzelle. Hier hat die Gemeinde jüngst für 20 Millionen Franken Bauland gekauft, umgerechnet
16 Millionen Euro. Das Gelände gehörte den Schweizerischen Bundesbahnen. Es sollten teure Wohnungen darauf gebaut werden. Doch das Projekt scheiterte am Widerstand der Bevölkerung. Jetzt werden dort bezahlbare Alters- und Familienwohnungen entstehen. Denn: Dank der Glasenberg-Millionen kann Rüschlikon nicht nur die Steuern senken, sondern auch kräftig investieren. Die Gemeinde gewährte dieses Jahr einem Altersheim ein Darlehen über 25 Millionen Franken. Für 22 Millionen baut sie neue Schulen, für 6,5 Millionen plant sie die Umgestaltung der Seeuferanlagen – ohne dafür Kredite aufzunehmen. Rüschlikon zahlte 2013 den Rekordbetrag von 165 Millionen Franken in den kommunalen Finanzausgleich des Kantons Zürich ein. Glasenbergs Steuermillionen kamen also jeder Zürcher Gemeinde zugute. Die zeigten sich erfreut.

„Als wäre die Schweiz auf dieses Geld angewiesen“, sagt Heuberger. Andere würden dafür mit bloßen Händen im Dreck wühlen.

evb.ch rechtohnegrenzen.ch

Rohstoffparadies Schweiz 
Ihre Neutralität, Steuerprivilegien und finanzielle Stabilität verhalfen der Schweiz dazu, Drehscheibe des weltweiten Rohstoffhandels zu werden – Holdinggesellschaften sind hier zum Beispiel von der Gewinn­steuer befreit. Rohstoff­zentren sind die Kantone Zug und Genf. Dort sitzen Unternehmen
wie Trafigura, Mercuria, Vitol und auch Glencore. In Zug werden Topverdiener ab einem Einkommen von 100.000 Euro pro Jahr steuerlich am niedrigsten belastet – nur Hongkong und Singapur sind vorteilhafter. In Genf sitzen Banken, die sich auf die Finanzierung von Rohstoffgeschäften spezialisiert haben, zudem eine der größten Container­reedereien – ein ideales Umfeld für Rohstoffkonzerne. In Rüschlikon profitiert Ivan Glasen­berg von der guten Ver­kehrs­­an­bin­dung zur Kon­zern­zen­tra­le in Baar im Kanton Zug sowie zum Zürcher Flughafen – und kann die schöne Lage am Zürichsee genießen.

Text: Adrian Meyer
Fotos: Herbert Zimmermann