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Greenpeace Magazin Ausgabe 5.05

Heftpflaster für weiße Riesen

Text: Alexandra Rigos

Der Klimawandel lässt die Alpengletscher rasant schmelzen. Forscher erproben nun Methoden, den Schwund zu stoppen.

Schneidig fährt der Loisl mit dem Pistenbully an der „Jochdohle 3000“ vor, dem höchst gelegenen Bergrestaurant Tirols. Das Baseball-Käppi trägt er verkehrt herum auf dem Kopf, die kurzen Hosen geben den Blick auf stramme Waden frei, und auf seiner schwarzen Fleece-Weste prangt der Slogan der Stubaier Gletscherbahn: „Königreich des Schnees.“

Wie es sich für einen Ex-Skilehrer gehört, der sogar schon in Australien praktiziert hat, beginnt der Loisl sofort, mit Andrea Fischer zu schäkern, der jungen, blonden Gletscherforscherin von der Innsbrucker Universität. Sobald jedoch die Rede auf seine gegenwärtige Mission kommt, wird der Pistenarbeiter Alois Ranalter wieder ernst: „Wir leben hier im Tal ausschließlich vom Tourismus“, sagt er, „ das Gletschereis ist die Grundlage unseres Geschäfts.“ Schließlich zählt das Skigebiet zu den größten und beliebtesten im ganzen Alpenraum. 1,2 Millionen Besucher kommen jährlich hierher, zu fast 80 Prozent sind es Deutsche.

Selbst jetzt, Anfang Juli, rutschen noch ein paar Unentwegte in weiten Anfängerschwüngen bergab. Ein wenig muss sich das wie Wasserski anfühlen, denn selbst auf der Piste ist der Schnee angetaut und matschig. Überall sonst rinnt Schmelzwasser bergab, das Glucksen der Bäche wird nur übertönt vom pausenlosen Schnarren und Scheppern der Gondelbahn. Im Königreich des Schnees herrscht Tauwetter. Und das geht an die Substanz.

Der Stubaier Gletscher leidet unter derselben Krankheit wie praktisch alle Eisströme der Alpen: Der Sommer frisst mehr Eis weg, als sich im Winter neu bilden kann. „Den schlechten Ernährungszustand des Gletschers erkennt man schon daran, dass er sich nach innen wölbt“, erklärt Andrea Fischer, ein gut erhaltener Gletscher müsse wie ein wohlgenährter Mensch bauchig sein. Und Ranalter deutet auf ein weißes Schild, das hoch über der „Jochdohle“ in der Felswand hängt. Es wies einmal den Weg zur Heidelberger Hütte. Seit es 1975 angebracht wurde, hat der Eispanzer hier, in frostigen 3150 Metern Höhe, gut 15 Meter Dicke eingebüßt. Skifahrern und Liftbetreibern schmilzt ihr kostbarer Gletscher wortwörtlich unter den Füßen weg.

Und deshalb haben sich die Leute von der Gletscherbahn mit den Innsbrucker Glaziologen zusammengetan, um zu erforschen, wie sich das nicht ganz so ewige Eis in Zeiten des Klimawandels länger haltbar machen lässt. „Aktiver Gletscherschutz“ heißt das Projekt, und es erprobt drei Ansätze: Zum einen, die Schneedecke auf dem Eis künstlich zu verdichten, zweitens, Wasser in die Schneeschicht einzuspritzen, und schließlich, die wohl spektakulärste Maßnahme, Teile des Gletschers während der sommerlichen Schmelzperiode mit Kunststoffgewebe abzudecken. Diese Idee kam von Tiroler Liftbetreibern, die auch einen Großteil der Kosten tragen.

Ähnliche Versuche laufen derzeit in anderen österreichischen Skigebieten, bei Andermatt in der Schweiz sowie auf den kläglichen Resten des deutschen Schneeferners auf der Zugspitze. In der Öffentlichkeit ernten diese Vorhaben einigen Spott: „Frischhaltefolie für Gletscher“, höhnten die Zeitungen. Umweltschützer legten den Finger in die Wunde und wiesen darauf hin, wie aussichtslos derlei Rettungsversuche angesichts global steigender Temperaturen seien: „Klimaschutz statt Symptombekämpfung“ stand auf den Transparenten, mit denen Schweizer Greenpeace-Aktivisten auf dem Gurschengletscher demonstrierten, als die „Andermatt Gotthard Sportbahnen AG“ im Mai dort ihre 2500 Quadratmeter Folie ausbreitete. Und WWF-Mann Martin Hiller stellte sarkastisch fest: „Die Klimakatastrophe hat nun auch einen der reichsten Orte der Schweiz erreicht.“ Man sei im Geiste bei den Andermattern, die nun wie die Armen in den Entwicklungsländern die Folgen der globalen Erwärmung zu spüren bekämen.

Doch was auf Beobachter skurril und hilflos wirkt, ist aus Sicht der Gletscherbahnbetreiber durchaus sinnvoll kalkuliert. Schließlich geht es den Geschäftsleuten weder um den Kampf gegen den Treibhauseffekt noch um das Landschaftsbild, sondern schlicht um die Bewahrung ihrer Pisten.

Von der 2900 Meter hoch gelegenen Bergstation „Eisgrat“ aus betrachtet, sieht der Stubaier Gletscher aus wie mit Heftpflaster geflickt. Mehrere Versuchsfelder sind mit weißem Polypropylen-Vlies bedeckt; eine fußballfeldgroße Fläche erstreckt sich direkt vor den Toren der Liftstation. Schmilzt das Eis nämlich an dieser Stelle weg, würde eine Kluft den Skifahrern den Weg zur Piste versperren. Auch jeweils etwa 100 Quadratmeter rings um die Liftstützen sind mit den sonst im Straßenbau eingesetzten Geotextilien abgedeckt, denn wegen der hohen Wärmeleitfähigkeit des Metalls drohen die Pfosten im Eis einzusinken und die ganze Gondelbahn zu destabilisieren. Insgesamt legen Ranalter und seine Kollegen in diesem Sommer an die zehn Hektar Planen aus. Gemessen an 700 Hektar Pistenfläche ist das nicht eben viel, doch genug, um das Eis an kritischen Stellen zu schützen.

Jede Woche fahren Fischer und ihr Kollege Marc Olefs ins Stubai, um ihre Versuchsflächen zu kontrollieren. In der Gletscherkunde geht es handfest zu, statt blitzender Messtechnik haben die beiden Geräte wie aus dem heimischen Werkzeugschrank im Rucksack: Einen Spaten, um ein Schneeprofil abzugraben, Gummihammer, Maurerkellen und ein Stück Rohr, um Proben für Dichtemessungen zu entnehmen, eine Briefwaage, um ihr Gewicht zu ermitteln.

Das wichtigste Utensil der Forscher aber ist der Zollstock, mit dem sie an den hölzernen Pegelstangen ablesen, wie viel Schnee – und später im Jahr auch Eis – weggeschmolzen sind. Drei Wochen liegt das Vlies erst aus, doch schon ist deutlich zu erkennen, wie viel besser sich der Schnee unter der Schutzdecke hält: Die Versuchsflächen überragen ihre Umgebung kniehoch. Doch auch sie verlieren an Substanz – knapp einen halben Meter Schnee haben sie eingebüßt, der ungeschützte Gletscher doppelt so viel. Hier und da zeigt er schon Flecken blanken Eises. Grau und schmutzig wirken sie, da der Gletscher mit Staub und Geröll durchsetzt ist. Reflektiert die weiße Schneeschicht noch einen großen Teil der Strahlung, kann die Sonne ungehemmt ihr Zerstörungswerk verrichten, sobald der dunkle, die Wärmestrahlung absorbierende Eiskörper bloß liegt. Genau dies soll die Kunststoffhaut verhindern.

Doch selbst wenn die Abdeckungen wirklich funktionieren, wie es die bisherigen Versuche zu belegen scheinen, können sie wegen des enormen Aufwands nur auf kleinsten Flächen zum Einsatz kommen: „Mit Pflästerli ist dem Problem Gletscherschwund nicht beizukommen“, mahnt Alexander Hauri von Greenpeace Schweiz. Seit 1850 haben die Alpengletscher etwa zwei Drittel ihres Volumens verloren. Allein im heißen Sommer 2003 sollen fünf bis zehn Prozent der Eismasse verschwunden sein.

An ihrem Innsbrucker Schreibtisch mit Bergblick zeigt Andrea Fischer ein Foto, das in jenem Sommer auf dem Kesselwandferner in den Ötztaler Alpen entstanden ist: Es zeigt eine winzige menschliche Figur, die von einer hölzernen Pegelstange um etliche Meter überragt wird. Diesen Stab hatten die Forscher im Herbst zuvor vollständig im Eis versenkt. Zwischen sieben und acht Meter Dicke verlor der Gletscher damals in einer einzigen Schmelzperiode.

Sentimentalität oder gar Alarmismus angesichts der dahinsiechenden Eisgiganten sind Andrea Fischer allerdings fremd. Im Gegenteil, sie freut sich über jeden heißen Sommer: „Wenn viel schmilzt, kann man viel über das System lernen.“ Mit der Gelassenheit der Geowissenschaftlerin, die gewohnt ist, in erdgeschichtlichen Zeiträumen zu denken, sagt sie: „Irgendwann werden die Gletscher schon wieder vorstoßen.“

Immerhin deuten neue Befunde darauf hin, dass die Alpen schon häufiger, zuletzt vor etwa 7000 Jahren, weitgehend eisfrei waren: Auf ihrem Rückzug geben die Gletscher Reste von Bäumen frei, die sich gut datieren lassen – und die nur oberhalb ihrer Fundstelle gewachsen sein können. Es scheint, als sei das System Gletscher noch instabiler als bislang angenommen, als gebe es Verstärkungseffekte, die ab einem bestimmten Punkt ihren Niedergang mehr und mehr beschleunigen. Ob dieser Punkt bereits erreicht ist, vermag Andrea Fischer nicht zu sagen: „Wir haben 50 Jahre Messungen, das ist so gut wie nichts.“

Sicher allerdings ist, dass der Gletscherverlust den Wasserhaushalt und damit die Ökologie der Alpenlandschaft umwälzen wird. Nach Ansicht der bayerischen Kommission für Glaziologie werden Ende dieses Jahrhunderts die meisten Gletscher der Ostalpen und fast drei Viertel der Schweizer Eisströme verschwunden sein; optimistischere Schätzungen gehen davon aus, dass 2100 jeder dritte Alpengletscher geschmolzen sein wird.

Als Folge werden die Gebirgstäler zunächst vermehrt mit Hochwasser zu kämpfen haben, wenn starker Sommerregen die ohnehin randvoll mit Schmelzwasser gefüllten Flüsse über die Ufer treten lässt. Später werden die Gletscher als Wasserspeicher fehlen, die über die heiße Jahreszeit hinweg die Bäche speisen. „Das kann zu Engpässen in der Wasserversorgung führen“, warnt Ludwig Braun von der Glaziologie-Kommission.

Zudem drohen den Alpenländlern mehr Erdrutsche und Gerölllawinen. Die schmelzenden Eispanzer hinterlassen oft Gestein in Steillagen – eine Gefahr für Bergsteiger, aber auch Ortschaften. Denn nicht nur das sichtbare Eis taut auf, sondern ebenso die Permafrostböden, deren Fläche jene der Gletscher weit übertrifft. Aus diesem Grund ließ der Schweizer Ferienort Pontresina vor zwei Jahren einen gigantischen Lawinenschutzdamm in die Hochgebirgsidylle pflanzen. Der 13 Meter hohe und 460 Meter lange Wall soll die Gemeinde vor den 100.000 Kubikmetern Geröll auf den Hängen des Schafbergs schützen, die derzeit noch vom Eis zusammengehalten werden.

Und auch die wirtschaftliche Lage der Alpentäler dürfte durch den Klimawandel erschüttert werden. Nach wie vor hängen viele Regionen wie das Stubai-Tal fast vollständig vom Fremdenverkehr ab, und das heißt in erster Linie: vom Skitourismus. Längst ist absehbar, dass Skigebiete unter 2000 Metern Höhe aus Schneemangel ihren Betrieb einstellen müssen. Paradoxerweise könnten die Gletscherbahnen zunächst von den steigenden Temperaturen profitieren – wenn sich die Skifahrer auf den letzten Eisflecken sammeln. Kein Wunder also, dass sich Caroline Suitner, Pressesprecherin der Stubaier Gletscherbahn, optimistisch gibt: „Wir sehen keine Katastrophe, wir warten ab, wie die Dinge sich entwickeln.“ Schließlich rechnen sich Investitionen wie die 7,5 Millionen Euro für die 2003 eingeweihte Schaufeljochbahn schon nach sieben Jahren – so lange wird der Gletscher schon halten. Und dank der Kunststoffpflaster kann der Skizirkus weiterhin früh im Herbst losgehen.

Andrea Fischer jedoch hat mehr im Sinn als den störungsfreien Betrieb der Gletscherbahn. Haben sie und ihr Team erst herausgefunden, wie, an welchen Stellen und mit welchen Materialien sich das Eis am besten schützen lässt, dann ließe sich die Technik theoretisch nutzen, um kleine Gletscher wie den siechen Schneeferner zu erhalten. Dazu müsste man gezielt entscheidende Flächen im Nährgebiet, wo sich der Eisnachschub bildet, abdecken. „Es sollte möglich sein“, sinniert die Forscherin, „einen Gletscher auf diese Weise aufzupäppeln.“