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Greenpeace Magazin Ausgabe 6.15

Heilt Zeit diese Wunden?

Text: Andrea Hösch

Vor 20 Jahren wurde Srebrenica zum Schauplatz des größten Verbrechens in Europa nach 1945. Mehr als 8000 Muslime wurden hier im serbischen Teil Bosniens ermordet. Zum Gedenken an die Opfer des Genozids wandern jedes Jahr Tausende Menschen in die ehemalige Schutzzone der Vereinten Nationen. Auf der Fluchtroute von damals machen sie den Todes- zu einem Friedensmarsch

Mit bloßen Händen schlägt Muhizin Omerovic eine Schneise in den hohen Farn. Wo das Feld in lichten Wald übergeht, bleibt der kräftige Mann abrupt stehen. Aus verrottendem Laub zieht er ein Paar Sandalen, zusammengeflickt aus Autoreifen und einem Stück Fallschirmgurt. Daneben lugt Stoff aus dem Erdreich, der Rest einer Jacke. Omerovic sucht weiter und findet verrostete Konserven, Plastikkanister und noch einen einzelnen Gummischuh – stille Zeugen des Massakers von Srebrenica.

Der Fundort liegt auf einem Hügel oberhalb der ostbosnischen Stadt. Hier waren vor zwanzig Jahren tausende Männer und Jungen zur Flucht aufgebrochen. Zuvor hatten bosnische Serben die Stadt eingenommen, um sie von muslimischen Bosniern zu säubern. Der Todesmarsch war die einzige Überlebenschance für die Muslime. Viele überlebten ihn nicht. Muhizin Omerovic war damals 21 Jahre alt. Halb verhungert und panisch vor Angst streifte er zwei Monate lang durch die Wildnis, bis er endlich in Sicherheit war. Heute arbeitet er in der Gemeindeverwaltung. Zu seinen Aufgaben gehört es, „Mars Mira“, den Friedensmarsch, zu organisieren.

Im Gedenken an die Opfer laufen jedes Jahr tausende Menschen die Fluchtroute von 1995 in entgegengesetzter Richtung ab – von Nezuk bei Tuzla nach Potocari bei Srebrenica. Fast hundert Kilometer in drei Tagen und in brütender Hitze tun sich Angehörige und Überlebende an. Die Wanderer kommen aus ganz Bosnien, aber auch aus Österreich, Schweden, Frankreich, Spanien und Deutschland. Sie schwenken Fahnen oder tragen -T-Shirts mit der Mahnung: Vergesst Srebrenica nicht! Ein Mann hat sich auf seinen Unterarm die Zahl 8372 tätowieren lassen – so viele Menschen wurden bei dem Völkermord im Juli 1995 getötet. Am Wegesrand reichen Anwohner Wasser, Tee oder Kaffee. An Zäunen sind Originalfotos aus dem Jahr 1995 befestigt. Sie zeigen völlig ausgemergelte Überlebende, denen das Ent-setzen ins Gesicht geschrieben steht. Nur etwa die Hälfte der Muslime konnte sich retten.

Am Fuß des Hügels erspäht Omerovic die ersten Mars-Mira-Wanderer. Sie haben nur noch wenige Kilometer vor sich, viele humpeln und schleppen sich mit letzter Kraft voran. „Auf diesem Stück müssen wir auf eine Alternativroute ausweichen, der Originalweg wäre zu gefährlich“, sagt der 41-Jährige. Der Grund offenbart sich hinter dem Farn: An den Bäumen entlang ehemaliger Schützengräben warnen rote Schilder vor Minenfeldern. „Ich bin sicher“, sagt Omerovic, „dass wir auf diesem Waldhang nicht nur viele Minen, sondern auch Leichen finden werden.“

Viele haben es damals nicht geschafft, die bosnisch-serbische Belagerung in den Wäldern zu durchbrechen. Mit Hunden wurden die Flüchtenden gejagt, in Hinterhalte gelockt. Dutzende Schilder entlang der Marschroute weisen auf Massengräber hin. Bis heute leisten Forensiker kriminologische Schwerstarbeit. Denn die Gebeine wurden vielfach wieder ausgehoben und andernorts vergraben, um Spuren zu verwischen. Meist finden sich nur einzelne Knochen eines Opfers. Die Identität der verwesten Körper lässt sich oft nur per DNA-Analyse ermitteln.

Schweißgebadet, sonnenverbrannt und mit bandagierten Knien und Knöcheln kommen die ersten Friedenswanderer in Potocari bei Srebrenica an. Den physischen Kraftakt haben sie hinter sich, den psychischen nicht. Von einer Kolonne Lastwagen laden Männer 136 schlichte, grünbespannte Holzsärge ab. So viele Opfer konnten die Forensiker seit der letzten Massen-beerdigung im Juli 2014 identifizieren. Die Särge werden gegenüber dem Genozid-Mahnmal in einer Halle aufgereiht, die an das ehemalige Lager der niederländischen UN-Blauhelmsoldaten grenzt.

Am 11. Juli 1995 spielten sich dort unbeschreibliche Szenen ab. Der bosnisch-serbische General Ratko Mladic war an diesem Tag mit seiner Armee in die UN-Schutzzone eingefallen. Um sich vor den vergewaltigenden und mordenden Truppen zu retten, liefen 25.000 Menschen ins Camp des niederländischen Bataillons, zum sogenannten „Dutchbat“. „Wir halfen, so gut wir konnten, mit Wasser, Essen und Medizin“, sagte Rob Zomer, einer der Blauhelmsoldaten. Die Führung des wenige hundert Mann starken UN-Bataillons hatte mehrmals Luftstreitkräfte angefordert, doch am Himmel blieb es ruhig. Stattdessen füllte sich die Stadt mit Bussen. Mladic ließ schreiende Frauen und weinende Kinder verladen und in die Nähe von Tuzla bringen. Männer in Todesangst wurden festgenommen und deportiert. Die Blauhelme sahen tatenlos zu.

Zu Hunderten wurden die Männer und Jungen auf freiem Feld erschossen oder in Hallen gepfercht. Die bosnischen Serben warfen Handgranaten hinein und erschossen danach die Überlebenden. Innerhalb von nicht einmal einer Woche wurden mehr als 8000 wehrlose Zivilisten massakriert und ihre Leichen mit schwerem Gerät verscharrt.

Alic, Hasanovic, Mehmedovic, Mustafic, Salihovic – hinter jedem Nachnamen stehen die Schicksale Dutzender Familienmitglieder. Der Gedenkstein auf dem Gräberfeld in Potocari listet in endlosen Reihen alle Namen der Väter, Söhne, Ehemänner und Brüder auf. Vor den Augen der Weltöffentlichkeit wurden ganze Familien ausgelöscht. Die sterblichen Überreste von mehr als 6200 Todesopfern sind inzwischen im Memorial Center begraben. Der Name Srebrenica, der auf den Silberabbau in der Römerzeit zurückgeht, steht nicht mehr für eine einst blühende Kurstadt, sondern für das größte Verbrechen in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg.

Der Friedhof ist das Einzige, was in Srebrenica wächst. Das Gedenken an die Toten erweckt den Ort einmal im Jahr zum Leben. Internationale Medien, Politiker aus aller Welt und zehntausende Muslime aus dem ganzen Land strömen immer am 11. Juli in das abgelegene Tal, das zum serbischen Teil Bosniens gehört. Dieses Jahr fahren sie vorbei an Laternenpfählen und Hauswänden, an denen Putin-Plakate hängen. Ein Dank an Russland, das mit seinem Veto verhinderte, dass der UN-Sicherheitsrat das Massaker in Srebrenica als Völkermord anerkennt. „Wenn ich all diese Menschen sehe, die hierher kommen, bin ich glücklich, weil ich ihr Mitgefühl spüre. Ich bin froh, dass die Welt die Opfer und die Überlebenden nicht vergessen hat“, sagt Fazila Efendic, in deren Kiosk sich die Besucher drän-gen. Alle wollen ein Andenken kaufen – Bücher, Blumen, ein T-Shirt oder die gehäkelte Srebrenica-Ansteckblüte: Ihr grünes Inneres steht für Hoffnung, das weiße Äußere für Unschuld.

Am Tag danach ist die Stadt wie leergefegt, wieder auf sich selbst zurückgeworfen. Wie in ganz Bosnien prägt lähmender Stillstand das Lebensgefühl. Es gibt wenig Arbeit, wenig Hoffnung, viel Korruption, viel Armut. Häuser stehen leer und verfallen. Nur 15 Prozent der Muslime haben sich wieder nach Srebrenica zurückgewagt, das ist die geringste Rückkehrerquote im ganzen Land. Einst lebten in der Stadt 37.000 Menschen, 70 Prozent waren muslimisch. Nun sind es noch 7000 Einwohner, das Verhältnis der Volksgruppen hat sich umgekehrt. Doch anders als vor dem Krieg leben die Menschen nicht mit-, sondern nebeneinander. Jeder weiß, wer orthodoxer Christ und wer Moslem ist, dazwischen verläuft eine unsichtbare Trennlinie.

Auf der Landkarte ist sie klar zu erkennen: Bosnien besteht aus der muslimisch-christlichen Föderation und der orthodoxen serbischen Republik. Diese ethnische Trennung hat der Friedensvertrag von Dayton im Dezember 1995 festgeschrieben – und damit den Konflikt nur eingefroren. Unter der Oberfläche schwelen auch 20 Jahre nach Kriegsende Befürchtungen, die Feindseligkeiten könnten erneut offen ausbrechen. Nationalistische Hardliner schüren diese Ängste. Beispielsweise macht Milorad Dodik, Präsident der Republika Srpska, seit Jahren keinen Hehl daraus, dass er den serbischen Landesteil am liebsten per Referendum von Bosnien-Herzegowina ab-spalten würde. Gelänge ihm dies, stünde die Enklave Srebrenica wieder auf verlorenem Posten.


Muhizin Omerovi, 1995: 21 Jahre
Überlebte den Todesmarsch und kehrte nach Srebrenica zurück
Schon nach drei Tagen waren wir wie Tiere. Wir aßen Beeren, Buchenblätter, Pilze, Schnecken – alles, was irgendwie verdaulich ist. Am meisten fürchtete ich mich vor den Hunden, die uns jagten und aufspürten. Wir sind fast wahnsinnig vor Angst durch die Wälder geirrt. Ich war damals 21 Jahre alt und floh zusammen mit einem 15-Jährigen und einem völlig erschöpften 50 Jahre alten Mann. Nach etwa einem Monat entschieden wir, erst mal zurück nach Srebrenica zu gehen, weil uns dort niemand vermuten würde. Als wir wieder bei Kräften waren, zogen wir erneut los. Nach 61 Tagen, am 11. September, erreichten wir endlich das nicht serbisch besetzte Gebiet der Föderation und waren gerettet. Viele Jahre später kehrte ich in mein Dorf in der Nähe von Srebrenica zurück. Unser Haus war niedergebrannt. Viele Grundstücke waren vermint. Keiner sollte je zurückkommen. Dass wir es, nach alldem, was passiert war, trotzdem taten, hat die Leute geschockt. Die Angst vor den Hunden ließ mich nicht mehr los. Selbst kleinste Kläffer lösten Panikattacken aus. Bis zu jenem Tag, an dem ich im Wald zwei halbwilde junge Hunde fand. Diese beiden haben mich vom Hass befreit und mir so zurück ins normale Leben geholfen. Schon bald gründete ich eine Familie, hörte auf zu rauchen, sparte das Geld und schaffte mir davon Ziegen an. Heute habe ich eine Herde von 50 Tieren – und organisiere den jährlichen Friedensmarsch.

Fazila Efendic, 1995: 44 Jahre
Betreibt in Sichtweite zum Gräberfeld einen Kiosk
Ich war eine der Ersten, die nach Srebrenica zurückkehrten. Ich hatte keine Angst, nach allem, was hinter mir lag. Mein Mann Hamed und mein Sohn Fejzo sind bei dem Massaker im Juli 1995 ermordet worden. Nur meine Tochter Nirha und ich haben überlebt. Zusammen mit ihr wagte ich im Mai 2002 die Rückkehr in meine Heimat, dorthin, wo ich geboren und aufgewachsen bin. Ich bin froh, wieder hier zu sein. Ich könnte nirgendwo sonst auf der Welt leben. Ich muss in der Nähe der Toten sein. Von meinem kleinen Kiosk aus, der so viel abwirft, dass es zum Leben reicht, sehe ich jeden Tag das Grab meines Mannes. Meinen Sohn konnte ich bis heute nicht bestatten, er wurde noch immer nicht gefunden. Für uns Überlebende ist der 11. Juli noch lange nicht vorbei. Erst in den letzten Jahren bin ich wieder ins Leben zurückgekehrt. Ich freue mich sehr über meine drei Enkelkinder und hoffe, dass wir irgendwann trotz aller Unterschiede wie vor dem Krieg friedlich zusammenleben können. Ich kann nicht vergessen und auch nicht vergeben, aber ich hasse niemanden. Das Leben ist zu kurz, um es mit Hass zu vergeuden. Fast 100 Kilometer an drei heißen Tagen: Nach den Strapazen sind viele Friedenswanderer am Ende ihrer Kräfte

Rob Zomer, 1995: 26 Jahre
Gehörte zur niederländischen UN-Truppe und lebt in Srebrenica
Ich wollte helfen, deshalb ging ich zu den Blauhelmen. Mit einem niederländischen Kontingent von 700 Soldaten kam ich im Januar 1992 in die UN-Schutzzone Srebrenica. Bald war uns klar, dass wir viel zu wenige waren, um die Enklave zu verteidigen. Noch dazu waren wir schlecht ausgerüstet. Jeder ‚Dutchbat‘ hatte 20 Schuss. Jeden Abend mussten wir die Munition nachzählen, aus den alten Patronen bröselte dabei schon das Pulver heraus, das muss man sich mal vorstellen. Obwohl wir mehrmals Unterstützung anforderten, kam keine. Wir waren auf uns allein gestellt, hungerten wie die Bevölkerung und versuchten dennoch, unser Bestes zu tun. Als die bosnisch-serbische Armee schließlich Srebrenica einnahm, haben wir Alte, Kranke, Frauen und Kinder in unser Camp gelassen, bis es aus allen Nähten platzte. Wir ahnten nicht, welches Blutbad Mladis Truppen anrichten würden. Deshalb fühle ich mich nicht schuldig. Es wäre noch schlimmer gekommen, wenn wir eingeschritten wären, das wäre selbstmörderisch gewesen. Die wahren Schuldigen sind die Verantwortlichen bei den Vereinten Nationen, die versprochen hatten, Srebrenica zu schützen, aber nichts dafür getan haben. Für mich steht UN für United Nothing (Vereintes Nichts). Ich habe in Srebrenica Freunde gefunden und lebe hier. Ich habe Alpträume, kann nicht schlafen, werde das Trauma nicht los. Alle Bilder und Erinnerungen kommen immer wieder hoch. Ohnmacht kann ich nicht aushalten. Wenn ich mich hilflos fühle, drehe ich durch.

Anesa Begi, 1995: 15 Jahre
Hofft auf einen Wirtschaftsaufschwung
Ich habe großes Glück gehabt, denn während des Krieges war ich mit meiner Familie in Deutschland. Vor neun Jahren kamen wir zurück. Als Einzige lebe ich in Srebrenica. Zimmer für Zimmer richtete ich unser völlig kaputtes Elternhaus her. Inzwischen betreibe ich eine kleine Pension und leite die Niederlassung einer Nudelfabrik aus Sarajevo. Ich fühle mich hier wohl und habe vor niemandem Angst. Mich interessiert nicht, was die Leute tratschen. Und aus der Politik halte ich mich raus, das gibt immer gleich Streit. Es gab auch finanziell klamme Zeiten, da hab‘ ich aus Beeren Marmelade gekocht und auf Märkten angeboten, oder ich habe eine Wiese gepachtet, Gras gemäht und Heu verkauft. Irgendwas findet sich immer, wenn man will. Davon bin ich überzeugt. Zum Beispiel gibt es im ganzen Ort keine Bäckerei, keine Metzgerei und keinen Kleiderladen. Da liegt viel brach. Mein Freund hatte es viel schwerer. Als 16-Jähriger musste er sich 78 Tage unter Todesgefahr durch die Wälder schlagen. Er hatte noch lange Jahre Alpträume und eine tief sitzende Angst, eines Tages verrückt zu werden. Irgendwann hat das zum Glück aufgehört. Heute geht es ihm gut. Er arbeitet auf der Post – als einziger Muslim unter lauter Serben.

Die Verantwortlichen
Der ehemalige Präsident der bosnischen Serben Radovan Karadzic und Ex-General Ratko Mladi müssen sich vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag für den Genozid in Srebrenica verantworten. Das Urteil über Karadzic will das Kriegsverbrechertribunal im Dezember fällen, der Prozess gegen Mladi soll erst in zwei Jahren abgeschlossen sein. Im Glauben, dass allein die Präsenz von Blauhelmen die Serben von Gräueltaten abhalten würde, hatten die Vereinten Nationen zum Schutz der Enklave eine kleine, schlecht ausgerüstete Truppe entsandt. Dieses Versagen der internationalen Gemeinschaft bleibt folgenlos, die UN genießen Immunität. Der niederländische Staat wurde 2014 für den Tod von 300 Opfern mitverantwortlich gemacht. Die Dutchbat-Soldaten hatten diese Männer den bosnischen Serben übergeben. Den Blauhelmen müsse bewusst gewesen sein, dass sie ermordet werden würden, urteilte das niederländische Zivilgericht in Den Haag.  Geklagt hatten die „Mütter von Srebrenica“.

Die Minenräumaktion
„Es ist uns sehr wichtig, dass der Mars Mira auf der Originalroute des Todesmarsches verlaufen kann“, sagt Hasudin Mustafi vom Zivilschutz der Stadt Srebrenica. Bislang verhindern das zwei Minenfelder, die unweit der Stadt in den Bergen liegen. Diese 60.000 Quadratmeter große Fläche werden wir als unser 11. Minenräumprojekt mit Ihrer Hilfe entminen lassen: Für jedes neue oder verschenkte Abonnement werden sechs Quadratmeter minenfrei.