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Greenpeace Magazin Ausgabe 2.18

Helium

Text: Julia Lauter

Im Universum ist es Massenware, auf der Erde muss es aufwendig gewonnen werden: Das Edelgas Helium ist für Medizin und Forschung unverzichtbar

Ein glühender Wagen, der mit vier feurigen Rössern den Himmel kreuzt – so stellten sich die Menschen im antiken Griechenland die Sonne vor. Das Edelgas, das nach Helios benannt wurde, dem Wagenlenker und Sonnengott, kann da nicht ganz mithalten: Es ist farblos, geruchlos, nicht brennbar, nicht giftig. Gemeinhin wird Helium eher mit Ballons und Mickey-Maus-Stimmen assoziiert. Ein Stoff, aus dem Kindergeburtstage gemacht sind.

Doch wer so denkt, hat den göttlichen Funken nur noch nicht gesehen: Kein Magnetresonanztomograf (MRT) kann heute ohne Helium den Menschen dienen, kein Weltraumteleskop das All erkunden, keine Rakete dort hinfliegen. Die damit verbundenen Einsichten sind nur möglich, weil Helium von allen Elementen den niedrigsten Schmelz- und Siedepunkt hat. Es wird erst nahe dem absoluten Nullpunkt bei minus 273,15 Grad flüssig – und unter Normaldruck niemals fest. Das heißt: Es eignet sich hervorragend zum Kühlen supraleitender Magnete, die auch in Teilchenbeschleunigern Verwendung finden. Kindergeburtstag? Von wegen!

Und apropos Kindergeburtstag: Helium ist alt, nahezu unendlich alt. Schon in der universalen Ursuppe befand sich nach dem Big Bang vor rund 13,7 Milliarden Jahren Helium. Da passt es, dass es nicht auf der Erde, sondern im All entdeckt worden ist. 1868 untersuchte der Astronom Pierre Jules Janssen das Lichtspektrum der Sonne und stieß dabei auf eine unbekannte gelbe Linie: der Hinweis auf ein neues Element. Der Forscher benannte den Stoff nach dem griechischen Sonnengott Helios – und ging dabei von einem Metall aus. Als Edelgas müsste es eigentlich Helion heißen. Aber wer außer Sonnengöttern ist schon allwissend?

Weltweit benötigen wir heute pro Jahr etwa 180 Millionen Kubikmeter des Stoffs, der Bestandteil einiger, aber längst nicht aller Erdgasvorkommen ist. Und der Verbrauch steigt stetig, Forscher warnen seit Jahren vor Knappheit. Umso größer war die Erleichterung, als 2016 im tansanischen Teil des Ostafrikanischen Grabens ein Volumen von nach aktuellen Schätzungen etwa 2,8 Milliarden Kubikmetern Helium entdeckt wurde – die größte bekannte Quelle. Weil aber auch die keine langfristige Nutzung sichern kann, wird Recycling wichtiger. Das Gas kann nach der Verwendung, zum Beispiel als Kühlmittel im MRT, aufgefangen und wiederverwertet werden. Bisher gibt es die teure Technik aber fast nur in großen Industrieanlagen und Forschungseinrichtungen. Weitblick ist eben auch eine knappe Ressource.

Das irdische Helium-Zeitalter könnte damit ein denkbar kurzes bleiben. Denn erst 1882 entdeckte der Vulkanologe Luigi Palmieri das Edelgas auf der Erde, als Bestandteil der Vesuv-Lava. In der Erdkruste entsteht Helium, wenn Elemente wie Uran, Thorium und Radium zerfallen. Etwa sechzig Millionen Kubikmeter sind das pro Jahr. Doch weil es sehr flüchtig ist, steigt es zumeist ungebremst aus der Erdkruste auf und verschwindet in der Atmosphäre. Draußen im All ist der Stoff derweil absolute Ramschware, das zweithäufigste Element, ein Abfallprodukt der Kernfusion. Im Bild des griechischen Mythos ist das Gas also nicht der Lenker des Sonnenwagens, sondern nur der Reifenabrieb. Den wir leider nicht aufkratzen können.

Doch – wer auf den Spuren des Heliums im Unendlichen versinkt, kommt irgendwann zu solchen Fragen – was macht das überhaupt? In 7,7 Milliarden Jahren wird die Sonne unseren Planeten sowieso verbrannt haben und dann selbst implodieren. Von ihr wird nur Sauerstoff und Kohlenstoff zurückbleiben – und ein Rest Helium. Wenn Sie also das nächste Mal fliegende Ballons auf Kindergeburtstagen sehen oder Mickey-Maus-Stimmen hören, denken Sie daran: Sie enthalten ein für uns kostbares Gut. Und einen Hauch der kosmischen Ewigkeit.