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Greenpeace Magazin Ausgabe 2.17

Herr Hennies holt auf

Text: Bastian Henrichs und Frauke Ladleif

Lange hat EnBW den Ausbau der Erneuerbaren vernachlässigt. Jetzt schickt der Konzern Menschen wie Florian Hennies ins Land, um Windräder zu bauen. Der Kampf um die Windmühlen ist auch ein Kampf um Glaubwürdigkeit

Leise surren die Rotorblätter im Wind – kaum hörbar, aber doch präsent. Lauter ist an diesem nasskalten Herbstmorgen der Schotter, der unter den Stiefeln der Herrengruppe knirscht. Florian Hennies marschiert mit fünf Landwirten über einen Hügel bei Rot am See in der Region Hohenlohe. EnBW hat hier in den vergangenen Monaten drei Windräder errichtet. Die Männer besprechen nun die Schäden an den Äckern, die durch die Baustelle entstanden sind.

Von der Anhöhe aus hat man einen weiten Blick in die Landschaft. Rund ein Dutzend Windräder ragen weit über die Baumwipfel hinaus. Auf den wenigsten prangt das blaue Logo von EnBW. Bei der Windkraft muss der Konzern mächtig aufholen – 3,5 Milliarden Euro will er deswegen in den Ausbau an Land und auf dem Wasser stecken. Bis zum Jahr 2020 soll deutschlandweit onshore eine Leistung von tausend Megawatt Strom errichtet sein. Bei ausreichend Wind werden die Räder dann so viel liefern wie ein Atomkraftwerk.

Vor der Neuausrichtung gab es allenfalls Pilotprojekte und kaum Mitarbeiter, die sich mit Windturbinen auskannten. Erst mal mussten also erfahrene Leute angeworben und Mitarbeiter umgeschult werden. Die sendet EnBW jetzt in Teams aus, um Flächen für Windräder zu ergattern und Windparks zu errichten. In einem dieser Teams arbeitet Florian Hennies.

Der 38-Jährige ist seit 2009 bei EnBW und kaufte zunächst, als EnBW noch ausschließlich auf große Kraftwerke setzte, die Turbinen für die internationalen Offshore-Projekte in der Ostsee. Doch seit der Konzern auch in die dezentrale Energiewende eingestiegen ist, arbeitet Hennies als Projektleiter für den Bau von Windrädern an Land. „Ich wollte wissen, was nach der Vertragsunterschrift passiert.“ Das erste, was sich ändert, ist die Arbeitssprache: Aus Englisch wird Schwäbisch – oder manchmal Fränkisch.

„Des war scho vorher nich der beschte Weg“, sagt einer der Landwirte. Er meint die löcherige Straße, die zu den Äckern führt. „Aber der isch ja nich wege de Landwirtschaft kaputt gegange, sondern durch die Lkw.“ EnBW solle die Straße ausbessern. „Wir stellen den Weg wieder so her, wie er vorher war, also auch so schlecht wie er war“, erwidert Hennies. Der Landwirt ist unzufrieden: „Hascht ja gesehe, wo überall die Teerplatte nach unte abgesackt sind. Muscht erst mal den Unterbau mache.“ Mit seinen gut 1,90 Meter braucht sich Hennies vor dem kernigen Bauern nicht zu verstecken. Doch er gibt sich defensiv: „Die Gemeinde will den Weg natürlich verbessern. Aber wie und wann das gemacht wird, muss sie entscheiden.“

Hennies ist viel vor Ort und moderiert zwischen Konzern, Flächeneigentümern, Handwerkern, Gemeinden und Bürgern. Der „Maschinenraum der Energiewende“, wie EnBW sich werbewirksam bezeichnet, ist kleinteilig – und viele wollen darin herumschrauben. Spricht Hennies über seine Arbeit, fällt oft das Wort „beteiligen“. Alle sollen etwas vom Kuchen abbekommen: Es gibt Pachtverträge für Landwirte, Aufträge für örtliche Betriebe und Investitionsmöglichkeiten für Anwohner.

So will EnBW bürgernah und dezentral erscheinen. Und das soll Akzeptanz schaffen. Je mehr die Leute vor Ort profitieren, desto eher gewinnt man sie für das Projekt – und bekommt von den einen die Flächen, von den anderen das Geld. Denn ohne die finanzielle Beteiligung von Bürgern, Stadtwerken oder Unternehmen könnte EnBW den eigenen Strukturwandel nicht bezahlen.

In Rot am See hat es mit der Akzeptanz geklappt. Nach drei Jahren Planung konnte Hennies im März 2016 mit dem Bau der drei Windräder beginnen – bis zum „Sternziehen“ im August, als Arbeiter die Rotorblätter montierten. Riesige Sattelschlepper hatten die 62 Meter langen Flügel über die idyllischen Hügel von Hohenlohe gezogen und durch winzige Dörfer manövriert. „Eltern standen mit ihren Kindern an der Straße und schauten zu“, erzählt Hennies. Bei der anschließenden Besichtigung durften dann die Landwirte die Anlage inspizieren, neun Bauern plus Enkel, Frauen und Freunde.

Vom anonymen Energieversorger zum Unternehmen zum Anfassen: Der Konzern wirbt um Glaubwürdigkeit. Einer, der dieses neue Image mit aufbaut, ist Dirk Güsewell, verantwortlich für „Erzeugung und Portfolioentwicklung“ und den Ausbau der Windenergie. „Ich sehe es als sportlichen Anreiz, unsere Kunden wie auch die Öffentlichkeit davon zu überzeugen, wie wir jetzt ticken“, sagt er. „Kein Kunde wartet auf uns. Aber wenn wir umsetzen, was wir für uns in Anspruch nehmen, nämlich die Energiewende erlebbar zu machen, dann werden die Vorurteile bald der Vergangenheit angehören.“ Das klingt schön, aber ist die Energiewende nicht schon längst für viele erlebbar? Für Menschen wie Sebastian Sladek zum Beispiel.

Sladek ist der Geschäftsführer der Elektrizitätswerke Schönau im Schwarzwald, bekannt als die „Stromrebellen“. Seine Eltern Michael und Ursula Sladek und andere Bürger machten sich in den Achtzigerjahren selbst ans Werk, für eine umweltverträgliche Energieversorgung ihres Städtchens zu sorgen, lange bevor es die Energiewende offiziell gab. Ein typisches Beispiel dafür, wie der Ausbau der erneuerbaren Energien begann – als Pionierarbeit von Bürgern und Stadtwerken.

Wenn Sladek junior nun über EnBW spricht, gerät er schnell in Rage. Er fühlt sich, wie viele dieser Pioniere, von der Politik betrogen. „Ich begrüße, dass EnBW auf Erneuerbare setzt, das sei denen ja erlaubt“, sagt er. „Aber mich ärgert, dass die Marktkonditionen jetzt zugunsten der Großen verschoben werden.“ Vor allem die Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) empört ihn. Seit diesem Jahr bekommen neue Windkraftbetreiber nicht mehr die gesetzlich vorgeschriebene Einspeisevergütung, die ihnen Investitionssicherheit garantierte. Stattdessen müssen in der Regel alle an einem Ausschreibungsverfahren teilnehmen – der Bieter mit dem niedrigsten Preis bekommt den Zuschlag. Viele befürchten, dass Energiegenossenschaften die damit verbundenen Risiken nicht stemmen können. „Die Kleinen, die Kommunen, die Bürger, die sollen nicht mehr mitmachen“, ist sich Sladek sicher. Dabei ist die Energiewende für ihn ein Projekt, das als Gemeinschaftswerk vieler begann, das Partizipation und eine Demokratisierung des Energiemarktes versprach. Das ist für Sladek die wahre Bedeutung von „bürgernah“ und „dezentral“.

Kritiker sehen in der EEG-Reform eine politisch gewollte Akteurswende: Jahrelang hatten die Großen nicht in Erneuerbare investiert und deren Ausbau durch ihr Oligopol verzögert. Nun bekommen sie, mit Schützenhilfe aus Berlin, Zeit zum Aufholen. Die Energiewende von unten bleibt hingegen auf der Strecke – und womöglich auch die Akzeptanz.

Schon jetzt begleitet massiver Widerstand viele Windkraftprojekte, insbesondere in Baden-Württemberg. In Rot am See verlief der Bau der Windräder zwar harmonisch. Aber nur 15 Kilometer weiter südlich, in Langenburg, hat sich eine harte Front an Windkraftgegnern gebildet – wegen des Waldes, wegen der Fledermäuse, wegen des seltenen Rotmilans. Und wegen der „Verschandelung“ der Landschaft.

EnBW möchte hier 13 Windräder bauen. Der Konflikt ist über die Gemeindegrenzen hinweg so bekannt, dass sich der wortstarke Windkraftkritiker Enoch Freiherr zu Guttenberg einschaltete. Er war einst einer der Gründer des BUND, verließ die Naturschutzorganisation aber medienwirksam, weil sie den Ausbau der Windenergie unterstützt. In einer Rede, die er im April 2015 in Langenburg hielt und die auf Youtube zu sehen ist, warnt er vor dem „furchtbaren Sog metastasierender Rotorblätter“, die „unsere Heimat ruinieren“.

So unversöhnlich manche Kritik daherkommt, EnBW muss mit ihr umgehen. „Wir laden am Anfang eines Projekts immer die Gemeinde ein“, sagt Hennies. „In Rot am See zum Beispiel kamen beinahe hundert Leute.“ Wenn es um begründete Ängste gehe, habe er Verständnis für Windkraftgegner, sagt Hennies. Ein echtes Problem sei aber die „Not-in-my-backyard“-Mentalität – Windkraft ja, aber „nicht in meinem Vorgarten“. Da wird er fast trotzig: „Wenn wir die Energiewende wollen, dann müssen die Räder ja irgendwo hin.“

Hennies ist womöglich einer jener Mitarbeiter, die Franz Pöter vom BUND Baden-Württemberg im Sinn hat, wenn er über die neue Offenheit von EnBW spricht. „Wir reden jetzt viel öfter mit denen“, sagt Pöter. Allerdings existiere noch immer keine echte Vertrauensbasis. „Wenn es darum geht, ein Projekt ganz aufzugeben, weil sich ein Gebiet aus Naturschutzgründen nicht eignet, bleibt es schwierig.“

Die schöne Geschichte vom Kohle- und Atomkonzern, der nun ergrünen möchte – schaut man sich die reinen Fakten an, erscheint die Realität eher grau: Erneuerbare Energien machten 2015 an der Erzeugungskapazität des Unternehmens gerade mal 23,6 Prozent aus – und das Gros liefern alte Wasserkraftwerke, die schon immer zum Portfolio gehörten. Tatsächlich produzierten EnBW-Anlagen im Jahr 2015 durch Wind, Sonne und sonstige Erneuerbare nur 1461 Gigawattstunden Energie, was einen Anteil von 2,6 Prozent an der gesamten Stromerzeugung ausmacht. „Grüne Energie“, wie sie der Konzern schon jetzt auf großen Plakaten bewirbt, sieht anders aus. Das wird sich ändern, gewiss, aber der „Maschinenraum der Energiewende“ hat momentan noch die Größe einer Besenkammer.

Es ist mittlerweile 14 Uhr. Florian Hennies notiert die letzten Schäden auf den Äckern. Bald muss hier alles so sein wie vorher, damit die Bauern auf den Feldern wieder säen können – und die Windräder für EnBW endlich grünen Strom ernten.