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Greenpeace Magazin Ausgabe 2.17

Herr Michels packt ein

Text: Bastian Henrichs und Frauke Ladleif

Atomkraftwerke abzureißen ist kompliziert und teuer. Jörg Michels managt den Rückbau – ein logistischer Kraftakt, der vielen nicht schnell genug geht

Ein Förderband transportiert eine mit Eisenstangen gefüllte Blechkiste, groß wie ein Einkaufswagen, in eine dunkle Kammer. Die Türen schließen sich, auf einem Monitor erscheint ein Bild. Es sind nur wenige farbige Flecken zu sehen, das ist gut. Je weniger Verfärbungen, desto weniger radioaktive Gammastrahlen.

Das Atomkraftwerk Obrigheim, eines der ältesten in Deutschland, liefert seit 2005 keinen Strom mehr und wird demontiert – kistenweise. Schrauben, Scharniere und Schlüssel, Stahlrohre und Stühle, jeglicher Bauschrott und Betonschutt, alles muss einmal durch diese Halle und in einer der Blechwannen durch den Scanner, wie in der Sicherheitsschleuse eines Flughafens. Insgesamt 275.000 Tonnen Material, rund 7000 Lkw-Ladungen, werden auf Strahlenaktivität geprüft. Rund 98 Prozent bekommen die Freigabe und landen auf Mülldeponien oder im Wertstoffkreislauf. Der Rest fällt in die Kategorie „schwach- und mittelradioaktive Abfälle“ und muss in ein Endlager. Jeder Schritt des Rückbaus ist minutiös geplant, muss genehmigt und streng kontrolliert werden. Bei EnBW gibt es einen Mann, der für all das verantwortlich ist: Jörg Michels.

Michels steht auf der dritten Ebene im ehemaligen Schaltanlagengebäude. 15 Meter hohe Betonwände dienen einem Castorbehälter und einigen gelben Tonnen als Garage. „Was wir hier in Obrigheim lernen, können wir an den anderen Standorten nutzen“, sagt der Geschäftsführer der EnBW Kernkraft GmbH. Denn der 48-Jährige muss auch den Rückbau der vier anderen EnBW-Reaktoren organisieren: Philippsburg 1 und 2, Neckarwestheim 1 und 2. Zu seinen Aufgaben gehört es, Anträge für die Stilllegung und die einzelnen Phasen des Rückbaus zu stellen, was jeweils mehrere Jahre dauert. Er muss die Kosten kalkulieren, bis zu eine Milliarde Euro pro Block. Und er muss sich der Bevölkerung stellen: Die fordert Transparenz über die Maßnahmen ein – und hat meist viel Diskussionsbedarf.

Als der gebürtige Saarländer über das Gelände des stillgelegten Kraftwerks führt, trägt er Helm und Sicherheitsschuhe zu Anzug und Krawatte, und in seinem Gesicht zeigt sich nur selten eine Regung. Beinahe seine gesamte Karriere hat der Elektroingenieur in den EnBW-Meilern gearbeitet, er kennt sie in- und auswendig, genauso wie die Argumente der Befürworter und Gegner. Für jede Frage hat er längst eine Antwort parat: „Deutschland hat entschieden, die Atomkraftwerke abzuschalten“, sagt er. „Wir tragen diese Entscheidung in aller Konsequenz mit. Es ist nun unser Weg und das ist in Ordnung.“ Michels gibt sich pragmatisch. Dass er, der Ingenieur, nun abwickeln muss statt Neues zu entwickeln – er muss es akzeptieren.

Doch die Risiken der Atomkraft offenbaren sich noch in den aussortierten Kraftwerken. Zum Beispiel bei der komplizierten Zerlegung des Reaktordruckbehälters, die, elf Jahre nach der Stilllegung, im vergangenen Sommer die dritte von vier Abbauphasen abschloss. Fast ein Jahr lang war ein achtköpfiges Team damit beschäftigt, das sieben Meter hohe und 135 Tonnen schwere Stahlungetüm mit Plasmabrenner und Bandsäge zu zerschneiden – unter Wasser und ferngesteuert. Um die Strahlung abzuschirmen, lagerte der Behälter, in dem zur aktiven Zeit die nukleare Kettenreaktion ablief, in acht Metern Tiefe.

Im „Nasslager“ im Gebäude nebenan liegen noch immer 342 stark strahlende Brennelemente. Sie sollen demnächst in Castorbehältern per Schiff über den Neckar fünfzig Kilometer flussaufwärts ins Zwischenlager am AKW Neckarwestheim gebracht werden. Der Ärger ist schon angekündigt, Umweltverbände und Aktionsbündnisse wollen protestieren. Sie fühlen sich nicht ausreichend an der Entscheidung beteiligt. Ihr Vorwurf: EnBW drücke sich aus Kostengründen um den Bau eines Lagers in Obrigheim und gefährde mit dem Transport die Menschen. Michels hält dagegen, es sei doch besser, die Brennelemente in ein bestehendes Zwischenlager zu bringen, als Obrigheim für lange Zeit zu einem weiteren Lagerstandort zu machen.

Michels ist der Stoßstürmer einer Informationsoffensive der EnBW. Er geht dorthin, wo es wehtut, zu Gemeinderatssitzungen und Bürgerdialogen. Das Unternehmen will suggerieren: Wir sind einverstanden mit dem Atomausstieg. Wir tun alles dafür, die Sache sauber abzuwickeln, und machen mit beim nationalen Großprojekt Energiewende.

Doch es ist ein erzwungener Sinneswandel. Nachdem der Konzern den Aufstieg der Erneuerbaren jahrelang ignoriert hatte, veränderte im März 2011 das Reaktorunglück in Fukushima alles. Auf die Katastrophe in Japan folgte das Moratorium in Deutschland: Die beiden älteren der vier noch laufenden EnBW-Reaktoren mussten sofort vom Netz und wurden später für immer abgeschaltet. Schlagartig verringerte sich die Atomstromkapazität des Konzerns um fast vierzig Prozent. „Wir mussten sofort handeln“, sagt Michels heute.

Der Atomausstieg entzieht EnBW schleichend die langjährige Geschäftsgrundlage. 51 Prozent der Stromerzeugung stammten 2010 noch aus den vier letzten Meilern. Michels bekam den Auftrag, einen Ausstiegsfahrplan zu entwickeln. Der sieht nun vor, den Rückbau binnen einer Generation zu beenden. So will er die Kompetenz der verbliebenen 1600 „Nukis“, wie die Kollegen aus dem Nuklearbereich intern genannt werden, nutzen, die Kosten gering halten und möglichst wenige Kündigungen aussprechen. In einer anderen Firma, die pleiteging, musste er das schon einmal tun: Mitarbeiter entlassen. Die Erfahrung nagt bis heute an dem sonst so nüchternen Manager.

Am Abend sitzt Michels auf dem Podium eines Konferenzraumes am Stuttgarter Flughafen. Teppichboden, gepolsterte Stühle, Hotelatmosphäre. Beim „Debattenabend“ der EnBW-Stiftung Energie und Klimaschutz wird über das im Dezember beschlossene Atommüllgesetz diskutiert. Danach müssen die Stromkonzerne bis 2022 insgesamt 23,5 Milliarden Euro in einen staatlichen Fonds überweisen, um die Zwischen- und Endlagerung zu finanzieren. Eine gute Lösung, findet Michels. Schlecht, meint einer der Kontrahenten auf der Bühne, denn das Geld sei zwar nun gesichert, aber was nach viel klinge, werde bei Weitem nicht ausreichen, um alle Kosten zu decken, die über die kommenden Jahrzehnte anfallen. Der Staat hat den Rettungsring ausgeworfen – um die Konzerne für die Energiewende ins Boot zu holen.

Es geht auf 21 Uhr zu, als sich ein schmächtiger Mann zu Wort meldet. Michels, seit 14 Stunden auf den Beinen, ist müde, lässt sich das aber nicht anmerken. Der weißhaarige Mann, Typ Anti-AKW-Veteran, hält einen Monolog, nennt Michels einen Heuchler und wird mit jedem Satz lauter und aggressiver. Am Ende sagt er: „Hört endlich auf, noch mehr von diesem Müll zu produzieren. Ihr könntet jetzt und hier entscheiden, die Dinger für immer abzuschalten, ganz einfach.“

Michels hört regungslos zu. Er kennt solche Angriffe. Es sei doch an der Zeit, die alten Grabenkämpfe zu beenden, sagt er, jetzt da EnBW sich auch auf den Weg gemacht habe. Was er nicht sagt: Die beiden noch laufenden Meiler werfen satte Gewinne ab – auf die der Konzern freiwillig nie verzichten würde.