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Greenpeace Magazin Ausgabe 3.15

Hinter Schloss und Riegel

Text: Susanne Tappe

Anfang Juni findet der G7-Gipfel auf Schloss Elmau statt. Ein Mega-Event inmitten von Naturschutzgebieten und abgeschottet von Demonstranten

Es ist eine Szenerie wie aus einem Märchen der Brüder Grimm: In einem grünen Tal, überragt von den schneebedeckten Gipfeln der Wettersteinwand, liegt Schloss Elmau. Am Rande rauscht kristallklar der Ferchenbach.

„Hinter den sieben Bergen“ trifft sich Anfang Juni jedoch nicht Schneewittchen mit den sieben Zwergen, sondern Angela Merkel mit der „Gruppe der Sieben“: den Staats- und Regierungschefs der mächtigsten Wirtschaftsnationen der Welt. Zu dem Großereignis südlich von Garmisch-Partenkirchen werden 5000 Journalisten und mehrere tausend Demonstranten erwartet. 15.000 Polizisten sollen den G7-Gipfel schützen.

Ein Graus für den früheren Revierförster und Umweltschützer Axel Doering (67): „Anfang Juni herrscht Hochbetrieb in der Kinderstube der Natur“, erklärt der Kreisvorsitzende des Bundes Naturschutz. „Die Blumenwiesen stehen in vollem Saft, die Bodenbrüter sind noch nicht flügge und die Hirschkälber liegen versteckt im hohen Gras.“ Wenn seltene Tiere wie Rauhfußhühner und Rothirsche dann gestört würden, könne ihre Zahl spürbar sinken.

Schon jetzt übertönt das Rattern der Bagger das Plätschern des Gebirgsbaches. Die einzige Straße zum Schloss wird ausgebaut, eine zweite Kanalisation und Internetkabel verlegt, eine Blumenwiese wurde zum Baustellenparkplatz umfunktioniert und ein Wanderparkplatz als Landeplatz für sechs Hubschrauber asphaltiert. „Und das inmitten von Naturschutzgebieten! Vorher sonnten sich auf dem Schotterplatz Zauneidechsen“, empört sich Doering. „Nun ist es die größte Teerfläche, die ich je außerhalb eines Flughafens gesehen habe.“

Die Bundesregierung hat versprochen, die Flächen nach der Konferenz zu renaturieren, andernorts seien zum Ausgleich bereits neue Wiesen angelegt und Bäume gepflanzt worden. Nur ein schwacher Trost für Axel Doering und seine Kollegen. „Wir übernehmen eine Wächterfunktion“, sagt er. „Wir können den Gipfel nicht verhindern, nur den Schaden begrenzen.“

Das sieht Benjamin Ruß (29) vom Aktionsbündnis „Stop-G7-Elmau“ anders. In seiner Traumvorstellung liegt am 7. Juni Hochnebel über dem Tal, sodass der Anflug mit dem Hubschrauber ausfallen muss. Auf der Bundesstraße wiederum sitzen tausende Demonstranten und zwingen mit ihrem zivilen Ungehorsam die Limousinenkolonne zur Umkehr.

„Tragen wir den Protest auf den Gipfel“, lautet das Motto des bunten Bündnisses von Linken, Biobauern und Friedensbewegten. „Wir protestieren gegen die fehlende demokratische Legitimation der G7 und gegen eine Politik, die für Ungerechtigkeit und Kriege verantwortlich ist“, sagt Ruß.  

Das Argument von Gipfel-Befürwortern, solch intime diplomatische Treffen in der entspannten Atmosphäre eines Luxushotels könnten im wahrsten Sinne des Wortes kriegsentscheidend sein, lässt er nicht gelten. „Hier werden vor allem wirtschaftliche Machtbereiche abgesteckt, keine Kriege verhindert.“ Ansonsten sei das Ganze ein riesiges Medienspektakel zulasten der Steuerzahler. 211 Millionen Euro kostet die zweitägige Veranstaltung, die größte Summe fließt in Sicherheitsvorkehrungen.

Die richten sich auch gegen Demonstranten. Rund um Elmau wird eine Sperrzone eingerichtet, die einzige Zufahrtsstraße fünf Kilometer vorm Schloss abgeriegelt, Polizeibeamte patrouillieren im Gebirge. Ganz ohne kilometerlangen Zaun wie 2007 in Heiligendamm sollen die Mächtigen so auf tausend Höhenmetern von Störungen aller Art abgeschottet werden. „Ganz nach dem Motto: Wir sind auf dem Gipfel, der Pöbel ist unten im Tal“, sagt Benjamin Ruß verärgert.

Auf ihrer Suche nach Flächen für Protestcamps bekamen die G7-Gegner von drei umliegenden Gemeinden Absagen – alle im gleichen Wortlaut, inklusive Kommafehler. Wie ein Bürgermeister berichtet, hatte das Landratsamt die Gemeindeoberhäupter dazu angehalten. Die wiederum sollten Einfluss auf ihre Bauern nehmen. Außerdem verfasste die Bezirksregierung von Oberbayern einen Mustermietvertrag, der 100.000 Euro Kaution vorsieht.

Man wolle die Zeltlager von Gipfelgegnern nach Möglichkeit verhindern, heißt es aus dem bayerischen Innenministerium. Denn bei früheren Gipfeln hätten sich gewaltbereite Gruppen im Schutz der Camps formiert. Und Thomas Schwarzenberger, CSU-Bürgermeister der nächstgelegenen Gemeinde Krün, ergänzt: „Wenn sich der eine oder andere überlegt, er weiß nicht, wo er da schlafen kann, also bleibt er lieber daheim, dann ist das ja auch schon was.“

„Das ist doch Quatsch“, meint hingegen Benjamin Ruß. „Die Demonstranten kommen so oder so, und es braucht Camps, um Chaos zu verhindern.“ Er fühlt sich von den Behörden kriminalisiert und wertet ihr Vorgehen als einen Versuch, das Demonstrationsrecht einzuschränken. „Am liebsten wäre denen doch ein Demodrom: ein riesiges Stadion, wo das Volk sich einmal im Monat geordnet Luft macht und danach brav wieder nach Hause geht.“