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Greenpeace Magazin Ausgabe 1.16

Hitzeschock für kühle Rechner

Text: Matthias Lambrecht

Für den Kampf gegen den Klimawandel konnten sich große Investoren lange nicht erwärmen. Nun fürchten sie Risiken bei Energie- und Bergbaukonzernen. Das macht sie zu unverhofften Alliierten der Umweltschützer

Mit den üblichen höflichen Floskeln zur Begrüßung des Publikums hielt sich Mark Carney nicht lange auf. Ein paar lobende Worte fand er für den Gastgeber, den traditionsreichen Versicherungsmarkt Lloyd’s of London, der führende Vertreter der britischen Finanzbranche an diesem Herbstabend zum City Dinner in seine Zentrale geladen hatte. Dann wartete der Governor der Bank of England mit unbequemen Wahrheiten auf: „Die aktuellen Herausforderungen durch den Klimawandel verblassen im Vergleich zu dem, was noch kommt“, warnte der Notenbankchef die zum Festmahl in Smoking und Abendkleid versammelten Finanzgrößen. „Wenn der Klimawandel erst mal zur bestimmenden Größe geworden ist, könnte es schon zu spät sein.“

Die Investoren an den Finanzmärkten laufen nach Carneys Einschätzung Gefahr, große Teile ihres Einsatzes zu verlieren. Denn mit dem Wechsel zu einer entschlosseneren Politik für den Klimaschutz müssen Öl- und Kohlereserven im Boden bleiben. Aus hochprofitablen Konzernen, die jahrelang an Förderung, Verkauf und Einsatz fossiler Brennstoffe verdient haben, drohen dann Verlustbringer zu werden, die Löcher in die Portfolios der großen Kapitalanleger reißen. "Eine Neubewertung der Aussichten auf breiter Front könnte die Märkte destabilisieren – insbesondere wenn sie plötzlich kommt", so Carneys düstere Prognose.

Die Sorge um die Folgen des Klimawandels hat die Top-Etagen der Finanzwelt erreicht. Sie beschäftigt Zentralbankchefs ebenso wie die Manager der institutionellen Investoren. Diese weltweit operierenden Vermögensverwalter bleiben gerne im Hintergrund. Sie verwalten die Pensionsvermögen kalifornischer Staatsbediensteter, die in Lebensversicherungen angesparten Rücklagen der Bundesbürger oder den angesammelten Ölreichtum der Norweger.

Das Volumen der verwalteten Vermögen stellt alle anderen ökonomischen Kennzahlen in den Schatten: Eine Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) beziffert das Kapital der großen Investmentgesellschaften aus den wichtigsten Volkswirtschaften für das Jahr 2013 auf gut 85 Billionen Euro – fast doppelt so viel, wie alle 34 Industriestaaten der OECD im gleichen Jahr gemeinsam erwirtschafteten.

Vom hektischen Tagesgeschehen an den Börsen lassen sich diese Riesen kaum beeindrucken. Wenn die global operierenden Vermögensverwalter aber ihre Einschätzung der mittel- und langfristigen Risiken ändern, dann schichten sie ihr Kapital um und ziehen es aus Unternehmen zurück, deren Geschäftsmodellen sie nicht mehr trauen.

Inzwischen mehren sich die Anzeichen, dass die institutionellen Investoren die Risiken des Klimawandels neu bewerten – und dass ihr Vertrauen in die Profitabilität der etablierten Energie- und Bergbaukonzerne schwindet. So können die Bewahrer der Billionen zu gewichtigen Verbündeten der Divestment-Aktivisten werden, die aus ökologischen Motiven für den Ausstieg aus der Finanzierung fossiler Brennstoffe kämpfen).

Dabei sorgen sich die meisten großen Vermögensverwalter weniger um die Folgen des immer noch weitgehend ungebremsten CO2-Ausstoßes für die Ökosysteme der Erde. Sterbende Korallenriffe, untergehende Südseeatolle oder abschmelzende Polkappen rühren die Mehrheit der Finanzelite weiterhin kaum, wenn es gilt, die maximale Rendite einzufahren.

Sie fürchten vielmehr, dass der Klimawandel langjährige Gewinnbringer in ihren Portfolios zu „stranded assets“ werden lässt – verlorenen Vermögenswerten, zu denen etwa Aktien von Ölkonzernen gehören. Deren Börsenwert würde mit dem Wert ihrer Ölreserven schwinden, wenn die Regierungen ihren Ankündigungen Taten folgen lassen und entschlossen gegen den Klimawandel vorgehen.

„Zwischen sechzig und achtzig Prozent der Kohle-, Öl- und Gasreserven börsennotierter Unternehmen dürften nicht verfeuert werden, wenn die Welt eine Chance haben soll, die globale Erwärmung auf zwei Grad Celsius zu begrenzen“, analysiert die Carbon Tracker Initiative. Die Londoner Denkfabrik hat sich zum Ziel gesetzt, den Entscheidern aus der Finanzbranche die Risiken klimaschädlicher Investments vor Augen zu führen.

Die ersten Vermögensverwalter, die diese Warnungen ernst nehmen und handeln, haben sich auch aus gesellschaftlicher Verantwortung für mehr Nachhaltigkeit bei der Auswahl ihrer Investments entschieden. So hat etwa Mats Anderson, der Chef des gut 38 Milliarden Dollar schweren schwedischen Pensionsfonds AP4, angekündigt, das von ihm verwaltete Kapital zu „dekarbonisieren“. Dazu will er sich von Anteilen an Unternehmen trennen, die fossile Brennstoffe verbrauchen oder vermarkten. Anderson gehört zu den Initiatoren der Portfolio Decarbonisation Coalition, einer kleinen Gruppe gleichgesinnter Investoren, die sich im vergangenen Herbst mit dem Ziel zusammengeschlossen hat, bis zum Klimagipfel in Paris hundert Milliarden Dollar in klimaschonende Kapitalanlagen umzuschichten. „Unser Ziel werden wir langsam, aber sicher erreichen“, gab sich Anderson im April vorsichtig optimistisch. „Wir tun unser Bestes, um andere Pensionsfonds von unserem Vorgehen zu überzeugen.“

Das wachsende Risiko der Förderung oder des Einsatzes fossiler Energieträger lässt auch bei kühl kalkulierenden Vermögensverwaltern die Zweifel wachsen. So bezifferte die Unternehmensberatung Mercer in einer kürzlich veröffentlichen Analyse die Renditeeinbrüche im Geschäft mit der klimaschädlichen Kohle in verschiedenen Szenarien für die nächsten 35 Jahre auf bis zu 74 Prozent. Nach Berechnungen des „Handelsblatts“ auf Basis der Mercer-Studie könnte der Marktwert börsennotierter Energieunternehmen, die mit Kohle ihr Geschäft machen, um bis zu 83 Prozent sinken. Konzerne aus der Öl- und Gaswirtschaft würden demnach bis 2050 einen Wertverlust um 66 Prozent erleiden, Investoren in erneuerbare Energien dagegen von einem Zuwachs um 236 Prozent profitieren. „Früher dominierte beim Klimawandel der Gedanke an die Weltrettung. Heute ist es außerdem wichtig für das Management des eigenen Anlagerisikos“, kommentierte Frédéric Samama vom französischen Geldverwalter Amundi das Ergebnis der Studie.

Ignorieren die Vermögensverwalter die Klimarisiken, drohen Millionen Sparern, die ihnen ihr Geld anvertraut haben, dramatische Verluste. Für die Schweiz hat das Bundesamt für Umwelt in einer Anfang November veröffentlichten Studie schon mal berechnet, was Rentner erwartet, die auf eine Altersversorgung aus Pensionsfonds hoffen. Die Schweizer finanzieren mit ihren Ersparnissen Emissionen jenseits ihrer Grenzen, die dem Ausstoß von CO2 im eigenen Land entsprechen – ein Investitionsverhalten, dass eine globale Erwärmung um vier bis sechs Grad unterstützt. Würde konsequent umgesteuert und der CO2-Ausstoß verteuert, etwa durch hohe Steuern, wäre ein drastischer Wertverlust die Folge. Wenn die Aktien klimaschädigender Unternehmen abstürzen, könnten die von den Schweizer Pensionskassen ausgezahlten Renten um bis zu einem Fünftel sinken.

Noch versuchen Energiekonzerne die Bedenken zu zerstreuen, dass sich durch die falsche Bewertung der Klimarisiken an den Finanzmärkten eine Blase gebildet hat – eine „Carbon Bubble“, die platzen könnte, wenn der Börsenwert der Klimasünder in den Keller rauscht. So warnte der Ölmulti Shell im vergangenen Jahr in einem Brief an Investoren davor, die Gefahren des Klimawandels für das eigene Unternehmen überzubewerten: „Wir glauben nicht, dass wir mit unseren nachgewiesenen Reserven ,stranden‘ werden.“ Die Welt könne zwar die Klimaprobleme lösen – aber das werde wohl noch bis zum Ende dieses Jahrhunderts dauern. Die Aktionäre dürften sich dank einer wachsenden Weltbevölkerung, zunehmenden Wohlstands und dem damit steigenden Energiebedarf auch weiterhin an satten Gewinnen aus dem Shell-Geschäft erfreuen.

Doch die Carbon Tracker Initiative hält dagegen. In einer kürzlich veröffentlichten Analyse stellte sie die gängigen Zukunftsszenarien der Energiebranche infrage. Der Bevölkerungszuwachs und das Wachstum der Weltwirtschaft könnten geringer ausfallen als in den Vorhersagen angenommen, der Ausbau erneuerbarer Energien sei in den Prognosen der Internationalen Energieagentur schon in der Vergangenheit regelmäßig unterschätzt worden. „Die Unternehmen müssen erklären, wie sich ihr Geschäftsmodell in einem Szenario mit niedrigerem Verbrauch verändern würde“, fordern die Experten aus London.

Im Allianz-Konzern, der zu den führenden institutionellen Investoren in Deutschland zählt, versucht man schon seit einigen Jahren, die Klimarisiken besser kalkulierbar zu machen, um sie bei Anlageentscheidungen berücksichtigen zu können. „Noch ist für uns schwer abzuschätzen, was der Klimawandel für die Entwicklung der Investments tatsächlich bedeutet“, sagt Karsten Löffler, Geschäftsführer des unternehmenseigenen Thinktanks Alliance Climate Solutions. Für Unsicherheit sorgen vor allem die Regierungen. „Wie glaubwürdig sind etwa die Signale, dass sich am CO2-Preis etwas ändert?“, fragt Löffler. „Wir brauchen eindeutige politische Leitplanken. Darauf können sich Investoren am besten einstellen.“

Die Folgen einer klaren politische Weichenstellung – wie etwa die Einführung von CO2-Steuern – bekämen Unternehmen wie Shell, Exxon Mobil oder RWE zu spüren, die bislang ohne allzu große Rücksicht auf Emissionen verdient haben. Sie müssten schnelle und entschiedene Reaktionen der großen Anleger fürchten, lange bevor der erhöhte CO2-Preis wirkt. Zögen Investoren ihr Geld ab, wären sinkende Aktienkurse und damit ungünstige Finanzierungsbedingungen für die Unternehmen die Folge. Den Konzernen würde das Kapital ausgehen. Die Vorstände müssten klimaschädigende Geschäftsmodelle überdenken. Das abgezogene Geld könnte etwa in den Ausbau der regenerativen Energieversorgung fließen. Und da hätte schon eine kleine Umschichtung große Wirkung: „Ein Prozent des Anlagekapitals der Versicherer und Pensionsfonds würde ausreichen, um die Energiewende weltweit zu finanzieren“, sagt Allianz-Manager Löffler. „Klimaschutz wird also nicht am Geld scheitern müssen.“

Es gibt erste Anzeichen, dass in das Feld der Vermögensverwalter auch hinter Vorreitern wie Mats Anderson Bewegung kommt. Im Mai riefen die Chefs von 120 Pensionsfonds die Finanzminister der G7-Staaten dazu auf, wirkungsvolle Maßnahmen gegen den Klimawandel zu ergreifen. In den USA machen institutionelle Investoren Druck bei der Börsenaufsicht, Öl- und Gaskonzerne zu verpflichten, die Risiken des Klimawandels transparenter zu machen. Bereits im Frühjahr hatte der US-Pensionsfonds Calpers den BP-Konzern gemeinsam mit anderen Großaktionären dazu vergattert, in Stresstests zu prüfen, wie das Geschäft gegen Klimarisiken geschützt ist.

Klimaschutz beschäftige nicht mehr nur „ethische Investoren“, konstatiert Ewen Cameron Watt, Chefstratege des weltgrößten Vermögensverwalters Blackrock: „Selbst wenn man den Klimawandel und seine Gründe mit Skepsis betrachtet, lässt sich nicht mehr ignorieren, dass ihn wesentliche regulatorische, wirtschaftliche und technische Einflüsse zu einem der Hauptthemen für Investoren gemacht haben.“

So könnten die kritischen Aktionäre, die auf den Hauptversammlungen der großen deutschen Konzerne seit Jahren für einen Ausstieg aus der klimaschädlichen Energieerzeugung streiten, unverhoffte Verbündete bekommen. Schließlich ist Blackstone auch größter Anteilseigner der Unternehmen, die zum Börsenindex Dax gehören. Und die Amerikaner vertreten ihre Interessen diskret, aber entschieden. „Wenn die institutionellen Investoren beginnen, über Klimarisiken nachzudenken, baut sich in den Vorstandsetagen der Druck auf“, sagt Markus Dufner vom Dachverband Kritische Aktionäre. „Noch vor ein paar Jahren war der Klimawandel da kein Thema – jetzt tut sich merklich etwas.“ Für Dufner ist das aber kein Grund, in seinem Engagement nachzulassen. „Denn damit sich wirklich etwas bewegt, muss der Druck von beiden Seiten kommen – von den Investoren und der Zivilgesellschaft.“