Guten Abend,

die Kolonialzeit scheint nun wirklich langsam zu Ende zu gehen – auch wenn ihre letzten Ausläufer bis in die Gegenwart reichen. Beides zeigt sich an neuen Entwicklungen in der seit vielen Jahren schwelenden juristischen Auseinandersetzung um den letzten verbliebenen Teil des British Indian Ocean Territory (BIOT), auch bekannt unter dem Namen Chagos-Archipel. Kennt kaum ein Mensch, und genau deshalb müssen wir uns heute mit ihm befassen.

Die Hauptinsel des mitten im Indischen Ozeans gelegenen Archipels heißt Diego Garcia, ein winziges Atoll mit großer Bedeutung für die USA, die es 1966 für zunächst fünfzig Jahre von Großbritannien pachteten, um dort einen Militärstützpunkt zu errichten. Dummerweise lebten dort seinerzeit Menschen, und die USA bestanden darauf, das Gelände sozusagen besenrein zu übernehmen. Und so wurden die rund zweitausend Bewohner der Insel kurzerhand deportiert, ihre Häuser zerstört, ihr Vieh geschlachtet und ihre Hunde bei lebendigem Leib verbrannt. Die ganze grausame Geschichte lesen Sie hier.

Die Menschen wurden in alle Winde verstreut, ein Teil von ihnen landete auf den Seychellen, ein weiterer auf Mauritius, zu jener Zeit britische Kolonie; ihr hatte Großbritannien 1965 die Verfügungsgewalt über den Chagos-Archipel für drei Millionen Pfund abgehandelt. Einige Chagossianer verschlug es auch nach London. Dort gründeten sie 1983 die Chagos Refugee Group (CRG) und zogen seither immer wieder vor Gericht, um gegen die aus ihrer Sicht unrechtmäßige Vertreibung zu klagen und sich das Rückkehrrecht nach Chagos zu erstreiten.

Im Jahr 2000 entschied der britische Oberste Gerichtshof im Sinne der Exilierten, und vielleicht hätte sich alles zum Guten gewendet, aber dann kam der 11. September 2001. Wegen der gewachsenen militärischen Bedeutung von Diego Garcia im amerikanischen „Krieg gegen den Terror“ war an eine Rückkehr nicht mehr zu denken. 2016 wurde der Pachtvertrag mit den USA bis 2036 verlängert.

Doch Mauritius brachte die Sache im Juni 2017 vor die Vollversammlung der Vereinten Nationen und forderte in einer Resolution, der Internationale Gerichtshof in Den Haag (IGH) möge eine juristische Stellungnahme dazu anfertigen. Die Resolution wurde mit 94 zu 15 Stimmen angenommen – bei 65 hochinteressanten Enthaltungen.

Es enthielt sich nämlich auch eine Reihe von EU-Ländern, darunter Deutschland, Frankreich, Spanien, Dänemark, Belgien, die Niederlande, Estland, Lettland, Griechenland und Finnland. Beobachter werteten das als schwere Demütigung für Großbritannien. Der britische Außenminister hieß damals Boris Johnson, was dem Land in dieser Angelegenheit vermutlich nicht geholfen hat, ebenso wenig wie die Tatsache, dass Diego Garcia nach dem 11. September von der CIA für Verhöre vermeintlicher Terroristen und andere sehr geheime und fragwürdige Operationen genutzt wurde.

Nun hat der IGH Anfang vergangener Woche sein Rechtsgutachten vorgelegt, aus dem glasklar hervorgeht: Die Abspaltung des Chagos-Archipels von Mauritius verstieß gegen das Völkerrecht. Nach Auffassung von 13 der 14 Richter am IGH ist damit die territoriale Integrität von Mauritius verletzt und seine Entkolonialisierung bis heute nicht vollständig vollzogen worden. Das Vereinigte Königreich müsse die Kontrolle über Chagos schnellstmöglich an Mauritius zurückgeben, sagte der IGH-Vorsitzende, Abdulqawi Ahmed Yusuf. Ein weiterer Tiefschlag für die Briten in dieser Angelegenheit – und Grund zur Freude bei der Regierung von Mauritius wie bei den Chagossianern.

Auch wenn die Stellungnahme nicht rechtlich bindend ist, der Druck auf Großbritannien wächst. Brexit hin oder her, die Regierung wird in irgendeiner Form reagieren müssen. Bei aller Genugtuung darüber stimmt es mich traurig, dass Jon Castle, lange Jahre als Kapitän an Bord von Greenpeace-Schiffen unterwegs, die neue Wendung nicht mehr erlebt. Er war 2008 mit seinem Kollegen Pete Bouquet verbotenerweise in die Lagune von Diego Garcia gesegelt, um dem Kommandanten der Basis einen Protestbrief zu übergeben. Jon Castle ist letztes Jahr gestorben.

Hoffnung für die Vertriebenen von Chagos // Unsere Leseempfehlung zum Wochenende

Kerstin Eitner
Redakteurin

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