Jetzt abonnieren Magazinarchiv durchsuchen

Greenpeace Magazin Ausgabe 2.16

Hoffnungsträger Urkartoffel

Text: Erika Harzer und Kalle Staymann

Die peruanische Terrassenlandschaft Nor Yauyos Cochas verfällt. Dabei könnte das jahrhundertealte Meisterwerk das Überleben der traditionellen Bergbauern in Zeiten des Klimawandels sichern

„Ein deutscher Wissenschaftler wollte einmal die Terrassen zählen“, erzählt David Gago, „aber nach wochenlanger Arbeit gab er auf!“ Gago lacht. Der Landwirt ist klein, agil und über siebzig. Noch immer schultert er mit Leichtigkeit volle Kartoffelsäcke und schleppt sie über weite Strecken auf schmalen Pfaden von den Terrassen zur Sammelstelle. Er lebt in Laraos, einem kleinen Bergdorf mitten in den peruanischen Anden. Es liegt auf über 3300 Metern Höhe im ältesten peruanischen Landschaftsschutzgebiet, der Reserva Paisajistica Nor Yauyos Cochas. Obwohl es nur 140 Kilometer Luftlinie von der Hauptstadt Lima entfernt liegt, ist die Fahrt Richtung Südosten beschwerlich, sie dauert sieben Stunden. Doch der Weg lohnt sich. Das Landschaftsschutzgebiet bietet neben unerschöpflichem Wasserreichtum eine jahrhundertealte landwirtschaftliche Kulturanlage aus Vor-Inka-Zeiten.

Nor Yauyos Cochas, das sind Bergketten und schneebedeckte Wipfel, darunter der 5750 Meter hohe Gipfel des Pariacaca, der als heiliger Berg verehrt wird. Alpaca- oder Lamaherden grasen auf saftig grünen Weiden. Im Quellgebiet des Cañete-Flusses und des Cochas Pachacayo fließt überall Wasser, das sich in Seen sammelt. Die Hänge überzieht ein Netz von Terrassen. Abertausende Menschen bewegten hier vor vielen Jahrhunderten tonnenweise Material, um die treppenförmigen Stufen zu formen. Auf den leicht abfallenden Terrassenfeldern brachten sie unterschiedlichen Mutterboden aus, gemischt mit Kies oder Kompost. Pfade und Steintreppen verbanden die Anbauflächen. Ein landschaftsarchitektonisches Meisterwerk – sowohl ästhetisch als auch durch die perfekte Anpassung der Anlage an Bodenkonstellationen und klimatische Bedingungen. Das Bewässerungssystem versorgt selbst bei rund eintausend Metern Höhenunterschied sämtliche Terrassen mit dem benötigten Wasser. In den höchsten Lagen durch natürliche Auffangbecken gesammelt, fließt es durch Kanäle und wird bei Bedarf in die Äcker geleitet. Dort sammelt es sich im Kies und kann von den Pflanzen aufgenommen werden. Überlieferte Anbautechniken, die sich auch am Sonnen- und Mondverlauf ausrichten, bieten beste Bedingungen für Biodiversität, ökologischen Anbau und den effizienten Umgang mit Naturressourcen wie dem immer knapper werdenden Wasser. Dank der Terrassenanlagen blieb die Region Nor Yauyos Cochas bisher weitgehend von Erosion verschont.

Trotzdem droht der historischen Stätte heute der Zerfall. Davon zeugen leerstehende, überwucherte Häuser. Im Dorf sieht man kaum noch junge, umso mehr alte Menschen. Sie leben zwischen großflächig brachliegenden Terrassen, auf denen sich Unkraut breitmacht, das wiederum die Mauern beschädigt. „Früher waren alle diese Terrassen hier bewirtschaftet, von ganz oben bis ganz unten“, erzählt David Gago. Sie seien eine Kornkammer für die ganze Region gewesen, schwärmt er. Noch heute böten sie besten Nährboden für ökologischen Anbau.

Doch die Ressource bleibt weitgehend ungenutzt: Trotz seines Alters zählt Gago zu den jüngsten noch aktiven Terrassen-Landwirten. Wie seine Vorfahren sät und erntet er hier Quinoa, Mais und Bohnen, Knollengewächse wie Olluca und Oca und vor allem die nahrhaften Papas Nativas, die Urkartoffeln, die nur in Hochlagen über 3000 Metern gedeihen. Nachkommende Generationen sind aus den Bergdörfern von Nor Yauyos Cochas längst verschwunden. Sie zogen in die Städte, in die Tourismuszentren an den Küsten oder arbeiten in einem der vielen Bergwerke, die die peruanischen Anden durchlöchern. Sogar innerhalb des Schutzgebietes wurden Konzessionen an Minenbetreiber vergeben. Konflikte sind vorprogrammiert – und die Gefahr von kontaminiertem Grundwasser immer gegenwärtig.

Selbst die Bewohner der Bergdörfer lassen inzwischen Gemüse und Obst per Laster aus den umliegenden Städten liefern. Die Kisten enthalten deutlich billigere Produkte aus industrialisierter Landwirtschaft. Der ökologische Anbau auf den Terrassen ist zeitaufwendig. Maschinen können in diesem Gelände nicht eingesetzt werden. Die alten und einfachen Werkzeuge entsprechen denen der Urahnen, genauso wie die überlieferten Techniken zum Erhalt der Terrassen wie etwa gemeinsame Säuberungen der Kanäle.

Dass die Regierung so wenig für den Erhalt dieser bedeutenden landwirtschaftlichen Hochkultur unternimmt, kann Gonzalo Quiroz nicht verstehen. Sie zu schützen sei kein Selbstzweck, sondern angesichts der seit Jahren herrschenden Wasserknappheit in Lima geradezu geboten, meint der Leiter des Landschaftsschutzgebietes Nor Yauyos Cochas: „Statt durch industrialisierte Landwirtschaft die Wasserressourcen der peruanischen Westküste weiter zu vergeuden, sollte der nachhaltige Öko-Anbau auf den Terrassen gefördert werden.“

Deshalb betrachtet es Quiroz als seine wichtigste Aufgabe, Perspektiven für die Bergbauern zu schaffen. Für ihn ist klar, dass die landwirtschaftliche Nutzung die einzige Chance ist, die Terrassen zu bewahren. Entscheidend dafür seien neue Absatzmärkte: Eine sich tragende Vermarktung der ökologisch angebauten Produkte könnte die Abwanderung aus den Dörfern aufhalten und vielleicht rückgängig machen, hofft der engagierte Naturschützer. Mit der „Urkartoffel aus dem Landschaftsschutzgebiet Nor Yauyos Cochas“ als geschützte Marke läuft derzeit ein erster Versuch.

Die Terrassen-Bäuerin Ruth Cuevas aus Laraos wirbt für die Papas Nativas. Sie erzählt von den mehr als 350 Sorten Urkartoffeln, die in Peru wachsen und in Saatgutbanken konserviert werden. Ihre Präsentation ist ein buntes Spektakel: Jeder Schnitt mit dem Messer zaubert andere Farben aus dem Innenleben der Kartoffeln hervor, mal tief lila, mal leuchtend rot, mal gesprenkelt wie eine Salamischeibe. Auch die Formen unterscheiden sich von der gängigen Supermarktware. Aus einigen Sorten würden auch Kuchen oder Süßspeisen zubereitet, erklärt Cuevas, außerdem werde den Erdäpfeln heilende Wirkung zugeschrieben. Überzeugungsarbeit leistet die über 60-Jährige auch auf Ernährungskongressen im ganzen Land. Mut macht ihr die steile Karriere der Quinoa, einer der ältesten Kulturpflanzen, die ebenfalls in Laraos wächst. Ihre mineralienreichen Samen sind inzwischen in der ganzen Welt beliebt, das wichtige Nahrungsmittel der Andenvölker hat den Sprung auf die internationale Märkte geschafft. Vielleicht gelingt dies ja auch den Papas Nativas.

Das hofft auch Gonzalo Quiroz. „Die kommerziellen weißen oder gelben Kartoffeln sind die ersten, die bei Regen verfaulen oder von Schädlingen angegriffen werden“, sagt der Terrassenschützer. „Anders die uralten einheimischen Pflanzen. Sie passen sich dem Mikroklima an und brauchen keine Pestizide.“

Quiroz geht es um weit mehr als um die Rettung von Terrassenlandschaften und Kulturpflanzen. Die Rückbesinnung auf uralte landwirtschaftliche Kulturtechniken sei vor allem angesichts des fortschreitenden Klimawandels notwendig. „Hier liegt die Zukunft der Wasserreservoire und ebenso der Nutzpflanzen, die unterschiedlichsten Klimaschwankungen standhalten“, sagt der Leiter des Landschaftsschutzgebietes: „Wir können hier auf einen Wissensschatz aus vielen Jahrhunderten zurückgreifen, der zukunftsweisend ist.“