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Greenpeace Magazin Ausgabe 5.05

Horoskop vom Hausarzt

Text: Kirsten Brodde

Gentests versprechen ein Bombengeschäft - und verunsichern Patienten. Ob es für sie maßgeschneiderte Arzneien geben wird, ist zweifelhaft, denn die sind Pharmafirmen nicht lukrativ genug.

Nur ein kleiner Piks – das wird reichen. Rasch trägt die Arzthelferin den Tropfen Blut auf eine Art Scheckkarte auf und schiebt sie in ein Analysegerät von der Größe eines kleinen Notebooks. In Minutenschnelle kann der Hausarzt dann etwa ablesen, ob der Patient in seinen Genen eine Anlage für Brust- oder Blasenkrebs, für Herzschwäche, Leberzirrhose oder Alzheimer trägt. Der alte Medizinerspruch: Wer gesund ist, wurde nur nicht ausreichend untersucht“, erhält im Zeitalter der Gendiagnostik eine neue Dimension. „Tut mir leid, Sie haben ein erhöhtes Risiko für alle möglichen Gebrechen“, könnte künftig zum Standardsatz werden. Fieberhaft hat Siemens ein solches „quicklab“ entwickelt, der Schnelltest für die Hausarztpraxis ist marktreif und hat jüngst den Zukunftspreis des Bundespräsidenten erhalten. Er soll leisten, was bislang noch eine üppige Laborausstattung erfordert. Der Chip verspricht der Diagnostikbranche ein Bombengeschäft – und dies wird die Zahl der Erbgutuntersuchungen weiter in die Höhe treiben.

Bereits jetzt bieten rund ein Dutzend hochspezialisierte Biotech-Startups – aber auch klassische Labors – Gentests an, vor allem über das Internet. Jährlich werden in Deutschland 90.000 genetische Untersuchungen an Blut, Sperma, Gewebe oder Haaren durchgeführt – Tendenz steigend. Mit raffinierter Technik bringen diese Tests zweifelnden Vätern Klarheit, ob ein Kind wirklich von ihnen gezeugt wurde; der Polizei, ob das DNA-Muster von Verdächtigen den Spuren am Tatort entspricht; verunsicherten Familien, bei denen Erbkrankheiten häufig sind, wer aus ihrem Kreis tatsächlich betroffen ist.

Bei der Fahndung nach Erbleiden ging es bisher stets um tödliche Krankheiten wie Mukoviszidose (Cystische Fibrose) oder Chorea Huntington (Veitstanz), die auf dem Defekt eines einzigen Gens beruhen. Jetzt aber kündigen sich so genannte „prädiktive“ Tests an, die Vorhersagen über alle möglichen Krankheiten treffen sollen, die bei dem Patienten irgendwann einmal ausbrechen könnten – vor allem Volksleiden wie Arterienverkalkung, Bluthochdruck und Diabetes, aber auch erbliche Formen von Knochenbrüchigkeit (Osteoporose) oder Zahnfleischentzündung (Parodontitis).

Obwohl Erbanlagen bei diesen Erkrankungen eine wichtige Rolle spielen, tragen Umweltfaktoren und Lebenswandel entscheidend zu ihrem Ausbruch bei – etwa falsche Ernährung und mangelnde Bewegung, Rauchen, Alkoholkonsum oder Stress. Die Labore, von der Aussicht auf Profit getrieben, erwecken allerdings gern den Eindruck, das Schicksal der Patienten stehe in ihren Genen festgeschrieben.

So ist die moderne Gendiagnostik im Begriff, die Astrologie abzulösen. Früher ließen sich Wissbegierige ein Horoskop erstellen, um mehr über ihre Zukunft zu erfahren, heute ordern sie einen Gentest, um der Natur in die Karten zu schauen. Und statt dem Traummann im Zeichen des Uranus begegnen sie einem Arzt, der ihnen kommendes Ungemach vorhersagt.

Bereitwillig zahlt die Kundschaft für das Ausleuchten ihrer genetischen Makel. Während der Bundestag noch um eine gesetzliche Regelung des ausufernden Marktes ringt (siehe S.39), mehren sich jeden Tag die Erkenntnisse über Malaisen, für deren Entstehung Gene mitverantwortlich sind – von A wie Alkoholismus über B wie Bandscheibenleiden bis zu V wie Viagra-Unverträglichkeit. „3000 Krankheiten haben bis dato eine Entsprechung im Erbgut“, schätzt Anna Eichhorn, Gründerin der Frankfurter Humatrix AG. Die 33-jährige Biochemikerin und ihr Team analysieren rund 10.000 DNA-Proben jährlich – zum Beispiel auf Anlagen für Osteoporose oder Arterienverkalkung – und schreiben schwarze Zahlen. Lukrativ ist vor allem der Markt der privaten Vorsorge, denn viele Kunden wollen nichts versäumen, wenn es um ihre Gesundheit geht. Humatrix-Tests können durchaus mit einigen hundert Euro zu Buche schlagen – auch wenn die Hotline schon einmal einen Rabatt verspricht, weil man gerade auf eine neue Technik umstelle.

Brandneu im Sommer 2005 ist das Baby-Paket, für das Anna Eichhorn fleißig durch die Republik reist, um es Ärzten und Hebammen anzupreisen. Gleich nach dem ersten Schrei sollen besorgte Eltern mit einem Wattestäbchen einen Zellabstrich aus dem Mund ihrer Sprösslinge entnehmen und auf elf Anomalien prüfen lassen, darunter Milchzucker- und Getreidemehl-Unverträglichkeit, aber auch Neigung zu Osteoporose, Parodontitis und Fettsucht. Die Rundum-Analyse kostet 885 Euro. Natürlich weiß die Wissenschaftlerin Eichhorn, dass sie zumeist keine sicheren Prognosen, sondern nur Wahrscheinlichkeiten verkauft. Ein errechnetes Risiko von 60 Prozent für einen Herzinfarkt sagt nichts darüber aus, ob der Infarkt tatsächlich kommt und wie schwer er wird. Vielleicht stirbt der Patient bereits an einem anderen Leiden, bevor das Pumporgan kollabiert, vielleicht schlägt das Herz aber auch ein Leben lang ohne Störung. Manche Anlagen, wie erblich bedingte Parodontitis, sind ohnehin so selten, dass ein Screening kaum Sinn macht.

Schüren solche Angebote also nur Angst? Anna Eichhorn weist das von sich. „Der Blick in die Zukunft bietet die Chance auf spezielle Vorsorge“, sagt die Unternehmerin selbstbewusst. Doch die angeblich maßgeschneiderten – und teuren – Humatrix-Tipps sind nicht gerade revolutionär, sie spiegeln meist nur allgemeine Empfehlungen für einen gesunden Lifestyle mit viel Bewegung und vernünftiger Ernährung wider. Vielleicht sehen die positiv Getesteten aber die Notwendigkeit der täglichen Joggingrunde, leichter Salate und regelmäßigen Zähneputzens eher ein und bleiben somit gesünder und fitter? Niemand weiß das bisher. Kurz: Die Absichten der vorbeugenden Medizin sind ehrenwert, die Aussichten zweifelhaft.

Noch mag es Humatrix-Kunden geben, die sich nach Analyse von 35 Stellen im Erbgut als genetisch makellos erweisen. Mit Analyse-Chips können künftig aber Tausende von Genen gleichzeitig überprüft werden. Humangenetiker wie Claus Bartram von der Uni Heidelberg sähen solche Chips gerne verboten – zumindest in der vorgeburtlichen Diagnostik. Denn sie könnten angehende Eltern verleiten, sich ein „normgerechtes“ Musterkind zu wünschen. Aber auch bei Erwachsenen dürften solche Tests ohne einfühlsame Beratung schnell zum Horror werden: Was bedeutet es für die Seelenruhe, wenn man für allerlei Leiden ein „erhöhtes Risiko“ attestiert bekommt?

„Der Preis ist ein hohes Maß an Unsicherheit“, sagt die Bioethikerin Regine Kollek von der Uni Hamburg, die sich darin mit Kollegen einig ist. Kollek prognostiziert eine Gesellschaft von Gesunden, die zu Kranken gestempelt seien. Dass für diese dann eine „spezielle Vorsorge“ folge, hält die Biologin, die auch im Nationalen Ethikrat sitzt, für möglich, aber keineswegs sicher: „Statt zu bewusster Lebensführung kann es auch zu Fatalismus und Verweigerung kommen.“ Frei nach dem Motto: Ich kriege es sowieso, da kann ich auch einen draufmachen.

Und diejenigen, die auf Nummer sicher gehen wollen, sieht der Hamburger Soziologe Günter Feuerstein lebenslang von Ärzten und Pharmaindustrie drangsaliert, die Blutdruck, Cholesterinspiegel und Knochendichte messen, den Körper mit Ultraschall und Röntgen überwachen und die passenden Pillen verordnen.

Ist das nur Schwarzmalerei? Bereits heute bieten so genannte Nutrigenomics-Firmen wie der amerikanische Hersteller Sciona eine Art Erbgut-Diät mit Kräutermixen und Vitaminpillen an. Solche Mittelchen schaden vermutlich wenig, ihr Nutzen ist in keiner Weise belegt. Lukrativer wäre es für die Pharmahersteller, mit Hilfe von Gentests ihre Verkaufsschlager unter dem Vorwand der Prophylaxe noch mehr Patienten zu verabreichen – so, wie schon heute Millionen beschwerdefreier Menschen lebenslang Cholesterinsenker schlucken. Dass solche vorbeugenden Pillenkuren nicht ohne Risiko sind, zeigte jüngst das Beispiel der Hormontherapie in den Wechseljahren, die nicht wie erhofft weniger Herzinfarkte, sondern mehr Krebsfälle mit sich brachte.

„Das Gießkannenprinzip hat ausgedient“, widerspricht denn auch der Mainzer Mediziner und Ethiker Norbert W. Paul vehement. Eine Tablette für alle werde es bald nicht mehr geben, sondern Arzneien, die auf Personen mit gleichen genetischen Eigenschaften zugeschnitten seien.

Für die Patienten wäre dies sicher eine revolutionäre Wende. Bislang aber sind wenig maßgeschneiderte Pillen in der Pipeline, geschweige denn auf dem Markt. Am bekanntesten ist das Brustkrebsmedikament Herceptin, das bei bestimmten Krebstypen das Wachstum der Tumorzellen hemmt, bei anderen aber wirkungslos ist. Der Hersteller hat deshalb einen Test entwickelt, um festzustellen, bei welchen rund 30 Prozent der erkrankten Frauen eine Herceptin-Behandlung sinnvoll ist.

Bestimmte Gentests zeigen überdies, wie schnell ein Patient Medikamente gegen Migräne, Leber- und Gallenleiden abbaut. Die Geschwindigkeit schwankt von Mensch zu Mensch – der Stoffwechsel des einen ist langsam wie ein Panda, der des anderen so rasant wie ein Porsche. Für den ersten Typus reichten also 20 Milligramm, um eine Wirkung zu erzielen, bei dem anderen müsste der Arzt möglicherweise 25-mal so viel, also 500 Milligramm verschreiben. „Wenn man die optimale Dosis kennt, kann man ernste Nebenwirkungen deutlich senken“, erklärt Norbert W. Paul. So ließen sich nicht nur immense Behandlungskosten sparen, sondern auch unzählige Leben retten.

Kritiker wie Regine Kollek, die für das Büro für Technikfolgenabschätzung des Deutschen Bundestages jüngst alle internationalen Studien zur Pharmakogenetik auswertete, zeigen sich von solchen Visionen wenig beeindruckt. Sie verweisen darauf, dass der größte Teil der Nebenwirkungen von Medikamenten auf Fehlverschreibungen und Wechselwirkungen zurückgehe – also mit Genetik nichts zu tun habe.

Kollek bezweifelt ohnehin, dass „Big Pharma“ Interesse an der personalisierten Medizin habe. Auch Norbert W. Paul hegt daran Zweifel. Denn die großen Hersteller verdienen ihr Geld mit „Blockbustern“. So bescherte der Cholesterinsenker Sortis, den 2004 weltweit rund 20 Millionen Patienten schluckten, dem US-Konzern Pfizer einen Jahresumsatz von zehn Milliarden US-Dollar. Derart surreale Profite kann eine „Medizin nach Maß“ nicht erwirtschaften. Medikamente, die nur wenigen helfen, sind ein Nischenmarkt. Wegen mangelnder Gewinnchancen haben Pharmafirmen schon die Produktion von Tropenmedikamenten zurückgefahren oder eingestellt.

Aus dieser Strategie macht die Pharmaindustrie keinen Hehl. „Unser Ziel ist das weiteste therapeutische Fenster für alle Medikamente. Deshalb wollen wir die individuell auf Gewicht, Geschlecht oder andere Faktoren zugeschnittene Medizin nicht“, wie Klaus Lindpaintner vom Schweizer Pharmariesen Roche auf einer Tagung der Europäischen Kommission zur Zukunft der Pharmakogenetik 2004 offenbarte. „Klügere“ Medikamente mit weniger Nebenwirkungen versprach der auf Genetik spezialisierte Experte nicht. Sinkende Kosten für das Gesundheitswesen ebenso wenig. Bleibt es also lediglich bei dem Wohlfühlservice, den Diagnostik-Firmen wie Humatrix anbieten? Der Testwahn richtet ja vordergründig keinen Schaden an, und niemand wird vom Hausarzt zum Gen-Check gezwungen. Doch wie mit den Getesteten umgegangen wird, könnte sich zu einer der zentralen Fragen der Gesundheitspolitik entwickeln.

So hat die private Versicherungswirtschaft zwar erklärt, bis 2011 auf Gentests zu verzichten. Wer danach aber zum Beispiel eine hohe Lebensversicherung abschließen will, müsse die Ergebnisse von bereits gemachten Gentests angeben. Andernfalls drohe die Zahlung von erhöhten Prämien oder gar eine Ablehnung – wie in den USA bereits passiert. Die mit dem Humatrix-Baby-Paket getesteten Kinder werden ihren Eltern dann vielleicht nicht wirklich dankbar sein.