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Greenpeace Magazin Ausgabe 2.17

Hundert Jahre Kriegsmaschinen

Text: Hans-Arthur Marsiske

1914 – 1918
Im Ersten Weltkrieg unterwirft sich die Kriegsführung der industriellen Logik. Panzer, Flugzeuge, U-Boote und der massenhafte Einsatz von Maschinengewehren geben den Takt vor. Die Soldaten sind zu Rädchen in einem gigantischen Gewaltgetriebe degradiert. Drei Jahre nach Kriegsende verwendet der tschechische Autor Karel Capek erstmals den Begriff „Roboter“, als er in seinem Drama „R.U.R.“ die Vernichtung der Menschheit durch Maschinenwesen beschreibt. Ebenfalls 1921 lässt der Film „L’uomo meccanico“ die Zuschauer vor den ersten Kampfrobotern der Kinogeschichte erschauern.

1935
Das ferngesteuerte Flugzeug DH 82B „Queen Bee“ dient der britischen Royal Navy als Übungsziel. Die „Bienenkönigin“ könnte als Inspiration zur heute üblichen Bezeichnung „Drohne“ für unbemannte Flugzeuge gedient haben. 47 Jahre später wird das israelische Militär im Libanon erstmals Drohnen in einem Krieg einsetzen, um Stellungen der gegnerischen Flugabwehr zu lokalisieren.

1966
Der unbemannte US-Aufklärer D-21 startet von der geheimen Basis Groom Lake zum ersten freien Flug. Die CIA hatte die Entwicklung der Drohne vorangetrieben, nachdem 1960 der Pilot Gary Powers im Spionageflugzeug U-2 in sowjetischem Luftraum abgeschossen wurde – ein Schock, denn der Jet hatte mit einer Flughöhe von 20 Kilometern als unerreichbar für die Flugabwehr gegolten. Doch die Bilanz des unbemannten Nachfolgers ist kaum besser: Viermal wird die D-21 nach China geschickt – und stürzt jedes Mal ab.

1980 – 1988
Im Ersten Golfkrieg schickt der Iran die Aufklärungsdrohne Mohajer-1 mit einer Kamera über die feindlichen Stellungen des Irak. In den letzten Kriegsjahren soll sie auch mit bis zu sechs RPG-7-Panzerbüchsen ausgestattet gewesen sein. Damit wäre die Mojaher-1 der erste bewaffnete Flugroboter, der im Krieg eingesetzt wurde.

1988
Man nennt ihn „RoboCruiser“ – in Anlehnung an den Film „RoboCop“: Der mit dem automatischen Luftverteidigungssystem Aegis ausgestattete Hightech-Kreuzer „USS Vincennes“ agiert ähnlich aggressiv und provozierend wie das Kinovorbild. Aegis überwacht den Luftraum und bewertet Gefahren. Doch das reaktionsschnelle System begeht einen fatalen Fehler: Am 3. Juli schießt der Kreuzer zwei Abwehrraketen auf eine zivile iranische Passagiermaschine, die Aegis für einen Kampfjet gehalten hat – 290 Menschen sterben.

1991
Als am 1. Juli der Film „Terminator 2“ seine Premiere feiert, erscheinen Roboterkriege den meisten Zuschauern noch als ferne Vision. Dabei haben kurz zuvor, am 23. Februar, erstmals Soldaten vor einem Roboter kapituliert: Auf der kuwaitischen Insel Failaka, die von US-Kriegsschiffen beschossen wurde, winkten irakische Soldaten mit weißen Tüchern in Richtung einer Drohne, die den Beschuss beobachtete. Heute steht der Flugroboter, eine israelische RQ-2A Pioneer, in Washingtons National Air and Space Museum.

2002
Am 4. Februar feuert eine US-Drohne vom Typ RQ-1 Predator eine Hellfire-Rakete auf einen Fahrzeugkonvoi in Afghanistan, in dem Osama bin Laden vermutet wird, und tötet sechs Insassen. Neun Monate später folgt ein Angriff auf ein fahrendes Auto im Jemen, erneut sterben sechs Menschen. Es sind die ersten gezielten Tötungen durch Roboter. Mittlerweile sind mehrere tausend Menschen bei Drohnenangriffen gestorben. Die genaue Zahl kennt niemand.

2014
Mit der von Verteidigungsminister Chuck Hagel verkündeten „dritten Offset-Strategie“ wollen die USA ihre schwindende Überlegenheit ausgleichen: Innovationen bei Robotik, autonomen Systemen, Miniaturisierung und Big Data sollen den US-Vorsprung gegenüber anderen Militärmächten sichern und neue strategische Perspektiven eröffnen. Denn Schläge, die intelligente Maschinen ausführen, gefährden nicht länger das Leben der eigenen Soldaten.