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Greenpeace Magazin Ausgabe 5.16

Ich bin leidenschaftlicher Jäger. Wie belastet ist Wildfleisch durch Landwirtschaft, Braunkohlekraftwerke und Strahlung?

Text: Matthias Lambrecht

fragt Mario Grawe aus Forst/Lausitz

Diese Sorge ist berechtigt. Tatsächlich ist Wildfleisch oft mit Schadstoffen belastet, welche die Tiere meist mit der Nahrung aufnehmen. 2014 wurden in Organen von Wildschweinen und Rotwild aus Brandenburg Spuren von Quecksilber und Cadmium ermittelt, die oberhalb der zulässigen Höchstmengen lagen. Cadmium gelangt etwa mit dem Einsatz von Kunstdünger in die Böden. Die beiden größten Emittenten von Quecksilber in Brandenburg sind die Braunkohlekraftwerke Jänschwalde und Schwarze Pumpe – sie liegen nicht weit von Forst, der Heimat von Mario Grawe. Vor allem in Bayern, aber auch in Teilen Baden-Württembergs und Sachsens, werden mehr als 30 Jahre nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl noch radioaktiv kontaminierte Wildtiere geschossen. Aus Brandenburg gibt es allerdings keine Hinweise auf derartige Spätfolgen.

Wir wollten genauer wissen, welchen Belastungen das von Herrn Grawe gejagte Wild ausgesetzt ist, und haben Proben von Leber und Muskelfleisch eines im Juli geschossenen Wildschweins in einem Hamburger Fachlabor untersuchen lassen. Das Ergebnis: messbare Belastungen mit Schwermetallen und Pestiziden – allerdings allesamt unter den gesetzlichen Grenzwerten. Glyphosat konnte dagegen nicht nachgewiesen werden, ebenso wenig eine radioaktive Belastung. Über dem zulässigen Höchstgehalt für Nutztiere lag aber die Summe der Dioxine und Furane in der Wildschweinleber. Diese Stoffe entstehen bei Verbrennungsprozessen, etwa in Müllverbrennungsanlagen oder bei Waldbränden. Für die Emissionen gelten inzwischen strenge Auflagen, doch die Altlasten stecken noch im Boden. Der EU-weit vorgeschriebene Höchstgehalt und auch der hier gemessene Wert liegen deutlich unter den Mengen, die beim Menschen akute Wirkungen wie Hautschädigungen oder Störungen des Nervensystems zeigen würden.

Doch Dioxin reichert sich im Körperfett an und steht im Verdacht, krebserregend zu sein. Gesetzliche Höchstwerte für Wildfleisch gibt es nicht. Dabei wurden zum Beispiel 2010 in Leberproben von Wildschweinen und Rehen aus Brandenburg hohe Dioxingehalte nachgewiesen. „Diese Problematik ist nicht neu“, lautet denn auch die Reaktion des Landesverbraucherschutzministeriums auf unsere Messung. Das Bundesinstitut für Risikobewertung schätzt das Risiko für normale Verbraucher als sehr gering ein. Anders sei das bei „Jägerfamilien und deren Umfeld“, die bis zu neunzigmal im Jahr Wild essen. Wenn aber nur Muskelfleisch verzehrt werde, bestehe auch hier keine Gefahr.