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Greenpeace Magazin Ausgabe 5.05

„Ich habe nichts übertrieben“

Text: Kirsten Brodde

Der kolumbianische Maler und Bildhauer Fernando Botero zeigt das Grauen von Abu Ghraib

Schluss mit putzig, muss der Meister der massigen Figuren sich gedacht haben. Stattdessen hat Fernando Botero, der derzeit berühmteste Künstler Lateinamerikas, sich die Wut aus dem Bauch gemalt – über die Folter irakischer Häftlinge durch amerikanische Soldaten im Bagdader Gefängnis Abu Ghraib. Zuerst hat er die Szenen gezeichnet, später entstanden 48 große Gemälde in Öl, von denen sechs gerade erstmals in Rom im Palazzo Veneziano gezeigt werden.

„Es ist mir egal, ob sie dem Publikum gefallen“, sagt der 73-jährige Maler. „Ich musste den unmenschlichen Misshandlungsakt malen, weil hier wie im Mittelalter gefoltert wurde – aber wir leben im 21. Jahrhundert.“ Verkaufen will er die Gemälde nicht, obwohl Boteros sonst schon mal für eine halbe Million Euro gehandelt werden. Die Bilder sollen lediglich an Museen ausgeliehen werden.

Botero strahlt in hohem Maße Ernsthaftigkeit aus, wenn er seine Kunst erläutert und unterstreicht diese, indem er so aufrecht dasitzt, als hätte er einen Stock verschluckt. Die meterhohen und bis zu einer Tonne schweren Marmor- und Bronzeplastiken, die er im Sommer hier im italienischen Pietrasanta modelliert, sind sinnlich, schwelgend, prall und von dezentem Witz, und so fällt es schwer, den Blick auf die Folterszenen zu werfen, die der Maler ebenso monumental und fleischig – aber ungewohnt hart – angelegt hat.

Ein Bild zeigt einen kräftigen Mann mit verbundenen Augen, der gezwungen ist, Frauenunterwäsche zu tragen, die im selben Rot leuchtet wie die Wunden, die ihm an Hüften, Beinen und Schultern zugefügt wurden. Auf einem anderen hängt ein Mann mit Kapuze über dem Kopf wie Schlachtvieh von der Decke. Und auch die blutig verschmierte Menschenpyramide vor Gitterstäben, die als Pressefoto um die Welt ging, ist in Öl gebannt – Folter als Martyrium im Stil der Alten Meister der Kunstgeschichte wie Francisco de Goya.

Hat er den Schrecken trotz altmeisterlicher Attitüde nicht einfach nur abgemalt? „Ich habe mich weniger von Medienbildern inspirieren lassen als vielmehr von Berichten und Reportagen“, antwortet Botero. Die Bilder hätten nur dazu gedient, in die „Atmosphäre des Terrors“ einzutauchen. Tiefer entsetzt hätten ihn die detailgenauen schriftlichen Zeugnisse. Und tatsächlich sind vor allem die sexuellen Übergriffe, die Botero auf seinen Gemälden zeigt, nie in Zeitungen zu sehen gewesen. Gefangene etwa, denen ein kurzer Holzstab im blutenden After steckt. „Aber ich habe nichts übertrieben“, fügt Botero an, Wahrhaftigkeit sei ihm wichtig.

Da er ein leidenschaftlicher Leser sei, verschlinge er nach wie vor alles, was über die Vorfälle zu finden sei. Neben den Kunstbänden in seinem Atelier liegen Bob Woodwards Buch über die Watergate-Affäre und der brandneue Roman „Saturday“ des britischen Autors Ian McEwan über den Irakkrieg. Ist Botero tatsächlich ein politischer Mensch? Oder ist sein politischer Protest nur eine Masche? „Ich war gegen den Vietnamkrieg und die Diktaturen in Lateinamerika“, sagt Botero. Er sei ein wachsamer Mensch, aber keiner, der politischen Streit suche. „Ich bin ein Workaholic und kein Kaffeehaus-Künstler, der den ganzen Tag über Politik diskutiert.“

Wegsehen konnte der Kolumbianer Botero allerdings nie. Er ist in Medellín aufgewachsen, einer von Gewaltexzessen geprägten Stadt. Im „Massaker der Unschuldigen“ von 1967 zeigt der damals 35-Jährige, wie die brutale Militärregierung Kinder tötet, während die Madonna – stellvertretend für die katholische Kirche – feige wegsieht. Anfang der 70er Jahre malte er die führenden Ränge des kolumbianischen Militärs als aufgeblasene, aber gefährliche Kinder im Kreise ihrer Familien.

„Er kehrt zurück zu seinen Wurzeln“, sagt Boteros langjähriger Berliner Galerist Dieter Brusberg, der Boteros „Hang zu fetten Huren“ inzwischen ausgereizt findet. Aber dafür lieben ihn seine Fans. In seiner Wahlheimat New York, in der er wie in Paris und Pietrasanta ein Drittel des Jahres lebt, grüßen ihn hingegen schon einige Menschen im Fahrstuhl nicht mehr, seit er sich wieder der konkreten Anklage verschrieben hat und offen zugibt, dass er mit „den Linken sympathisiert“.

Dabei wünscht sich Botero nichts mehr, als die Bilder in Amerika zu zeigen. Er freut sich sichtlich über die aktuelle Anfrage eines Museums aus Washington – nahe des Weißen Hauses. Ist er von Amerika enttäuscht? „Als Lateinamerikaner bin ich nicht naiv, was amerikanische Politik angeht“, sagt Botero, „aber ich habe diese Auswüchse nicht erwartet.“ In den Augen der Welt stünden US-Militärgefängnisse wie Guantánamo oder Abu Ghraib inzwischen für die Art, wie Amerika Rechte zum eigenen Nutzen dehne oder ignoriere. Für die Verdächtigen gebe es keine Haftbefehle, Anklagen oder Anwälte. Tatsächlich erzeugten solche Gefangenlager neuen Terrorismus.

Was aber geschieht, wenn die Erinnerung an die Menschenrechtsverstöße in den Gefangenenlagern verblasst? Wenn alle Zeugen verstummt sind?

Dann, sagt der Maler, habe die Kunst die Macht, die Geschehnisse ins Gedächtnis der Menschheit einzubrennen und auch nach Jahren noch aufzuwühlen. „Pablo Picassos Guernica hält die Erinnerung an die Bombardierung der spanischen Stadt wach“, sagt Botero. Ob sein Bilderbogen die Eindringlichkeit besitzt, wie Picassos Anklage gegen das Verbrechen der deutschen Legion Condor im spanischen Bürgerkrieg, muss sich indes noch zeigen. In seine pausbäckig gesunde Welt wird Botero jedenfalls nicht so bald zurückkehren. „Ich bin zwar kein Spezialist für Tragödien“, sagt er selbstironisch, „aber die neuen politischeren Bilder sind ein wichtiger Teil meiner Arbeit“. Ab 11. November zeigt die Kunsthalle Würth in Schwäbisch Hall eine Werkschau von Fernando Botero, darunter den kompletten Abu-Ghraib-Zyklus.