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Greenpeace Magazin Ausgabe 4.16

„Ich habe um die sterbenden Korallen geweint“

Text: Julia Huber

Hohe Wassertemperaturen haben im australischen Great Barrier Reef eine Korallenbleiche ausgelöst. Der Biologe Justin Marshall dokumentiert die Schäden – und ist von deren Ausmaß erschüttert

Als ich im März im Great Barrier Reef tauchen war, fand ich das Riff in einem so schlechten Zustand vor, wie ich es noch nie gesehen hatte. Korallen, die noch ein halbes Jahr zuvor voller Leben und bunter Farben geleuchtet hatten, waren plötzlich gespenstisch weiß. Die Bleiche markiert ein kritisches Endstadium: Entweder die Korallen erholen sich noch im letzten Moment, oder sie sterben ab. Ich musste mit dem Schlimmsten rechnen. Als mir das klar wurde, war ich am Boden zerstört. Ich habe tagelang geweint und einen richtigen Trauerprozess durchgemacht.

Dabei hätte ich vorbereitet sein müssen, denn es hatte feste Prognosen für eine Korallenbleiche gegeben. Der Klimawandel schreitet voran, und seit einigen Monaten heizt das Wetterphänomen El Niño das Meer zusätzlich auf. Korallen kommen mit zu hohen Temperaturen nicht zurecht. Kühlt das Wasser nicht rechtzeitig wieder ab, sterben sie. Das alles wusste ich. Trotzdem bin ich nun erschüttert, dass das weltgrößte Riff auf tausend Kilometern derart schnell dahingerafft wird. Für mich ist das Australiens größte Umweltkatastrophe. 93 Prozent des Great Barrier Reefs sind betroffen, etwa die Hälfte wird sterben oder ist bereits tot, auf einer Fläche so groß wie Schottland.

Schon der Tod der Korallen ist verheerend – noch schlimmer aber ist, dass dadurch das gesamte Ökosystem durcheinandergerät. Stirbt eine Koralle, bleibt eine ganze Reihe anderer Lebewesen schutzlos zurück. Man kann sich ein Korallenriff wie einen Wald vorstellen: Ähnlich wie dort Vögel oder Rehe ein Zuhause finden und nach Nahrung suchen, sind zahllose Meereslebewesen auf die Korallen angewiesen. Viele Fische und Krustentiere fressen die kleinen Korallenpolypen oder verstecken sich im Riff vor Raubfischen. Schon jetzt schwimmen einige Fische auf der Suche nach gesunden Korallen hungrig und verwirrt im Riff umher. Manche der Meereslebewesen werden sich neu orientieren und anfangen, Algen zu fressen. Viele werden verhungern.

Laut aktuellen Vorhersagen könnten die Korallen in 25 Jahren weltweit verschwunden sein. Das ist eine Vorstellung, die mir sehr wehtut. Seit ich denken kann, bin ich von Korallen fasziniert und geradezu süchtig nach ihnen. Mit sechs Jahren habe ich zum ersten Mal geschnorchelt. Riffe sind großartige und atemberaubend schöne Orte. Und als Biologe kann ich sagen: Es gibt noch so viel, was wir Menschen vom Leben im Korallenriff lernen können. Es macht mich sehr wütend und traurig, wenn ich mir vorstelle, meine Enkelkinder könnten keine Chance mehr bekommen, ein Korallenriff zu entdecken. Es wäre ein beschämendes Gefühl des Scheiterns.

Als mündiger Mensch in der heutigen Gesellschaft sehe ich mich in der Pflicht, alles zu tun, um die Korallen zu retten. Aber seit Jahrzehnten muss ich mit ansehen, wie unsere Regierung am klimazerstörenden Kohlestrom festhält – und wie weiterhin Unmengen von Industrieabfällen, Dünger, Sonnencreme und Plastik im Meer verteilt werden.

Dabei frage ich mich: Wann werden wir Menschen endlich damit aufhören? Was, wenn nicht das Sterben eines so fantastischen Naturwunders wie dieses riesigen Riffs, kann uns noch zum Umdenken bewegen?

Zur Person
Justin Marshall, 54, ist Biologe an der Universität Queensland und Leiter der Organisation „CoralWatch“, die mithilfe von Hobbytauchern die Riffgesundheit untersucht. Marshall lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in Brisbane.