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Greenpeace Magazin Ausgabe 6.16

„Ich möchte keinen Punk als Präsidenten“

Text: Sacha Batthyany

Der Erfolgsautor T.C. Boyle liebt die Natur und die Provokation. Nur Letzteres verbindet ihn mit Donald Trump. Doch den sieht er grandios scheitern

Herr Boyle, mehrmals im Jahr ziehen Sie sich in dieses Haus im Wald zurück, tief im Sequoia-Nationalpark, rund 350 Kilometer von Los Angeles entfernt. Kein Handyempfang. Kein Internet. Fühlen Sie sich nie einsam hier oben? Im Januar fiel ein Baum vor lauter Schnee auf die Leitungen, worauf plötzlich der Strom wegblieb. Der Schnee drückte auf das Haus, es knarrte und ächzte, ich konnte die Türen kaum öffnen, weil sich das Gebälk verzogen hatte. Aber ich hatte genug Wein und Kerzen. Nach drei Tagen habe ich mit einer Schaufel einen schmalen Weg durch die Schneemassen geebnet, bis zur Bar der kleinen Pension, wo ich mir ein paar Drinks genehmigte. In der Abgeschiedenheit lernt man die kleinen Dinge im Leben zu schätzen.

Das einfache Leben im Wald, weit weg von der Zivilisation – das ist ein amerikanischer Mythos. Finden Sie? Und was ist mit der Datscha der Russen? Den Holzhäusern der Finnen? Ziehen sich die Schweizer nicht auch gerne in ihre Berghäuser zurück?

Der Schriftsteller Henry David Thoreau schrieb in einer solchen Hütte die große amerikanische Erzählung „Walden“. Ein Buch über die Natur, die Menschen und den zivilen Ungehorsam. Ich liebe Thoreau, er ist einer meiner Helden. Ich war 2014 im Nachbau seiner Hütte am Walden Pond, ein kleines Zimmer nur, ein Ofen, ein Bett, ein Stuhl, mehr brauchte er nicht. Lange Zeit war der amerikanische Wald eine Art Rückzugsort für die Unzufriedenen, die Systemverweigerer. Früher gab es tatsächlich die Möglichkeit, in die Wildnis zu gehen und nach eigenen Regeln zu leben. Später mussten die Hippies, die zurück zur Natur wollten, bis nach Alaska. Doch selbst da ist man heute nicht allein. Es gibt keine Wildnis mehr.

Dieser Wald hier macht aber einen recht wilden Eindruck. Aufgrund der fünfjährigen Dürre in Kalifornien wird jeder zweite Baum hier absterben, sie sind von einem Parasiten befallen, der sich aufgrund der Trockenheit ausbreiten konnte. Es ist ein Massaker im Gange. Die meisten Amerikaner wissen nicht, was verloren geht, wenn der Wald nicht mehr ist. Dieses Gefühl, allein in der Natur zu sein, ist schwer zu beschreiben. Nicht einmal meine Kinder verstehen, was ich stundenlang hier draußen treibe.

Was denn? Es ist wie beim Schreiben oder Lesen, man tritt aus dem Körper heraus. Mein Geist beginnt zu wandern, meine Sinne schärfen sich. Oft werde ich gefragt, welchen wilden Tieren ich auf meinen Streifzügen begegne, worauf ich antworte: vor allem Ameisen. Manchmal sehe ich auch einen Kojoten, seltener einen Puma. Gestern sah ich zwanzig fette Kühe im Wald. Die Bauern bringen sie im Sommer hoch und fangen sie wieder ein, wenn es kälter wird. Die Kühe, die ich gestern sah, waren Ausbrecher, Flüchtige, Punks. Ich habe Stunden mit ihnen verbracht. Solche Momente in der Natur tun mir gut, weit weg von den Menschen.

Sie wirken nicht wie ein Menschenfeind. Bin ich auch nicht. Aber ich brauche diese Abgeschiedenheit als Ausgleich. Außerdem bin ich hier produktiver. Schreiben ist meine Sucht, und hier oben hält mich nichts zurück. Als ich einmal einige Wochen allein war und auf einem Spaziergang plötzlich ein Auto hörte, habe ich nicht gegrüßt, sondern versteckte mich hinter den Bäumen.

Gerade in Ihrem Staat, in Kalifornien, wächst das Umweltbewusstsein. Wird Amerika endlich grün? In Montecito, wo ich wohne, wurden wir aufgefordert, dreißig Prozent weniger Wasser zu verbrauchen. Der Rasen meiner Nachbarn aber ist noch immer so grün, als wären wir in Irland. Manche bohren auf ihren Grundstücken nach Wasser, um nicht auf ihr tägliches Bad verzichten zu müssen. Die Superreichen werden immer tun, was sie wollen – während die Armen sich Umweltschutz gar nicht leisten können. In Krisen wie in Syrien oder in Venezuela geht es um Leben und Tod, da ist die Klimaerwärmung plötzlich weit weg. Das gestiegene Umweltbewusstsein in Ehren – ich sehe leider schwarz.

Das Klimaabkommen von Paris aber zeigt, dass durchaus Fortschritte erzielt werden können. Aber die Erderwärmung ist nicht umkehrbar, die Ozeane werden nie sauberer, die Wälder breiten sich nicht mehr aus. Ich bin, wie jeder Umweltaktivist, zum Pessimismus verdammt. Aber okay, eine gute Nachricht gibt es: In spätestens 3,5 Milliarden Jahren wird sich die Sonne ausdehnen und die Erde in ein Stück Kohle verwandeln. Das dauert zwar noch, aber so gesehen gibt es nichts zu befürchten. Nicht einmal Donald Trump. Bis es so weit ist, wird eine neue Spezies die Führung übernehmen. Futurologen prophezeien ja den Aufstieg der Ratte. Sie wird uns alle überleben. Während des Klimagipfels in Paris bat mich eine Zeitung, einen Brief an die Menschen der Zukunft zu schreiben. Also schrieb ich: „Liebe Ratten...“

Der Zusammenprall von Mensch und Natur zieht sich wie ein roter Faden durch ihr Werk. Von „América“ (1995) bis zu ihrem aktuellen Roman „Die Terranauten“, das im Januar auf Deutsch erscheint. Entstammt Ihr Umweltaktivismus Ihrer Kindheit? Sie sind im Bundesstaat New York neben einem Atomkraftwerk aufgewachsen. Nein, damals wussten wir von nichts und lebten in unschuldigen Zeiten. Man hat uns Kindern im Kraftwerk Zeichentrickfilme über Johnny Atom gezeigt, von den Gefahren war keine Rede. Im Sommer sprühten sie uns DDT gegen die Mücken genau in unsere Kindergesichter. Aber es stimmt. Ich war immer schon daran interessiert, wie Menschen in einer Welt leben, in der die Ressourcen knapper werden, der Raum enger, die Bedingungen härter.

Donald Trump will bekanntlich eine Mauer bauen. Radikale Umweltschützer in den USA scheinen sein Vorhaben gutzuheißen. Aus Ihrer Sicht führen mehr Menschen zu mehr Naturzerstörung. Auch Sie haben schon vor Überbevölkerung gewarnt. Hat Trump also Recht? Nein. Wir können Menschen nicht stoppen, die vor Krieg, Hunger und Armut fliehen, davon handelte schon mein Buch „América“. Und es werden immer neue Flüchtlingswellen kommen. Die Migrationsströme sind nicht zuletzt eine Folge der Klimaerwärmung. Trumps Mauer, aber auch die Stacheldrahtzäune in Ungarn oder Griechenland führen nur zu noch mehr Chaos. Was die Überbevölkerung betrifft, sehe ich leider nur eine Lösung: Wir alle müssen die nächsten hundert Jahre auf Sex verzichten. Wer ist dabei?

Wem stehen Sie inhaltlich näher, Bernie Sanders oder Hillary Clinton? Ich mochte Bernie, weil er das Geld aus der Politik halten wollte. In Amerika hat ein Millionär mehr zu sagen als ein Normalbürger, denn das Geld bestimmt, worüber die Politiker sprechen. Kein Wunder also, dass die Republikaner das Wort Klimawandel nicht in den Mund nehmen: Sie werden dafür bezahlt, zu schweigen. Sanders wollte das ändern. Er wollte die Macht der Lobbyisten in Washington eindämmen. Aber ich bin auch mit Hillary Clinton zufrieden. Die USA brauchen eine strenge, aber faire Mutter. Vielleicht war noch kein Kandidat vor ihr so gut vorbereitet auf dieses Amt. Clinton steht für Frauenförderung, Multikulturalismus und mehr Umweltschutz. Ich bin ein überzeugter Hillarian – die vergangenen acht Jahre war ich Obamist.

Gibt es eine Sache, die Sie an Trump mögen? Ich mag, dass er sagt, was immer er sagen will.

Sie sind ein Gegner der politischen Korrektheit. Was ist so schlecht daran? Sie hat dazu geführt, dass man Dinge nicht mehr beim Namen nennt oder sie gar verschweigt. Als Autor und Künstler kämpfe ich gegen jegliche Zensur. Inhaltlich aber ist Trump ein rechter Demagoge, widerwärtig und aggressiv. Er spielt mit den Ängsten der weißen Unterschicht, die sich zu Recht übergangen fühlt. Handelsverträge wie NAFTA halfen nur den großen Unternehmen, die Arbeiter aber gingen leer aus. Das nutzt Trump aus, aber er wird verlieren. Es wird eine historische Niederlage.

Ist Trump ein Punk? Absolut.

Dann haben Sie beide etwas gemeinsam. Vor vielen Jahren waren wir gemeinsam auf einer Veranstaltung und kamen gut miteinander aus. Ein Redner vor uns hielt einen unglaublich langweiligen Vortrag, was uns ärgerte und für diesen einen Abend zusammenschweißte. Aber wissen Sie was? Ich möchte keinen Punk als Präsidenten.

Interview: Sacha Batthyany

T.C.Boyle – Schriftsteller
Umweltaktivisten spielen in den Romanen des kalifornischen Autors tragende Rollen. So erzählt er in „Ein Freund der Erde“ von Tierschützern im Jahr 2025, die nach der Klimakatastrophe in einem übervölkerten Amerika ohne Naturlandschaften bedrohte Arten vor dem Aussterben bewahren wollen.