Jetzt abonnieren Magazinarchiv durchsuchen

Greenpeace Magazin Ausgabe 1.15

Ich stehe da und atme die Stille ein wie einen Geruch.

Text: Amos Oz

Eine Geschichte von Liebe und Finsternis

Jetzt kann man die ganze Tiefe der Wüstenstille hören. Nicht die Stille vor dem Sturm und nicht die Stille danach, sondern eine Stille, die eine andere, noch tiefere Stille überdeckt. Drei, vier Minuten stehe ich da und atme die Stille ein wie einen Geruch. Und dann mache ich kehrt und gehe zurück. Steige aus dem Wadi wieder zum Ende der Straße hinauf und diskutiere mit einem Rudel wütender Hunde, die mich von jedem Garten aus anbellen. Vielleicht scheint es ihnen, ich drohte die Wüste in die Stadt zu tragen.

Ein untersetzter, sonnengebräunter Nachbar, ein kräftiger, drahtiger Mann mit einem dichten Wald weißer Haare auf der nackten Brust, ein ehemaliger Oberst, seine viereckige Gestalt erinnert mich an einen Metallkasten, steht in blauen Trainingshosen da und gießt mit einem Gartenschlauch die Rosenbeete vor seinem Haus.

„Die Rosenbeete sehen wunderbar aus. Guten Morgen, Herr Shmulevitz.“
„Was ist so gut an diesem Morgen?“, faucht er mich an. „Was denn, hat Schimon Peres endlich aufgehört, Arafat den ganzen Staat zu verhökern?“

Und als ich anmerke, dass manche es anders sehen, fügt er bitter hinzu: „Eine Shoah hat uns anscheinend nicht gereicht, um die Lehre daraus zu ziehen. Nennt ihr diese Katastrophe wirklich Frieden? Vom Sudetenland, haben Sie davon überhaupt einmal etwas gehört? Von München? Von Chamberlain? Nein?“

Darauf wüsste ich zwar eine ausführliche und fundierte Antwort, aber aus dem Vorrat der Stille, den ich zuvor, im Wadi, gehortet habe, hole ich die Worte: „Gestern Abend gegen acht Uhr hat man bei euch die Mondscheinsonate auf dem Klavier gespielt. Ich bin hier vorbeigekommen und bin sogar ein paar Minuten stehen geblieben, um zuzuhören. War das Ihre Tochter? Sie hat wunderbar gespielt. Bitte richten Sie ihr das aus.“

Er lenkt den Strahl auf das nächste Beet und lächelt mich an wie ein schüchterner Schuljunge, der unverhofft in geheimer Abstimmung zum Klassensprecher gewählt worden ist: „Das war nicht meine Tochter“, sagt er, „die Tochter ist nach Prag gefahren. Das war ihre Tochter. Meine Enkelin. Daniela. Sie ist Dritte beim Nachwuchswettbewerb des gesamten Süddistrikts geworden. Obwohl ausnahmslos alle gesagt haben, sie hätte mindestens den zweiten Platz verdient gehabt. Sie schreibt auch sehr schöne Gedichte. Solche gefühlvollen Gedichte. Hätten Sie vielleicht mal ein wenig Zeit, einen Blick darauf zu werfen? Vielleicht könnten Sie ihr etwas Mut zusprechen? Oder die Gedichte vielleicht sogar einer Zeitung zur Veröffentlichung geben? Von Ihnen wird man sie doch bestimmt annehmen?“

Ich verspreche Herrn Shmulevitz, Danielas Gedichte bei Gelegenheit zu lesen. Sehr gern. Gewiss doch. Warum nicht. Nichts zu danken.

Insgeheim verbuche ich dieses Versprechen als einen kleinen Beitrag meinerseits zur Unterstützung des Friedens. Zurück in meinem Arbeitszimmer, eine Tasse Kaffee in der Hand und die Morgenzeitung auf dem Sofa ausgebreitet, stehe ich noch rund zehn Minuten am Fenster. Höre in den Radionachrichten von einem siebzehnjährigen arabischen Mädchen, das durch eine Gewehrsalve in die Brust schwer verletzt worden war, nachdem sie versucht hatte, einen israelischen Soldaten an der Straßensperre bei Bethlehem zu erstechen. Das Morgenlicht, das zuvor in einen grauen Schleier gehüllt war, erhitzt sich nun und hat sich in ein scharfes, kompromissloses Azur verwandelt.


Amos Oz, Israels prominentester Schriftsteller, ist Mitbegründer der Friedensbewegung „Peace Now“. Der Textauszug stammt aus seinem autobiografischen Roman „Eine Geschichte von Liebe und Finsternis“ (Suhrkamp 2004)