Greenpeace Magazin Ausgabe 5.14

Im Bauch des Ungeheuers

Text: Vito Avantario Fotos: Gerd Ludwig/Institute

Das Unglück von Tschernobyl im Jahr 1986 ist Gerd Ludwigs Lebensthema. Nun legt der Fotograf eine Dokumentation über die Folgen der Katastrophe in der Ukraine vor

Zu den eindrucksvollsten Fotos der monumentalen Arbeit von Gerd Ludwig gehört ein eher stilles Werk: ein grobkörniges im Winter 1993 mit einer Kleinbildkamera fotografiertes Motiv. Zwei Frauen und zwei Männer sind da zu sehen. Die eine schaut gedankenverloren aus dem Fenster. Der Mann neben ihr hat seine Hände demütig in den Schoß gelegt. Hinter ihm stehen zwei weitere in sich gekehrte Personen – diese vier Menschen warten im Flur einer ukrainischen Behörde schicksalsergeben darauf, als Strahlungsopfer anerkannt und klassifiziert zu werden, weil davon die Höhe ihrer spärlichen Entschädigung abhängt. Dieses Foto ist deswegen erstaunlich, weil es wie aus der Zeit gefallen scheint: Hätte der englische Maler der Romantik William Turner Tschernobyl nach der Katastrophe besucht, er hätte vielleicht genau so ein melancholisches Ölwerk gemalt.

Als Ludwig dieses Bild aufnimmt, ist er zum ersten Mal in der Gegend um Tschernobyl. Dort fotografiert er für die amerikanische Ausgabe des National Geographic eine Reportage über Umweltsünden in der Sowjetunion. 1983 war der gebürtige Hesse in die USA ausgewandert. Dort heiratete er die inzwischen berühmte Celebrity-Fotografin Dana Fineman. Ludwig lebt heute in Los Angeles. Jetzt sitzt er in einem Konferenzraum im Messeviertel von Hannover-Laatzen und streut hin und wieder ein englisches Wort in die Unterhaltung ein, weil ihm das deutsche nicht mehr einfällt. „Was ist das für eine Coke?“, fragt er, als er sich eine Flasche Fritz-Kola öffnet. „Ist da genug Koffein drin?“ Für eine Fotomesse hält er sich seit einigen Tagen in Deutschland auf. Der Jetlag macht ihm zu schaffen.

Vielleicht liege es an seinem Interesse für das ehemalige Sowjetreich, dass Tschernobyl zu seinem Lebensthema geworden sei, sagt Ludwig. Sein Vater war im Zweiten Weltkrieg in russischer Gefangenschaft. Dessen Geschichten hat er als Kind aufgesogen und sich später mit der Kamera aufgemacht, um das Land zu erkunden, das seinen Vater so lange Zeit festgehalten hatte. Der Moment, in dem er die Szene in der ukrainischen Behörde aufgenommen hat, ist immerhin 21 Jahre her, doch dieser Augenblick hat sich fest in seine Erinnerung gebrannt. Wer ihn danach fragt, erhält eine präzise Rekonstruktion des Augenblicks, der sich ihm bot: Er habe nur kurz mit der Frau links im Bild sprechen können, erinnert sich Ludwig, dann habe sie sich wieder weggedreht. Er hat ihr dann lange schweigend  gegenübergesessen und hin und wieder auf den Auslöser gedrückt. Niemand im Flur der Behörde habe ihn wirklich registriert. Für die gedankenverlorenen Menschen sei er wie unsichtbar gewesen, zu sehr waren sie mit sich selbst beschäftigt.

Fotografieren ist für Gerd Ludwig kein Egotrip. Er ist kein Trophäensammler wie manche Kollegen, die erfolgssüchtig das Elend der Welt einfangen. Sein Handwerk hat der heute 67-jährige Dokumentationsfotograf in den Siebzigerjahren bei Otto Steinert an der bekannten Folkwang Hochschule in Essen gelernt. Steinert stand in der Nachkriegszeit prototypisch für die neue „Subjektive Fotografie“ in Deutschland. Mit seinen Mitstreitern Siegfried Lauterwasser und Heinz Hajek-Halke hatte er 1949 die avantgardistische Gruppe „Fotoform“ gegründet, die die konventionelle und massentaugliche Fotografie der Nazis strikt ablehnte. Sie  experimentierten dagegen mit kontrastreichen Abzügen, radikalen Ausschnitten, abstrakten Strukturen und surreal wirkenden Situationen. Der subjektive Blick des Individuums bekam mit ihnen eine neue Bedeutung in der deutschen Fotografie. Dies wurde stilprägend für Steinerts Schüler, auch für Ludwig.

Es gehe ihm mit seiner aktuellen Arbeit nicht darum, ein politisches Statement zu setzen. Ludwig würde sich auch nie einen Anti-Atomkraft-Button an die Brust heften, sagt er. Er will jenen wieder eine Stimme verleihen, die sich in ihrem Schmerz dem Schweigen hingegeben haben. „Spricht man über die Folgen von Atomkatastrophen, werden die psychologischen Auswirkungen auf die Überlebenden meist vergessen“, sagt Ludwig. Bei seinen Besuchen in der Sperrzone hat er beobachtet, dass die Menschen ein Leben lang unter der Angst leiden, an Krebs oder anderen todbringenden Leiden zu erkranken. Diese medizinische Ungewissheit macht viele von ihnen hypochondrisch, paranoid oder depressiv. Das Reaktorunglück von Tschernobyl habe nicht nur die vier Menschen auf dem Foto psychologisch deformiert, sondern die Bevölkerung einer ganzen Region.

Die für ihn selbst gesundheitlich riskantesten Bilder sind in den Jahren 2011 und 2013 entstanden. Das politische Tauwetter in der Ukraine hatte schon lange zu mehr Freizügigkeit geführt, und so bekam Ludwig nach monatelangen Verhandlungen mit den örtlichen Behörden als erster westlicher Dokumentarfotograf die Erlaubnis, in die verstrahlten Innereien des Reaktorblocks 4 vorzudringen: Mit einer Handvoll Schweißern, Schmieden und Maurern geht es hinab in den Bauch des Ungeheuers. Dort unten wird seit dem Unfall immer noch an der Statik des wackeligen Kraftwerks gearbeitet. Stürzt dieser Teil des Reaktors ein, würde ähnlich viel Radioaktivität freigesetzt werden wie nach dem Super-GAU 1986.

Auf dem Weg zum Kontrollraum des havarierten Blocks 4, wo die todbringenden Fehler geschahen, kommen Gerd Ludwig immer wieder gespenstische Erscheinungen entgegen: Schemenhaft, wie aus einer Geisterwelt, tauchen Kraftwerksmitarbeiter in weißen Schutzanzügen mit Sicherheitsmasken auf, nicken stumm und ziehen an ihm vorbei, während er mit einer Kleinbildkamera einige Blitzlichtaufnahmen von ihnen macht. Ludwig darf sich nur 15 Minuten in diesen tieferen Etagen des Gebäudes aufhalten. Die Gänge sind hier unten nur notdürftig beleuchtet. Er hastet über eine steile Treppe, die errichtet wurde, um einen schnellen Zugang zu den in den Kellergeschossen gelegenen Baustellen zu ermöglichen. Nur kurz bekommt er dann Zutritt zu dem einsturzgefährdeten Bereich mit der Nummer 207/5. Hier ist die Strahlung so hoch, dass ihm nur wenige Sekunden bleiben, den Raum mit der Uhr zu fotografieren: Als sich die schwere Tür öffnet, schießt er eine schnelle Salve Blitzlichter ab, sofort danach reißt ihn ein Mitarbeiter des Werks zurück und die Tür fällt wieder zu. Doch dann schaut Ludwig auf das Display der Digitalkamera: Alle Bilder sind unscharf.

Dann darf er noch einmal kurz hinein, und diesmal gelingt ihm der Schuss von der Uhr: In der Nacht des 26. April 1986 ist in diesem Raum um 1 Uhr 23 die Zeit stehengeblieben. Dies ist der Moment, den die Chronisten später als den genauen Zeitpunkt des Super-GAU angeben werden.

In den letzten 21 Jahren war Ludwig dreißig Mal in der Sperrzone. Er gehört zu den wenigen deutschen Fotografen mit Weltformat: 1975 hat er die Fotoagentur Visum mitbegründet. 2006 gewann er den Lucie Award, eine Auszeichnung, die in den USA als Oscar der Fotografie gilt. Im kommenden September wird er nun mit der größten deutschen Auszeichnung für Fotografen geehrt, dem Erich-Salomon-Preis der Deutschen Gesellschaft für Photographie. Doch als er im April 2011 zum 25. Jahrestag der Reaktorkatastrophe Redaktionen weltweit eine Bildreportage aus Tschernobyl anbot, hatten nur wenige Interesse an dem Thema. Vielleicht, weil sich im März zuvor die Dreifachkatastrophe von Fukushima ereignet und die Weltmedien ihre Scheinwerfer reflexhaft darauf gerichtet hatten.

Ludwigs Fotoband ist deshalb auch ein Buch des Gedenkens, der Erinnerung an einen Unort, der im kommenden Jahr unsichtbar werden könnte: Dann soll ein neuer Sarkophag, das sogenannte New Safe Confinement, den von der Explosion zerstörten Reaktor umhüllen und die Außenwelt von Radioaktivität abschirmen.

Gerd Ludwig: Der lange Schatten Tschernobyls. Edition Lammerhuber, Wien 2014, 252 Seiten, 75 Euro


WAS WAR
Am 26. April 1986, in der Nacht von Freitag auf Samstag, soll im Reaktor vom Typ RMBK II („Reaktor Bolschoi Moschtschnosti Kanalni“) ein Experiment durchgeführt werden, das zum Ziel hat, die selbstständige Stromversorgung des Reaktors bei Stromausfall zu sichern. Während des Versuchs kommt es in dem Reaktor zu technischen Defekten. Techniker von Block IV begehen schwerwiegende Fehler, die eine unkontrollierbare Kettenreaktion auslösen.

Ein Werksmitarbeiter aktiviert daraufhin den Havarieschutz für die Notabschaltung des Reaktors. Doch zehn Minuten nach dem Alarm sprengt eine Dampfexplosion die 1200 Tonnen schwere Betonkuppel des Reaktorkerns von Block 4 ab und schleudert überhitzte Grafitblöcke und Kernbrennstoffe in die Atmosphäre. Von oben strömt Luft in den Reaktor und löst einen Großbrand im Kern aus, der erst zwei Wochen später endgültig gelöscht werden kann. Die sowjetische Regierung vertuscht die Atomkatastrophe. Die Weltgemeinschaft und die eigene Bevölkerung werden tagelang nicht über Hintergründe und Konsequenzen des Super-GAUs informiert. Rund 116.000 Bewohner werden evakuiert, mehr als 200.000 sogenannte Liquidatoren werden ins Katastrophengebiet geschickt, um die Region zu dekontaminieren. Viele der ehemaligen Bewohner werden in Plattenbauten in die rund 130 Kilometer entfernte ukrainische Hauptstadt Kiew umquartiert. Über die Toten herrscht seit Jahren ein Zahlenstreit. In einem streng vertraulichen Bericht hatte das Zentralkomitee der sowjetischen KPdSU Mitte Juli 1986 Zwischenbilanz gezogen: 26 Tote.

Von 56 Toten spricht die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) und bezieht sich auf die Opfer unter den Liquidatoren und an Schilddrüsenkrebs verstorbene Kinder aus dem Umfeld des Reaktors. 34.499 verstorbene Rettungshelfer verzeichnet die Ukrainische Kommission für Strahlenschutz. Eine Schätzung der WHO summierte die Einsatzkräfte, die infolge von Strahlenschäden starben oder Selbstmord begingen, auf 50.000. Von bis zu 100.000 Toten allein unter den Aufräumarbeitern gehen das Komitee der internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs (IPPNW) und die Gesellschaft für Strahlenschutz aus.

Auch politisch erzeugte die Atomkatastrophe ein Beben: Sie sei die wirkliche Ursache für den Zusammenbruch der UdSSR fünf Jahre später gewesen, schreibt der ehemalige Staatspräsident der Sowjetunion Michail Gorbatschow in seinem Vorwort zu Ludwigs Bildband. Die wohl wichtigste politische Folge von Tschernobyl ist der Durchbruch der Umweltpolitik nicht nur in Deutschland, sondern in aller Welt.


WAS IST UND WAS WIRD
Nach der Katastrophe wurde eine Schutzzone mit einem Radius von 30 Kilometern um den Reaktor ausgewiesen, die bis heute Bestand hat. Das Gebiet umfasst neben der Ruine des Kraftwerks die naheliegende Stadt Prypjat sowie einige kleine Dörfer, die verlassen sind. Rund 4000 Menschen leben noch in der Gegend um die Atomruine, die meisten sind Werksmitarbeiter, Armeeangehörige, Wissenschaftler. Sie halten die Infrastruktur intakt, sichern die Zonengrenze, erforschen die Folgen der Katastrophe oder arbeiten am neuen Sarkophag. Auch einige Bewohner, die ihre alte Heimat vermissten, halten sich illegal in der Zone auf.

Der havarierte Reaktor wurde nach dem Desaster mit einem Beton- und Stahlmantel umhüllt. Seit langem gilt der sogenannte Sarkophag als einsturzgefährdet: in den Jahren 2004 bis 2006 wurden deshalb Stabilisierungsarbeiten vor allem am Dach und an der Westwand der Schutzhülle durch geführt. Rund 2500 Arbeiter waren daran beteiligt. Die Arbeiten haben circa 37 Millionen Euro gekostet. Man hoffte damals, dass der Sarkophag bis 2021 stabil bleibt. Inzwischen wird eine neue Hülle gebaut, das New Safe Confinement (CSF), die über den alten Sarkophag gezogen werden und ihn mindestens für 100 Jahre komplett abschirmen soll.

Mit dem Bau des neuen Sarkophags ist ein französisches Konsortium namens Novarka beauftragt, darunter auch deutsche Unternehmen wie Nukem und Hochtief. Mit einer Größe von 150 mal 250 Metern ist der Sarkophag die größte mobile Konstruktion, die jemals gebaut worden ist. Geschätzte Kosten: 1,2 Milliarden Euro. Finanziert wird das Projekt von diversen Staaten.

Die ukrainische Regierung und die internationalen Geldgeber – darunter auch die Bundesregierung – hoffen, dass das New Safe Confinement die Möglichkeit eröffnet, den alten Sarkophag abzubauen und den kompletten Reaktor samt geschmolzenem Kernbrennstoff zu entsorgen. Atomkraft- und Umweltexperten sind allerdings skeptisch, ob das jemals gelingen wird.