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Greenpeace Magazin Ausgabe 4.15

Im Schatten der Korruption

Text: Jens Weinreich

Sport, Ökologie, Menschenrechte. Passt das zusammen? Nicht immer. FIFA, IOC und UEFA müssen sich und den gesamten Sportzirkus gründlich erneuern, meint Jens Weinreich

Es ist aus. Nur wenige Tage nach seiner Wiederwahl ist Sepp Blatter von seinem Amt als Fifa-Präsident zurückgetreten. Noch kurz zuvor hatte er alle Vorwürfe an sich abprallen lassen. Korruption? Es handele sich um Einzelfälle, sagte er und versprach mal wieder, im Weltfußballverband aufzuräumen. Nach seinem Rücktritt kündigte er dann einen außerordentlichen Kongress an, auf dem sein Nachfolger gewählt werden soll. Doch Sepp Blatter hat das Heft des Handelns nicht mehr in der Hand. Die Tsunamiwelle, die von der amerikanischen Justiz in Gang gesetzt worden ist, wird den ewigen Sepp fortspülen, sobald seine ehemals engsten Mitarbeiter ausplaudern, was sie wissen.  

Mehr als 17 Jahre lang war Blatter Präsident eines Verbands, der sich selbst gern als Weltverbesserungsanstalt betrachtete. Präsident Blatter agierte innerhalb und außerhalb der Fußballarenen unbescheiden. Mal ging es ihm um nichts Geringeres als den Weltfrieden, dann wollte er zusätzlich Hunger und Analphabetismus bekämpfen. In vielen der derzeit 209 FIFA-Nationen wurde er geschätzt. Unlängst verglich ihn der Verbandspräsident der Dominikanischen Republik mit einigen Größen der Menschheitsgeschichte: Moses, Abraham Lincoln, Martin Luther King, Nelson Mandela, Winston Churchill und, kein Witz, einem gewissen Jesus von Nazareth.

Blatter, der Jesus vom Zürichberg, glaubte an seine welthistorischen Verdienste. Fußball sei wichtiger als alle Religionen zusammen, sagte er gern. Die FIFA verweist immer wieder auf Entwicklungshilfeprogramme, in die sie jährlich dreistellige Millionensummen investiert, und auch auf den Grundsatz, Weltmeisterschaften klimaneutral zu organisieren. Für Letzteres steht das FIFA-Label „Football for the Planet“. Ähnlich agiert die Europäische Fußball-Union UEFA, Besitzer und Ausrichter der Champions League, in deren Rechenschaftsberichten nicht nur Einnahmen und Tore bilanziert werden, sondern auch der Kauf von Emissionsrechten im Rahmen des Programms „Climate Friendly“, der Kampf gegen Rassismus oder die Partnerschaft mit dem WWF. Derlei Themen gehören zum Marketing der Sportmultis und werden von ihren PR-Abteilungen ausgeschlachtet.

Das Programm „Green Goal“ zur Männer-WM 2006 und zur Frauen-WM 2011 in Deutschland, mit dem die FIFA in Sachen Umweltschonung bei Großevents als Vorreiter auftreten wollte, bezeichnete Claudia Roth mehrmals als Erfolgsgeschichte. Die Grünen-Politikerin pflegte lange eine enge Beziehung zu Fußball-Fürsten. Die CO2-Bilanz der letzten Weltmeisterschaften wusste man mit Emissionszertifikaten zu schönen. Zuletzt wurden bei der WM 2014 in Brasilien in jedem der zwölf Stadien tatsächlich Regenwassernutzsysteme, Fotovoltaikanlagen oder energiesparende Dachkonstruktionen verbaut. Doch insgesamt bleibt es ein Wahnsinn, dass die Weltmeisterschaften in Brasilien und Südafrika (2010) ein gutes Dutzend Stadien hinterließen, die heute kaum genutzt werden. Die Arena da Amazônia in Manaus und das Estádio Nacional in Brasília wurden im Grunde für ein halbes Dutzend WM-Spiele errichtet und stehen heute als sogenannte „White Elephants“, irrsinnige Investmentruinen, in der Landschaft herum.

Für die Fußball-Weltmeisterschaften in Russland (2018) und Katar (2022) werden teils noch bombastischere Stadien errichtet. Diese Titelkämpfe sind schon jetzt von Korruption und Verletzungen der Menschenrechte überschattet. So sind das sklavenhalterähnliche Kafala-System in Katar, unter dem Millionen von Gastarbeitern schuften, und der Tod von tausenden Bauarbeitern belegt. Nichtregierungsorganisationen (NGOs) wie Amnesty International, der Weltgewerkschaftsbund und der Kulturausschuss des Europarates fordern sofortige Konsequenzen und eine Neuvergabe der WM 2022. Doch die FIFA-Führung hält – noch – zu Katar: Mit der Vergabe der Weltmeisterschaften an Frankreich (1998), Südafrika (2010) sowie Russland und Katar stehen nach Ermittlungen der amerikanischen Behörden bei Redaktionsschluss insgesamt vier Endrundenturniere unter Korruptionsverdacht.

Treu stand Blatter auch jahrelang zu Wladimir Putin: Wann immer die WM in Russland kritisiert und wegen der Annexion der Krim und des Krieges in der Ukraine ein Boykott gefordert wurde, sagte Blatter, Russland werde die beste WM aller Zeiten ausrichten, und verbat sich die Vermischung von Sport und Politik – ausgerechnet in Russland, wo Sportevents zu Putins Propaganda gehören.

Das IOC, der dritte große Sportverband neben FIFA und UEFA, hat ähnliche Probleme: Nach Bürgerentscheiden und Volksbegehren wurden Olympiabewerbungen in Deutschland (München 2022), der Schweiz und Polen zurückgezogen. Im kommenden Herbst soll es in Hamburg einen Bürgerentscheid über die Olympiabewerbung 2024 geben. Der Umstand, dass das IOC zuvor, am 31. Juli auf seiner Vollversammlung in Kuala Lumpur, die nächste Spezialdemokratie mit der Austragung von Olympischen Spielen beauftragt, wird sicher nicht als vertrauensbildende Maßnahme durchgehen: Die Winterspiele 2022 finden ausgerechnet in China oder Kasachstan statt.

In der Stadt Almaty hat der kasachische Alleinherrscher und Multimilliardär Nursultan Nasarbajew bereits fast alle Sportstätten errichten lassen – sie werden sogar genutzt. Immerhin kennt man in der Möchtegern-Olympiastadt und den dortigen Hochgebirgsregionen echten Schnee, wogegen die chinesische KP-Führung um Xi Jinping für die Winterspiele 2022 in Peking und Zhangjiakou erneut Potemkinsche Dörfer errichten will: Skipisten und eine Bobbahn sollen in die Natur gefräst werden, eine an Wassermangel leidende Region soll mit riesigen Schneekanonen Kunstschnee produzieren. Ginge es nach den Grundsätzen der „Agenda 2020“ des IOC, die unter dem deutschen Präsidenten Thomas Bach (FDP) Reformen propagiert und sogar vernünftige Ansätze enthält, wären Winterspiele in Peking ein No-Go. Doch so genau nimmt man es nicht mit den Versprechen.

Unmittelbar nach Amtsantritt im Herbst 2013 hat Bach dem Staats- und Parteichef Xi Jinping den höchsten olympischen Orden überreicht. Peking, das in den kommenden Jahren 800 Milliarden Dollar in das Sportbusiness investieren und mit Olympia 2022 angeblich 300 Millionen Menschen zu Wintersportlern machen will, ist Favorit für die Ausrichtung der Winterspiele. Es läuft auf eine kleine Kopie der Sommerspiele 2008 in Peking hinaus. Keins der damaligen Versprechen wurde übrigens eingehalten – im Olympiajahr verdreifachte sich sogar die Zahl der Hinrichtungen. Nun wiederholen sich die Diskussionen über Umweltschutz, Pressefreiheit und Menschenrechte. Viele NGOs stemmen sich vergeblich gegen die neuen Olympiapläne.

Gewiss, in der Olympischen Charta, dem Grundgesetz des IOC, der 205 Nationalen Olympischen Komitees (NOK) und der 35 olympischen Weltverbände, taucht neuerdings eine Antidiskriminierungs-Präambel auf. Die Herrscher in China und Kasachstan segnen das ab und versprechen das Blaue vom Himmel. So begeben sich IOC wie FIFA wissentlich und willentlich in die Hände von Despoten – derzeit paktiert das mit vielen IOC-Mitgliedern durchsetzte Europäische Olympische Komitee EOC mit Aserbaidschans Herrscher Ílham Alijew: Er richtet im Juni in Baku für sechs Milliarden Dollar die ersten „European Games“ aus, eine Art kontinentales Olympia. Obwohl er Regimekritiker und Journalisten einkerkern lässt, ist Protest von Sportfunktionären nicht zu vernehmen. Alijew bezahlt alle Rechnungen.

Das IOC genießt einen Beobachterstatus bei den Vereinten Nationen und hält sich mit Willi Lemke (SPD) eine Art Maskottchen, das den Titel „UN-Sonderberater für Sport im Dienste von Frieden und Entwicklung“ trägt. Wo immer IOC-Größen auftreten und argumentative Hilfe brauchen, ist der ehemalige Fußballmanager und Bach-Freund zur Stelle. Wie Lemke ist auch Achim Steiner, Exekutivdirektor des Umweltprogramms UNEP, ein langjähriger Freund des Sports, der dem IOC gern zur Seite springt. Umweltschutz sei eine „integrale Dimension des Olympismus“, wird behauptet. In Wirklichkeit aber wird das Thema in der 107 Seiten umfassenden „Olympic Charter“ des IOC in nur einem einzigen Satz erwähnt.

Seit 1995 hat das IOC eine Umweltkommission, die lange Jahre von Pál Schmitt geführt wurde, dem ehemaligen ungarischen Präsidenten. Er hat fast seine komplette Doktorarbeit abgeschrieben und musste nach diesem erwiesenen Plagiat als Staatsoberhaupt zurücktreten. Schmitts Nachfolger als IOC-Umweltchef wurde Albert II. von Monaco. Er hat sich mit seiner 2006 gegründeten „Prince Albert II. Foundation“ das Image eines Öko-Prinzen verpasst und fördert mit seiner Umweltstiftung auch die Ökorennserie Formel E (siehe Seite 22).

Gleichwohl bleibt die olympische Geschichte geprägt von schweren Eingriffen in die Natur, vor allem bei Winterspielen: Für die Hälfte der 28 Sommersportarten genügen große Messehallen, die man mit Tribünen und Wettkampfflächen füllen kann. Für den Wintersport aber sind Schanzen, Abfahrtspisten, Langlaufstrecken, Eislaufhallen, Bob- und Rodelbahnen nötig. Die olympische Propaganda sprach 2014 in Sotschi von Spielen „im Einklang mit der Natur“. Dabei waren die Winterspiele mit Gesetzesänderungen verbunden, die es bei künftigen Projekten in Russland einfacher machen werden, den Naturschutz auszuhebeln. Greenpeace und der WWF hatten sich aus der Vorbereitung auf Sotschi unter Protest zurückgezogen, weil die Organisatoren nicht daran dachten, die Forderungen der NGOs zu erfüllen.

Während derselben Spiele wurde der Umweltaktivist Jewgenij Witischko zu drei Jahren Straflager verurteilt. Er hatte immer wieder auf die Abholzung von Wäldern und die Verlegung des Flussbettes der Msymta hingewiesen. Das IOC aber, allen voran Präsident Thomas Bach und Putins Skipartner Jean-Claude Killy, Chef der IOC-Koordinierungskommission für Sotschi, feierten Spiele der „Nachhaltigkeit und grünen Standards“. Die10. IOC-Umweltkonferenz wurde deshalb im Jahr 2013 demonstrativ nach Sotschi vergeben. Killy ist übrigens all die Jahre vorzugsweise in seinem Privatjet nach Sotschi und zu Putin gedüst.

Zur Person
Der Journalist Jens Weinreich, 50, berichtet über die Hintergründe des Milliardengeschäfts Sport. Seine Recherchen über IOC und FIFA wurden etwa mit dem Wächterpreis und dem Grimme-Online-Award ausgezeichnet.
jensweinreich.de