greenpeace magazin 5.07
Den Atomkraftwerken geht der Brennstoff aus. Fieberhaft suchen Prospektoren nach neuen Uranlagerstätten. Mit viel Aufwand und Zerstörung der Umwelt werden selbst magere Vorkommen ausgebeutet.
Für Arlit ist das Uran Fluch und Segen zugleich. Die Wüstenstadt im Norden von Niger verdankt dem strahlenden Rohstoff Hunderte Arbeitsplätze, eine asphaltierte Straße in die ferne Hauptstadt Niamey und letztlich sogar ihre Existenz: Arlit wäre nie gegründet worden, hätten nicht Prospektoren in den 60er-Jahren Uranvorkommen in der Sahara entdeckt. Heute decken die beiden Minen in der Umgebung 16 Prozent des Uranbedarfs der EU; 70.000 Menschen leben in der Einöde.
Auffällig viele der Arbeiter und ihrer Angehörigen leiden unter Atemwegserkrankungen, manche unter Leukämie. Der Minenbetreiber, der französische Atomkonzern Areva, behauptet, die harschen Lebensbedingungen in der Wüste machten den Menschen zu schaffen. Die radioaktive Verseuchung ruiniere ihre Gesundheit, warnen hingegen Umweltschützer. Zwar setzt der Uranabbau wesentlich geringere Mengen Radioaktivität frei als etwa ein Reaktorunfall, doch gehen viele Strahlenbiologen davon aus, dass auch niedrige Dosen auf Dauer krank machen können.
Mitarbeiter des unabhängigen französischen Umweltlabors CRIIRAD entdeckten bei einem Schrotthändler in Arlit radioaktiv strahlende Metallrohre, maßen im Trinkwasser der Arbeiter einen Urangehalt, der die WHO-Grenzwerte um das Zehn- bis Hundertfache übertraf, und fotografierten offene Abraumhalden, von denen der Wüstenwind Staub aufwirbelte. „Areva behauptet, stets die international gültigen Sicherheitsstandards einzuhalten“, sagt Bruno Chareyron, Kernphysiker bei CRIIRAD, „aber die Realität sieht anders aus.“
Auf die Vorwürfe reagierte der Konzern, der vom Rohstoff bis zum fertigen Reaktor alles im Programm hat, zunächst mit Dementis und Verschleierungen. Dann kündigte er zusätzliche Gelder für die Region sowie ein Gesundheitsmonitoring für die Arbeiter an. Berichte über ungesicherte Abfälle, verseuchtes Grundwasser und ein schlechtes Krisenmanagement in einem der ärmsten Länder der Welt kratzen an einem gerne gepflegten Mythos der Branche: Dass die Versorgung der Reaktoren mit Brennstoff eine sichere und saubere Sache sei und man sich – anders als beim Öl – um den steten Nachschub nicht sorgen müsse.
In Wahrheit geht den Reaktoren der Rohstoff aus – es droht eine globale Urankrise. Denn nach der Katastrophe von Tschernobyl schien die Atomkraft ein Auslaufmodell zu sein, kaum jemand investierte in neue Minen. Zudem drängten nach dem Ende des Kalten Krieges große Mengen Recycling-Uran aus verschrotteten russischen Atomsprengköpfen auf den Markt und hielten die Preise niedrig. Inzwischen hat Russland jedoch angekündigt, die Lieferungen zu drosseln und bis 2013 ganz einzustellen, denn es braucht den Brennstoff dringend für seine eigenen Reaktoren. Schon heute benötigen die Atomkraftwerke weltweit mit rund 67.000 Tonnen Uran jährlich ein Drittel mehr Brennstoff, als alle Minen der Erde fördern. Und die Lage wird sich weiter zuspitzen, denn in vielen Ländern steht die Atomenergie vor einer Renaissance. Vor allem in Asien sind etliche Kernkraftwerke geplant oder bereits in Bau; allein China möchte bis zu 40 neue Meiler errichten.
Folglich schießt der Uranpreis derzeit in ungeahnte Höhen: Anfang Juni kostete ein britisches Pfund Uranoxid (U3O8) am Spotmarkt 136 Dollar, doppelt so viel wie zu Jahresbeginn. Verglichen mit dem Tiefstwert vom März 2001 hat sich der Preis für Yellowcake, die pulverförmige Handelsform des Urans, sogar verzwanzigfacht. Hektisch versuchen Regierungen, das Nachschubproblem zu lösen. Die Europäische Union will 500 Millionen Euro für den Ausbau von Minen in Kasachstan bereitstellen; China hat sich langfristige Uranlieferungen aus Australien gesichert (Interview Seite 25).
Optimisten in der Nuklearbranche erklären zwar, es sei noch Uran für mehr als 200 Jahre da. Der Uranexperte Peter Diehl vom World Information Service on Energy (WISE), der für Greenpeace alle verfügbaren Informationen über die Vorräte der Welt dokumentiert hat*, kommt zu einem anderen Ergebnis: „Die bekannten Ressourcen sind in wenigen Jahrzehnten erschöpft. Selbst bei einer konstanten und ab 2040 sinkenden AKW-Zahl wäre 2070 Schluss.“
Kein Wunder also, dass Bergbaufirmen plötzlich Interesse an Vorkommen zeigen, deren Ausbeutung noch vor kurzem völlig unattraktiv erschien. Allein in Niger suchen – trotz drohender Angriffe von Tuareg-Rebellen – mehr als 20 internationale Unternehmen nach Uran. Und selbst in Europa, wo der Uranabbau beinahe zum Erliegen gekommen ist, sind wieder Prospektoren unterwegs.
Für Mensch und Umwelt könnte der Boom katastrophale Folgen haben. Vor allem die Sicherung der strahlenden Schutthalden und Schlämme, die beim Uranabbau zurückbleiben, sowie der gewaltige Wasser- und Energieverbrauch der Minen sind ungelöste Probleme. „Je schlechter die Qualität des Erzes, desto größer ist der Förderaufwand“, sagt der Greenpeace-Atomexperte Thomas Breuer, „und desto verheerender sind die Auswirkungen auf die Umwelt.“ Kurz: Verhältnisse wie in Arlit drohen künftig vielerorts, wo Uran unter der Erde schlummert. Darüber hinaus wächst mit der Erschließung vieler neuer Quellen die Gefahr, dass Uran in falsche Hände gerät und für den Bau von Atomwaffen genutzt wird.
Eigentlich ist das Metall als Spurenelement in der Erdkruste weit verbreitet und in einer Vielzahl unterschiedlicher Mineralien enthalten. Eines davon ist die Pechblende, eine schweres, schwarzes Erz, aus dem der Berliner Chemiker Martin Heinrich Klaproth im Jahr 1789 erstmals Uran isolierte. Doch nur in wenigen Gebieten ist der Urangehalt im Boden so hoch, dass sich der Abbau lohnt.
Den Rekord halten zwei Fundorte im kanadischen Athabaska-Becken: Das Erz der ertragreichste Mine der Welt, McArthur River, besteht zu 18 Prozent aus Uran, in der Lagerstätte Cigar Lake sind es durchschnittlich 14 Prozent. Allerdings liegen die Vorkommen Hunderte Meter tief unter einer mit Wasser gesättigten Sandsteinschicht und lassen sich nur mit enormem technischen Aufwand ausbeuten.
Cigar Lake sollte eigentlich demnächst in Betrieb gehen, doch im Oktober 2006 brach ein Stollen ein, das halbfertige Bergwerk lief voll Wasser. Die Bergleute müssen sich dem Erz dort von unten nähern und es einfrieren, um Wassereinbrüche zu verhindern. Die Bedingungen auf der Baustelle in 500 Metern Tiefe seien extrem schwierig, berichten Arbeiter, es sei „wie Graben im Treibsand“.
Das Absaufen von Cigar Lake war ein gewaltiger Rückschlag für die Branche: Die Mine sollte von kommendem Jahr an 17 Prozent des globalen Bedarfs decken, ihr Ausfall entspricht dem Verlust Saudi-Arabiens für den Ölmarkt. Das kanadische Unternehmen Cameco, das gemeinsam mit Areva den Löwenanteil der Mine besitzt, verschob den Eröffnungstermin auf 2010. Ob sich der neue Zeitplan einhalten lässt, ist jedoch ungewiss.
Trotz intensiver Suche wurden bisher nirgends sonst auf der Welt ähnlich ergiebige Lagerstätten gefunden – der Rekord außerhalb Kanadas liegt bei 0,7 Prozent Urangehalt. Und das Erz der Rössing-Mine in Namibia enthält sogar nur 0,029 Prozent Uran. Um eine Tonne Yellowcake zu gewinnen, müssen hier viele Tausend Tonnen Gestein bewegt werden. Doch das Erz liegt hier nahe der Oberfläche und lässt sich vergleichsweise einfach abtragen – die Mine ist der größte Tagebau der Welt. In ihren 30 Betriebsjahren fraß sie ein riesiges Loch in die Namib-Wüste, drei Kilometer breit, 300 Meter tief. Im Jahr 2005 produzierte Rössing 3711 Tonnen Uranoxid. Dafür wurden 19,4 Millionen Tonnen Fels gesprengt.
Kaum sind die Detonationen verhallt, laden Kräne die geborstenen Felsbrocken auf riesige Laster; Strahlenmesser bestimmen den Urangehalt jeder Ladung – zwei von drei Fuhren enthalten zu wenig des begehrten Metalls und landen direkt auf der Abraumhalde. Der Rest wird in der Aufbereitungsanlage von Erzbrechern zerbröselt, dann von Spezialmühlen unter Zugabe von Wasser gemahlen. Es entsteht ein Brei, den man in großen Rührtanks mit Schwefelsäure versetzt, um das Uran zu lösen. Nach ein paar weiteren Verarbeitungsschritten wird die Mixtur bei 600 Grad Celsius getrocknet – Yellowcake, der „gelbe Kuchen“, ist fertig gebacken.
Bei dem Aufbereitungsprozess bleiben die sogenannten Tailings zurück, eine schlammige Masse, die in riesige Absetzbecken gepumpt wird. Neben einem Cocktail aus Schwermetallen, Arsen und zugesetzten Chemikalien enthalten die Rückstände eine weitere Mitgift: 85 Prozent der an die Oberfläche gebuddelten Radioaktivität verbleiben in den Abfällen. Aus den Becken gast radioaktives Radon aus, und wenn die Oberfläche austrocknet und nicht ausreichend abgedeckt ist, wehen uran- und arsenhaltige Stäube über das Land. Der Abraum strahlt Hunderttausende Jahre lang.
Dennoch begrüßt Namibia neue Uranfirmen voll Überschwang. Die deutschsprachige „Allgemeine Zeitung“ in Windhuk frohlockt, das Land könnte „als Nutznießer aus der globalen Renaissance der Kernkraft besonders profitieren.“ Im Bergmassiv „Langer Heinrich“, nicht weit von Rössing, hat die australische Firma „Paladin Resources“ bereits im Rekordtempo einen neuen Minenkomplex aus dem Wüstenboden gestampft. Nach nur eineinhalb Jahren Bauzeit wurden im März in Walvis Bay die ersten Yellowcake-Fässer verschifft. Attraktiv sei in Namibia neben der politischen Stabilität „die relativ unbürokratische Vergabe von Prospektier- und Schürflizenzen“, erklärte kürzlich ein britischer Analyst. Im Klartext: Bergbaufirmen müssen sich nicht mit langwierigen Genehmigungsverfahren und scharfen Umweltauflagen plagen wie anderswo.
Im Auftrag der kleinen Umweltschutzgruppe „Earth Life Namibia“ nahm das Darmstädter Öko-Institut die Umweltverträglichkeitsprüfung der Mine unter die Lupe – und stieß auf gravierende Mängel bei der Sicherung der radioaktiven Abfälle. Es drohe eine Kontamination des Grundwassers, ergab die Analyse, und noch an einem zwei Kilometer entfernten, von Touristen besuchten Aussichtspunkt könnten die internationalen Strahlengrenzwerte überschritten werden.
Das drängendste Problem in einem chronisch trockenen Land wie Namibia ist jedoch der ungeheure Wasserverbrauch bei der Erzaufbereitung. Für den „Langen Heinrich“ wurde eigens eine 82 Kilometer lange Pipeline durch die Wüste gelegt. Die Wasservorräte der Region reichen nach offiziellen Angaben für diese Mine gerade noch aus, jedes weitere Bergwerk aber säße auf dem Trockenen. Dennoch soll schon bald die nächste Mine in der Namib-Wüste entstehen – und Erz mit einem Urangehalt von ganzen 0,011 Prozent fördern. Zur Wasserversorgung soll eine Meerwasser-Entsalzungsanlage gebaut werden. Doch solche Anlagen zerstören Küstenbiotope, verbrauchen ebenfalls viel Energie und leiten konzentrierte Salzlauge ein, die in der näheren Umgebung die Meeresfauna schädigt.
Nicht nur Namibias Minenprojekte stoßen auf Kritik von Umweltschützern. Inzwischen provoziert beinahe jeder geplante Uranabbau weltweit Widerstand. So versuchen im US-Bundesstaat Texas Anwohner eine Mine zu verhindern, weil sie die Verseuchung ihres Grundwassers fürchten. In Indien gibt es heftige Proteste und Straßenblockaden gegen mehrere Minenprojekte. Und im afrikanischen Malawi klagen Umwelt- und Menschenrechtsgruppen gegen den Bau des ersten Uranbergwerks im Land durch „Paladin Resources“ – ein Projekt, das nach Ansicht unabhängiger australischer Gutachter im Herkunftsland der Bergbaufirma keine Chance hätte.
Derzeit allerdings dürften den Bergbaufirmen die Proteste weniger Sorgen bereiten als die rapide steigenden Kosten. Mit der sinkenden Qualität des geförderten Erzes schnellen nicht nur der Wasser- und Energieverbrauch und die Menge der schädlichen Rückstände in die Höhe, sondern auch die Abbaukosten – und damit die Uranpreise. Sie sorgten in der Atombranche für „wachsende Unruhe“, klagt Harrison Barker, Manager des großen US-Stromversorgers „Dominion“: „Wir erwarten, dass die Dinge sich wieder ändern. Tun sie das nicht, würde das Pläne für neue Kernkraftwerke in Frage stellen.“
Vorbei sind die Zeiten, in denen die PR-Abteilungen der Atomkonzerne glaubhaft versichern konnten, Schwankungen des Uranpreises seien kein Problem, weil die Rohstoffkosten nur einen winzigen Anteil am Gesamtpreis des Atomstroms ausmachten. Nach Berechnungen der atomkritischen Wissenschaftlergruppe „Energy Watch Group“ schlägt sich der Uranpreis heute schon mit 0,67 Eurocent pro Kilowattstunde Strom nieder – das sind rund 20 Prozent der Erzeugungskosten. Die Organisation hält einen weiteren Preisanstieg auf mehrere 100 Dollar pro Pfund Uranoxid für möglich. Dann würde der Strompreis um mehrere Cent pro Kilowattstunde klettern – und wäre nicht mehr günstiger als Elektrizität aus Wind oder Biomasse. „Dabei wird Atomstrom schon jetzt wirtschaftlich immer unattraktiver und hat es zunehmend schwer, mit den erneuerbaren Energien zu konkurrieren“, sagt Greenpeacer Thomas Breuer.
Gleichzeitig gerät noch ein beliebtes Argument der Atomlobby ins Wanken: die angebliche Klimaneutralität der Meiler. Nach Berechnungen des Öko-Instituts entstehen pro Kilowattstunde Atomstrom je nach Herkunft des Urans bis zu 61 Gramm Kohlendioxid, in Deutschland sind es derzeit 31 Gramm. Das ist zwar deutlich weniger als bei Kohlestrom, doch Windräder liegen klar darunter. Und sogar mit Erdgas betriebene Blockheizkraftwerke können konkurrieren, wenn außer dem Strom auch die Wärme genutzt wird, die bei Atomkraftwerken in den Kühltürmen verpufft.
Durch den steigenden Förderaufwand – zum Beispiel von Erzen mit niedriger Urankonzentration in der Wüste – wird sich die CO2-Bilanz des Atomstroms weiter verschlechtern. Schon jetzt ist etwa das australische Bergwerk „Olympic Dam“, wo neben Uran auch Silber, Gold und Kupfer gefördert werden, der größte Stromverbraucher im Bundesstaat South Australia. Nun soll die Mine erweitert werden – und ihr Strombedarf auf mehr als 500 Megawatt klettern. Das entspricht der Leistung eines durchschnittlichen Kohlekraftwerks. „Der Treibhausgasausstoß von South Australia würde um 25 Prozent steigen“, hat Christine Milne, grüne Abgeordnete im australischen Senat, ausgerechnet.
Um die Akzeptanz für die Erweiterung der gigantischen Mine zu verbessern, hat sich der Betreiber, der britisch-australische Konzern BHP Billiton, etwas einfallen lassen: Zur Stromversorgung will er in großem Stil erneuerbare Energien einsetzen.
Von WOLFGANG HASSENSTEIN
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