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Kreidefelsen und Beton

Seit Jahren malträtieren Bauboom und Besucheransturm die einzigartige Natur Rügens. Nun droht eine neue Brücke dem Paradies der Romantiker den Rest zu geben.

 

 

Lässt sich über Geschmack streiten? „Schön haben die das gemacht“, erklärt der Familienvater, ein Mittdreißiger in Begleitung von Frau und zwei kleinen Söhnen, „alles in Weiß.“ Bei dem gelobten Bauwerk handelt es sich um ein gutes Dutzend dreistöckiger Klötze, rundum verkleidet mit Lattenbalkonen und Giebelchen, der filigranen „Bäderarchitektur“ der guten, alten Vorkriegszeit nachempfunden. Oben Ferienwohnungen, unten Ladenlokale, eine Gaststätte bietet „Riesen-XXL-Schnitzel mit XL-Pommes“ feil.

 

„Seepark Sellin“ nennt sich der Komplex, auch wenn von einem Park nicht viel zu sehen ist. Stattdessen breitet sich ein Parkplatz vor den Gebäuden aus, für dessen Zufahrt erst jüngst ein paar Bäume weichen mussten. Das Spaßbad nebenan bereichert die Kulisse mit seiner Wasserrutschbahn, deren Aufstieg sich neckisch als Leuchtturm tarnt. Dahinter rauscht schon jetzt, Mitte Mai, dichter Verkehr über die Landstraße.

 

Willkommen im Ostseebad Sellin, willkommen auf Rügen, Deutschlands größter Insel, die vielleicht auch einmal die schönste war, erst anderthalb Jahrzehnte ist es her. Bis der große Ansturm einsetzte: Seit 1992 sind die Besucherzahlen auf das Doppelte, die Menge der Hotelbetten auf das Vierfache gestiegen. Es wurde gebaut, was der Betonmischer hergab; vielerorts schwappt der Siedlungsbrei bis an die Grenzen der Naturschutzgebiete.

 

Zur Hochsaison schieben sich Autokolonnen im Schritttempo über die Straßen; auf der Halbinsel Mönchgut mit ihren Seebädern geht häufig gar nichts mehr – vor allem, wenn den Feriengästen bei schlechtem Wetter im Strandkorb ungemütlich wird. Die augenfälligsten Verkehrsopfer sind die Alleebäume, für die Rügen so berühmt ist: Straßenausbau und Streusalz reißen immer größere Löcher in die grünen Tunnel. Allein letztes Jahr mussten 500 Chausseebäume gefällt werden; Naturschützer befürchten, dass in 20 Jahren die meisten Alleen verschwunden sein werden.

 

„Nach der Wende hatten wir die Illusion, wir könnten hier einen anderen, einen sanfteren Tourismus entwickeln“, erinnert sich Marlies Preller, „aber diese Chance wurde verschenkt.“

 

Als Kreisvorsitzende des Naturschutzbunds (Nabu) ist Preller so etwas wie die oberste Anwältin der Natur auf Rügen. Wo immer es das Gesetz verlangt, Umweltschützer in Planungsvorhaben einzubeziehen, ist die wortgewandte, jung wirkende 57-Jährige gefragt. Sie hat ihr ganzes Leben auf Rügen verbracht, kennt und liebt jedes Stück Wald, jedes Feuchtgebiet, wahrscheinlich jeden Baum von nennenswertem Umfang – und sie kämpft darum, oft vergeblich. Wo Besucher die Naturschönheiten bestaunen, die Rügen nach wie vor besitzt, sieht sie als Einheimische immer auch das, was verloren ging: „Der Landschaftsverbrauch ist katastrophal.“

 

Momentan reibt sich Preller im Kampf gegen ein XXL-Bauprojekt auf, das der Umweltzerstörung auf Rügen einen weiteren Schub zu geben droht. Eigentlich führt sie Rückzugsgefechte, denn die entscheidende Schlacht hat sie verloren: Unaufhaltsam schiebt sich ein Betonband mit einem grellgelben Gerüst darauf über den Strelasund, die Meerenge zwischen Stralsund und Rügen. Im Juli wird die Insel erreicht sein, und für den 20. Oktober ist die Eröffnung der neuen Hochbrücke geplant. Zur Einweihungsparty hat sich Angela Merkel angekündigt – Rügen gehört zum Wahlkreis der Kanzlerin.

 

Die im Planerdeutsch „2. Strelasundquerung“ genannte Brücke ist eine gewaltige, dabei durchaus ansehnliche Konstruktion: Mit 127 Metern Höhe überragen ihre Pylonen die Kirchtürme der Stralsunder Altstadt. An acht Seilpaaren hängend schwingt sich die Fahrbahn in 42 Metern Höhe über den Ziegelgraben, die Durchfahrt zum Hafen der Hansestadt. Den eigentlichen Strelasund, den Meeresarm jenseits der kleinen Insel Dänholm, quert sie auf Pfeilern knapp über dem Wasser. Insgesamt bringt es die Brücke auf 2800 Meter Länge, 60.000 Kubikmeter Beton und – Anschlussbauten inbegriffen – 125 Millionen Euro.

 

Das gänzlich vom deutschen Staat finanzierte Bauwerk soll den Dauerstaus ein Ende bereiten, die zu Stoßzeiten den alten Rügendamm zum zermürbenden Hindernis machen. Der nämlich muss mehrmals täglich für 20 Minuten aufgeklappt werden, um Schiffe passieren zu lassen.

 

„Künftig braucht man weniger als drei Stunden von Berlin nach Rügen“, freut sich Volker Kock, „damit wird der Wochenendtourismus lohnend.“ Kock koordiniert den Brückenbau für die DEGES, kurz für „Deutsche Einheit Fernstraßenplanungs- und -bau GmbH“. Der Bauassessor aus Berlin ist ein Machertyp, einer, der schnell denkt, schnell entscheidet und schnell redet. Sein Wortschwall, durch den Begriffe wie „Vorhabensalternative“, „Nullvariante“ oder „Unfallkostenrate“ rattern, kann – und soll wohl auch – den Gesprächspartner einschüchtern. „Aber ich kann Ihnen auch was von Wachtelkönig und Hochmoor-Laufkäfer erzählen“, sagt Kock. Der 64-Jährige hat schon viele Konflikte mit Naturschützern ausgetragen: Er war auch für die umstrittene Ostseeautobahn A 20 verantwortlich.

 

Deren Trasse ist bereits per Schnellstraße mit der entstehenden Rügenbrücke verbunden. Nach den Prognosen der DEGES sollen im Jahr 2015 täglich im Durchschnitt 32.000 Fahrzeuge den Strelasund überqueren – mehr als doppelt so viele wie heute. Wie aber soll Rügen noch mehr Autos verkraften? „Der Straßenbauer agiert nicht“, doziert Kock, „er reagiert auf eine Situation, die der Mensch in freier Wahl der Verkehrsmittel herbeigeführt hat.“ Dass neue Straßen mehr Autos anlocken, leugnet er nicht. Aber dieser Effekt sei ja in die Planung eingegangen.

 

„Die neue Anbindung wird uns den Rest geben,“ sagt Marlies Preller. Der Nabu hatte gemeinsam mit anderen Umweltverbänden ein alternatives Konzept vorgelegt, das vorsah, den Rügendamm und die sich anschließende Bundesstraße B 96 behutsam auszubauen. Denn bis auf weiteres werden die über die futuristische Hängebrücke rollenden Autos auf der Insel alsbald wieder im Stau stehen – die B 96 ist überlastet, mit Ampeln gespickt und durchquert mehrere Ortschaften.

 

Natürlich hat Kock längst eine Lösung parat: Eine dreispurige Kraftfahrstraße mit allen Schikanen soll parallel zur alten B 96 die Inselhauptstadt Bergen anbinden. Dass die Trasse noch nicht im Bau ist, ist allein dem landespolitischen Hickhack geschuldet: Die Landesregierung in Schwerin schaffte es nicht, wichtige Biotope in Brüssel anzumelden, wie es die Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie (FFH) der EU verlangt. Und solange die FFH-Gebiete nicht abgesegnet sind, lässt sich das Planfeststellungsverfahren für die „B 96n“ nicht abschließen – schließlich soll sie haarscharf an wichtigen Vogelrast- und Futterplätzen vorbeiführen.

 

„Hier wird die Straße auf Stelzen zehn Meter hoch über einen Kreisverkehr führen“, sagt Marlies Preller, „stellen Sie sich mal vor, wie das aussehen wird.“ Die Nabu-Vorsitzende steht auf einem Acker bei Klein-Kubbelkow, einem Dorf kurz vor Bergen. Der Raps blüht, eine gewaltige Rosskastanie beherrscht die Szenerie, und die Bäume einer erst kürzlich gepflanzten Allee tragen weiße Male. Die haben ihnen die Naturschützer Gründonnerstag 2006 auf die Rinde gepinselt, weil die Allee ebenso wie ein gutes Stück des nahen Kubbelkower Waldes einer Kreuzung von autobahngerechten Ausmaßen weichen soll. „Damals bin ich fast verhaftet worden“, erzählt Preller, „es hieß, wir würden Bäume beschädigen.“

 

Wer der Aktivistin lauscht, begreift bald: Eine Straße ist nicht nur eine Straße. Nach derzeitigem Stand der Planung werden die 19 Kilometer von Altefähr bis Bergen umschlungen sein von zwölf Kilometern Versorgungsstraßen, garniert mit 16 Regenrückhaltebecken, begleitet von zwei bis drei Meter hohen Blendschutzwällen. Selbst Thomas Wuitschik, ein engagierter Befürworter des Brücken- und Straßenbaus, findet „den Flächenverbrauch der B 96n überdimensioniert“ – eine Aussage, die seiner Gegnerin vom Nabu den Atem verschlägt: „So eine Heuchelei!“

 

Wuitschik war einmal Pressesprecher des frühen Jürgen Rüttgers, noch ehe dieser als Minister in Kohls Kabinett einzog. Heute gehört der CDU-Mann in seiner Doppelfunktion als Vorsitzender des Tourismusverbandes und Chef des Wochenblatts „Rüganer Anzeiger“ zu den einflussreichsten Figuren auf der Insel. Nebenher vermietet er ein paar Ferienwohnungen. Noch immer beherrscht der Rheinländer die Kunst, ein schwieriges Produkt zu verkaufen.

„Ehrlich gesagt, in der Hauptsaison ist es egal, ob Sie nach Binz fahren oder zum Ballermann auf Mallorca“, gibt er entwaffnend offen zu, „aber wer Natur erleben will, kommt sowieso in der Nebensaison.“ Und da habe die Insel viel zu bieten – von der Kajaktour bis zur Orchideenwanderung. Dass man Rügen ein wenig ramponiert habe nach der Wende, streitet Wuitschik nicht ab, aber diese unseligen Zeiten gehörten der Vergangenheit an: „In den letzten Jahren wurde hier so gut wie nichts mehr gebaut“, beruhigt er, „die großen Kriege zwischen Investoren und Umweltschützern sind vorbei.“

 

Eine Fahrt entlang der Bäderküste von Binz nach Göhren weckt Zweifel, ob das Ende der Kohl’schen Sonderabschreibungen den Bauboom wirklich zum Erliegen gebracht hat. Große Tafeln preisen Bauland an; so wirbt ein Schild am Ortsrand von Baabe für den hier entstehenden „Villenpark Cliffhang“ und verspricht „Die Reizvolle Lage“. Tatsächlich schimmert im Hintergrund der Selliner See, davor allerdings drängen sich der Netto-Markt, eine Tankstelle und nicht zuletzt das rot beflaggte Kaufhaus Stolz ins Bild, das auf einem großen Banner „Deutschlands billigste Wochen“ ausruft. Nur nebenbei: Baabe liegt, wie auch Sellin und ganz Südost-Rügen, in einem Biosphärenreservat der Unesco.

 

Auch die Strandseite des Ferienorts schmückt sich mit Neubaukomplexen, auf Rügen gern mit dem Etikett „Park“ versehen. Erst 2006 errichtete hier die dänische Kristensen Group den „Strandpark Baabe“, eine Ansammlung von mehr als 80 Holzhäusern „im skandinavischen Stil“ mit Whirlpool und Sauna, die aussieht, als habe ein Kipplader die Hütten wahllos in den Küstenwald geschüttet.

 

„Ja, da gab es viele Einsprüche“, sagt die Rügener Landrätin Kerstin Kassner, „aber das Projekt war der Wunsch der Gemeinde, da konnten wir uns nicht durchsetzen.“ Obgleich der Landkreis sich konsequent bemühe, die Zersiedelung der Landschaft einzudämmen. „Doch von Seiten der Gemeinden werden immer wieder neue Bebauungspläne aufgelegt“, klagt Landrätin Kassner, „das ist nicht unbedingt eine gute Entwicklung.“

 

Trotz der CDU-Vormacht im Rügener Kreistag wurde die PDS-Frau Kassner 2001 in Direktwahl zur Landrätin gekürt, „weil sie so nett ist“, lästert Marlies Preller. Tatsächlich fällt es schwer, sich vorzustellen, dass die umgängliche, Zuversicht verströmende Ex-Hotelleiterin mal auf den Tisch hauen könnte, um einen Bürgermeister zur Räson zu bringen.

 

Zum Beispiel Sellins Ortschef Reinhard Liedtke, im Hauptberuf Geschäftsführer der „Haus- und Grundstücksverwaltung Sellin GmbH“: Der FDP-Mann will einen Buchenwald an der Kliffkante abholzen, um dort 20 Baugrundstücke verkaufen zu können. Damit kein umstürzender Baum die Eigenheime gefährdet – hier oben auf der Steilküste bläst oft ein steifer Wind – , wird zusätzlich ein 30 Meter breiter Waldstreifen gerodet. An seiner Stelle soll eine Grünanlage entstehen. Zur Überraschung der Gemeindeoberen gründeten die Anlieger jedoch eine Bürgerinitiative, „eine Seltenheit auf Rügen“, so Preller. Die ungehaltenen Selliner fanden schnell heraus, dass die Pläne mit Paragraf 89 des Landeswassergesetzes kollidieren, das einen größeren Abstand zur Küstenlinie fordert. Obendrein machte eine Botanikerin aus der Nachbarschaft auf dem Gelände eine seltene Pflanzengemeinschaft von Buche und Schachtelhalm aus. Nun hat die Gemeinde Sellin ein Problem, denn die erhofften 800.000 Euro Verkaufserlös sind fest eingeplant. „Wenn der Verkauf scheitert“, sagt Wolfgang Jacobs von der Bürgerinitiative, „muss der Haushaltsplan 2007 neu beschlossen werden.“

 

Der Fall veranschaulicht ein Kernproblem der Ostseeinsel: Wesentliche Entscheidungen über Investitionen und die zukünftige Entwicklung fallen in den 43 Städten und Gemeinden, deren zumeist ehrenamtliche Bürgermeister sich nicht immer durch Kompetenz und einen transparenten Politikstil auszeichnen. Kein Investitionsprojekt ist zu abseitig, als dass sich nicht eine Gemeinde auf Rügen dafür gewinnen ließe. Schließlich sind die Kassen überall leer, und die Arbeitslosenquote liegt trotz der sommerlichen Touristeninvasion kaum unter 20 Prozent.

 

Und deshalb soll bei Glowe im Inselnorden ein Delfinarium entstehen, in Tilzow bei Bergen will ein Geschäftsmann ein Stück Wald einzäunen und Affen darin umherstreifen lassen, die der Besucher dann vom Elefantenrücken aus bestaunen kann. Auf dem Selliner See ist ein Wasserflugplatz geplant, am bislang unverbauten Göhrener Südstrand eine Marina, und Golfplätze eigentlich überall (natürlich auch bei Sellin), fünf bis sieben Anlagen stehen derzeit zur Diskussion. Bislang existiert lediglich ein Golfplatz bei Karnitz, und der kämpft Gerüchten zufolge ums Überleben. Man will es halt allen recht machen auf Rügen: Die Familien sollen vom Rummel angelockt werden, die „Scheckkartentouristen“ (Wuitschik) ködert man mit Golfplätzen und Wellness-Hotels, und für die Naturfreunde gibt es ja die Nationalparks. Ganz ging das Konzept freilich nicht auf in den letzten Jahren: Seit 2003 sind die Besucherzahlen rückläufig. Dass zu viel Verkehr und die Verschandelung der Landschaft manchen Gast abgeschreckt haben könnten, will sich indes kaum jemand eingestehen. Lieber schreibt man den Schwund höheren Mächten zu, der Vogelgrippe etwa oder dem Abbruch von ein paar fotogenen Kreideklippen im Jahr 2005.

 

Ein Besuch im Jasmund-Nationalpark, der die berühmten Kreidefelsen birgt, lässt

hoffen, dass eine Koexistenz von Massentourismus und Naturschutz doch möglich ist. Das größte Ärgernis für Nationalparkleiter Michael Weigelt sind nicht die Geschwader der Reisebusse, auch nicht die Fotografen, vor denen keine Absperrung sicher ist. Auch wenn immer mal wieder einer über die Kante kollert: „Ein bis zwei Tote haben wir jedes Jahr.“ Nein, Weigelts wahres Problem sind die Damhirsche, die den jungen Wald abknabbern, respektive die Jäger, die sich weigern, den Wildbestand auf ein naturverträgliches Maß zu reduzieren.

 

Aber das sind Petitessen verglichen mit früher, als Weigelt noch für das Biosphärenreservat Südost-Rügen zuständig war und versuchte, mit diesem Status ernst zu machen. Der ebenso sture wie scharfzüngige Naturschützer, 1991 aus Hamburg zugereist, machte sich sämtliche Bürgermeister der Region zu Feinden. Er verkämpfte sich derart, dass man eigens die Nationalparkverwaltung umstrukturierte, um ihn von diesem Posten zu entfernen. „Das Biosphärenreservat ist gescheitert“, sagt der Geschasste.

 

Das Jasmund-Reservat hingegen wird inzwischen von den Einheimischen akzeptiert; Kompromisse gilt es dennoch zu machen. Eigentlich sollte man der Natur in einem Nationalpark ja freien Lauf lassen, doch das ist bei 1,5 Millionen Besuchern im Jahr nicht immer einfach. So müssen die Ranger entlang der Wege alte Buchen fällen, obwohl Totholz für viele Insektenarten ein Schlaraffenland ist. Aber die Verkehrssicherungspflicht gebietet es nun einmal, dafür zu sorgen, dass keinem Touristen ein Ast auf den Kopf fällt.

 

Weigelt sieht das gelassen, so wie ihn auch die Hunderttausendschaften nicht aus der Ruhe bringen, die jedes Jahr den Königsstuhl stürmen: „Dabei ist die Aussicht von da gar nicht so toll, aber seit Caspar David Friedrich will jeder oben stehen.“ Der Nationalpark-Hüter sieht den legendären Felsen als eine ökologische Opferstätte: „Man muss Punkte opfern, um andere Flächen schützen zu können.“ Die Doppelstrategie scheint im Jasmund zu funktionieren.

 

Leicht macht man es den Schaulustigen jedoch nicht: Wer den Königsstuhl sehen will, muss das Auto stehen lassen – die Straße durch den Nationalpark ist tagsüber gesperrt, nur Pendelbusse verkehren. Und seit 2004 das vom World Wide Fund for Nature (WWF) mitfinanzierte Nationalpark-Zentrum Königsstuhl öffnete, sind obendrein sechs Euro Eintritt fällig.

 

Der ökologisch in jeder Hinsicht vorbildliche Holzbau ist das Gegenmodell zu all dem Jahrmarktsrummel, den Spaßbädern und Affenparks, die Rügen nur als Standort missbrauchen, ohne irgendeinen Bezug zur Insel und ihrer Umwelt zu haben. Das Zentrum bietet Öko-Essen in der Cafeteria, ein Forscherzelt für Kinder und eine liebevoll konzipierte Multimedia-Ausstellung über die Naturgeschichte der Region – und lockt mit diesem Anspruch immerhin 300.000 Besucher im Jahr an. Nebenbei gibt die Einrichtung 30 Menschen Arbeit.

 

Vor allem aber animiert es die Gäste, sich Zeit zu nehmen. Statt nur kurz den Königsstuhl zu knipsen und die nächste Attraktion anzusteuern, lassen sich viele darauf ein, stundenlang Knöpfchen zu drücken, literarischen Texten zu lauschen oder schöne Bilder zu genießen – und nebenbei etwas über Rügen zu lernen. So könnte das Nationalpark-Zentrum ein Modell sein, wie sich Naturschutz und der Wunsch der Urlauber nach Unterhaltung sinnvoll vereinbaren lassen. „Wir haben zu viel Geschwindigkeit im Tourismus“, sagt Michael Weigelt, „aber Touristen, die Zeit haben, machen nicht nur weniger kaputt, sie lassen auch mehr Geld da.“

Von ALEXANDRA RIGOS
Fotos: JÜRGEN NEFZGER

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