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Die Kunst des Gehens

Die neue Lust am Wandern: Immer mehr Menschen entdecken die Natur zu Fuß – und entgehen so dem Alltagsstress in den Städten.

 

Wandern? Wie bitte? Im 21. Jahrhundert? Schon der Komiker Heinz Erhardt gab im Kino den vertrottelten „letzten Fußgänger“. Das war mitten in der Wirtschaftswunder-Ära. Die Generation Golf, 30 Jahre später, ist nicht gewandert. Für die Spießer in Kniebundhosen und rotkarierten Hemden hatte sie bestenfalls ein Augenrollen übrig. Notorisch ist die Wanderunlust unserer Kids: Wie weit ist es noch? Ich kann nicht mehr! Wer Kinder hat, kennt die Litanei.

 

Urplötzlich hat sich der Wind gedreht. Ein Late-Night-Promi wandert über die Dörfer von Eifel und Elbsandsteingebirge. Der populärste TV-Clown der Nation packt den Rucksack und pilgert wochenlang den Jakobsweg. Ein Top-Journalist macht eine Reise von Berlin nach Moskau. Zu Fuß. Ihre Reiseberichte stehen monatelang auf den Bestsellerlisten. Kein Zweifel, Andrack, Kerkeling und Büscher sind Leute, die feine Antennen für alles Zeitgeistige haben.

 

An Messeplätzen wie Düsseldorf und Hannover, wo bisher langbeinige Models, Hightech-Bagger und IT-Systeme den Ton angaben, nisten sich Wander&Trekking- oder Ökotourismus-Messen ein. In Regionen, in denen man früher jeden neuen Kilometer Autobahn euphorisch feierte, eröffnet man heute mit großem Medienrummel Premium-Weitwanderwege. 17 Millionen Deutsche, so schätzt man, tummeln sich regelmäßig zu Fuß in der Landschaft.

Was passiert da eigentlich? Nur eine vorübergehende Mode? Ich glaube nicht. Der neue Trend entspringt einem tief greifenden Unbehagen am urbanen Alltag. Und vor allem: Er stillt tief empfundene Sehnsüchte.

 

Beschleunigung ist die globale Grunderfahrung zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Wir spüren sie täglich hautnah. Die Spitzengeschwindigkeiten unserer Verkehrsmittel erhöhen sich. In 24 Stunden ist jeder Punkt des Globus zu erreichen. Neuentwicklung und Produktion von Gütern laufen im schnelleren Takt. Die Märkte wachsen – und die Müllhalden: Fast Food, Kult des Billigen, Wegwerfgesellschaft. Neue Technologien setzen sich immer schneller durch. Innovationen auf allen Gebieten verlaufen rasanter als je zuvor. Handlungsoptionen nehmen zu, damit auch die Qual der Wahl. Wir tun immer mehr Dinge gleichzeitig und nonstop. Das alles zusammengenommen erhöht unser Lebenstempo. Stress, ursprünglich eine Strategie von Körper und Seele, um in Ausnahmesituationen kurzfristig alle Kraftreserven zu mobilisieren, wird zum Dauerzustand.

 

Aber inmitten der Hetze herrscht Stillstand. Wir bewegen uns rasend, aber eingeschlossen und sitzend, in Fahrzeugkabinen. An die 90 Prozent unserer Zeit verbringen wir in geschlossenen Räumen. Büromenschen unserer Gegenwart legen im Durchschnitt 0,4 bis 0,8 Kilometer pro Tag zu Fuß zurück. Die Jäger und Sammlerinnen vormoderner Kulturen gingen 20 bis 40 Kilometer am Tag. Die Kombination von rasender Beschleunigung und fataler Bewegungsarmut tut uns nicht gut.

 

Die lineare, mit Uhr und Terminkalender vermessene Zeit beherrscht uns. Der Raum schrumpft, die Zeit rast. Die Dynamik dieser Entwicklung ist nicht nachhaltig. Sie wirkt zerstörerisch auf die Natur, auch die menschliche Natur. Sie beschädigt selbst die Erfolgreichen, die Global Players, die vermeintlichen Gewinner. Auf Dauer ist sie nicht lebbar.

 

Genau hier kommt die Kunst des Wanderns ins Spiel.

Auf jeder noch so anspruchslosen Tour spüren wir: Das Gehen in der freien Landschaft nimmt das Tempo aus dem Ablauf des Tages. Man reduziert es auf das menschliche Maß, den Fuß, den Schritt. Vier oder fünf Kilometer pro Stunde. Dabei aber tritt das ganze Ensemble unserer Muskeln, Sehnen und Nerven in Aktion. So wie bei unseren Ahnen, die in der Morgenröte der Evolution den aufrechten Gang probten.

 

Wandern ist Kontrasterfahrung. Wer wandert, kennt Alternativen zum reglementierten Stop-and-go-Verkehr der Metropolenräume. Die fließende Bewegung im Freien tritt an die Stelle des erstarrten Sitzens. Du tauschst den thermischen Komfort der Bürotürme, Einkaufszentren und Wohnzellen mit der frischen Luft der Wälder. Die feinstaubbelastete Luft der Ballungszentren mit dem Reizklima der Küsten oder Gebirge oder dem Schonklima der Mittelgebirge. Es geht um Ökologie. Aber nicht allein um intakte Natur, sondern auch um die Ökologie der Sinne.

 

Wandern in freier Landschaft ist nämlich gleichzeitig das perfekte Kontrastprogramm zum Surfen im Cyberspace. Mit der Beschleunigung geht die Entmaterialisierung unseres Alltags einher. Wir verbringen mehr und mehr unserer Lebenszeit vor Bildschirmen. Per Mausklick navigieren wir durch die virtuellen Welten des Internets. Dort weht kein Lüftchen. Kein Duftfeld, kein lebendiger Klang, keine Bodenhaftung nirgendwo. Die Überdosis von künstlichen Welten bringt uns aus der Balance.

 

Wandern schärft die Sinne. Der langsame, stetige Strom der Eindrücke tritt an die Stelle der medial vermittelten Sturzflut der Bilder. Wer die Farbenpracht eines herbstlichen Laubwaldes bewusst erlebt hat, nutzt die Farbskalen der Designer-Software souveräner. Ohne die direkte Erfahrung von Nahräumen bleibt die Wahrnehmung globaler Räume oberflächlich. Ohne das eigene Erleben in begehbaren Räumen ist man den Medienbildern aus den besehbaren Räumen ausgeliefert. Virtuelle Welten werden nur im Gegenlicht von realen Erfahrungen produktiv. Wandern ist heute Einspruch gegen das Diktat der Beschleunigung und Kontrasterfahrung zum digitalisierten Alltag. Hier liegen, so scheint mir, die tiefen Wurzeln für seine dauerhafte Renaissance.

 

Also: Wandern – ja bitte! Aber wie? Patentrezepte gibt es nicht. Die alten Dogmen sind untauglich. Ein Zurück zu Heinz Erhardts spießiger Gemütlichkeit oder zum dumpfen Takt von Heinos Klampfenliedern gibt es nicht. Aber die neuen Dogmen von Outdoor-Branche und Touristikern bringen es auch nicht. Das jeweilige „gear of the year“ oder der frisch zertifizierte Premium-Trail sind in vielen Fällen gut und schön, aber keinesfalls ein „Muss“. No logo! Es gibt nicht den einzig richtigen, linearen Weg zum Wanderglück. Den Pfad dorthin muss sich jeder selber suchen und bahnen.

 

„Like a rolling stone“, Bob Dylans Ode an den nomadischen Geist, wäre ein schönes Leitmotiv. „A rolling stone gathers no moss“ lautete die Weisheit der Bluesbarden aus dem Mississippi-Delta. Dieselbe Metapher war im 19. Jahrhundert den Schnittern und Wanderarbeitern der norddeutschen Tiefebene geläufig: „En rollenden steen settet kain moss“. Wild und frei wie der Klang des Gerölls in den Gebirgsbächen bei Schneeschmelze oder in der Dünung an den Stränden, so wäre der Soundtrack des neuen Wanderns.

 

Einfach verschwinden. Den Rucksack packen, verschwinden. Unterwegs auf sich allein gestellt sein. Allenfalls mit selbst gewählten Weggefährten Natur erleben. Sich selbst in einer großen Landschaft erleben. Keine Spuren hinterlassen. Autonom, selbstgenügsam sein. Das Erlebnis von Autarkie – Selbstmächtigkeit – und weitgehender Freiheit ist Essenz und Faszinosum des neuen Wanderns.

 

Gehen und tragen. Beides gehört zusammen für den, der unterwegs unabhängig sein will. Strapazen sind unausweichlich. Wichtig scheint mir: Die Freude am Gehen nicht von der Qual des Tragens zerstören lassen! In diesem Licht stellt sich die Frage nach der Ausrüstung. Wanderglück hängt nie von der Menge der Sachen ab, die man mitnimmt, um sich gegen alle Unbilden der Natur und jede Eventualität zu wappnen. Was wir am Körper und auf dem Rücken tragen ist dann „funktionell“, wenn es uns optimal hilft, unser Ziel zu erreichen. Das ist freilich nicht in erster Linie der Punkt Omega am Ende unserer Route. Das Ziel liegt im Erlebnis des Weges und des Unterwegsseins. Wann und wo der Wanderer, die Wanderin Momente des Glücks erlebt oder bewusstseinserweiternde Erfahrungen macht, ist nie vorhersehbar. Alles was die Durchlässigkeit für den Strom der Eindrücke von außen und der Regungen von innen steigert, ist willkommen. Alles was uns von Natur und Kosmos und unseren eigenen Tagträumen abschottet, ist Ballast.

 

Leichtfüßigkeit fängt im Kopf an. Ich plädiere für einen sorgfältigen Minimalismus beim Rucksackpacken. Ich versuche, mit fünf Kilo Gepäck plus Proviant auszukommen. Auch auf einer langen Tour. Das Gewicht an den Füßen reduzieren ist die wirksamste Maßnahme zur Erleichterung des Gehens. Das geht nur über möglichst leichtes Schuhwerk. Der Mut zum Weniger ist ein Hebel zur Steigerung der Intensität. Und er reduziert die Kosten. Eine Lektion, die von unterwegs in den Alltag mitzunehmen wäre: Dass es oft nur ein Minimum an Dingen braucht, um ein Maximum an Wohlbefinden zu erleben.

 

Das neue Wandern ist ein freies Schweifen und kein betreuter Pauschalurlaub. Unverzichtbar ist für mich ein guter Schlafsack. Er macht mich unabhängig vom Erreichen eines vorgebuchten Quartiers. Damit entfällt ein Großteil der Angst vor dem Irrweg. Ich habe mich verlaufen? Na und? Ich schaue nach dem Stand der Sonne, suche nach Landmarken im Gelände und auf der Karte, richte meinen Kurs neu aus. Das alles schärft den Orientierungssinn, den wir auch in unserem so unübersichtlich gewordenen Alltag dringend brauchen. Wer auch mental auf Nachtwanderung und Biwak eingestellt ist, kann sich erst richtig in die kosmischen Rhythmen von Tag und Nacht, Sonnenaufgang, Mittag, Sonnenuntergang einklinken. Die lineare Zeit von Uhr und Kalender verblasst. Die Naturzeiten von Sonne, Mond und Sternen rücken wieder ins Bewusstsein. Ich nehme Maß an den „Urphänomenen“ (Goethe). „Die Erde ist ein Stern“, so der besessene Wanderer Hans Jürgen von der Wense, „wir leben im Himmel.“

 

Die Nacht im Wald, das Element des Abenteuerlichen machen das Wandern auch für Großstadt-Kids wieder attraktiv. Also rechtzeitig die Kinder mitnehmen. Ehe die Vorstellung in Fleisch und Blut übergegangen ist, Autofahren sei die normale Art der Fortbewegung und der Blick durch die Windschutzscheibe die maßgebliche Art der Wahrnehmung von Welt. Ihnen das Grundvertrauen in die Kraft der eigenen Beine und Lunge – und des Geistes – stärken. Mit ihnen zusammen unterwegs den Zauber von Mutter Natur genießen, ihre Schönheit und Majestät, ihre unbändigen, auch ihre wehtuenden und zerstörerischen Kräfte aufspüren. Darin liegt die Zukunft des Wanderns.

 

Eine geglückte Wanderung beginnt lange vor dem Aufbruch. Wie kristallisieren sich Ziele heraus? Reiseführer und Wander-Magazine sind oft hilfreich. Entscheidend bleibt die innere Wünschelroute, mit der man nach seinen Sehnsuchtsorten und Traumpfaden tastet. Räume, die Sehnsüchte wecken, enthalten immer einen Hauch von Magie, von Geheimnis. Ein Bild, eine Erzählung aus manchmal nur wenigen Worten, ein geografischer Name. Aus lang gehegten Träumen bildet sich die eigene, immer subjektiv gefärbte mentale Landkarte. Der folgen wir.

 

Die „Generation Greenpeace“ hat das Trekking erfunden. Es ist ein mehr oder weniger extremes Wandern. Oft in Wildnisgebieten und exotischer Ferne. Es schließt den Willen ein, sich bewusst Risiken, Gefahren, Qualen auszusetzen, an die eigenen Grenzen zu gehen, um eine selbst gewählte Herausforderung zu bestehen. Es schließt aber auch ökologische Verantwortung mit ein. Nicht die Natur zu bezwingen, sondern sie zu erfahren, ist das Ziel.

„Die Antarktis nahm von mir Besitz“, berichtete Reinhold Messner nach seiner Durchquerung des weißen Kontinents. Bruce Chatwin suchte im australischen Outback nach den „Songlines“ der Aborigines und den Geheimnissen einer nomadischen Kultur im Einklang mit der Natur.

Die großen Erzählungen schürten das Fernweh der Backpacker-Generation. Im 21. Jahrhundert können wir es nicht mehr ungehemmt ausleben. Die Koordinaten haben sich unumkehrbar verändert. Öl wird knapp, Benzin teuer, Kerosin auch. Das Klima wird turbulent, nicht zuletzt wegen unserer maßlosen Mobilitätsansprüche.

 

Was tun? Das Fernweh wird bleiben. In ganz sparsamer Dosierung und wohldurchdacht werden wir es noch stillen können. So wie der begnadete Wanderer Hermann Hesse, der in der Mitte seines Lebens eine mehrmonatige Indienreise unternahm und bis zum Lebensende davon zehrte.

 

Lässt sich die Faszination der Ferne auf die Nahräume übertragen? Nun, die „Songlines“, die Traumpfade der Aborigines, sind wörtlich übersetzt „die Fußspuren der Ahnen“. Reinhold Messner kehrte heim, umrundete zu Fuß Südtirol, stieß unterwegs auf die Mumie des prähistorischen Gletschermannes. Mitten im australischen Busch träumte Chatwin von einem Uferpfad am englischen Flüsschen Avon, den er als Kind wanderte und der Shakespeares Lieblingsweg gewesen sein soll. Alexander von Humboldt, der allein auf seiner Südamerika-Expedition an die 10.000 Kilometer zu Fuß und im Kanu zurücklegte, zählte Siebengebirge und Rhön zu den schönsten Landschaften der Welt.

 

Kein Zweifel, es gibt eine Exotik der Nähe. Die gilt es zu entfalten. Dann wird man auch in den Räumen, die man von seiner Haustür aus in – sagen wir mal – 24 Stunden mit Bus, Bahn und Fähre erreichen kann, seine Traumpfade entdecken. Der Radius reicht für jemanden, der beispielsweise in Berlin wohnt, immerhin vom menschenleeren Glaskogen im schwedischen Värmland bis zu den Klöstern Umbriens, vom Zöllnerpfad an der bretonischen Felsenküste bis in die Wildnis der huzulischen Karpaten. „Der Harz nahm von mir Besitz.“ Warum eigentlich nicht? Auch Wartburg und Loreley sind und bleiben magische Orte. Wenn man sich ihnen nicht vom nächsten Besucherparkplatz aus annähert, sondern aus der Tiefe des Raumes.

 

Entscheidend aber scheint mir: Die Lust am Wandern in den urbanen Alltag mitzunehmen und dort in die Lust an der Eigenbewegung zu verwandeln. Die Wiederkehr des Wanderns macht erst richtig Sinn, wenn sie die „Mobilität aus eigener Körperkraft“ überall befördert. Das fängt dort an, wo wir den Schulweg der Kinder zu Fuß organisieren. Der Weg ins solare Zeitalter ist unausweichlich. Wer in frischer Luft und freier Landschaft seiner Freude am Gehen frönt, wird immer weniger auf die Idee kommen, daheim in die Blechkiste zu steigen und den Fuß aufs Gaspedal zu drücken, um Brötchen zu holen. Gehen und Radeln, kombiniert mit Bus und Bahn, rücken so wieder ins Zentrum unserer Mobilitätsgewohnheiten. Auch Muskelkraft ist eine erneuerbare Energie. Aus der neuen Lust am Wandern entsteht eine nachhaltige Kultur des Flanierens.

Von ULRICH GROBER
Fotos: JÜRGEN NEFZGER

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