greenpeace magazin 3.07

Schweinswal

Nur die wenigsten wissen, dass es in deutschen Gewässern Wale gibt. Doch mit etwas Geduld kann man im Nationalpark vor den Inseln Sylt und Amrum einen besonders scheuen und kleinen Vertreter entdecken: den Schweinswal.

 

Es war der griechische Universalgelehrte Aristoteles, der dem Schweinswal zu seinem Namen verhalf. Er soll ihn „Meerschwein“ getauft haben, nachdem er feststellte, dass die Innereien des Kleinwals mehr denen des Landsäugetieres als denen eines Fisches gleichen. Früher wurde der Schweinswal neben Saufisch und Tummler auch Tummelschwein genannt, aber er ist weder ein Fisch, noch ein Tümmler, also Delfin. Die insgesamt sechs Arten bevölkern alle Ozeane, meist küstennah.

 

„Unser“ Wal – der einzige vor der deutschen Küste – hat es nicht leicht. Der Gewöhnliche Schweinswal ist mit maximal 1,80 Metern einer der kleinsten Wale der Welt und kann Energie im eiskalten Wasser nicht so gut speichern wie seine riesigen Verwandten. Ständig muss er für Nachschub sorgen, will er sein Idealgewicht von 80 Kilogramm halten. Dafür frisst er etwa fünf Kilo Schwarmfische am Tag, am liebsten die fetten Sorten – Hering und Makrele. Doch kann er die nicht kriegen, begnügt er sich auch mit Bodenfischen wie Sandaal oder nimmt zur Not mit Borstenwürmern, Schnecken und Krebstieren vorlieb.

 

Das muss er immer häufiger, denn Nord- und Ostsee sind stark überfischt. Bis zu 5000 Kilometer Netze allein von dänischen Fischern treiben in der Nordsee. „Völlig verrückt! Würden die endlosen Netzreihen im Wald hängen, hielte das jeder für unglaublich, aber weil sie unter den Wellen verborgen sind, stört sich fast niemand daran“, so Magnus Wahlberg von der Forschungsstation Fjord&Baelt Centret in Kerteminde auf der Insel Fünen. Die Treib- und Stellnetze – nicht nur, aber insbesondere der dänischen Fischerei – sorgen für Ebbe in der Speisekammer der Wale, vor allem aber werden sie ihnen zur tödlichen Falle. Rund 10.000 Schweinswale ertrinken jährlich als pBeifang in den Maschen.

 

Freja und Eigil hatten Glück im Unglück. Sie verstrickten sich als Jungtiere in einem Netz, konnten aber von den Fischern lebend geborgen werden. Mit vollen Bäuchen – denn da sie schon nicht entweichen konnten, hatten sie sich zumindest über Nacht den Magen mit Fisch voll geschlagen.

 

Ihr neues Zuhause, das Forschungscenter in Dänemark, hat eine Ausnahmeerlaubnis, denn eigentlich ist die Haltung von Schweinswalen in Europa verboten. Die Art gilt als stark gefährdet und steht unter Naturschutz. Außerdem waren gefangen gehaltene Schweinswale zuvor immer nach wenigen Monaten verendet. Dass das Pärchen so lange in Gefangenschaft überlebt hat, ist ein großer Erfolg. 2004 kam noch das Weibchen Sif als Beifangopfer aus Schottland dazu. An dem Trio wird erforscht, warum Schweinswale ins Netz gehen, und nach Lösungen gesucht, wie die Beifangzahlen gesenkt werden können.

 

Die meisten Untersuchungen sind wissenschaftliches Neuland. Als der Biologe Harald Benke, Direktor des Meeresmuseums in Stralsund, in den 90er-Jahren seine Forschungen über die kleinen Wale in Nord- und Ostsee begann, fragten ihn Zoologen, was er denn da untersuchen wolle, der Schweinswal sei in deutschen Gewässern doch längst ausgestorben. In Wahrheit war die einst häufige Art nur aus dem Bewusstsein der Menschen verschwunden. Zählungen haben ergeben, dass es noch etwa 353.000 Tiere in Nord- und Ostsee gibt. Der größte Teil lebt in der Nordsee, in der Ostsee sind es schätzungsweise 90.000 Exemplare, meist in dänischen Gewässern. Besonders bedroht ist eine genetisch isolierte Population in der östlichen Ostsee. Hier werden nur noch 300 bis 600 Wale vermutet.

 

Die kleinen Tiere sind nicht leicht zu entdecken. Sie sind scheue Einzelgänger und unauffällige Schwimmer, die sehr selten springen. Gewöhnlich lugt nur die kleine Finne beim Atemholen kurz aus dem Wasser, was schon zur Schlagzeile „Haialarm vor Sylt!“ führte. Für Benke sind die Schweinswale „die Katzen des Meeres“. Denn: „Anders als Delfine, die sich wie Hunde neugierig dem Menschen nähern, wahren sie immer eine gewisse Distanz.“

 

Den Vergleich findet Marie-Anne Blanchet, die Betreuerin von Eigil, sehr treffend. Bevor sie nach Kerteminde kam, hatte die Biologin mit Delfinen und Belugas gearbeitet, und ihr erster Gedanke beim Anblick des Schweinswal-Männchens war: „Oh Gott! Er ist so unglaublich klein! Und leise ...“

 

Menschen können die hohen Töne der Schweins- wale im Gegensatz zum lauten Delfin-Geschnatter nur mit Hilfe technischer Geräte hören. Ihr Sonar ist dafür optimiert, kleine Beute auf kurze Entfernung zu orten. Ob sie die große, diffuse Struktur der Netze nicht erkennen können, soll nun eine Studie in der Forschungsstation ans Licht bringen. Damit Freja, Eigil und Sif dabei keinem Risiko ausgesetzt werden, wird nicht mit echten Netzen gearbeitet, sondern mit den Tönen, die ein Netz auf das Sonar des Schweinswals zurückwerfen würde. Die EU zwingt inzwischen einen Teil der Fischer, kleine, lärmende Lautsprecher an ihren Netzen anzubringen, sogenannte Pinger, die die Schweinswale vertreiben sollen.

 

In Kerteminde wurden interaktive Pinger entwickelt, die nur anspringen, wenn sie ins Sonar eines Schweinswals geraten. So soll zum einen der pLärm unter Wasser nicht noch weiter verschlimmert werden, zum anderen will man verhindern, dass sich die Wale zu schnell an den Alarm gewöhnen. Bis jetzt scheint das Konzept aufzugehen, der dänische Beifang konnte drastisch reduziert werden. Aber Wahlberg ist skeptisch, ob Pinger die Wale langfristig vor dem Erstickungstod bewahren können. Er fürchtet, dass die lernfähigen Meeressäuger die Signale bald als Wegweiser zu einem vermeintlichen Fischbuffet nutzen. Wie andere Wissenschaftler und Tierschützer fordert er deshalb die Umstellung von Treib- und Stellnetzen auf Reusen und Langleinen sowie Fischereiverbote, zumindest in Aufzuchtgebieten.

 

Im Fjord&Baelt Centret können sich Besucher davon überzeugen, dass der Schweinswal das Zeug zum Publikumsliebling hat – und das ist vielleicht seine Chance. Denn mit öffentlichem Druck, politischem Willen und intensiver Forschung kann ein Schutzplan gelingen, der Aristoteles‘ „Meerschwein“ das Überleben an unseren Küsten sichert. Aber es bleibt nicht viel Zeit. Die kleine Population der östlichen Ostsee droht in wenigen Jahren auszusterben.

 

Text: Susanne Tappe

 

vorort.bund.net/rostock/schweinswal/

 





greenpeace magazin.
Große Elbstraße 145d . 22767 Hamburg . Tel: 040/808 12 80 80 . Fax: 040/808 12 80 99 . gpm@greenpeace-magazin.de . www.greenpeace-magazin.de