greenpeace magazin 2.07

Gleiches Recht für alle

Eine „klimagerechte“ Welt, in der jedem die gleiche Menge an Treibhausgas-Emissionen zusteht, halten Ethiker wie Ökonomen für unabdingbar. Jeder Mensch soll künftig mit seinem persönlichen CO2-Budget auskommen. Wer sein Klimakonto überzieht, muss Emissionsrechte hinzukaufen. Zum Beispiel von einem Bauern aus Tansania.

Im Emsland hat die Zukunft des Klimaschutzes bereits begonnen. An den Türen von 150 Häusern klingelt in diesen Wochen ein CO2-Berater. Er setzt sich mit den Eigentümern an den Küchentisch, klappt seinen Laptop auf, erfasst Grundrisse, Kellergrößen und Wandstärken der Häuser, Energieverbrauch, Heizverhalten und viele Dutzend weitere Daten. Daraus errechnet der Computer die CO2-Bilanz – wie viel von dem Treibhausgas jährlich auf das Konto der Hausbewohner geht.

 

„Ich fürchte, mein Wert ist viel zu hoch“, bangt Maria Erdmann. Dabei ist sie durchaus umweltbewusst. Sie wohnt seit 1981 in ihrem alten Bauernhaus und hat es liebevoll mit ökologischen Baustoffen saniert. Aber die Dämmung, gibt die 63-jährige Innenarchitektin zu, die könnte besser sein. Und der Gaskessel, tja, der sei auch schon 25 Jahre alt. Sie ist schon gespannt auf die Vorschläge des CO2-Beraters, wie sich der Kohlendioxid-Ausstoß verringern lässt. Experten schätzen, dass die knapp elf Tonnen, die ein durchschnittliches Einfamilienhaus pro Jahr verursacht, um bis zu 80 Prozent reduziert werden können. Welche Vorschläge sie umsetzen, entscheiden die Hauseigentümer. Nach einem Jahr kommt der CO2-Berater wieder, dann wird erneut Bilanz gezogen – und für jede Tonne eingespartes Kohlendioxid gibt es ein Zertifikat, das sich zu Geld machen lässt.

 

Hinter dem Projekt stehen der Landkreis Emsland und die EWE, der fünftgrößte Energiekonzern Deutschlands. „Wir sind sicher, dass das Thema CO2 uns in den nächsten Jahrzehnten immer mehr beschäftigen wird“, sagt EWE-Projektleiter Michael Klüser, „und da stellen wir uns dem Problem lieber schon heute.“

 

Ob die 150 Haushalte nennenswerte Mengen CO2 einsparen werden, ob man diese exakt beziffern kann, und was man später mit den Zertifikaten wird anfangen können – all das ist noch unklar. Dennoch ist der Ansatz revolutionär: Er gibt erstmals auch privaten Kohlendioxid-Emissionen einen Preis. Die Teilnehmer sind stets verblüfft, wenn sie hören, dass sich eine bessere Dämmung oder effizientere Heizkessel für sie nicht nur über sinkende Energiekosten auszahlen, sondern dass sie zudem noch eine Prämie für das eingesparte CO2 erhalten. Die ersten drei Jahre lang zahlt die EWE 20 Euro pro Tonne.

 

Vielleicht stellt sich in einigen Jahren heraus, dass das Pilotprojekt im Emsland eine Mosaikstein für den radikalen Umbau unserer Konsum- und Industriegesellschaft war: Ein Emissionshandelssystem für alle dürfte dabei eine zentrale Rolle spielen. Schließlich sind private Haushalte für rund ein Drittel des deutschen CO2-Ausstoßes verantwortlich, zum Beispiel durch Heizen, Warmwasser und Stromverbrauch, aber auch durch Autofahren oder Flugreisen (siehe auch Seite 47). Bislang durfte das Treibhausgas – ob von Bürgern oder der Industrie – kostenlos in der Atmosphäre deponiert werden.

 

Um den globalen Temperaturanstieg auf maximal zwei Grad Celsius zu begrenzen, muss die Menschheit im Jahr 2050 (dann bei einer Weltbevölkerung von fast 10 Milliarden) pro Kopf und Jahr unter zwei Tonnen CO2 ausstoßen. Während Länder wie Äthiopien mit derzeit etwa 100 Kilogramm pro Kopf oder Indien mit 1,1 Tonnen deutlich darunter liegen, pustet jeder Deutsche rund elf Tonnen in die Atmosphäre, jeder US-Amerikaner sogar fast 20 Tonnen. Schon aus Gründen der Klimagerechtigkeit müssen die Industriestaaten deshalb ihre Emissionen ebenso rasch wie drastisch senken.

 

Nicholas Stern, früherer Chefökonom der Weltbank und Autor eines aufsehenerregenden Klimaberichts für die britische Regierung, lässt keinen Zweifel daran, was er für die wichtigste Maßnahme zur Senkung des CO2-Ausstoßes hält: ein generelles carbon pricing. „Das wird Personen und Unternehmen dazu bringen“, schreibt Stern, „kohlenstoffintensive Güter und Dienstleistungen zu meiden und in Alternativen mit niedrigerem Kohlenstoffverbrauch zu investieren.“

 

Weil eine CO2-Steuer bei Bürgern wie Politikern höchst unpopulär ist (obwohl sie fast ebenso wirksam und auch konform mit der Marktwirtschaft wäre), favorisieren Experten nun ein anderes Modell: Jeder Bürger erhält ein CO2-Budget, zum Beispiel fünf Tonnen pro Jahr. Will er mehr ausstoßen, muss er sich Zertifikate kaufen – bei seinem energiesparenden Nachbarn oder, dehnt man das System auf die Welt aus, zum Beispiel bei einem Bauern in Tansania, der ebenfalls ein CO2-Budget von fünf Tonnen hat, aber kaum eine Tonne emittiert. Wer weniger verbraucht, kann seine Zertifikate abgeben – er kann sie aber auch ansparen, etwa für eine geplante Flugreise, oder ganz „stilllegen“, also freiwillig auf den Ausstoß verzichten.

 

Inzwischen beschäftigt das Konzept nicht mehr nur Experten, sondern auch die Fantasie von Politikern: Der britische Umweltminister David Miliband etwa schlug die Einführung eines solchen Modells bereits ernsthaft vor: „Stellt Euch ein Land mit einer Währung namens Kohlenstoff vor“, warb er, „unsere Kreditkarten enthalten sowohl Pfund als auch Kohlenstoffpunkte. Und wenn wir Strom, Gas oder Benzin kaufen, zahlen wir sowohl mit Geld als auch mit Kohlenstoffpunkten.“

 

Von den Experten seines Ministeriums hat Miliband die Machbarkeit eines solchen Systems gleich untersuchen lassen – mit fünf Jahren Vorlaufzeit, so das Ergebnis, könnte es eingeführt werden. Zudem könne der CO2-Handel vom bestehenden Bankennetz abgewickelt werden, wodurch sich „Komplexität und Kosten“ des Systems „erheblich reduzieren“ ließen.

 

Nach diesem Modell würden 40 Prozent aller CO2-Rechte eines Landes kostenlos an die Bürger verteilt. Den Rest verkauft oder versteigert eine „Klima-Zentralbank“ an die Industrie. Der Erlös wird gleichmäßig an die einzelnen Bürger ausgeschüttet. Der Einfachheit halber buchen diese nur beim Kauf von Energie wie Strom oder Benzin ihre Kohlenstoffpunkte ab, ebenso bei Bahnfahrten, Flugreisen oder anderen Transporten. Bei allen anderen Gütern sind die CO2-Kosten im Preis enthalten – zum Ausgleich für die Preissteigerungen haben die Konsumenten ja Geld aus dem Zertifikateverkauf kassiert. Von Jahr zu Jahr, so die Idee, verringert die Klima-Zentralbank die Gesamtmenge der „carbon points“, dadurch werden die Kohlenstoffpunkte knapper, und so wird es immer rentabler, Energie zu sparen.

 

Kritiker fürchten eine neue Kohlenstoff-Bürokratie. Andere warnen vor der Kostenbelastung für Bürger und Wirtschaft – und übersehen dabei, dass die Energiepreise langfristig ohnehin steigen werden. Nicholas Stern kam in seiner Studie zu dem Ergebnis, dass Investitionen in den Klimaschutz wesentlich billiger wären als die Folgen eines unkontrollierten Temperaturanstiegs. Während die Senkung der Emissionen nur rund ein Prozent des globalen Bruttosozialproduktes kosten würde, könnten klimabedingte Schäden 20 Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung auffressen.

 

Ein „Cap and Trade“-Modell („begrenzen und handeln“), macht die Entwicklung nicht nur kalkulierbar, es biete zudem, so Ökonomen, ein Höchstmaß an Freiheit und Flexibilität, weil es den Markt als Steuerungsinstrument nutze. Dadurch würden Energieeinsparungen stets an der billigsten Stelle stattfinden.

 

Für die CO2-Emissionen der Industrie existiert ein ähnliches Modell bereits: Zum 1. Januar 2005 wurde es EU-weit eingeführt. Für jeden Staat gibt es seitdem ein festes Budget, für Deutschland derzeit 495 Millionen Tonnen. Die verteilen sich hierzulande auf gut 1800 Industrieanlagen: auf Kraftwerke, Zementfabriken, Stahlwerke, Papiermühlen. Jede davon hat ein eigenes Konto bei der DEHSt in Berlin, der Deutschen Emissionshandelsstelle, die an das Umweltbundesamt angegliedert ist. Mehr als 120 Beamte arbeiten hier und führen eine Art Grundbuch für die Atmosphäre. In Zimmer 2018 sitzt zum Beispiel Oliver Schwalb, ein sportlicher Mittvierziger in Jeans und Karohemd. Er überwacht den Zentralrechner, über den die Kontobewegungen abgewickelt werden. Die eigentlichen Umbuchungen zwischen den Konten nehmen die Teilnehmer wie beim Online-Banking direkt vor.

 

Etwa 300 Millionen Zertifikate wurden in den vergangenen zwei Jahren auf den Konten der DEHSt hin- und hergeschoben. Im Prinzip könnte das Register auch mit 80 Millionen Deutschen funktionieren, obwohl den Leuten bei der DEHSt bei der Vorstellung etwas mulmig wird. Oliver Schwalb und seine Kollegen müssen den Nutzern immer und immer wieder am Telefon erklären, welche Klicks am Computer nötig sind – wie bei einer normalen Service-Hotline.

 

Obwohl die Verschmutzungsrechte derzeit mit 4,67 Euro pro Tonne CO2 noch viel zu billig sind, sieht die Finanzbranche den Emissionshandel als lukratives Zukunftsgeschäft. Die großen Banken unterhalten bereits eigene CO2-Handelsabteilungen, die Nachrichtenagentur Dow Jones Newswires gibt einen speziellen Infodienst heraus. Der Preis der Zertifikate dürfte steigen, wenn die EU sie für die Handelsperiode von 2008 bis 2012 wie geplant um zehn Prozent verknappt. In Deutschland soll die Industrie dann nur noch 453 Millionen Tonnen CO2 ausstoßen dürfen. Bundesumweltminister Sigmar Gabriel hatte ihr hingegen 465 Millionen Tonnen einräumen wollen.

 

Lutz Wicke, Professor für Umweltmanagement an der privaten Wirtschaftsuniversität EAP in Berlin betrachtet die Rolle der Europäischen Union gleichwohl skeptisch: Zwar verkündete Kommissionspräsident Barroso Mitte Januar, die EU wolle ihren Treibhausgas-Ausstoß bis 2020 um 20 Prozent senken. Zunächst aber werden die Emissionen bis 2012 voraussichtlich um neun Prozent zunehmen – statt, wie im Kyoto-Protokoll festgelegt, um acht Prozent zu sinken. Weltweit wird der CO2-Ausstoß sogar um erschreckende 40 Prozent höher liegen.

 

Deshalb plädiert Wicke für die Zeit nach dem Auslaufen des Protokolls im Jahr 2012 für ein globales Cap-and-Trade-System*, bei dem alle Erdenbürger pro Kopf das gleiche Recht auf Emissionen haben. Anders sei die nötige Wende kaum zu schaffen. Auch der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung zu Globalen Umweltveränderungen (WBGU) vertritt diese Idee.

 

Im Emsland ist man auf solch eine Utopie bereits vorbereitet. Michael Klüser, der Leiter des EWE-Pilotprojekts zum privaten CO2-Handel, sagt: „Wir wollen für mögliche Märkte der Zukunft intelligente Lösungen haben.“ Sein Arbeitgeber könnte dann nicht nur mit Strom handeln, sondern auch mit CO2-Zertifikaten Geld verdienen. Landrat Hermann Bröring (CDU) erhofft sich durch das Projekt schon heute wirtschaftliche Impulse für das Emsland, die Baubranche etwa soll von Aufträgen zur Wärmedämmung profitieren.

 

Bernhard Lübken, einer der 150 Teilnehmer, spekuliert erstmal nur auf Geld. Über den Klimawandel macht er sich „eigentlich wenig Gedanken“, gibt er offen zu, aber er habe etwas von Zuschüssen gehört, die es geben solle. Lübken, 51, ist vermutlich ein ziemlich typischer Deutscher. Sein Eigenheim, rot verklinkert, steht am Rand von Klein Berßen mitten im Emsland. Hier wohnt er mit Frau und Sohn auf 130 Quadratmetern. Er ist Beamter im Vorruhestand, zeitlebens hat er SPD gewählt. Ein Dackel kläfft den Besuch an, in der Wohnstube stehen eine schwere Schrankwand und eine rotbraune Ledercouch. Zwei Autos hat die Familie, bis vor einem Jahr waren es sogar drei. Klar, er sei schon sparsam mit Energie, denn die hohen Preise gingen ins Geld. Aber Wärmedämmung war vor 17 Jahren, als das Haus gebaut wurde, kein großes Thema. Das Thermometer in der Stube zeigt 20 Grad, „frieren möchte man ja auch nicht“. Um den Klimaschutz will er sich nicht groß kümmern müssen, sagt er, da solle die Politik Gesetze erlassen. Der Einzelne bewege sich ja nur, wenn es an den Geldbeutel geht.

 

Und was hält Herr Lübken von einem CO2-Handel mit kostenlosem Grundbudget? Aufmerksam hört er sich den Vorschlag an, nennt das Modell dann eine „Quotenregelung“, die er sich, nein, „gar nicht vorstellen“ kann. Aber er wisse doch, dass die Energiepreise weiter steigen und die Umweltschäden wachsen werden. Ob ihm eine ungesteuerte Entwicklung lieber sei. Lübken überlegt kurz: „Dann doch lieber eine Quote.“

Von TORALF STAUD



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