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greenpeace magazin 6.06
Zu bunt getriebenNiemand geht gern in Sack und Asche – doch bunte Farben haben ihren Preis. Farbstoffe können nicht nur Allergien auslösen, einige gelten sogar als krebserregend und sind in Deutschland verboten. Experten schätzen, dass rund zehn Prozent der gebräuchlichen Farben eigentlich auf den Index gehören.
Rot werden Von jeher spielten Farben eine bedeutende Rolle bei Textilien. Die ältesten Funde von Farbstoffresten auf Textilgeweben gehen auf 3000 vor Christus zurück. In germanischen Siedlungen aus der jüngeren Steinzeit fanden sich Reste von Samen und Pflanzen, von denen man heute weiß, dass sie sich für das Färben eignen. Spuren von Naturfarbstoffen wie Krappwurzel, Indigo oder Safran zierten Mumienbänder und Bekleidung in ägyptischen Gräbern. Im Altertum kam vor allem dem Rot eine große Bedeutung zu. Während die Farbe bei den Ägyptern als zerstörerisches Symbol galt, war der flammend rote Schleier der römischen Bräute ein Sinnbild für Liebe und Fruchtbarkeit. Nicht zuletzt war Rot auch die Farbe der Reichen. Um ein Gramm Purpur zu erhalten, mussten rund 8000 Purpurschnecken ihr Leben lassen. Purpurgewänder waren darum dem römischen Kaiser vorbehalten; seine Senatoren mussten sich mit einem roten Streifen auf der Schulter ihrer Umhänge begnügen.
Chemie im Kommen Um 800 nach Christus florierte unter Karl dem Großen der Anbau und Handel mit Naturfarbstoffen wie dem blauen Färberwaid, dem roten Krapp und der gelben Resedapflanze. Purpurrot wurde jetzt aus dem Cochenille der getrockneten Kermeslaus erzeugt, dessen Gewinnung weniger aufwendig und somit billiger als die aus der Purpurschnecke war. Aus dem Orient kamen weitere Farbstoffe, beispielsweise Safran und Sandelholz. Über den ostindischen Seeweg gelangten Blauholz und Indigo nach Europa, der bis heute bekannte blaue Farbstoff für Jeans.
Die Gewinnung der ersten Farben war mit einigen Mühen verbunden. Sie mussten aus Hölzern, Blättern, Schalen oder Wurzeln herausgelöst oder ausgepresst werden. Beim Färben mussten pflanzliche Fasern erst mit Beizen vorbehandelt werden, damit der Naturfarbstoff darauf haftete. Seide und Wolle reagierten problemlos, doch war die Farbpracht oftmals nicht von Dauer, sie blich aus.
Das änderte sich, als der deutsche Chemiker Friedlieb Ferdinand Runge 1834 im Steinkohlenteer die Verbindung Aminobenzol (Anilin) entdeckte und der britische Student William Perkin später entdeckte, dass sich durch Oxidation des Anilins der blauviolette Farbstoff Mauvein erzeugen lässt. Es war der erste künstlich hergestellte Farbstoff. Kurze Zeit darauf folgte die synthetische Erzeugung des roten Alizarin – ebenfalls aus Steinkohlenteer. Schließlich schlug die Stunde der benzidinhaltigen Azofarbstoffe, die es ermöglichten, Naturfasern wie Baumwolle und Leinen ohne vorheriges Beizen zu färben. 1897 brachte die „Badische Anilin- & Soda-Fabrik“, heute besser unter dem Namen BASF bekannt, das erste synthetische Indigo auf den Markt.
Im Farbrausch Heute kann die chemische Industrie rund 10.000 verschiedene synthetische Farben erzeugen. Jedoch werden nur rund 7000 davon wirtschaftlich genutzt, 500 davon in größeren Mengen. Mehr als 40 Millionen Tonnen Textilfasern werden damit im Jahr eingefärbt, davon rund 22 Millionen Tonnen Baumwollstoffe und -garne und neun Millionen Tonnen Polyesterfasern. Der Rest entfällt auf Wolle, Viskose, Seide und synthetische Fasern.
Die Experten unterscheiden verschiedene Färbetechniken. Wolle und Seide werden oft im sogenannten Direktfärbeverfahren bunt. Die Fasern gehen ohne Zugabe weiterer Chemikalien eine direkte Verbindung mit der Farbe ein. Bei der Entwicklungsfärbung reagieren die noch farblosen Moleküle in mehreren Reaktionsschritten mit der Faser. Es entstehen farbige Pigmente, die wasserunlöslich sind. Jeanshosen wie die legendäre Levis, die 1850 von Levi Strauss erfunden wurde, werden auf diese Weise mit dem blauen Indigo gefärbt, aber auch Viskose und Leinen.
Brillantere Farben entstehen durch Reaktivfärbung. Dabei geht die Farbe mit der Faser eine sehr feste Bindung ein, die besonders waschfest ist. Geeignet ist das Verfahren für Baumwolle, Wolle, Polyamid und Viskose. Bei der Dispersionsfärbung wandern fein gemahlene, in einem heißen Färbebad verteilte Farbstoffpartikel aus der Flüssigkeit in die Faser hinein, lösen sich dort und gehen eine feste Verbindung ein. Diese Methode wird nur zum Färben von Polyester genutzt.
Natur pur? Mit Naturfarbstoffen wird heute nur in geringem Umfang gefärbt. Sie werden vor allem im Bereich der Naturmode eingesetzt und auch zum Färben authentischer Gewänder etwa für Filme oder fürs Theater genutzt. Auch wenn es hier sehr schöne, kräftige und individuelle Töne gibt – Naturfarbstoffe sind nicht per se gut. So bergen einzelne Pflanzenfarben wie das rot färbende Krapp ein gesundheitliches Risiko. Darin seien sogenannte Anthrachinone enthalten, die vermutlich krebserregend sind und das Erbgut verändern, erklärt Ismene Jäger vom Freiburger Untersuchungslabor Hydrotox. Auch haften Naturfarben auf pflanzlichen Fasern wie Baumwolle und Leinen mit Ausnahme von Indigo nur, wenn sie mit ökologisch fraglichen Metallbeizen vorbehandelt werden. Darum beschränkt sich die Naturfärberei vor allem auf tierische Fasern wie Seide und Wolle. Viele Farben sind nicht lichtecht, sie verblassen beim Tragen. Und last but not least: Würde man den Anbau von Naturfarbstoffen intensivieren, benötigte man dafür riesige Anbauflächen, die als Monokulturen mit hohem Pestizideinsatz beackert werden müssten.
„Beim Färben wird mit zweierlei Maß gemessen“, bemängelt Karola König von der Agentur für Kunst und Design aus Nürtingen, die sich seit über 30 Jahren intensiv mit Naturfarbstoffen beschäftigt. Stets würden natürliche Farbstoffe kritisiert, während kaum ein Mensch synthetische Farben in Frage stellt, die ebenfalls mit der Zeit ausbleichen, beim Waschen oder Tragen abfärben und damit nicht nur die Umwelt, sondern auch die Gesundheit der Menschen gefährden. Karola König will in Kürze eine Kollektion von Strümpfen über Unterwäsche bis hin zum Abendkleid herausbringen, die nur natürlich gefärbt wird.
Ganz reizend Tatsächlich wird im Rausch der Farben leicht vergessen, dass synthetische Farbstoffe eine Menge Probleme mit sich bringen. So sind Kontaktallergien auf Dispersionsfarbstoffe, die zum Färben von synthetischen Stoffen verwendet werden, nicht selten. Reaktionen auf den blauen Farbstoff Dispers Blue 106, der meist zusammen mit Dispers Blue 124 gemixt wird, sind seit den 80er-Jahren bekannt, ebenso auf Dispers Orange. Bei einer dermatologischen Studie an 696 Patienten mit Verdacht auf eine Textilallergie zeigten fast acht Prozent der Leidenden eine Sensibilisierung gegen den blauen Dispersionsmix 106/124 und gut drei Prozent Reaktionen auf Dispers Orange, berichtet Andrea Bauer von der Klinik für Dermatologie der Friedrich-Schiller-Universität Jena.
Die aggressiven Farben werden bis heute zum Färben verwendet oder gelangen über Importe in unsere Kleiderschränke. Rund 15 Dispersionsfarbstoffe werden mit Hauterkrankungen in Verbindung gebracht. Verboten sind hingegen seit einigen Jahren 21 Azofarbstoffe, die durch reduktive Spaltung aromatische Amine abgeben und als krebserregend eingestuft sind. Dennoch wird nach wie vor Mode mit Farbstoffen verschönert, die äußerst problematisch sind. Als das Freiburger Hydrotoxlabor 280 synthetische Farbstoffe überprüfte, erwiesen sich 14 Stoffe als eindeutig erbgutverändernd (mutagen). Insgesamt müsse man davon ausgehen, dass sich der Anteil an problematischen Textilfarbstoffen an der gesamten Farbpalette auf über zehn Prozent beläuft, sagt Ismene Jäger von Hydrotox, die die Untersuchung betreute. Aus Gründen des vorbeugenden Schutzes „gehören diese Farben nicht in Verbrauchernähe“.
Bei den untersuchten Farben handelt es sich um sogenannte Altstoffe, die vor 1983 auf den Markt gekommen sind. Sie mussten bislang nicht auf ihre mutagene Wirkung untersucht werden. Erst im Zuge des neuen EU-Chemikaliengesetzes REACH stehen „alte“ Farben, von denen jährlich mehr als eine Tonne produziert werden, auf dem Prüfstand und müssen ihre Unbedenklichkeit beweisen.
Farbbrühe in den Boden Hierzulande gibt es etwa 250 Betriebe, die Textilien ausrüsten, färben und bedrucken. In Sachen Umweltschutz hinken viele dieser Firmen dem Stand der Technik um rund 20 Jahre hinterher. Weil die Textilindustrie immer mehr ins Ausland verlagert wird, investieren die Betriebe nicht in neue Techniken, sondern arbeiten mit ihren veralteten Maschinen. Rund 90 Prozent der Kleidungsstücke werden heute im Ausland gefertigt.
Meist unter „schlimmsten Bedingungen“, weiß Peter Donath, der bis vor zwei Jahren an „vorderster Front“ für den Chemiekonzern Ciba in Sachen Farbstoffe und Umweltschutz in der ganzen Welt unterwegs war. Vor allem in China, wo inzwischen rund ein Drittel aller Textilien weltweit produziert würden, sei die Umweltsituation „ katastrophal“.
Farbstoffhaltige Abwässer versickerten meist direkt im Boden, Schutzkleidung für Arbeiter gebe es in der Regel nicht oder sie würde nicht getragen. Die Leute erkrankten nicht nur durch den direkten Kontakt mit den Chemikalien, sondern auch durch das verseuchte Grundwasser. „Da dreht sich einem der Magen um“, sagt Peter Donath. Abhilfe sei nicht in Sicht.
Guter Deal Dabei gibt es auch positive Beispiele. In Indien und Mexiko entstanden Textilbetriebe mit sehr hohen Umweltstandards. „Wenn europäische Firmen direkt Einfluss auf die Produktionsbedingungen nehmen, tut sich hier schnell etwas“, beobachtet Harald Schönberger, Berater für Umweltschutz in der Textilindustrie. So nehme etwa die Möbelkette Ikea von pakistanischen Stofflieferanten nur noch Ware ab, wenn die Abwässer nach dem Stand der Technik geklärt werden. Im Gegenzug wurde den Betrieben für die gelieferten Stoffballen ein besserer Preis geboten. Der Deal funktionierte.
„Nur wenn die großen Einkäufer aus Europa und den USA entsprechende Forderungen stellen, passiert im Produktionsland etwas“, betont Harald Schönberger. Ansonsten werden Umweltauflagen umgangen oder schlichtweg ignoriert – weil niemand die Einhaltung kontrolliert.
Billigmode auf dem Vormarsch Doch vielen Textilhändlern ist der Umweltschutz offenbar weniger wichtig als der Preis. Bekleidung wird schon lange nicht mehr im Fachgeschäft gekauft, sondern vor allem bei Tchibo, Aldi, Lidl & Co. Und das heißt: billig, billiger, am billigsten. Bei Tchibo gab es kürzlich Herrenblazer für 29 Euro und elegante schwarze Mäntel für 39 Euro. „Viele Verbraucher sind nicht bereit, für ein T-Shirt oder eine Jeans einen angemessenen Preis zu zahlen. Sie wollen möglichst drei T-Shirts für den Preis von einem“, sagt Ex-Ciba-Mann Donath. „Was muss das perfekte T-Shirt leisten“, fragte jüngst die britische Organisation „better thinking“. Und landete bei Shirts aus Bio-Baumwolle, die auch während der Verarbeitung pur und ohne Giftbelastung bleiben. Doch davon ist die konventionelle Textilindustrie noch weit entfernt. Am ehesten kommen den Forderungen einige kleine, feine europäische Unternehmen nahe, die sich auf die Herstellung von Öko-Kollektionen spezialisiert haben (siehe Bezugsadressen in der neuen Textil-Fibel). Farblos ist die Mode deshalb nicht – aber eine wirklich saubere Sache.
Text: Annette Sabersky
Was ziehe ich bloß an? Das ist die Frage zum Thema Kleidung, die die neue Textil-Fibel nicht beantwortet. Ansonsten gibt sie auf 130 Seiten Auskunft über Fasern und Fäden. TEXTIL-FIBEL |
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