greenpeace magazin 5.06

Sinnvoll gärtnern

Wild oder gestaltet – die Kunst, den richtigen Weg zu finden

Wildnis: Was sich von selber einstellt

In diesem Kamin hat schon lange kein Feuer mehr gebrannt. Stattdessen stapeln sich modernde Holzscheite in der Nische an der Außenwand des Hauses, von Spinnen kunstvoll umwoben. „Da drin ziehen die Waldmäuse ihre Jungen auf“, erklärt die Hausherrin Beatrix Stoepel lapidar. Ihre Gäste wissen von der Mäusekinderstube ein Lied zu singen, huschen die Tierchen ihnen doch beim abendlichen Glas Wein auf der Terrasse gern über die Füße.

 

Aber was heißt schon Terrasse? Längst haben allerlei robuste Pflanzen, allen voran der Wilde Oregano, große Teile der Pflasterfläche erobert, so dass sie in den Augen des Unkundigen einem vernachlässigten Kräuterbeet gleicht – obwohl vieles mit Bedacht ausgesucht und angepflanzt wurde. Auch sonst entspricht Beatrix Stoepels Grundstück nicht unbedingt dem, was die Mehrheit der Zeitgenossen unter einem Garten versteht: Auf der Blumenwiese gedeihen fast mannshohe Disteln, vor Jahren ist eine Pappel quer über das Gelände gestürzt. Jenseits des bemoosten Baumes, am Flussufer, beginnt das Reich der Brennnesseln, die die Gärtnerin mühsam in Schach hält.

 

Die Gärtnerin? Beatrix Stoepel liebt ihren Garten und kennt jedes Gewächs darin, doch hacken und jäten, schneiden und düngen ist ihre Sache nicht. Lieber schaut sie zu, was sich in ihrer Wildnis am Oberlauf der Alster in Hamburg von selbst einstellt, welche Pflanzen Fuß fassen und welche Tiere zu Besuch kommen. Und das sind beileibe nicht nur Mäuse. Da der Garten an Wald- und Weideland angrenzt, treten Reh und Feldhase ebenso häufig in Erscheinung wie Grünspecht und Waldkauz.

 

Bei den Nachbarn zur Linken ist Stoepel nicht sonderlich beliebt. Rings um deren Villa gedeihen Rhododendren und bizarre Ziergehölze, geschmackvoll um eine Rasenfläche arrangiert. Zwei Welten stoßen hier aufeinander – natürliche Dynamik contra gärtnerische Zucht und Ordnung, Wildpflanzen contra exotische Gewächse. Irgendwo zwischen diesen beiden Polen bewegt sich die große Mehrheit der deutschen Gärten, und wohl jeder ökologisch orientierte Grünbesitzer plagt sich hin und wieder mit dem Dilemma, den rechten Weg zwischen natürlicher Dynamik und gärtnerischer Ästhetik zu finden.

 

Immerhin bedecken Privatgärten rund zweieinhalb Prozent der Landesfläche; in Ballungsgebieten machen sie einen weit höheren Anteil der Grünflächen aus. Wer über ein Fleckchen unbebautes und unversiegeltes Land verfügt, trägt deshalb – ob er will oder nicht – auch ein Stück Verantwortung für die Erhaltung der biologischen Vielfalt. Keine Frage, die üblichen Ein-öden aus Rasen und Koniferen bieten nur hartgesottenen Arten einen Lebensraum, erst recht wenn das Grün mit Kunstdünger und Spritzmitteln über die Runden gebracht wird. Aber muss der umweltbewusste Gärtner gleich seine Thuja-Hecke roden und dem Unkraut beim Wachsen zusehen? Anders gefragt: Wie sieht er aus, der ökologisch sinnvolle Garten?

 

Beatrix Stoepel hat auf diese Frage ihre persönliche Antwort gefunden; die Mehrheit der Gartenbesitzer indes dürfte über größere Populationen von Mäusen, Disteln und Brennnesseln hinter ihrem Eigenheim wenig erfreut sein. Schließlich soll ein Garten auch der Erbauung dienen. Und ist es wirklich ein Beitrag zum Naturschutz, Allerweltspflanzen zu fördern, die ohnehin auf jedem Brachgrundstück gedeihen?

 

Naturnähe: Wildpflanzen, aber kein Wildwuchs

Alles wachsen lassen ist keine gute Philosophie, weil dann die Natur den Menschen bald aus dem Garten wirft“, sagt Reinhard Witt und rupft das Schmalblättrige Weidenröschen heraus. Das Rosmarin-Weidenröschen direkt daneben darf bleiben, es wuchert nicht. Der Biologe und Landschaftsplaner Witt ist ein Pionier der Naturgartenbewegung in Deutschland. Er hat seine Vorstellung vom idealen Grün in etlichen Büchern dargelegt und den „Naturgarten e.V.“ gegründet. Der Verband hat sich das Ziel gesetzt, die heimische Flora und Fauna zu bewahren und eine naturnahe Gartengestaltung zu fördern. Und das bedeutet im Kern: Wildpflanzen, aber kein Wildwuchs.

 

Der feine Unterschied lässt sich auf Witts Privatgrundstück im bayerischen Ottenhofen studieren. Selbst bei größter Hitze Ende Juli beeindruckt eine Blütenfülle den Besucher, die an impressionistische Malerei denken lässt. Zwei Meter hohe Königskerzen ragen auf, umweht von Schleiern aus Wilder Möhre und Haarstrang. Wie Tischtennisbälle balancieren die Fruchtstände der Alpenschopfblume auf hohen Stängeln, während in den Mauerfugen das Zimbelkraut zierliche Teppiche webt. Die Vielfalt der Pflanzenarten hier übertrifft jede natürliche Wiese bei weitem. So gesehen, ist Witts Naturgarten eine hoch konzentrierte Essenz der realen Natur.

 

Ein solches Kunstwerk stellt sich denn auch nicht von selbst ein, sondern erfordert sorgfältige Vorbereitung und einige Erfahrung. Vor allem gilt es, erst einmal den passenden Boden heranzuschaffen. Witt verwendet Mischungen aus Kies und sterilem Kompost, der frei von keimfähigen Unkrautsamen ist. Normaler Mutterboden ist in den Augen des Naturgärtners die Mutter allen Übels: Wer darauf sät, wird nur Giersch und Quecke ernten. In der aufgewühlten und meist viel zu nährstoffreichen Erde können diese Unkräuter schneller durchstarten und lassen den ersehnten selteneren Wildpflanzen keine Chance. Zwei Möglichkeiten gibt es, den Boden auszutauschen: Entweder man trägt die oberste Erdschicht ab und ersetzt sie, oder man schüttet das neue Substrat einfach 20 bis 30 Zentimeter dick auf. „Jedes Naturgartenglück startet mit mehr oder minder hohem technischen Einsatz“, mahnt Witt – auf größeren Flächen muss der Bagger anrücken.

 

Auf den so vorbereiteten Beeten lassen sich nun an die Standortbedingungen angepasste Gewächse aussäen oder auch, wie bei der Anlage eines gewöhnlichen Staudenbeets, fertige Containerpflanzen setzen. Erst jetzt darf die Natur schalten und walten. Reinhard Witts Pflanzungen haben stets auch den Charakter von Versuchsaufbauten: Das Beet verändert sich mit den Jahren, neue Pflanzen tauchen von selbst auf, nie weiß der Gärtner genau, wie sich die Anlage entwickeln wird. Bestimmte, besonders expansive Pflanzen wie das Schmalblättrige Weidenröschen jätet Witt jedoch konsequent aus: „Im Naturgarten muss es Grenzen geben.“

 

Auch wenn das Öko-Paradies in seiner Anfangsphase einer Kiesgrube gleicht – die Tierwelt weiß den Aufwand zu schätzen. Im Ottenhofener Naturgarten summt und flattert und wimmelt es vor Leben, weit mehr noch als in Beatrix Stoepels Wildnis an der Alster: Wolken von Faltern trudeln umher, pausenlos fliegt der Grauschnäpper von den Ästen der alten Eiche aus seine Attacken auf unglückliche Insekten. Derweil paaren sich im Aufrechten Ziest die Wollbienen: „Das Männchen patrouilliert über dem Ziest“, erklärt Witt, „weil sich die Weibchen bevorzugt von dieser Pflanze ernähren.“

 

Die Große Wollbiene gehört zu jenen wenig bekannten, solitär lebenden Bienenarten, die immer seltener werden. Gerade erst haben Forscher in der Zeitschrift „Science“ Alarm geschlagen, dass die Vielfalt der Wildbienen und der von ihnen bestäubten Blütenpflanzen in Mitteleuropa drastisch abnimmt. Bei Reinhard Witt genießen sie Asyl, wie andere seltene Insekten auch. Neulich schaute sogar die Nadelholz-Säbelschrecke vorbei, deren Existenz in der Region bislang nicht aktenkundig war.

 

Nun misst Witts Grundstück stattliche 7000 Quadratmeter und liegt in einer ländlichen Gegend. Lassen sich seine Erfolge auf einen Reihenhausgarten in der Großstadt übertragen? Was nutzt eine wenige hundert Quadratmeter große naturnahe Oase in einer Rasen- und Asphaltwüste der biologischen Vielfalt?

 

„Es ist doch bei Umweltproblemen immer die Frage, wie viel das Verhalten des Einzelnen bringt“, sagt Witt. Er sieht schon einen Fortschritt darin, wenn ein Gartenbesitzer einen kleinen Teil seines grünen Reichs umwandelt, ein oder zwei Quadratmeter vielleicht oder auch nur einen Blumentopf, und verweist auf einen namhaften Wildbienenforscher, der einen guten Teil seiner Beobachtungen auf dem heimischen Balkon gemacht habe. In dem Rundbrief des „Naturgarten e.V.“ machen andere Gärtner jedoch durchaus die Grenzen des Konzepts deutlich: „Fast alle Arten, die uns besonders am Herzen liegen, brauchen, um eine lebensfähige Population zu bilden, wesentlich mehr Platz, als ihnen auch ein großer Naturgarten bieten kann“, schreibt Vereinsmitglied Stefan Leszko, „ihr Schicksal hängt stets auch davon ab, was auf den Nachbargrundstücken geschieht.“ Während sich etwa Molche recht gut im Gartenteich ansiedeln ließen, helfe ein einsamer Öko-Garten den wanderlustigen Erdkröten auch nicht weiter.

 

Auch aus einer anderen Richtung sind Zweifel an Witts Naturgarten-Ideal zu vernehmen: Die Beschränkung auf heimische Wildpflanzen sei dogmatisch und nicht sinnvoll, jegliche Definition des Begriffs willkürlich. Schließlich bieten viele Zuchtformen trotz größerer Blüten und leuchtender Farben aus ökologischer Sicht nicht weniger als die Ursprungsart – vorausgesetzt, die Blüten sind nicht dicht gefüllt und somit steril. Umgekehrt erfreuen sich nicht alle Wildpflanzen Mitteleuropas gleicher Beliebtheit bei der Tierwelt. Während etwa die Salweide 213 Insektenarten speist, sind es beim Liguster 21. Das ist allerdings immer noch mehr als beim viel geschmähten Rhododendron, der neben Hummeln nur eine aus der alten Heimat eingeschleppte Käferart unterhält. Ansonsten fehlen in Mitteleuropa Insekten, die mit den in Nordamerika und Asien heimischen Prachtsträuchern etwas anzufangen wissen.

 

Doch längst nicht alle Exoten sind so ungenießbar. Ob der aus Ostasien stammende Schmetterlingsstrauch, das Patagonische Eisenkraut oder der Purpur-Sonnenhut aus der amerikanischen Prärie – viele Fremdlinge wirken geradezu magnetisch auf Falter und Bienen, und auch die Beeren einer Reihe exotischer Sträucher kommen bei der hiesigen Vogelwelt gut an. Hingegen sind Raupen und andere Blattfresser tatsächlich oft auf einheimische Wirtspflanzen spezialisiert.

 

Der Schmetterlingsstrauch übrigens gedeiht in seiner ganzen Pracht auch bei Reinhard Witt, denn dessen Definition einer „heimischen Wildpflanze“ fällt recht großzügig aus: „Heimisch ist alles, was sich in Mitteleuropa ohne menschliche Hilfe selbst erhält, und das kann auch in der Stadt oder am Bahndamm sein.“ Und auf Bahngeländen und Industriebrachen bildet der violett blühende Exot inzwischen stattliche Bestände.

 

Balance: Ökologie, Nutzen und Schönheit

Während die Diskussion um heimische und eingeschleppte Arten in Deutschland – auch vor dem Hintergrund rechter Heimattümelei – oft ideologisch geführt wird, geht man in Großbritannien, dem Mutterland der Gartenkunst, eher pragmatisch mit dieser Frage um: „Viele für Wildtiere wertvolle Arten sind hier nicht heimisch“, sagt Bob Sherman von der britischen Biogarten-Vereinigung „Garden Organic“, „ohnehin ist die britische Flora gärtnerisch betrachtet nicht allzu reichhaltig.“ Für Experte Sherman stehen beim ökologischen Gärtnern andere Aspekte im Vordergrund: „Letztlich geht es um Gesundheit – die Gesundheit des Menschen, des Bodens, der Landschaft und der Tier- und Pflanzenwelt.“

 

Zwar widmen sich auch in Deutschland viele Gruppen und Verbände dem umweltgerechten Gärtnern, doch die Professionalität von „Garden Organic“ mit seinen 32.000 Mitgliedern

unter der Schirmherrschaft von – wem sonst? – Prinz Charles dürfte weltweit einzigartig sein. Die Organisation betreibt drei Schaugärten, ein Forschungsinstitut und eine Saatgutbank mit alten Gemüsesorten; sie bietet Seminare an, bringt Schülern das ökologische Gärtnern nahe und ermuntert mit einem Mentoring-Projekt Menschen aus sozial benachteiligten Milieus, ihr eigenes Obst und Gemüse zu ziehen. Gemüse nimmt für die Organisation eine Schlüsselrolle ein: „Darüber erreichen wir die Menschen am besten“, erklärt Sherman, „und wenn sie erst einmal eingesehen haben, dass sie ihr Gemüse nicht mit Chemikalien behandeln sollten, sind sie auch bereit, den Rest ihres Gartens nach ökologischen Prinzipien zu bewirtschaften.“

In den „Ryton Organic Gardens“ bei Coventry, deren Direktor Bob Sherman ist, können Besucher studieren, wie sich auf kleinster Fläche Gemüse in bunter Mischung mit Zierpflanzen kultivieren lässt; wie man Schädlinge mit biologischen Waffen bekämpft; welche Pflanzen die besten Nektarquellen für Bienen sind; oder wie man auf kaum 100 Quadratmetern mit Hecke, Tümpel, Reisighaufen und einer Sitzbank aus lose aufgeschichteten Steinplatten ein Refugium für Wildtiere zaubert.

 

Im Gegensatz zu Witts Konzept steht in den Mustergärten von Ryton die Balance von Ökologie, Nutzen und Schönheit im Vordergrund. Simple Maispflanzen erscheinen auf einmal als abstrakte Skulpturen; der aromatisch duftende Kräutergarten ist ein Paradies für die Sinne, aber auch für Insekten. Und der Landschaftsgarten bietet ein atemberaubendes Bild aus etwa zwei Dutzend verschiedenen Staudenarten – darunter magentafarbener Sonnenhut, blauer Lavendel, gelbes Mädchenauge, grünlich blühender Frauenmantel und wogendes Chinaschilf – das im Verhältnis zu Reinhard Witts Wildpflanzen wirkt wie ein Ölgemälde neben einem Aquarell, aber auf seine Weise ebenso nachhaltig ist: Die Pflanzung erhält sich selbst, benötigt weder Dünger, Schädlingsbekämpfung noch ausgiebiges Wässern.

 

In Großbritannien heimisch ist nur ein Teil dieser Arten, doch darauf kommt es Bob Sherman auch gar nicht an. Wichtiger als die Herkunft sei, dass die Gewächse mit Boden, Klima und Lichtverhältnissen gut zurechtkommen: „Entscheidend ist, die richtige Pflanze an den richtigen Platz zu setzen.“

Von ALEXANDRA RIGOS
Fotos: ROBERT FISCHER



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