Niederlande Vorfahrt fürs Rad
Groningen hat mit einer konsequenten Verkehrsplanung Luft- und Lebensqualität in der Stadt verbessert – und die Autos in die Defensive gedrängt
Wenn Wilhelm Hörmann ins holländische Groningen fährt, geht ihm das Herz auf: In Massen rauschen an ihm junge wie alte Radfahrer aus allen Richtungen vorbei und erobern die Innenstadt. Nur wenige Autos bahnen sich ihren Weg zwischen den Zweirad-Pulks — die westfriesische Uni-Stadt gehört den Radfahrern. Solche Verhältnisse hätte Wilhelm Hörmann vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC) gerne auch bei uns. Er schwärmt von der fahrradfreundlichen Politik, die Groningen seit mehr als zwei Jahrzehnten konsequent betreibt: Autos wurden aus der City verdrängt, Parkplätze reduziert und verteuert. Darüber hinaus hat die Groninger Verwaltung den Stadtkern in vier Bezirke eingeteilt — um mit dem Auto von einem in den anderen Bezirk zu gelangen, muss man raus auf den Umgehungsring, eine direkte Verbindung gibt es nicht. Der ADFC-Experte ist überzeugt, dass sich ein solches Konzept problemlos auf deutsche Städte übertragen ließe: „Wenn dem umweltfreundlichen Verkehrsmittel Platz und Vorfahrt eingeräumt wird, steigen die Leute scharenweise aufs Rad um.“ 37 Prozent aller Wege erledigen die Groninger per Rad, von solchen Spitzenwerten träumen sogar Fahrrad-Vorzeigestädte wie Münster und Freiburg, die gerade mal 27 beziehungsweise 22 Prozent schaffen. Was hat Groningen, was andere nicht haben? Zum Beispiel Rundumgrün-Ampeln, die es Radlern ermöglichen, eine Kreuzung diagonal zu queren, während alle Autos warten müssen. Countdown-Ampeln, die anzeigen, wie lange es noch bis zur nächsten Grün-Phase dauert. Oder Wartezonen an Ampeln, auf denen sich Radler vor den Autos platzieren können. Außerdem bietet die 178.000-Einwohner-Stadt 30 überwachte Fahrradparkplätze samt Servicestation, für Radler generell in beide Richtungen befahrbare Einbahnstraßen, eigene Fahrradbrücken und — falls sich die Querung großer Kreuzungen nicht vermeiden lässt — längere Grünphasen auf Hauptvelorouten. Groningen hat die Autofahrer entmachtet, für gute Luft und Lebensqualität gesorgt und neue Mehrheiten geschaffen. Um dieses Ziel zu erreichen, müssen deutsche Städte noch ganz schön strampeln.