greenpeace magazin 3.05

So werden wir wohnen

Innovative Architekten kombinieren Naturbaustoffe mit Hightech. Wir zeigen das heute schon Machbare - und was die Zukunft bringen wird.

 

Ein PDF mit Grafiken von Modellhäusern und weiteren Informationen finden Sie hier.

 

Die Deutschen gelten als ein besonders umweltfreundliches Volk. Sie trennen ihren Müll, drehen während des Zähneputzens den Wasserhahn zu und machen beim Verlassen des Zimmers das Licht aus.

 

Doch das Öko-Idyll erweist sich als trügerisch, wirft man einen genaueren Blick in Küchen, Wohn- und Badezimmer: Bundesweit verschleudern Elektrogeräte im Stand-by-Betrieb alljährlich den Strom von zwei Atomkraftwerken.Wertvolles Trinkwasser spült unsinnigerweise Wäsche und Toiletten. Und landein, landaus quillt durch marodes Mauerwerk, alte Fenster und planloses Lüften Heizenergie ins Freie: Klimaerwärmung direkt. Weil vier von fünf Wohnungen im Land schlecht gedämmt sind, stoßen Heizungen ein Drittel der CO2-Emissionen aus und unterminieren so die deutschen Klimaschutzziele. Das alltägliche Umweltdrama findet zu Hause statt.

 

Das könnte sich ändern. „Das Haus von morgen braucht viel weniger Energie, und die holt es sich aus seiner Umwelt“, sagt der Freiburger Architekt Rolf Disch. „Es besteht größtenteils aus nachwachsenden Rohstoffen, es ist heller und hat ein besseres Raumklima.“ Kurzum: Höchste Wohnqualität ohne Umweltsünden wird möglich – durch Innovationen und raffinierte Baukonzepte.

 

Vieles setzen engagierte Häuslebauer schon um, anderes steht kurz vor der Markt-einführung. So werden erste Gebäude nach Thermoskannen-Vorbild platzsparend mit Vakuumpaneelen isoliert. „Intelligente Fenster“ lassen Sonnenwärme hinein, aber nicht mehr hinaus, sie werden das Licht künftig optimal im Raum verteilen und sich von selbst abdunkeln, wenn es zu heiß wird. Sogar wasserautarke Häuser könnten Wirklichkeit werden, wie Pilotanlagen beweisen. Das Prinzip: Gutes im Haus wie Wärme und Wasser gibt man nicht leichtfertig wieder her, sondern hält es so lange wie möglich in der „Gebäudehülle“.

 

In so genannten Passivhäusern ist die Energieeinsparung längst perfektioniert: Dick gedämmte Wände und große, dreifach verglaste Südfenster halten die Wärme im Gebäude, sodass die „passiv“ gewonnene Heizwärme von Sonne, Bewohnern und Haushaltsgeräten bis in den Spätherbst ausreicht. Damit das funktioniert, wird schlau gelüftet: Die Zuluft fließt vom Erdreich vorgewärmt (und im Sommer gekühlt) ins Haus, wird sodann in einem Wärmetauscher an der Abluft vorbeigeführt und erreicht schließlich als steter, wohl temperierter Frischluftstrom die Wohnräume. Es bleibt ein Heizwärmebedarf von unter 15 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr – zehnmal weniger als in herkömmlichen Häusern. Und den decken problemlos alternative Heizsysteme. In jedem zweiten Passivhaus springt heute automatisch eine Wärmepumpe an, falls es doch zu kalt wird, und „pumpt“ weitere Wärme aus der Abluft in die Zuluft.

 

Übrigens darf man auch in derart optimierten Häusern die Fenster mal aufreißen, ohne die schöne Energiebilanz zu gefährden. Die Ersparnisse sind so groß, dass sich die Mehrkosten für ein Passivhaus – je nach Ausführung 50 bis 200 Euro pro Quadratmeter – nach Ansicht von Finanzfachleuten von Anfang an rechnen. Auch sind fast alle Bewohner mit dem Wohnklima zufrieden, ergab die Befragung in einer Siedlung in Wiesbaden. Etwa 6000 Passivhäuser, teils auch als Mehrfamilienvariante, stehen in Deutschland schon. Bis 2010 könnte nach einer Marktpotenzialstudie jeder fünfte Neubau eines sein, ein weiteres Drittel sind dann „Drei-Liter-Häuser“ (unter 30 Kilowattstunden Heizenergie pro Quadratmeter). „Wie schnell es geht, hängt auch von den Rahmenbedingungen ab“, sagt Andreas Bühring vom Fraunhofer-Institut Solare Energiesysteme (ISE) in Freiburg. „Der Staat könnte den Trend beschleunigen, indem er nach österreichischem Vorbild nur noch energieeffizienten Wohnungsbau fördert.“ So würde die umstrittene Eigenheimzulage zum sinnvollen Lenkungsinstrument.

 

Technisch wäre selbst die komplette Abkoppelung von Stromnetz und Brennstoffzufuhr machbar: Im energieautarken Haus könnten wohl isolierte Großtanks durch Sonnenkollektoren erhitztes Wasser bis in den Winter warm halten; Solarzellen und künftig vielleicht auch kleine, leise Windanlagen würden den Strom liefern, der – entweder in Batterien oder zu Wasserstoff umgewandelt – ebenfalls gespeichert wird.

 

Wahrscheinlicher ist aber, dass Gebäude und Stromnetz stärker in Wechselwirkung treten“, sagt Sebastian Herkel, Bauexperte am ISE, wo Forscher an immer effizienteren, billigeren, flexibler einsetzbaren Solarzellen tüfteln. „Die Häuser werden zum wichtigen Bestandteil der Energieversorgung.“ Schon heute produzieren Sonnenkraftwerke auf Eigenheimdächern Strom für die Allgemeinheit, und die Solarbranche verzeichnet traumhafte Zuwächse. Besonders konsequent bestückt Architekt Rolf Disch seine Passivhäuser mit großen Fotovoltaikanlagen – und nennt sie „Plusenergiehäuser“, weil sie übers ganze Jahr mehr Strom erzeugen als verbrauchen und den Überschuss ins Netz speisen.

 

Welche Quelle man auch nutzt: Experten sind sich einig, dass die Energieversorgung der Zukunft dezentral sein muss. Das mag den Stromkonzernen ein Graus sein, ist aber viel effizienter. Denn Abwärme- und Netzverluste fallen weg, wenn kleine Blockheizkraftwerke ihre Umgebung gleichzeitig mit Wärme und Strom versorgen, wie es in Siedlungen und Hotels bereits vielerorts geschieht. Neuerdings sind gasbetriebene Modelle im Waschmaschinenformat auch für den Eigenheimkeller zu haben. Und schon in wenigen Jahren, so die Prognosen, werden Brennstoffzellen die gängigen Verbrennungsmotoren ablösen.

 

Viele Architekten und Bauherren setzen für ihr „Haus der Zukunft“ aber nicht auf die letzten Hightech-Lösungen. „Man muss die Energieeffizienz nicht mit immer neuen Materialien auf die Spitze treiben“, sagt Dietmar Spitz von der Firma Baufritz, die sich auf „ganzheitlich wertvolle“ Holzfertighäuser spezialisiert hat. Natürliche Dämmstoffe wie Hobelspäne erreichen passable Dämmwerte, verbrauchen in der Herstellung kaum Energie und lassen sich, wenn es soweit ist, einfach kompostieren oder CO2-neutral verbrennen. Schon beim Bau eines Hauses an dessen Abriss zu denken, ist äußerst sinnvoll: Bauabfälle machen heute 70 Prozent des Industrie- und Siedlungsmülls aus.

 

Auch der Baustoff Lehm erlebt eine neue Blüte: Das Material, für seine feuchtigkeitsregulierenden Eigenschaften gerühmt, minimiert die Umweltbelastung am Bau und ist fast überall verfügbar. Inzwischen gibt es Bauplatten und Fertigputze aus dem Ur-Material – und sogar Lehm-Wandheizungen, die besonders wohlige Wärme abstrahlen.

 

Überhaupt sind Hightech und Naturmaterialien kein Widerspruch. „Ein modernes Passivhaus kann man gut mit einem Gründach krönen“, sagt Sebastian Herkel. „Und wer will, heizt es mit Holzpellets.“ Solche CO2-neutralen Zentralheizungen speisen ihr Brennmaterial vollautomatisch ein und machen den Hausbewohnern nicht mehr Arbeit als eine Ölheizung. Im perfekten Haus könnten Brennstoffzellen auch mit hausgemachtem Biogas betrieben werden: Energiequelle wären Küchenreste und Fäkalien, die im Keller luftdicht abgeschlossen vor sich hin gären.

 

Apropos: Neben Energie und Baustoffen ist der oft schamvoll vernachlässigte Sanitär-bereich das dritte große Thema für umweltbewusste Bauherren. „Die Erfindung des WCs hat viele Probleme gebracht“, sagt Ralf Otterpohl von der Technischen Universität Hamburg-Harburg, „denn die Kanalisation war zunächst nur für Grauwasser gedacht.“ Zwar sichern Filter unsere Trinkwasserversorgung, dennoch sei „das übliche, wasserreiche Fortspülen von Fäkalien absolut nicht nachhaltig“, so Otterpohl. Bei Starkregen schwappt aus den überlasteten Kanalisationen noch heute das Klowasser von Millionen Großstadtbewohnern in Flüsse und Meere, die unter der Nährstofffracht ächzen. Und in trockenen Sommern werden auch in Mitteleuropa die Wasserressourcen knapp, ein Problem, das sich bei fortschreitendem Klimawandel noch verschärfen könnte.

 

Deshalb erproben die Harburger Sanitär-wissenschaftler neue Toilettenkonzepte – und entwickelten mit der Firma Intaqua ein völlig abwasserfreies System: Das „Grauwasser“ aus Dusche, Spüle und Waschmaschine wird zu Leitungswasser wiederaufbereitet, die darin enthaltene Wärme zurückgewonnen. Ein zweiter Kreislauf recycelt vollautomatisch das Toilettenabwasser, das dann erneut die Klos spült. Nichts bleibt ungenutzt: Der getrennt abfließende Urin wird zu hochwertigem Flüssigdünger, die Feststoffe liefern Biogas oder vermodern in einer „Vermikultur“ mit Hilfe fleißiger Würmer binnen drei Monaten zu bestem Kompost. Alles nicht nur machbar, versichert der Erfinder des Systems, Ulrich Braun, die Kosten wären langfristig sogar niedriger als der Unterhalt von Kanalisationen und Kläranlagen. „Dazu gibt es nachhaltig gewonnenen Dünger, und der Kompost verbessert Böden und bindet dabei Kohlenstoff“, erklärt Otterpohl. Ein weiterer, großer Kreislauf schließt sich – volkswirtschaftlich und ökologisch ein äußerst attraktives Geschäft.

 

Zwar lohnt solcher Umbau in bestehenden Häusern nicht. Doch energetisch kann auch jeder Altbau zum „Haus der Zukunft“ aufgemöbelt werden. „Bis zu 80 Prozent Energieeinsparung sind möglich“, sagt Ute Czylwik von der Deutschen Energie-Agentur (dena) – mit hochklassiger Dämmung, passivhaustauglichen Fenstern und modernen Lüftungsanlagen. Besonders wärmebedürftig sind meist Gebäude aus den 50er und 60er Jahren. Staatlich geförderte Pilotprojekte zeigen: Selbst Plattenbauten haben das Zeug zum ökologischen Vorzeigeobjekt.

 

Ab 2006 braucht übrigens jedes Haus, das neu gebaut, verkauft oder vermietet wird, einen Energiepass: Er soll beim Nutzerwechsel überall vergleichbar und unbestechlich zeigen, ob es sich um Energie-schleuder oder -sparschwein handelt. Einen Prototypen des Scheins, der nicht nur offenlegt, wo es hapert, sondern auch Tipps gibt, was zu tun ist, hat die „dena“ bereits entwickelt – wer stolz ist auf sein Haus, kann sich demnächst schon mal freiwillig einen ausstellen lassen.

 

Mieter und Hauskäufer mit finanziellem Weitblick wird der obligatorische Herz- und Nieren-Check von Haustechnik und Wärmedämmung freuen. Nach Ansicht des Greenpeace-Energieexperten Jonas Mey muss der Staat Hauseigentümer aber noch mehr in die Pflicht nehmen: Schließlich würde eine großflächige Altbausanierung nach Greenpeace-Berechnungen bundesweit jährlich bis zu 70 Millionen Tonnen CO2 einsparen (Gesamtausstoß 2003: 870 Millionen Tonnen) – und zudem Hunderttausende Arbeitsplätze bringen. „Ignorante Immobilienbesitzer, die ihre Mieter auf hohen Heizkosten sitzen lassen“, fordert Mey, „müssen notfalls gesetzlich gezwungen werden, ihre Wohnungen auf den Stand der Technik zu bringen.“

 

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Von WOLFGANG HASSENSTEIN
Illustrationen: MUTABOR

Kohle fürs Öko-Häusle

Grünes Bauen wird belohnt: Die KfW-Förderbank vergibt zinsgünstige

Kredite für energieeffiziente Neubauten — für Passivhäuser bis zu 50.000 Euro.

Zudem gibt es bis zu 50.000 Euro für Fotovoltaikanlagen. Da die Stromabnahme zu einem guten Preis für 20 Jahre gesetzlich festgelegt ist, sind die Einkünfte durchs Kraftwerk auf dem Dach höher als die Zins- und Tilgungskosten — ein schönes Zubrot für jeden Hausbesitzer.

Auch CO2-Minderung in Altbauten (vor 1979) unterstützt die KfW: Gefördert werden Sanierungen und der Einbau umweltfreundlicher Heiztechnik. Die Kredite kann man bei jeder Bank oder Sparkasse beantragen. (Infos: www.kfw-foerderbank.de oder Tel. 01801/335577)

Wer seinen Altbau zum Passivhaus machen will, kann im Rahmen des Projekts „Niedrigenergiehaus im Bestand“ der Deutschen Energie-Agentur zusätzliche Gelder beantragen. (www.neh-im-bestand.de)

 

Wissenswertes im Web

www.zukunft-haus.info (Sanierung und Hausbau, Fördergelder)

www.gebaeudeenergiepass.de

www.bine.info

(Erneuerbare Energien, neue Techniken)

www.ise.fhg.de (Fraunhofer-Inst. Solare Energiesysteme)

www.solarsiedlung.de

 

Guter Rat, nicht teuer

„Energiesparberatung vor Ort“ durch Ingenieure fördert das Bundesamt für

Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (Liste mit Energieberatern unter www.bafa.de).

Eine kostenlose Energie-Hotline bietet die „dena“ unter 08000/736734.

Broschüren „Bauen für die Zukunft“ und „Modernisierungsratgeber Energie“

der Deutschen Energie-Agentur (dena), kostenlos zu bestellen

unter buergerinfo@bmvbw.bund.de oder per Fax: 030/2008-1942



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