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greenpeace magazin 2.05

Warum billig teuer ist

Die Schnäppchenjagd geht auf Kosten von Menschen und Umwelt.

 

 

Ortstermin am Kottbusser Damm, Berlin. Die Verkehrsschneise trennt den Stadtteil Kreuzberg (Arbeitslosenquote 30 Prozent) von Neukölln (23 Prozent) und ist der Gegenentwurf zu noblen Einkaufsmeilen wie Kurfürstendamm oder Friedrichstraße: Logieren dort Gucci, Armani und Co., so bestimmen hier Discountmärkte und türkische Bekleidungsgeschäfte das Bild; ist dort die goldene Kreditkarte Trumpf, regiert hier der Cent.

 

Zum Beispiel in der Knüller-Kiste auf der Neuköllner Seite, die nur zwei Preiskategorien kennt: 55 Cent für Waren in roten Körbchen, einen Euro für die im blauen. Das Sortiment wirkt, als hätte es ein durchgeknallter Computer zusammengeordert: Mausefallen stehen neben Luftschlangen fürs Kinderfest, Friedhofslichter neben Kaffeetassen, Gläser mit Stangenspargel neben Blumensteckschwämmen. Wer hier seinen Einkaufszettel abarbeiten will, muss ein Geduldsmensch sein.

 

Aber darum geht es den Kunden – überwiegend Ausländer, ein paar Rentner, vereinzelt auch modisch gekleidete junge Frauen – vermutlich gar nicht. Bewaffnet mit kleinen Plastikwannen streifen sie zwischen den Regalen umher und amüsieren sich allem Anschein nach blendend. Eine ältere Dame wendet eine Keramikputte hin und her (55 Cent), während ein türkisches Ehepaar angeregt die Eignung eines Pizza-/Käsemessersets diskutiert (1 Euro).

 

„Seit nebenan eine Knüller-Kiste geöffnet hat“, gestand vor einiger Zeit der Berliner Schriftsteller Wladimir Kaminer in der „taz“, „hat sich unsere Wohnung in eine Testzentrale für internationale Fehlgeburten der modernen Haushaltselektronik verwandelt.“ Ich hingegen kaufe nur eine Dose Schuhcreme und ein Paket Karteikarten (Habe ich schon lange gebraucht. Ehrlich!) und widerstehe der Versuchung, als Andenken an diese Recherche eine Schneekugel zu erstehen, in der ein Osterhase im rosa Flittersturm sitzt.

 

„Erlebnisshopping für die Armen“, so erklärt der Hamburger Trendforscher Peter Wippermann das Phänomen der Ramschläden à la Knüller-Kiste und Rudis Resterampe: Auch wer wenig Geld im Portemonnaie hat, möchte zum Vergnügen einkaufen.

 

So hat der Hartz-IV-Empfänger an jenem Mega-Trend teil, der mittlerweile die ganze Gesellschaft erfasst hat: die Lust auf billig. Bei Saturn (Sie wissen schon: Geiz ist geil...) und Media Markt (Ich bin doch nicht blöd!) stöbern wir nach dem billigsten DVD-Player, lauern bei Tchibo auf das neueste Schnäppchen, kleiden uns bei H&M und Zara alle paar Wochen für wenig Geld neu ein. Abends schlürfen wir Champagner von Aldi, und am Wochenende shoppen wir in London, „Budapestchen“ oder „Parislein“, wohin uns Billigflieger wie Ryanair oder Easyjet um den Preis einer Taxifahrt befördern, dem trotz Treibhauseffekt immer noch steuerlich begünstigten Flugbenzin sei Dank. Ab Sommer 2005 bietet uns Schnäppchenjägern Easyjet-Besitzer Stelios Haji-Ioannou übrigens Billig-Kreuzfahrten für 40 Euro pro Tag an – mit Landgang statt Fitness an Bord, Snackbar statt Captain’s Dinner.

 

Wir konsumieren heute nicht mehr, um Bedürfnisse zu decken, erklärt David Bosshart, Chef des Schweizer Gottlieb-Duttweiler-Instituts für Wirtschaft und Gesellschaft, und nicht einmal mehr, um unsere Wünsche zu erfüllen oder uns etwas Gutes zu tun. Nach Ansicht des Discount-Vordenkers haben wir vielmehr eine neue Stufe des Konsums erklommen: Wir kaufen, weil wir es können. Und das können wir, weil alles so billig ist.

 

Klang bei diesem Wort einst ein abfälliger Unterton mit, so ist „billig“ mittlerweile salonfähig, wenn nicht Kult geworden. Ungeniert appellieren die Werbetexter an den Geiz, eine der am wenigsten sympathischen Eigenschaften des Menschen, die dem Christentum über Jahrhunderte hinweg als Todsünde galt.

 

Trendforscher Wippermann mag die Verherrlichung der Knickrigkeit nicht anstößig finden: „Geiz ist vielleicht nicht christlich, aber rational.“ Propheten wie er und David Bosshart schwärmen lieber von der „Professionalisierung der Bürger“, die nicht mehr brav als Stammkunde im Laden um die Ecke einkaufen, sondern clever ihre Verbrauchermacht nutzen, um die Preise immer weiter zu drücken.

 

Diese „Consumer Democracy“, wie Bosshart sie nennt, wäre undenkbar ohne das Internet. Wenige Mausklicks genügen dem erfahrenen Sucher, um herauszufinden, wo im ganzen Land der billigste Laserdrucker zu haben ist – oder um Markenjeans zum günstigen Dollarkurs aus den USA zu ordern.

 

Nicht weniger leicht fällt es den Handelsketten, immer billigere Lieferanten auszumachen. Im Zeitalter der Globalisierung überschwemmen Fabriken aus – meist asiatischen – Billiglohnländern die Menschheit mit allem, was sie braucht oder auch nur brauchen könnte: vom Streichholz bis zur Stereoanlage, vom Kinderspielzeug bis zum Kleinwagen aus Korea.

 

Bei den meisten Industrieprodukten beherrscht inzwischen China den Weltmarkt: Aus dem Reich der Mitte stammen 50 Prozent aller Schuhe, 60 Prozent aller Spielwaren, 80 Prozent der DVD-Player. Die Aufzählung ließe sich beliebig fortsetzen (siehe Seite 30 und 33/34). Der weltgrößte Handelskonzern Wal-Mart, bei Lieferanten für seine knallharte Preispolitik berüchtigt und von Schweizer Menschenrechtlern soeben mit dem „Public Eye Award“ für die Ausbeutung von Arbeitern bei seinen Zulieferern gebrandmarkt, bezog im Jahr 2003 bereits Waren für 15 Milliarden US-Dollar aus China – Tendenz steigend.

 

Da längst auch Markenfirmen ihre Produkte zu Niedriglöhnen in Asien produzieren lassen, sei es, so Wippermann, nur konsequent, dass die Verbraucher vermehrt zu namenloser Billigware griffen – die stamme schließlich oft genug aus der gleichen Fabrik. Umgekehrt garantiere ein hoher Preis nicht unbedingt gute Qualität und Haltbarkeit. (Mag sein. Aber was ist mit der Mini-Nähmaschine, die meine Schwester neulich für ganze acht Euro bei Plus gekauft hat, und die wirklich sehr kompakt ist, nur leider nicht näht?)

 

Sparen ist zum Sport geworden – bei vielen Menschen, weil sie tatsächlich mit dem Cent rechnen müssen, bei den übrigen, weil sie ihr Geld lieber in andere Güter investieren. So gibt der Durchschnittshaushalt heute fast doppelt so viel für Telekommunikation aus wie vor zehn Jahren. Und neben dem Billig-Segment boomt das Geschäft mit dem Luxus. Während der Marktanteil der Discounter in Deutschland seit 2003 um 38 Prozent gestiegen ist, verdienen paradoxerweise auch Edelfirmen wie Armani und Louis Vuitton besser als je zuvor.

 

Wir knausern beim Alltagsbedarf, um unseren Stress im sündhaft teuren Wellness-Tempel zu vergessen; wir kombinieren die Billigjeans mit dem Kaschmirpullover, das Ikea-Regal mit dem Designersofa. Was ausstirbt, ist die unspektakuläre, aber solide Ware mittlerer Preisklasse.

 

„Ich glaube an zwei Dinge: ganz teuer und ganz preiswert“, sagt der Modeschöpfer Karl Lagerfeld, dem im Herbst 2004 das Kunststück gelang, beide Trends zu einem gesellschaftlichen Großereignis zu verschmelzen: Binnen zweier Tage waren Lagerfelds Kreationen für H&M ausverkauft; der Schwarzmarkt florierte.

 

Ein Ende des Preissturzes ist nicht in Sicht: Unerschöpflich erscheint das Heer armer Bauern und Wanderarbeiter in China, aus dem Hightech-Betriebe wie Hinterhofklitschen immer neue Kräfte rekrutieren. Schon lange liefern sich Entwicklungsländer untereinander und auch Hersteller innerhalb Chinas einen gnadenlosen Verdrängungswettbewerb. Das Resultat: noch billigere Waren in unseren Regalen.

 

Ähnliches lässt sich bei landwirtschaftlichen Erzeugnissen beobachten. So drängte vor wenigen Jahren Vietnam mit Unmengen Kaffee auf den Weltmarkt, verdarb die Preise und trieb Pflanzer in traditionellen Anbauregionen wie Mittelamerika in den Ruin. Vor allem in Ländern, die vom Export weniger Agrarprodukte abhängig sind, stehen ganze Bevölkerungsschichten vor dem Nichts, wenn bei uns die Preise purzeln.

 

Kaum jemand, der in der Knüller-Kiste stöbert, ahnt etwas von der Ausbeutung der Arbeiter, den erbärmlichen Löhnen, den oft lebensgefährlichen Bedingungen, unter denen die Billigwaren entstehen. Die meisten Käufer dürften sich für die Folgen ihrer Konsumlust ohnehin wenig interessieren – Hauptsache, der Preis stimmt.

 

Fabrikjobs immerhin sind trotz aller Schinderei für viele Asiaten die einzige Chance, ihre Familie über die Runden zu bringen und vielleicht ein wenig Wohlstand anzusammeln. Unter dem Strich profitieren die Menschen in den Lieferländern vermutlich von der Globalisierung; nicht wenige jedoch bezahlen für unsere Schnäppchen mit ihrer Gesundheit – oder ihrem Leben. Allein im Juni 2004, einem Monat wie jedem anderen, starben 196 Chinesen bei – offiziell gemeldeten – Arbeitsunfällen.

 

Bekannte Markenfirmen wie Nike oder Ikea stehen zumindest unter dem Druck, ihren Beschäftigten einigermaßen anständige Arbeitsbedingungen zu bieten. Ihr kostbarer Name kann Menschenrechtsorganisationen und Gewerkschaften als Hebel dienen, Verbesserungen für die Tagelöhner der Globalisierung durchzusetzen. Produzenten von Ramschware hingegen müssen sich nicht um ihr Image scheren: Sie haben keines.

 

So liefert eine Internet-Recherche keinerlei Informationen über „Whipro“, die Marke der unwilligen Acht-Euro-Nähmaschine – geschweige denn über die Lage der Menschen, die sie zusammengebaut haben. Nicht einmal eine Herkunftsangabe steht auf dem untauglichen Gerät.

 

Ebenso wenig wie auf den Arbeitsschutz nehmen Chinas frühkapitalistisch angehauchte Unternehmer Rücksicht auf die Umwelt. Nach einer Studie der Weltbank liegen 16 der 20 Metropolen mit der schlechtesten Luft im Reich der Mitte; etwa 300.000 Chinesen sterben jährlich an den Folgen der Luftverschmutzung. Ströme wie Perlfluss, Gelber Fluss und Jangtse haben sich in Kloaken verwandelt, aus zahllosen Müllhalden sickern Schwermetalle, Öl und andere Chemikalien ins Grundwasser.

 

Überdies vergeuden die weiten Transporte der Billigwaren von Shenzen nach Stuttgart, von Chongqing nach Köln Energie und heizen das Weltklima auf, und wenn Handys und Computerspiele „Made in China“ ihr im Normalfall kurzes Leben in westlichen Haushalten hinter sich gebracht haben, fallen sie Asiens Umwelt einmal mehr zur Last. Denn China ist nicht nur die „Werkbank der Welt“, sondern auch ihre Müllkippe: Fernöstliche Unternehmer kaufen in großem Stil verwertbare Abfälle auf, von der alten Zeitung bis zum Fernseher. Von Hand pflücken Arbeiter in regelrechten „Recycling-Dörfern“ Elektronikschrott auseinander und schmelzen Platinen ein, den Schwermetallen und giftigen Dämpfen oft ohne Schutzkleidung ausgesetzt.

 

Schäden, wenn auch anderer Art, richtet die Ramsch-Kultur ebenso in der Welt der Verbraucher an. „Geiz macht arm“, titelte vor Weihnachten der „Spiegel“ und beklagte die Misere großer Teile des Einzelhandels, denen unter dem Diktat von „billig“ die Luft auszugehen droht. Die Folgen des Kostendrucks lassen sich in Kreuzberger Drogeriemärkten studieren, wo Verkäuferinnen zur Kasse hasten, sobald sich ein Kunde nähert: Sie halten nämlich oft stundenlang allein die Stellung in der Filiale und müssen nebenbei noch Regale einräumen.

 

Natürlich baut nicht nur der Handel Arbeitsplätze ab, sondern auch in der Industrie gehen zahllose Jobs an Niedriglohnländer verloren. So sind mehr und mehr Arbeitslose gezwungen, beim Einkauf auf Tiefstpreise zu achten. Die Billigspirale windet sich immer weiter abwärts.

 

Statt vieler Schnäppchen wenige, aber langlebige Qualitätsprodukte, etwa handgefertigte Schuhe aus Manufakturen (siehe Seite 35), zu kaufen, wäre der logische Ausweg aus dem Dilemma. Schließlich hilft inzwischen eine ganze Palette von Gütesiegeln wie Transfair, das Teppich-Label Rugmark oder – bei Lebensmitteln – das Künast’sche Bio-Siegel, Waren zu finden, die nach ökologischen und sozialen Mindeststandards hergestellt wurden, allerdings auch ihren Preis haben.

 

Angesichts der mehr als drei Millionen überschuldeten Haushalte in Deutschland – anderthalbmal so viele wie vor zehn Jahren – dürfte dieser Appell deshalb für viele Menschen weltfremd klingen. Zudem schwingt ein Hauch von Selbstbeschränkung mit, der erfahrungsgemäß nur eine begrenzte Zahl von Asketen mitreißt.

 

Doch zum Glück geht „billig“ auch anders – ohne Energie- und Rohstoffverschwendung, ohne Lohndumping. Im Schutz der Seitenstraßen hat sich in Berlin-Kreuzberg eine Kultur von Second-Hand-Läden entwickelt, die dabei ist, ihre Patina von Muff und Moralinsäure abzustreifen. Vorreiter im kinderreichen Kiez sind die Geschäfte für Babybedarf: Da gibt es den winzigen, immer gut besuchten Shop, aus dem der Kundin ein Wust von Kinderschuhen, Bilderbüchern und Daunenanoraks förmlich entgegenquillt, sowie den großzügigen, fast eleganten Laden, der hölzerne Schaukelpferde und Babywippen in Kommission verkauft. Hinzu kommen etliche Boutiquen mit Mode aus zweiter Hand, Antiquariate und ein paar Trödelläden alter Schule.

 

Wer hier einkauft, könnte sich in der Regel auch neue Produkte leisten. Doch Gebrauchtwaren haben für viele, meist jüngere Menschen ihr Stigma verloren – Ebay sei Dank. Das Internet-Auktionshaus hat den Handel mit Gütern aus zweiter Hand zur Selbstverständlichkeit gemacht, ja zum Lifestyle erhoben. Millionen von Privatleuten bieten im Netz ausgediente, unerwünschte, unpassende Besitztümer an – die übrig gebliebenen Tintenpatronen vom längst kaputten Faxgerät finden ebenso ihren Abnehmer wie abgetragene Umstandsmode, ausrangierte Möbel und die Edel-Lautsprecherboxen, die leider für die neue Wohnung zu groß sind. „Der Gedanke, dass Gebrauchtes minderwertig ist, hat sich bei Ebay verflüchtigt“, sagt Trendforscher Wippermann, den das Phänomen nicht weniger fasziniert als der Billig-Wahn: „Ebay ist das am schnellsten wachsende Unternehmen der Welt.“

 

Der Erfolg des Internet-Auktionshauses beruht dabei weniger auf den günstigen Preisen, als vielmehr auf dem Erlebnis des Steigerns, dem Adrenalinausstoß während jener Augenblicke, bevor der virtuelle Hammer fällt. Was er hier erjagt hat, erfüllt den Käufer mit Stolz – und spart ganz nebenbei Ressourcen. Viel Geld gekostet hat es (meistens) auch nicht.

 

Vielleicht sucht ja ein technisch begabter Mensch irgendwo im World Wide Web gerade eine Nähmaschine?



Text: Alexandra Rigos
Fotos: Hans Hansen

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