greenpeace magazin 6.04

Immer der Blüte nach

Die Bienen von Jürgen Binder liefern feinsten Biohonig. Um seine Reinheit zu erhalten, setzt sich der Imker für eine gentechnikfreie Zone am Neckar ein.



Der Rauch von Jürgen Binder veredelt die Natur. Das geht so: Er nimmt eine Hand voll Hobelspäne, gibt sie in einen Miniaturofen und zündet sie an. Wenn er auf den kleinen Blasebalg drückt, steigt eine graue Schwade aus dem Gerät, das der Fachmann „Smoker“ nennt. Es riecht wie am Lagerfeuer, als Binder den Deckel vom Bienenkasten nimmt und vorsichtig eine Wabe heraushebt.

 

Die Sonne steht schräg über einer Linde. Und der Rauch, der Binders Bienen beruhigt, macht ihr warmes Licht auf zauberhafte Weise sichtbar: Im grauen Dunst zeichnen sich die Strahlen als Bündel ab, die durch die Lindenzweige fallen. Wie auf einem Landschaftsbild aus der Romantik.

 

Die hellen Augen von Jürgen Binder strahlen hinter der runden Brille. „So muss eine Naturwabe aussehen“, schwärmt er. Das Wachs ist beinahe weiß, die Wabe herzförmig, und tausend Bienen summen krabbelnd hin und her. Der gleichmäßig ruhige Ton verrät dem Imker, dass die Königin im Volk ist. „Wenn die Chefin nicht da ist, hört man ein aufgeregtes Pfeifen. Dann macht jeder, was er will.“

 

Jürgen Binder, 38, ist als Berufsimker dem Bioland-Verband angeschlossen. Mit 400 Bienenvölkern erntet er jedes Jahr rund 25 Tonnen Honig. Deshalb greift er beim Räuchern zum großen Kaliber und nimmt den Smoker. „Mit der klassischen Imkerpfeife wäre ich längst zum Raucher geworden“, sagt er.

 

Seine „Honig-Manufaktur“ betreibt er in Rottenburg am Neckar, und hätte er die Muße, von seinen Bienenstöcken aufzuschauen, müsste er Vergnügungssteuer zahlen: Vor ihm liegt eine Streuobstwiese, dahinter erhebt sich die Silhouette der Schwäbischen Alb, die Burg Hohenzollern ragt in den Horizont, und im Rücken spenden die dunklen Berge des Schwarzwalds Schatten.

 

Das Gesicht von Jürgen Binder zeigt knabenhaft weiche Züge. Die Haut an seinen Fingern ist rissig, unter den Nägeln hat sich der Schmutz der Handarbeit gesammelt. Ursprünglich wollte er Pianist werden, sein Weg in die Imkerei ist so verschlungen wie der hinter den Bienenkästen, die er heute kontrolliert.

 

„Meine Leidenschaft gehört der Umweltpolitik“, sagt er und erzählt von engagierten Jugendjahren. Weil er greifbare Ergebnisse vermisste, beschloss er: „Ich werde Bauer.“ Er machte eine Lehre auf einem Demeter-Hof, doch die Arbeit mit Kühen gefiel ihm nicht: „Du bist in archaischer Disziplin ans Vieh gekettet, musst jeden Morgen um fünf Uhr melken.“ Die Bienen passten besser in seinen Lebensrhythmus: „Mal fordern sie dich ganz, dann hast du wieder wochenlang Ruhe.“ In der Versuchsimkerei der Universität Tübingen beendete er seine Ausbildung, jetzt darf er sich Tierwirtmeister nennen. „Als Imker tue ich etwas Gemeinnütziges“, sagt er, „ich sorge kostenlos für die Befruchtung der Pflanzen. Und am Ende habe ich ein Produkt, von dem ich leben kann.“ Den weißen Ganzkörperschutzanzug, in dem er etwas tapsig wirkt, wie Pu der Bär, trägt Binder selbstbewusst in der Öffentlichkeit, sogar bei seinem Lieblingsitaliener in Rottenburg.

 

Jedes Bienenvolk besteht aus bis zu 40.000 Tieren, die sich um eine Königin scharen, und bewohnt einen Bienenkasten aus Holz, das Bioimker nicht mit chemischen Holzschutzmitteln behandeln dürfen. Heute muss Binder seine Bienen gegen die Varroa-Milbe behandeln. Der Parasit wurde in den 70er Jahren aus Asien eingeschleppt und hätte die Biene in Mitteleuropa wohl längst ausgerottet, wenn die Imker ihre Tiere nicht schützen würden. Dazu lässt Binder Ameisensäure im Bienenstock verdunsten. Sie tötet die Milben, ist wasserlöslich und hinterlässt keine Rückstände im Wachs und Honig – ein weiterer Vorzug von Biohonig. Konventionelle Imker dürfen dagegen auch fettlöslichen Insektizide einsetzen, die vom Wachs in den Honig gelangen können.

 

Eine Biene krabbelt über Binders Hand. „Komm, Mädle“, sagt er verträumt. Er zeigt den Rüssel, mit dem sie den zuckerhaltigen Nektar aus der Blüte saugt. An den behaarten Beinen bleiben die eiweißreichen Pollen hängen, die in der Wabe als Vorrat eingelagert werden. „Bienen sind ungezähmte Wildtiere, die ihren Instinkten folgen“, doziert der Imker. Im Mai fliegen sie oft nur 200 Meter weit, wenn sie in einem gelben Rapsfeld ein Überangebot an Nahrung finden. „Aber im Hochsommer, wenn kaum noch etwas blüht, beträgt ihr Radius bis zu 15 Kilometer. Dann fliegen sie bis nach Tübingen.“

 

Doch die Mobilität ihrer Tiere bereitet den Imkern auch Probleme: Woher sollen sie wissen, dass im Umkreis von 15 Kilometern kein Feld mit genmanipulierten Pflanzen liegt? Bringt die Biene deren Pollen mit, ist der Biohonig verunreinigt. „Dann sind wir für unsere Kunden nicht mehr glaubwürdig.“ Binder führt ein aktuelles Beispiel an: „Kanadischer Kleehonig wird nicht mehr importiert, weil dort in großem Stil genmanipulierter Raps angebaut wird. Der Rapspollen findet sich auch im Kleehonig.“

 

Für ökologisch erzeugten Honig zahlt der Verbraucher einen höheren Preis und erwartet dafür höchste Reinheit. Ein gesetzlicher Grenzwert ist im Gespräch, aber auch mit ihm hätten die Imker ein Problem: Sie müssen beweisen, dass ihr Honig ihn nicht überschreitet. Der Deutsche Berufsimkerbund warnt davor, dass die hohen Kosten der Analysen die Imkerei unrentabel machen würden. „Die Zahl der Bienenvölker in Deutschland würde massiv abnehmen und die Bienen als wichtige Blütenbestäuber ausfallen. Das hätte für Wildblumenbestände und Obstbau katastrophale Folgen.“

 

Jürgen Binder packt das Problem lieber an der Wurzel. Er unterstützt die Kampagne der Kreisbauernverbände für eine gentechnikfreie Region. Mit Briefen wurden die 5000 Bauern in den Landkreisen Tübingen, Reutlingen und Zollernalb zu einer Selbstverpflichtung aufgefordert, kein genmanipuliertes Saatgut zu verwenden. Auch die konventionellen Landwirte ziehen mit – wenn alles klappt, entsteht hier Deutschlands größte gentechnikfreie Zone.

 

Mit einer sauberen NECKAR-Region ist Binders Problem freilich noch nicht gelöst. „Berufsimker sind immer Wanderimker“, erklärt er. Mit seinen Völkern zieht er dorthin, wo’s blüht. Das fängt im Februar mit der Haselnuss an und steigert sich im Frühjahr mit der Obst- und Rapsblüte. Im Juni wandert er in Brandenburg die Akazie an, anschließend die Edelkastanie im Pfälzer Wald.

 

Ist eine Tracht verblüht, dann erntet der Imker. So entsteht sortenreiner Honig: Buchweizen und Lindenblüte, aromatischer Heide- und herber Kornblumenhonig. „Früher habe ich mir nie was aus Honig gemacht“, erzählt Binder, „ich kannte nur den grauslichen aus der Plastikpackung im Hotel.“ Heute kann er die einzelnen Sorten in einer Blindprobe unterscheiden, „bis auf die ganz exotischen wie Strandflieder“. Das reiche Spektrum der Aromen hat ihn zum Feinschmecker gemacht, der zum Salat Akazie ins Dressing rührt und einen Rinderbraten mit Kastanienhonig glaciert.

 

Zur Ernte nimmt Binder einen schmalen Kehrwisch. Unter der Schleierkapuze kneift er die Augen zusammen, presst die Lippen und fegt Bienen zu Tausenden von den Waben. Wie eine dunkle Masse fallen sie in den Holzkasten. Das Summen wird lauter, die Flugbewegungen über dem Stock nehmen ein bedrohliches Ausmaß an. Alles ist klebrig vom Honig, Dutzende von Wespen schwirren dazwischen und räubern.

 

Wenn der Imker dem Stock Waben entnimmt, greift er massiv ins Leben des Volkes ein. Aber Binder sagt, dass er damit eine natürliche Reaktion provoziert: „Der Wabenbau ist eine wichtige Lebensäußerung der Bienen.“ Fressen sie viel Nektar, regt das die Produktion in ihren Wachsdrüsen an und sie bauen neue Waben als Vorratskammern.

 

Nach der Ernte hängt der Imker leere Holzrähmchen in den Bienenkasten. Darin sind dünne Drähte gespannt, die den Bienen als Gerüst für den Bau neuer Waben dienen. Manche konventionellen Imker setzen Kunststoffwände mit vorgeprägter Wabenstruktur in den Bienenstock. Jürgen Binder sucht eine Weile nach dem richtigen Wort: „Da sperre ich die Biene ja ins Gefängnis“, sagt er und seine rechte Hand fuchtelt aufgeregt durch die Luft, „das ist verbrecherisch.“ Der Bioimker darf keine Kunststoffwaben verwenden, und mindestens zehn Prozent des Honigs muss er den Bienen als Vorrat für den Winter lassen.

 

In einem geschlossenen Raum schneidet Binder mit einem Messer die Wachsdeckel von den Waben, in denen der flüssige Honig goldgelb schimmert. Von seinen runden Wangen strahlt das Glück, als er die geöffneten Waben behutsam in die Schleuder setzt. In diesem Edelstahlbottich fließt der Honig dank der Zentrifugalkraft aus den Waben, zwanzig Minuten dauert das bei den gängigen Sorten. Das auf vielen Etiketten verwendete Wort „kaltgeschleudert“ ist allerdings irreführend: Kein Imker erhitzt sein Produkt beim Schleudern. Unterschiedliche Temperaturen spielen dagegen beim Filtern und Abfüllen eine Rolle: Biohonig darf höchstens auf 40 Grad erhitzt werden, konventioneller bis auf 82 Grad.

 

Nebenan dampft es aus einer Edelstahlwanne. Hier schmilzt Binder die Waben ein. Bioimker dürfen Waben aus dem Brutraum nur einmal verwenden, weil sich im Wachs die Pestizid-Rückstände sammeln, die ab einer gewissen Konzentration an den Honig abgegeben werden. Denn Bienen lassen sich nicht vorschreiben, gespritzte Felder zu meiden. Das flüssige Wachs tropft gelb in einen Eimer, 200 Kilo verkauft Binder jedes Jahr an die Kosmetikindustrie. Das Bienenwachs enthält viel Vitamin A sowie Propolis und wird später im Bioladen erhältlich sein – in Form von Hautcreme.

 

Im Herbst und Winter füttern viele Imker die Bienen mit Zuckerwasser, doch Jürgen Binder hat eine verblüffend einfache Alternative gefunden: Er mietet einen Lastwagen und fährt seine Bienenkästen nach Süditalien. Dort finden sie auch in der kalten Jahreszeit genügend blühende Pflanzen. In Kalabrien stellt er sie in den Eukalyptus, in der Basilicata liefert ihm der Erdbeerbaum die teuerste Honig-Rarität. Seine italienischen Honige vermarktet Binder jedoch nicht als Bioland-Honig, weil der aus Deutschland stammen muss.

 

Auf dem Rückweg aus Italien genießt der Imker die Freiheit, die seine Bienen ihm lassen. In Südfrankreich besucht er ein Musikfestival, zu dem sich Pianisten von Rang angesagt haben. Aber auch dort lässt der Honig ihn nicht los. In der Provence sucht Binder nach geeigneten Standorten fürs nächste Jahr. Er will den kostbaren weißen Lavendelhonig ernten, den nur wenige Franzosen hinbekommen. Der ist weit mehr als ein Brotaufstrich: Dank seiner ätherischen Öle dient er auch als Heilmittel gegen Schlaflosigkeit und Kopfschmerzen.

 

Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Imker.



Von JOHANNES SCHWEIKLE
Fotos: ROBERT FISCHER

Jürgen Binder, Telefon 0170/185 74 24

studio@honigmanufaktur.de, www.honigmanufaktur.de

 

 

Karin Heinze: Honig. bio verlag 2001, 144 Seiten, 2,50 Euro (plus Versand),

zu bestellen unter: 06073/74 82 24

 

Helmut Horn, Cord Lüllmann: Das große Honigkochbuch.

Kosmos 2002, 276 Seiten, 49,90 Euro.



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