greenpeace magazin.
Große Elbstraße 145d . 22767 Hamburg . Tel: 040/808 12 80 80 . Fax: 040/808 12 80 99 . gpm@greenpeace-magazin.de . www.greenpeace-magazin.de
greenpeace magazin 6.04

Gefährlicher Cocktail

Unser Obst und Gemüse ist immer stärker mit Pestiziden belastet, die EU warnt vor Gesundheitsschäden - zum Glück lässt sich die tägliche Dosis Gift vermeiden.

 

 

Wenn nach einer lustigen Nacht mit ein paar Caipirinhas der Schädel brummt, muss das nicht allein am Alkohol liegen. Denn der löst – neben Hemmungen – auch Gifte aus den Limonenschalen, die meist hoch belastet sind. So verwandelt sich der coole Modemix in einen Gift-Cocktail.

 

Ob Limonen, Äpfel, Tomaten oder Gurken: Wer konventionell erzeugte Früchte kauft, muss zwar keinen Wurm fürchten, dafür aber mit Pestizidresten rechnen. Und zwar mehr denn je. Laut EU-Kommission finden sich in 40 Prozent aller untersuchten pflanzlichen Lebensmittel aus europäischer Produktion Rückstände von Pflanzenschutzmitteln. Die renzwertüberschreitungen in der EU haben sich von drei Prozent im Jahr 1996 auf 5,5 Prozent im Jahr 2002 fast verdoppelt; in Deutschland stieg die Quote bei den untersuchten Proben laut Verbraucherministerium von 4,2 Prozent im Jahr 1998 auf 8,7 Prozent 2002.

 

Zu den Skandal-Sorten zählen: Früherdbeeren, Paprika und Tafeltrauben. Die Pestizidrückstände waren zum Teil so hoch, dass Verbraucherzentralen in diesem Jahr vom Kauf von Früherdbeeren und Gemüsepaprika dringend abrieten. Belastet ist nicht nur Importware. Auch die deutschen Bauern greifen zur Chemiekeule, um ihre Ernte vor Schädlingen zu schützen. In den Intensiv-Obstanbaugebieten im Alten Land bei Hamburg und am Bodensee wurden mehrfach sogar verbotene Pestizide eingesetzt. Deshalb schickt Bundesumweltminister Jürgen Trittin – trotz lauter Proteste – seit kurzem Pestizidkontrolleure auf den Acker.

 

Wer sich auf das Vabanquespiel mit der Gesundheit nicht einlassen und sichergehen will, dass er mit den Vitaminen kein Gift zu sich nimmt, kann getrost zu ökologisch angebautem Obst und Gemüse greifen. Denn Bioware schneidet in den Tests durchweg sehr gut ab. Babys und Kleinkinder sollten ausschließlich mit Biokost versorgt werden.

 

Bei konventionellem Obst lassen sich Pestizide im Einkaufskorb verringern, indem man saisonale, regionale und robuste Sorten kauft – wie etwa Boskop, Jonagold oder Finkenwerder Herbstprinz – und auf eine abwechslungsreiche Ernährung achtet. Außerdem empfehlen Lebensmittelchemiker dringend, Obst und Gemüse gründlich zu waschen. Porree, Zwiebeln, Kartoffeln, Wirsing, Spitzkohl, Chinakohl und Bananen sind in der Regel wenig belastetet.

Und auch auf die geliebte Caipi muss man nicht verzichten: Schließlich gibt es Biolimonen.

 

 

Erdbeeren

Die ersten Erdbeeren liegen inzwischen schon im Januar in den Auslagen. Doch Vorsicht: Früherdbeeren gehören zu den am stärksten belasteten Früchten überhaupt. Bei einem Greenpeace-Test im Februar 2004 überschritt jede zehnte Früherdbeere aus Südeuropa die Grenzwerte für Pestizide, teilweise um das Dreifache. 67 Prozent der 22 Proben waren — gesundheitlich besonders bedenklich — gleich mit mehreren Giften belastet. Besonders schlecht schnitten die roten Früchte aus Spanien ab. Dort gelten für den Einsatz von Pestiziden bis zu zehnmal höhere Grenzwerte als in Deutschland. Weil Erdbeeren anfällig für Schimmel und Fäulnis sind, wird die Importware unreif geerntet und für den Transport abermals chemisch behandelt. Die großen Mengen der eingesetzten Pestizide verursachen in den Anbauländern enorme Umweltschäden — Arbeiter werden krank, Grundwasser wird vergiftet, Folientunnel, Gewächshäuser und illegale Giftmüllhalden verschandeln die Landschaft. Deshalb warnt Thomas Mosimann von der Universität Hannover: „Wer im Winter frische Sommerfrüchte kauft, fördert umweltbelastende Anbaumethoden in den südlichen Produktionsländern.“

Tipp: Heimische Erdbeeren in der Saison kaufen (Mai bis Juli).

 

Tafeltrauben

4,2 Kilo Trauben essen die Deutschen pro Kopf und Jahr und sind damit Weltmeister — nur Äpfel und Birnen sind beliebter. Doch die süße Versuchung hat es in sich: Jede vierte Traube hätte nicht verkauft werden dürfen, ergab der jüngste Test des Greenpeace-„Einkaufs-Netzes“, bei dem im August 23 Proben aus den sieben größten deutschen Supermärkten untersucht wurden. 96 Prozent der Proben waren mit Pestiziden belastet, 35 Prozent erreichten oder überschritten die gesetzlichen Grenzwerte (2003 waren es noch 25 Prozent). Besonders hohe Dosen fanden sich in Trauben aus Griechenland und der Türkei — Giftcocktails, die das Hormonsystem schädigen, die Fortpflanzung beeinträchtigen und Krebs auslösen können.

Gegen Aldi, Metro und Tengelmann hat Greenpeace wegen wiederholten Verstoßes gegen das Lebensmittelgesetz Anzeige erstattet.

Tipp: Warm abwaschen! Weil sich aber damit nur ein geringer Teil der Rückstände entfernen lässt, sollten Sie lieber Biotrauben kaufen. (Preisvergleich Ende September: Bei „Spar“ kostet ein Kilo italienische Tafeltrauben 1,49 Euro, im Bio-Supermarkt 2,29 Euro.)

 

Salat

In immer mehr Formen und Farben kommen Salate heute daher — nur eins haben alle

Sorten gemeinsam: Sie sind häufig mit Insektiziden und Fungiziden behandelt. 2003 untersuchten Lebensmittelkontrolleure in Baden-Württemberg 138 Salatproben: In einem Fünftel der Proben war die zulässige Höchstmenge an Rückständen überschritten, obwohl die gesetzlichen Grenzwerte für Salat sehr hoch angesetzt sind. So dürfen in einem Kilogramm Salat fünf Milligramm des als giftig eingestuften Fungizids Vinclozolin enthalten sein, hundertmal mehr als in Spinat. Darüber hinaus fanden die Kontrolleure häufig Mehrfachrückstände: bis zu 13 Wirkstoffe in einer Probe.

Tipp: Öko-Salat kaufen — die Proben waren nahezu rückstandsfrei. Konventioneller Kopfsalat ist während der Freilandsaison von März bis Oktober am wenigsten belastet, Feldsalat und Chicoree hingegen im Winter. Zwar sollte man die äußeren Blätter entfernen und die übrigen gründlich waschen. Da aber die ganze Pflanze die Pestizide aufnimmt, bleiben auch dann Reste der Giftstoffe im Essen.

 

Paprika

Paprika ist eine der ältesten Kulturpflanzen der Welt. Fast drei Kilo isst jeder Deutsche im Schnitt pro Jahr, Tendenz steigend. Doch mit vielen konventionell angebauten Gemüsepaprikas nimmt der Verbraucher auch reichlich Giftstoffe zu sich: Stuttgarter Lebensmittelkontrolleure, die hunderte Paprikas testeten, fanden in diesem Jahr in 56

Prozent der Proben Überschreitungen der Grenzwerte, 2003 waren es noch 35 Prozent. Ein

Greenpeace-Test vom Juni 2004 kommt zu ähnlichen Ergebnissen. Besonders giftig sind türkische und spanische Paprikas. Bei konventioneller Ware fanden die Analytiker bis zu 20-mal mehr Pestizide als gesetzlich erlaubt. Zwar hatte das Verbraucherministerium schon

im Juli 2003 zugesagt, Paprikaimporte direkt aus der Türkei an der Grenze zu untersuchen und bei zu hohen Werten zurückzuschicken — dennoch sind die Überschreitungen von 49 auf 64 Prozent hochgeschnellt.

Tipp: Bevorzugen Sie Biopaprika. Aber auch die holländischen sind nicht oder nur wenig belastet.

 

Von ANDREA HÖSCH

 

KNAST FÜR PANSCHER

Tagtäglich wird gegen das Lebensmittelgesetz verstoßen, und meist kommen Hersteller, Importeure oder Händler ungeschoren davon. In Aufsehen erregenden Fällen verhängt die Justiz mitunter hohe Haftstrafen für Panscher und Giftspritzer. Eine kleine Auswahl von Lebensmittelskandalen — und deren Folgen:

 

1981 Tödliches Olivenöl

Kriminelle Händler verkaufen hochgiftiges Industrie- als Olivenöl: In Spanien sterben 750 Menschen, 25.000 erkranken. Acht Jahre später verurteilt ein Gericht die Panscher — unter massivem Protest der Geschädigten, die höhere Strafen fordern — zu vier, zwölf und 20 Jahren Freiheitsstrafe; zwei Angeklagte werden freigesprochen.

 

1985 Glykol im Wein

Österreichische und deutsche Winzer päppeln billigsten Fusel mit süß schmeckendem Frostschutzmittel (Diethylenglykol) zu angeblichen Qualitätsweinen hoch. Diese Chemikalie kann zu Schäden an Gehirn und Organen führen. 27 österreichische Panscher müssen bis zu siebeneinhalb Jahren hinter Gitter. In Deutschland werden die Verfahren gegen eine pfälzische Weinkellerei nach elf Jahren gegen hohe Geldstrafen eingestellt.

 

1988 Hormone im Kalbfleisch

Ein großer westfälischer Viehmäster spritzt seinen Kälbern routinemäßig illegale Wachstumsförderer. Mehr als 70.000 hormonverseuchte Tiere werden beschlagnahmt und getötet. Drei Jahre später wird der Bauer zu drei Jahren und sechs Monaten verurteilt; sein Futtermeister kommt mit einem Jahr und sechs Monaten auf Bewährung davon.

 

2001 Antibiotika im Schweinefleisch

Bayerische und österreichische Tierärzte verkaufen große Mengen illegaler Antibiotika, Impfstoffe und Hormone zur Beschleunigung der Mast an Schweinezüchter. Einer der Tierärzte, Roland Fechter, wird zu zwei Jahren Haft auf Bewährung und einer Geldstrafe von 150.000 Euro verurteilt. Die Staatsanwaltschaft geht in Revision.

 

2002 Nitrofen in Ökoweizen

Rund 1000 Tonnen Biofuttermittel gelangen in die Lebensmittelproduktion, obwohl sie mit dem Krebs erregenden Herbizid Nitrofen belastet sind. Da eine Gefährdung der Verbraucher durch das kontaminierte Getreide nicht nachweisbar sei, stellt die Staatsanwaltschaft Neubrandenburg 2004 die Ermittlungen ein.

 

greenpeace magazin.
Große Elbstraße 145d . 22767 Hamburg . Tel: 040/808 12 80 80 . Fax: 040/808 12 80 99 . gpm@greenpeace-magazin.de . www.greenpeace-magazin.de