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greenpeace magazin 5.04

Nebel über deutschen Meilern

Auch drei Jahre nach dem 11. September existieren nur zweifelhafte Konzepte zum Schutz von Atomkraftwerken.

 

Es klang wie ein Witz: Deutsche Atomkraftwerke sollen bei Angriffen mit gekaperten Verkehrsflugzeugen eingenebelt werden, damit Terrorpiloten den Reaktor verfehlen. Mehr als zwei Jahre brauchten die Stromkonzerne Eon, RWE, EnBW und Vattenfall, um nach den Erfahrungen des 11. September 2001 eine Abwehrtaktik zu ersinnen.

 

Nun prüfen die Landesbehörden, wie realistisch das Konzept ist; wie lange noch, ist unklar. Kaum überraschend dringen nur wenige Details bei dieser nebulösen Geschichte an die Öffentlichkeit, schließlich geht es um die nationale Sicherheit. Klar scheint lediglich: Im Falle eines Angriffs sollen Phosphor-Rauchkörper, so genannte „Flares“, in die Luft katapultiert und dort gezündet werden. Das entspricht in etwa der Technik von Feuerwerksraketen. Schon nach cirka zehn Sekunden soll das bedrohte Atomkraftwerk hinter dichten, kugelförmigen Nebelwolken aus „Rotem Phosphor“ verschwunden sein. Der Rauch sei für Mensch und Umwelt unschädlich, sagt ein Sprecher vom Rüstungskonzern Rheinmetall, der die Technik entwickeln soll.

 

Das stimmt zumindest nicht ganz: Die entstehende Phosphorsäure ist wohl ungiftig, verätzt aber die Schleimhäute, zum Beispiel von Augen und Atemwegen. Auch könnte eine (fehlgeleitete) Explosion der Phosphorkörper tiefe Brandwunden verursachen. Zwar spielte dies im Vergleich zu den Folgen eines Flugzeugeinschlages sicherlich keine Rolle. Wohl aber bei den nötigen Systemtests und ebenso bei möglichen Fehlalarmen, von denen man ausgehen muss.

 

Das Bundesumweltministerium hat das Konzept Anfang des Jahres „in seiner vorliegenden Form“ als „nicht geeignet“ abgelehnt, verrät aber nicht, warum. Vernebelungstaktik auch hier.

 

Solche Unsicherheiten regen sogleich die Fantasie der Medien an: Die Kraftwerksbetreiber überlegten, bei einem Angriff die Meiler blitzartig in Moscheen umzudekorieren – mit den Kühltürmen als Minarett. Auch sei geplant, die Angreifer durch aufblasbare Atomkraftwerke im ganzen Land zu verwirren, witzelte ein Redakteur der „Heilbronner Stimme“ in einer Satire.

 

In der Wirklichkeit ist das Konzept jedenfalls ohne Vorbild. In der Mythologie der Chinesen, bis heute Weltmeister im Basteln von Feuerwerkskörpern, finden sich indes einige aufschlussreiche Parallelen zur aktuellen weltpolitischen Lage und der Vernebelungstaktik im Besonderen: Zwei Halbbrüder rangen um die Macht im Universum. Als der eine, der Gelbe Kaiser, einen empfindlichen Schlag landete, scharte ein Gefolgsmann des anderen, der erfahrene Chi Yu, Kampfgefährten um sich. Es kam zu einer zweiten Schlacht. Der Gelbe Kaiser griff an mit geifernden Wölfen, schlauen Füchsen und scharfkralligen Schakalen, vielen Gottheiten und einem fliegenden Drachen (sic!). Die Lage schien aussichtslos für Chi Yu und seine Mannen.

 

Doch Chi Yu war auch ein Zauberer. Es gelang ihm, das Schlachtfeld in dichten Nebel zu hüllen. Hilflos irrten die wilden Tiere des Gelben Kaisers im Kreis herum und flohen in Panik. So soll es, argumentieren die Befürworter, auch mörderischen Piloten ergehen: Sie irren um den Reaktor herum und geben auf oder stürzen anderswo ab.

 

Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Großraumflugzeug auf einen Reaktor kracht, lag bis zum 11. September bei eins zu einer Billion; sie galt als vernachlässigbar. Ground Zero hat das so genannte Restrisiko neu definiert. Keines der 18 Atomkraftwerke in Deutschland ist für einen solchen Fall gerüstet. Doch Aussagen festgenommener Al-Qaida-Mitglieder belegen, dass die Terror-Organisation auch Atomanlagen ins Visier genommen hat.

 

Welche Folgen das haben könnte, hat 2002 die Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS) im Auftrag des Umweltministeriums untersucht. Sie setzte sechs Hobbypiloten in den Flugsimulator der Technischen Universität Berlin und bat sie, sich kamikazeartig auf ein Gebäude von den Ausmaßen eines Kernkraftwerks zu stürzen. Jeder zweite Versuch war ein Treffer. Bei elf Anlagen, stellt die GRS-Studie fest, sei ein anschließender GAU nicht auszuschließen. Gefährdet seien insbesondere die älteren, von 1965 bis 1972 gebauten Druckwasserreaktoren (Obrigheim, Biblis A und B, Neckarwestheim und Unterweser) sowie alle Siedewasserreaktoren (Brunsbüttel, Philippsburg 1, Isar 1, Krümmel, Gundremmingen B und C), die wegen ihrer kastenförmigen Bauweise mehr Angriffsfläche bieten als zylindrische Reaktorgebäude.

 

Eine 2001 erstellte Greenpeace-Studie kommt zu ähnlichen Ergebnissen. Danach würden sogar die modernen Anlagen, die gegen den Absturz eines Phantom-Kampfjets ausgelegt sind, beim Einschlag eines Verkehrsflugzeugs zerbröseln. Eine Boeing 747 und ein Airbus A-340 haben eine Spannweite von rund 60 Metern, sie wiegen beim Start 14 Mal mehr als eine Phantom, ihre Tanks fassen rund 30-Mal mehr. Prallten diese Maschinen selbst mit einer moderaten Geschwindigkeit von 400 Kilometern pro Stunde auf die Betonwand eines Reaktors, würden sie äußere und innere Hülle durchbohren, den Kühlkreislauf und die Sicherheitssysteme beschädigen. Innerhalb einer Stunde käme es zur Kernschmelze, Flächen im Umkreis von bis zu 250 Kilometern wären langfristig verseucht.

 

Doch selbst wenn der etwa 60 Meter hohe und breite Reaktor nicht direkt getroffen wird, könnte die Zerstörung durch geschossartig herumfliegende Trümmerteile und zehntausende Liter brennenden Kerosins verheerend sein. Würden etwa die Reaktorwarte und das Notspeisgebäude außer Gefecht gesetzt und die Stromversorgung lahmgelegt, drohte nach rund zehn Stunden ein GAU von Tschernobyl-Größenordnung.

 

Nicht nur Deutschland sucht nach Wegen, eine solche Katastrophe zu verhindern: Beim Bau des australischen Forschungsreaktors Lucas Heights bei Sydney soll ein darüber gespanntes Stahlnetz einen Einschlag verhindern. Die Tschechen haben in der Nähe der AKWs Dukovany und Temelin Boden-Luft-Raketen stationiert. Wie die Franzosen, die im Schock des 11. September bei der Wiederaufarbeitungsanlage La Hague Luftabwehr-Raketen installierten – die sie ein halbes Jahr später wieder demontierten.

 

Der staatlich legitimierte Abschuss eines vollbesetzten Verkehrsflugzeugs war in Deutschland bisher undenkbar. Was etwa, wenn der Pilot sich nur verflogen hat? Oder die Maschine zwar gekapert wurde, aber aus Liebeskummer, wie erst kürzlich geschehen? Doch die Stimmung hat sich geändert, wie ein Gesetz zeigt, das – von der Öffentlichkeit kaum diskutiert – am 18. Juni dieses Jahres verabschiedet wurde: Es erlaubt dem Verteidigungsminister, die gezielte Tötung Hunderter unschuldiger Bürger zu befehlen, wenn sie in einem entführten Flugzeug sitzen, das als Waffe eingesetzt werden soll. Luftwaffen-Piloten, die im Zweifelsfall den Finger am Auslöser hätten, protestierten dagegen.

 

Realistische Abwehrmöglichkeiten sind jedenfalls rar. In erster Linie landschaftsverschandelnd kommt zum Beispiel der Vorschlag daher, Atomkraftwerke mit Stahlbetonpfeilern „einzuzäunen“. Die aber müssten immens gut verankert sein und mindestens hundert Meter hoch aufragen. Damit böten sie jedem Terrorflieger eine weithin sichtbare Orientierungshilfe, könnten sich bei einem Treffer sogar in gefährliche Trümmergeschosse verwandeln und wären zudem so teuer, dass sich Atomstrom kaum noch jemand leisten könnte. Letzteres käme vielleicht manchen Bürgern gelegen, schreckt die Energieriesen aber ab.

 

Sie favorisieren offensichtlich den Nebel. „Die Kosten für alle Atomkraftwerke werden lediglich im zweistelligen Millionenbereich liegen“, sagt Rheinmetall-Sprecher Peter Rücker – also maximal fünf Millionen Euro pro AKW; vergleichsweise billig.

 

Das Sympathische an der Nebeltaktik: Sie ist defensiv. Doch wiegt sie womöglich die Bevölkerung in falsche Sicherheit, ohne Terroristen zu entmutigen.

 

Wiederum erweist sich die chinesische Legende vom Kampf der Giganten als geradezu wegweisend. Als nämlich auf dem Schlachtfeld der Gelbe Kaiser im Zaubernebel seines Widersachers Chi Yu umherirrt, kommt ihm ein alter Mann zu Hilfe: Er erfindet ein Gerät, das die Himmelsrichtungen anzeigt und befestigt es am Streitwagen des Kaisers. Der sich fortan auch im Nebel orientieren kann.

 

Prompt verweisen Kritiker des Nebelkonzepts auf GPS. Mit dem satellitengestützten Navigationssystem, das jede Passagiermaschine an Bord hat, fände der Pilot auch bei Null Sicht sein Ziel. „GPS ist das einzige Argument, das man nicht gegen den Nebel anführen kann“, hält der Physiker Helmut Hirsch dagegen. Er hat im Auftrag von Greenpeace die Vor- und Nachteile der Nebeltaktik untersucht. „GPS sendet nur schwache Signale aus, die mit einem Störsender leicht zu unterbrechen sind“, sagt Hirsch. Man müsste ihn nur zeitgleich mit den Nebelwerfern einschalten.

 

Nach Hirschs Recherchen stützt sich das AKW-Versteck-Dich-Prinzip auf das militärisch erprobten „Multi Ammunition Softkill System“ (MASS). Es wurde vom deutschen Unternehmen Buck Neue Technologien (BNT) entwickelt, einem Tochterunternehmen der Rheinmetall-DeTec-Gruppe im bayerischen Fronau bei Bad Reichenhall. MASS funktioniert nach dem Motto „Tarnen und Täuschen“. Es soll ein Objekt aber nicht nur optisch schützen, sondern auch gegen infrarot-, laser- und radargelenkte Raketen.

 

Die MASS-Werfer können aus acht Rohren in verschiedenen Winkeln feuern – von flach über den Boden bis steil nach oben, vier Salven hintereinander. Pro Salve hält sich der Nebel zwei bis drei Minuten in der Luft. Das System ist weltweit konkurrenzlos, gekauft wird es vor allem von der Marine: Die deutsche hat es, die finnische hat es, die norwegische bald auch. Schweden und die Vereinigten Arabischen Emirate sind interessiert. Hirsch und die Co-Autoren der Greenpeace-Studie bezweifeln aber, dass sich die Nebel-Idee – wie die  Kernkraftwerksbetreiber hoffen – von militärischen Systemen auf deutsche AKW übertragen lässt. Fünf Punkte sprechen dagegen:

 

- Das System wurde für bewegliche Objekte wie Schiffe entwickelt: Während der Angriff auf ein Scheinziel umgeleitet wird, bringt sich das eigentliche Ziel in Sicherheit. Ein AKW kann sich jedoch nicht aus dem Staub machen.

 

- MASS soll vor allem automatische Lenkraketen verwirren. Ein menschlicher Pilot aber wird sich von seinem fest verankerten Ziel nicht durch Infrarot- oder Laser-Täuschkörper vom Kurs abbringen lassen.

 

- Auch wenn mehrere Salven abgefeuert werden, könnten Windstöße den Nebel immer wieder lichten. Denkbar ist zudem, dass Kamikaze-Attentäter einen Abschuss riskieren und eine Warteschleife fliegen, bis die Nebelwerfer-Magazine leer sind.

 

- Terroristen könnten sich ein ähnliches Flugsimulationsprogramm besorgen, wie es derzeit an der TU Berlin eingesetzt wird, um die Trefferwahrscheinlichkeit bei vernebelten Zielen zu testen. Wird das Programm mit Geländedaten der Umgebung gefüttert – Straßen, Schienen, Baumreihen, Flüsse, hohe Bauten – und „wird der Anflug dutzende bis hunderte Male trainiert“, so Hirsch, „kennt der Pilot die Gegend auswendig“ und treffe das eigentliche Ziel blind. Zumal er nach den Studien von GRS und Greenpeace im Reaktor nicht mal punktgenau einschlagen müsste – die katastrophal verwundbare Fläche misst etwa 100 mal 100 Meter. Die Planung, erzählt ein Teilnehmer einer MASS-Vorführung auf dem BNT-Versuchsgelände in Unterlüß, geht derzeit von einer gerade mal 200 Meter breiten Nebelwand aus.

 

- Fraglich ist schließlich, ob die Nebelgranaten rechtzeitig gezündet werden können. Der Alarm soll der bisherigen Planung nach manuell, „per Knopfdruck“ ausgelöst werden, verrät eine Eon-Sprecherin. Normalerweise reagiert MASS automatisch, wenn es von einem Laser- oder Infrarot-Suchkopf angepeilt wird. Doch so etwas hat ein Verkehrsflugzeug nicht. Der Spiegel indes berichtet, der Alarm werde automatisch ausgelöst, wenn sich ein „nicht identifiziertes“ Flugzeug dem AKW bis auf 20 Kilometer nähere. Doch in Deutschland, sagt Axel Raab, Fluglotse und Sprecher der Deutschen Flugsicherung, ist jedes größere Flugzeug, sobald es startet, ein „identifiziertes Objekt“.

 

Kapere ein Terrorist solch eine identifizierte Maschine, werde sie erst auffällig, wenn sie die vorgegebene Flugstraße unangemeldet verlässt. Eine Flugstraße ist jedoch 18 Kilometer breit und „einige führen direkt über Kernkraftwerke“, sagt Raab. Suche sich ein Terrorist ein AKW in der Nähe eines Flugplatzes aus, könnte er sogar im vermeintlichen Landeanflug unverdächtig tief fliegen. Das AKW Biblis liegt nur 39 Kilometer vom Großflughafen Frankfurt/Main entfernt, Brunsbüttel und den Hamburger Flughafen trennen rund 70 Kilometer. Wie die Süddeutsche Zeitung berichtet, verläuft südlich der AKW Isar 1 und 2 eine Luftstraße in nur drei Kilometern Entfernung.

 

Wenn in der Nähe dieser AKW ein entführtes Flugzeug unangemeldet seine Route verlässt, schätzt Raab, bleiben vielleicht ein bis zwei Minuten, bis es den Reaktor erreicht hat. Wenig Zeit für ein zeitraubendes Prozedere, das dann üblich ist: Erst ruft der Lotse im Tower seinen Wachleiter an, der telefoniert mit der zentralen Meldestelle, die dem Innenministerium unterstellt ist. Die wird dann voraussichtlich die nahe gelegenen Atomkraftwerke alarmieren, wo schließlich irgendjemand auf den Auslöser für die Nebelgranaten drückt.

 

Wenn allerdings ein Terrorist – auf deutsch oder englisch ohne verdächtigen arabischen Akzent – seine Kursänderung begründe, etwa weil er einen „Notfall“ habe und umkehren müsse, dann, meint Fluglotse Raab, könne er sich dem AKW sogar noch weiter nähern, ohne Alarm auszulösen.

 

Als dem Zauberer Chi Yu sein Zaubernebel nichts mehr nützte, schickte sein Gegner ihm versengende Hitze und einen Drachen, der Chi Yu vernichtete. Wo sein Blut den Boden netzte, wuchs ein Ahornhain mit roten Blättern.

 

So poetisch und lokal begrenzt würde ein Angriff durch Terrorpiloten nicht enden. Vorsichtshalber könnte man die Atomkraftwerke ja auch abschalten

 

Text: Carsten Jasner

Illustrationen: Christoph Niemann

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