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greenpeace magazin 5.04
Einst Sprecherin der Grünen, jetzt Managerin bei Gelsenwasser: die seltsame Karriere der Gunda Röstel
Sie hat noch immer diese Vorliebe für Mode und extravagante Ohrringe. Eine goldene Spirale schraubt sich von ihrem linken Ohrläppchen herab, und ihr zitronengelber Zweiteiler hat nicht viel Ähnlichkeit mit der Kluft, die eine Frau gewöhnlich anlegt, um Karriere zu machen. Auch ihre viel gerühmte Eloquenz hat nicht gelitten. Die mittlerweile 42-Jährige ist genauso munter, nett und offen wie zu der Zeit, als sie Bundessprecherin der Grünen war und die „Gute-Laune-Gunda“ für den „Spiegel“.
Keine Frage, hätte man ein kleines Wasserwerk an der Hand – man würde sofort mit Gunda Röstel ins Geschäft kommen. Auch wenn Umwelt- und Verbraucherschützer ihr Treiben und das ihres Arbeitgebers, der Gelsenkirchener Gelsenwasser AG, mit gemischten Gefühlen betrachten: Zwar ist Deutschlands größter privater Wasserkonzern, anders als mancher Konkurrent, bislang nicht durch Skandale aufgefallen, doch lehnen viele Fachleute die Überführung der Wasserversorgung in private Hände grundsätzlich ab (siehe Seite 36).
Gerade in Ostdeutschland steht manch ein Kommunalpolitiker vor leeren Kassen, die er durch Verkauf der städtischen Betriebe zu füllen hofft. Und Ostdeutschland ist Gunda Röstels Revier, hier kann die redelustige Sächsin ihre Kontakte ausspielen. Unterwegs als eine Art Handlungsreisende in Sachen Wasser sondiert sie, wo sich eine Investition lohnen könnte, macht für ihr Unternehmen Lobbyarbeit, handelt Verträge aus. Kürzlich hat sich Gelsenwasser 49 Prozent an der Dresdener Stadtentwässerung gesichert, die für die Abwasserentsorgung von 480.000 Menschen zuständig ist.
Die Finanznot der Kommunen auszunutzen, sei jedoch keinesfalls ihre Absicht, betont Röstel: „Wenn nur aus dem Motiv verkauft wird, einmal Geld zu machen, dann ist das ohnehin zu kurz gesprungen.“ Vielmehr gehe es um strategische Fragen, die Weiterentwicklung des Unternehmens, Chancen auf dem globalen Markt, ja letztlich um die Herausforderung, in armen Ländern die Wasserversorgung zu verbessern. Denn Gunda Röstel sieht ihren Job in großen Zusammenhängen: „Weltweit haben 1,2 Milliarden Menschen keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser, und für 2,4 Milliarden gibt es keine Abwasserentsorgung. Diese Zahlen möchten die Vereinten Nationen bis 2015 halbieren. Und ich bin in einem Unternehmen gelandet, in dem ich aktiv dazu beitragen kann.“ Nach bald vier Jahren bei Gelsenwasser fühle sie sich noch immer „so frisch wie das Element, mit dem ich umgehe“. Der Manager-Job scheint besser zu ihr zu passen als die Rolle einer Parteifunktionärin. Alles geht ein bisschen schneller, vor Entscheidungen wird nicht lange gefackelt, Erfolge wie Misserfolge stellen sich unmittelbarer ein: „Am Jahresende müssen die Zahlen stimmen.“ Bei den Grünen muss sich diese Frau voller Schwung und Tatendurst oft qualvoll ausgebremst gefühlt haben. Sie habe unterschätzt, gibt sie zu, wie viel Zeit und Kraft es koste, innerhalb der Partei zu einem Konsens zu kommen.
Den politischen Betrieb vermisse sie nicht, sagt sie denn auch, gesteht jedoch im nächsten Moment, bei „Christiansen“ bisweilen so richtig mitzufiebern. Es folgt ein längerer, temperamentvoll vorgetragener Exkurs über Reformpolitik und die Notwendigkeit, den Bürgern unbequeme Wahrheiten zuzumuten. Kann sie sich ein Comeback in die Politik vorstellen? „Ich würde nie nie sagen“, antwortet Röstel, „aber mir würde nicht einfallen, wo.“ Und außerdem sei Wasser ja ein Thema, das ganz oben auf der politischen Agenda stehe.
Sollte Gunda Röstel bei Gelsenwasser alt werden? Schwer vorstellbar. Schließlich gehört „Veränderung“ ebenso wie „Herausforderung“ zu den Begriffen, die sie bei jeder Gelegenheit in den Mund nimmt. Kaum eine Zeit ihres Lebens hat sie so genossen wie die Jahre kurz nach der Wende, als sich alles im Umbruch befand, Vorschriften rar waren, der Gestaltungsspielraum hingegen enorm. Mit gerade 28 Jahren übernahm die Lehrerin Röstel die Leitung einer Sonderschule im heimischen Flöha; nebenher mischte das Gründungsmitglied der sächsischen Grünen in der Landespolitik mit. Doch Mitte der neunziger Jahre begann die viel beschäftigte Mutter zweier Kinder, sich unterfordert zu fühlen. Der Schulbetrieb lief gut, die Arbeit war am frühen Nachmittag getan: „Ich konnte nicht alle drei Tage ein neues Schulkonzept erfinden.“
Da traf es sich, dass die Grünen gerade nach einer Sprecherin suchten, welche die leidige „Dreifachquote“ erfüllen sollte: Frau, Ossi, Realpolitikerin. Die in der Bundespolitik unerfahrene Röstel ließ sich weder von der heiklen Aufgabe noch vom Image einer Verlegenheitskandidatin abschrecken: „Ich habe das sportlich gesehen.“ Ihre Energie und Zuversicht konnten allerdings nichts daran ändern, dass ihre Amtszeit eher glücklos verlief. Vor allem das Scheitern bei der sächsischen Landtagswahl 1999 unterminierte ihre Stellung, zumal Röstel als grüne Spitzenkandidatin einen regelrechten Personality-Wahlkampf geführt hatte. Sang- und klanglos verschwand sie von der bundespolitischen Bühne, um bald darauf durch ihren Wechsel zu Gelsenwasser wieder Schlagzeilen zu machen. Noch immer spürt man, wie stolz sie darauf ist, einen ernsthaften Job ergattert zu haben, statt sich mit einem Gefälligkeitsposten abfinden zu lassen.
Unzählige Male hat sie seit ihrem Seitenwechsel im Herbst 2000 die Frage beantwortet, wie sich denn die Arbeit für einen Konzern mit ihren grünen Grundsätzen vereinen lasse. Ihre Antwort fällt entsprechend routiniert aus, so, wie sie bereits in etlichen Zeitungsartikeln gedruckt steht: Hundertprozentig könne sie sich mit ihrer Arbeit und dem Produkt Wasser identifizieren, schon immer sei sie pragmatisch gewesen und habe an die segensreiche Wirkung des Wettbewerbs geglaubt. Zudem gebe es auch in der Wirtschaft Menschen, die sich aufrichtig für die Umwelt einsetzten: „Da ticken viele grüner als mancher grüne Kreisverband.“
Trotzdem verhehlt Röstel nicht, dass sie den Besitzerwechsel bei Gelsenwasser begrüßt hat. Manch ein früherer Weggenosse war befremdet, dass sie, die doch für die Grünen den Atomausstieg mitverhandelt hatte, ausgerechnet bei einer Tochterfirma des Energiekonzerns Eon anheuerte, Deutschlands größtem Betreiber von Atomkraftwerken. Aus kartellrechtlichen Gründen musste sich Eon letztes Jahr aus dem Wassergeschäft zurückziehen, so dass
Gelsenwasser nun mehrheitlich den Stadtwerken von Bochum und Dortmund gehört. Insgesamt befinden sich damit etwa 95 Prozent der weiterhin als Privatunternehmen auftretenden Aktiengesellschaft in öffentlicher Hand – eine etwas paradoxe Situation, die Röstel „sehr glücklich“ findet: „Wir vereinen das Beste aus zwei Welten.“
Ohnehin gibt die Managerin bei aller Liebe zum Wettbewerb zu, dass eine private Firma die Bürger nicht zwangsläufig besser und effizienter mit Wasser versorgt als die öffentliche Hand – gut geführte Unternehmen gebe es auf beiden Seiten, Missmanagement desgleichen. Auch verlangt Röstel, die Kommunen müssten einem privaten Dienstleister sehr wohl auf die Finger schauen und einschreiten, sollte der sich nicht an die Verträge halten: „Ich streite nicht ab, dass eine unkontrollierte Privatisierung mit negativen Folgen verbunden sein kann.“ Konsequenterweise versucht sie erst gar nicht, Eklats wie den missglückten Verkauf der Potsdamer Wasserwerke schönzureden.
Nein, Gunda Röstel ist sich der Tücken durchaus bewusst, die ein liberalisierter Wassermarkt mit sich bringt. Doch glaubt sie an die Lernfähigkeit aller Beteiligten: „Wenn etwas nicht so gut gelaufen ist, spricht sich das herum, und das betroffene Unternehmen wird nicht so bald wieder zum Zuge kommen.“ Schließlich hätten beide Seiten ein Interesse daran, ihr „gemeinsames Baby“ gut über die Runden zu bringen. Überhaupt gingen Vertreter der Kommunen heute viel selbstbewusster und informierter in Vertragsverhandlungen mit Gelsenwasser, Véolia und Co. als noch vor wenigen Jahren.
Wenn man allerdings Fälle wie Berlin betrachtet, dessen Senat sich beim Teilverkauf der Wasserwerke über den Tisch ziehen ließ, beschleicht einen dann doch der Verdacht, Gunda Röstels Vertrauen in die Vernunft des Menschen sei vielleicht ein wenig naiv. Jedenfalls scheint sie aus ihrer Politikerzeit nicht nur ihren Modegeschmack bewahrt zu haben. Sondern auch ihren unerschütterlichen Optimismus.
Text: Alexandra Rigos
Manila, Philippinen Es waren die üblichen Argumente, die 1997 in Manila für die Übernahme der Wasserversorgung durch den französischen Suez-Konzern sowie der Entsorgung durch das US-Unternehmen Bechtel sprachen: Privates Kapital und Know-how sollten helfen, weil die philippinische Megacity den dringend nötigen Ausbau der maroden Infrastruktur nicht finanzieren konnte. Doch kaum war der Vertrag abgeschlossen, verlangten die Konsortien, an denen auch wohlhabende einheimische Familien beteiligt waren, Zuschüsse vom verarmten philippinischen Staat. Andernfalls sei die Modernisierung der Infrastruktur nicht bezahlbar. Sechsmal gaben die Behörden über die Jahre hinweg den immer neuen Forderungen der Konzerne nach, spendierten Vergünstigungen aller Art und genehmigten Erhöhungen des Wasserpreises um insgesamt 400 Prozent. Dann blieben sie im Dezember 2002 einmal hart — worauf Bechtel die philippinische Regierung mit Prozessen überzog und Suez den Versorgungskontrakt ganz kündigte.
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