greenpeace magazin 1.04

Killing You Softly

Militärs wollen mit „nichttödlichen Waffen“ auch in Konflikte eingreifen können, die noch unterhalb der Schwelle zu einem Krieg liegen.

Eine tödliche Gefahr

 

GETARNTE KILLER

 

So genannte nichttödliche Waffen wecken die Erwartung, dass es in Zukunft Kriege ohne Blutvergießen geben wird. Viele Experten halten das für eine gefährliche Illusion.

 

Wer Oberst a. D. John B. Alexander in Las Vegas besucht, kann die Waffen von Morgen am eigenen Leib erleben. Gern beschießt der Vietnam-Veteran willige Gäste mit Pepper Balls – Kugeln mit Pfefferspray, die einem den Atem rauben. Oder er erzählt, wie er sich von einer Mikrowellen-Waffe braten ließ und Schreck und Schmerz ihn durchzuckten. Selbst seinen 16-jährigen Sohn Josh testete er als Zielscheibe einer Elektroschock-Pistole. Der könne was aushalten, sagte der stolze Vater jüngst einer US-Zeitung. Aber nach dem Treffer sei er nur noch „ein nasses Häufchen Elend“ gewesen.

 

Für Alexander sind diese Selbstversuche der Beweis: Solche Waffen eignen sich hervorragend, um Tumulte aufzulösen und Menschen auf Distanz zu halten. Der Buchautor („Future War“) berät amerikanische Polizisten und Militärs, wie sie mit Netzen, Nebeln, Licht, Lärm und Gasen ihre Gegner oder deren Ausrüstung außer Gefecht setzen können. Wie ein Marktschreier wirbt er auf internationalen Tagungen für den Einsatz von „non-lethal weapons“ – nichttödlichen Waffen. Etwa im Mai 2003 im badischen Ettlingen. Dorthin hatte, wie schon 2001, das Fraunhofer-Institut für Chemische Technologie eingeladen, um Alexander und Gleichgesinnten die Möglichkeit zum Austausch zu geben.

 

Zum Arsenal der russischen, deutschen und amerikanischen Waffenentwickler gehört zunächst Gewalt gegen Sachen – etwa Laser, die optische Sensoren blenden und so den Zielanflug des Gegners erschweren, oder schnell härtende Schäume, die Eingänge versperren oder sich im Nu zu Barrieren auftürmen (siehe auch die Übersicht über „nichttödliche Waffen“ auf der nächsten Seite).

 

Obwohl sich die futuristisch anmutenden Waffen nicht gegen Personen richten, sind sie alles andere als harmlos. Bereits im Golfkrieg 1991 feuerten die Amerikaner Marschflugkörper auf irakische Elektrizitätswerke ab, die nicht mit Sprengköpfen, sondern mit dünnen Fäden aus Kohlefaser bestückt waren. Die elektrisch leitenden Fäden verursachten Kurzschlüsse, die das öffentliche Stromnetz lahm legten. Niemand weiß, wie viele Leben dieser Einsatz gekostet hat. Denn auch Beatmungsgeräte und Frühgeborenen-Brutkästen in Hospitälern fielen aus. „Nichttödlich“ ist allein schon deshalb eine schönfärberische Bezeichnung.

 

Noch umstrittener sind jedoch jene technischen Neuerungen, die Menschen zwar nicht umbringen sollen – dafür aber schrecken, peinigen, ekeln, betäuben. „Folterknechte in Anzügen“ nennt ein Teilnehmer der Konferenz in Ettlingen denn auch die Entwickler solcher Kampfmittel. Das Instrumentarium reicht von Skurrilitäten wie Netzen und Klebstoffen, die den Gegner fesseln, über Hightech-Instrumente, die Zielpersonen mit Druckwellen, Lichtblitzen und Mikrowellen traktieren, bis hin zu veritablen Chemiewaffen, die den Geist verwirren, Übelkeit erregen oder das Bewusstsein rauben sollen.

 

„Manches, was da durch die Militärpresse geistert, funktioniert einfach nicht oder haut einem allenfalls die Brille von der Nase“, schränkt der Physiker und Rüstungsexperte Jürgen Altmann von der Ruhr-Universität Bochum ein. Anderes wiederum – Airbag-ähnliche Barrieren, Hartschaumgeschosse – mag technisch ausgereifter sein und etwa bei UN-Friedensmissionen durchaus sinnvoll eingesetzt werden können. Trotzdem sind viele Friedensforscher von dem harmlos erscheinenden Rüstzeug aufs Äußerste alarmiert. „Die meisten dieser Waffen sind Wölfe im Schafspelz, getarnte Killer“, sagt Jan van Aken vom deutsch-amerikanischen „Sunshine Project“. Kommen solche angeblich nichttödlichen Waffen zum Einsatz, dann führen sie „im Endeffekt nicht etwa zu weniger, sondern zu mehr Leid und Tod“.

 

John Pike von der rüstungskritischen US-Denkfabrik Global Security warnt, dass nichttödliche Waffen allenfalls bei exakter Dosierung niemanden umbringen. „Ist man zu vorsichtig, wirken sie meistens überhaupt nicht; ist man zu forsch, droht ein Desaster.“ Diskussionen mit amerikanischen Militärs, aber auch die Analyse des Geiseldramas im Oktober 2002 in einem Moskauer Musicaltheater haben ihm gezeigt, dass die Befehlshaber beim Einsatz solcher Waffen im Zweifel stets „auf Nummer Sicher“ gehen.

 

So ließ Präsident Putin nicht nur eine hochbrisante Gasmischung ins Theater einleiten, deren Hauptbestandteil vermutlich Carfentanyl war, eine Substanz, mit der sonst Elefanten im Zoo betäubt werden. Er erlaubte auch eine extrahohe Dosis des Narkosegases, damit die tschetschenischen Geiselnehmer keine Gegenwehr leisten konnten. Prompt war die angebliche „sanfte“ Chemikalie ebenso tödlich wie Panzer und Granaten. Experten der „Federation of American Scientists“ belegten an Modellrechnungen, dass Handfeuerwaffen im Krieg im Schnitt 35 Prozent der Gegner töten, Panzer rund 20 Prozent und Granaten zehn Prozent. Bei der Attacke auf das Theater starben 127 von 750 Geiseln, das sind 17 Prozent. Hätten die Tschetschenen ihre Sprenggürtel gezündet, wären auch nicht mehr Menschen gestorben, glaubt Jürgen Altmann. Was genau in Moskau zum Einsatz kam, weiß bis heute niemand.

 

Doch statt zuzugeben, wie mörderisch die neuartige Chemiewaffe war, leugnet der Kreml bis heute den Tod durch das Narkosegas. Im Oktober 2003 – ein Jahr danach – behauptet die russische Regierung, die Geiseln seien durch „Mangel an Wasser und Nahrung sowie psychologischen Stress“ gestorben. Die Moskauer Generalstaatsanwaltschaft hat ihre Ermittlungen aus „Mangel an Beschuldigten“ eingestellt. Die Gerichte haben die Klagen von

Angehörigen auf Aufklärung und Entschädigung abgelehnt. Dafür zeichnete Wladimir Putin die bei der Erstürmung eingesetzten Geheimdiensteinheiten mit Orden aus.

 

Natürlich waren die Moskauer Elitetruppen trotz des Einsatzes von Betäubungsgas schwer bewaffnet. Denn in diesem Punkt sind sich russische und amerikanische Militärs offenbar einig: Das avantgardistische Arsenal dient nicht als Alternative, sondern als

Ergänzung ihres klassisch-tödlichen Handwerkszeugs. „Nichttödliche Waffen können im Verbund mit tödlichen Waffensystemen genützt werden, um deren Wirksamkeit zu verbessern“, formulierte beispielsweise der damalige Vize-Verteidigungsminister John P. White im Jahr 2000 in der Direktive 3000, 3.

 

John Pike ist davon überzeugt, dass die Entwickler der Mikrowellenwaffe ADT (siehe auch „Schock im Hitzestrahl“, Seite 79) nicht eine Art elektronischen Wasserwerfer zum Einsatz gegen Demonstranten schufen, sondern vielmehr ein Hightech-Gerät entwickelt haben, das feindliche Soldaten aus der Deckung jagen kann – frei zum Abschuss durch die eigenen Truppen. Der Waffenspezialist Michael Dando von der britischen Universität Bradford weist zudem auf die Gefahr einer unbeabsichtigten Eskalation hin: „Wenn die Gaswolke auf den Schützengraben zuwabert – woran sollen die Soldaten erkennen, dass sie nicht getötet, sondern ,nur‘ betäubt werden sollen? Solange sie können, werden sie mit aller Kraft zurückschlagen, was dann wiederum eine harte Reaktion der Gegenseite nach sich ziehen wird. Schon stecken wir tief in dem Szenario, das eigentlich vermieden werden sollte.“

 

Dando bezeichnet die angeblich nichttödlichen Waffen als „Einstiegsdrogen“, für die gerade westliche Demokratien anfällig seien. Bevor deren Truppen etwa in ein Dritte-Welt-Land entsandt werden, entspanne sich regelmäßig eine kontroverse öffentliche Debatte über Sinn, Moral und Verhältnismäßigkeit der Mission. Dann lieferten nichttödliche Waffen den Interventionisten zusätzliche Munition, weil sie einen unblutigen Kampfeinsatz versprächen – Illusionen, wie die Erfahrungen aus Somalia, Afghanistan oder dem Irak zeigten: „Wenn es hart auf hart kommt, wird scharf geschossen und nicht mit Netzen geworfen“, so Dando.

 

In Gefahr sind überdies mühsam ausgehandelte Abrüstungsverträge für Bio- und Chemiewaffen. Der Amerikaner Matthew Meselson und der Brite Julian Perry Robinson vom „Harvard Sussex Programm“ – beide Naturwissenschaftler und Rüstungsexperten – prangerten im November 2003 in Genf an, dass die Forschung an so genannten nichttödlichen biologischen und chemischen Waffen benutzt werden soll, um völkerrechtliche Konventionen auszuhebeln, die die Menschheit über Jahrzehnte vor diesen Waffengattungen beschützt haben. Ihr deutscher Kollege Jan van Aken sieht entsprechende Bestrebungen vor allem bei den Amerikanern, die sowohl Material zersetzende Mikroben (siehe auch „Appetit auf Asphalt“, Seite 80) als auch ein ganzes Arsenal von valiumähnlichen Schlaf- und Beruhigungsmitteln, Krampf auslösenden Substanzen oder high machenden Party-Drogen für den militärischen Einsatz entwickeln und behaupten, solche Substanzen seien nicht durch die einschlägigen Abkommen geächtet. Sollten sie sich damit durchsetzen, werden nach seiner Überzeugung andere Staaten nachziehen. „Es wird ein regelrechtes Wettrüsten im Bereich der B- und C-Waffen geben, in dessen Verlauf die Grenzen zwischen tödlich und nichttödlich vollends verschwimmen werden“, warnt der Experte vom Sunshine Project.

 

Allerdings sieht es nicht so aus, als ob diese Gefahren die Amerikaner zur Einhaltung des Völkerrechts veranlassen könnten. Im Februar sagte US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld vor dem US-Kongress: „Wir wissen zwar, dass uns internationale Verträge eine Zwangsjacke anlegen. Aber wenn nötig, müssen sich unsere Soldaten über die Gesetze hinwegsetzen.“ Konkret nannte Rumsfeld Gase oder Aerosole, die bei Transporten gefährlicher

Gefangener oder gegen in Höhlen versteckte Kämpfer eingesetzt werden könnten.

 

KIRSTEN BRODDE und MARCEL KEIFFENHEIM

 

www.bradford.ac.uk/acad/nlw/ (Britische Forscher)

www.jnlwd.usmc.mil (US-Militär)

 

 

SCHOCK IM HITZESTRAHL

 

Eine neue Mikrowellenwaffe löst so unerträgliche Verbrennungsschmerzen aus, dass Getroffene unwillkürlich die Flucht ergreifen. Wird jemand aus Zufall oder mit Absicht zu lange oder intensiv bestrahlt, drohen schwere körperliche Schäden.

 

Der Schmerz trifft dich wie ein Schlag. Du siehst nicht, woher er kommt. Du verstehst nicht, was ihn verursacht. Du weißt im ersten Moment nicht einmal genau, was du fühlst – nur, dass es unerträglich ist. Noch bevor der erste Schmerzensschrei aus deiner Kehle dringt, bist du auf der Flucht. Das geht unwillkürlich; Panik und Pein brechen deinen Willen schneller, als du Luft holen kannst. Du zuckst zurück, rennst weg, schmeißt dich zu Boden. Und erst allmählich dämmert dir, dass dich gerade eben irgendetwas verbrannt hat.

 

Es war, als ob du mit dem ganzen Körper gegen eine heiße Herdplatte gelaufen wärest. Eine Sekunde lang fühltest du glühendes Eisen, kochenden Regen, den Atem der Hölle. Erstaunlicherweise blieb deine Haut unverletzt, aber der Schmerz hat sich tief in dein Hirn eingebrannt. Vermutlich hattest du an einer Demonstration teilgenommen. Für eine Sache, die du als gerecht ansahst und die Mächtigen im Lande als gefährlich. Doch was immer dich auf die Straße trieb, ist in jener Sekunde der Pein gestorben. Jetzt zählt nur noch, dass du am Leben bist. Du hast Glück gehabt.

 

„Active Denial Technology“ – Technologie für eine aktive Zugangssperre – heißt die neue Waffe, die in den USA in den letzten zehn Jahren erdacht, entwickelt, erprobt und bis zur Einsatzreife gebracht wurde. ADT ist eine so genannte nichttödliche Waffe, die das gleiche Prinzip wie ein Mikrowellenherd nutzt – mit dem Unterschied, dass die Energie nicht im Ofen bleibt, sondern in einem Strahl gebündelt bis zu 1000 Meter weit reicht. Zunächst sollen Jeeps mit ADT ausgerüstet werden, später auch Hubschrauber und Flugzeuge. Die Soldaten an Bord lenken den Mikrowellenstrahl über einen Joystick. So können sie mit einer Handbewegung die Leitspiegel über der Parabolantenne, die die Strahlen aussendet, auf einen anderen Brennpunkt justieren.

 

Was die Mikrowellen anrichten, zeigt ihnen eine Wärmebildkamera: Menschliche Körper, die zuvor blassrot glimmten, glühen plötzlich weißgelb auf. Man muss nicht einmal besonders genau zielen: Der Mikrowellenstrahl besitzt einen Durchmesser von etwa zwei Metern. „Active Denial ist revolutionär“, urteilt das Air-Force-Forschungslabor in Kirtland, New Mexico: „Man kann auf eine Einzelperson zielen oder über eine Menge schwenken, Heckenschützen niederhalten oder eine unüberwindliche Energie-Barriere legen. Die Trefferwahrscheinlichkeit ist 100 Prozent.“

 

Wenn dich der Strahl trifft, geraten in deiner Haut die Wassermoleküle in Schwingung. Binnen einer Sekunde heizt sie sich auf 50 Grad auf. Die Forscher haben herausgefunden, dass du diese Temperatur als „unerträglich“ empfinden wirst. Doch weil ADT eine mit 96 Gigahertz besonders hochfrequente Strahlung aussendet, dringt die Energie nur 0,3 Millimeter tief in deine Haut – zu wenig, um das Gewebe zu verbrennen; gerade recht, die freien Nervenenden zu stimulieren. Im Mikrowellen-Bombardement signalisieren sie deinem Hirn, dein Körper stehe in Flammen.

 

Die Forscher behaupten, die Waffe sei harmlos, weil Getroffene sofort aus dem Hitzestrahl zurückweichen. Aber manchmal fliehen Menschen in Panik vor den Mikrowellen, stürzen, trampeln sich gegenseitig nieder. Vielleicht wurde auch geschossen, Verletzte können sich nicht mehr rühren. Oder der ADT-Schütze will jemanden besonders hart treffen. Mit seiner Joystick-Zieloptik kann er einen Fliehenden so lange im Visier behalten, bis zum Schmerz der Schaden kommt. Die Leitfähigkeit der Haut lässt die Hitze immer tiefer dringen. Wie viele Sekunden es dauert, bis ADT echte Verbrennungen verursacht, gilt als militärisches Geheimnis.

 

Aber dich trifft der Strahl nicht unter kontrollierten Laborbedingungen, sondern in der rauen Wirklichkeit einer Straßenschlacht. Was mit dir geschieht, hängt von drei Faktoren ab: der Bestrahlungsdauer, der Energiemenge und der Feuchtigkeit deiner Haut. Wenn du nass im Regen stehst, kann dir ADT zunächst wenig anhaben. Doch auch der ADT-Schütze kennt die Wetterbedingungen und wird die Strahlenenergie erhöhen, bis die gewünschte Wirkung eintritt. Aber vielleicht bist du in einer aufgeputschten, durchgeschwitzten Menge kühl und trocken geblieben. Dann hast du Pech gehabt. Der Strahl wird nicht nur besonders weh tun, sondern dich vermutlich auch verletzen. Je nachdem, wie lange und intensiv dich die Mikrowellen erwischen, versengt erst die Hornhaut deiner Augen, dann beginnt deine Haut zu brutzeln, schließlich brennt dein ganzer Körper.

 

Ob eine „nichttödliche“ Waffe wie ADT wirklich nicht tötet, hängt allein von der Dosis ab, sagt John Pike von der rüstungskritischen US-Denkfabrik Global Security. „Mit einem solchen Mikrowellen-Instrument kann man einen Mob durch kurze Schmerzreize am Plündern hindern. Man kann Dissidenten brutal und dennoch spurenlos foltern. Oder man kann Menschen auf große Entfernung in Flammen aufgehen lassen.“

 

MARCEL KEIFFENHEIM

 

 

APPETIT AUF ASPHALT

 

Amerikanische Militärforscher arbeiten an gentechnisch manipulierten Mikroben, die Baumaterialien zersetzen und so die militärische Infrastruktur des Gegners zerstören können. Aber was passiert, wenn sich die gefräßigen Bakterien danach über zivile Einrichtungen hermachen?

 

Sie sind lautlos. Unsichtbar. Hungrig. Wie eine Armee gieriger Mini-Roboter fressen sie sich immer tiefer in den Beton, zersetzen mit ihren Enzymen den Zement, bis er sich auflöst und der Gebäudekomplex im Feindesland in einer Staubwolke in sich zusammenfällt.

 

Maßgeschneiderte Mikroben aus dem Gentech-Labor. Eine Superwaffe, die – im Gegensatz zu ihrer unseligen Vorgängerin aus den 80er Jahren, der Neutronenbombe – Material angreift, nicht Lebewesen. Die von Militärstrategen deshalb als „nichttödliche Waffe“ bezeichnet wird, obwohl sie im Falle eines Falles zahllose Menschen das Leben kosten könnte.

 

„Gama“ (genetically engineered anti-material agents) nennt eine kleine Schar von Experten diesen neuesten Traum von Waffendesignern: gentechnisch scharf gemachte Mikroben, die mit ungeheurem Appetit und enormer Effizienz alle Arten von Material wie Plastik, Metall, Asphalt oder Beton zersetzen sollen, je nachdem wie es in ihr Erbgut einprogrammiert wurde.

 

Sciencefiction? „Schön wär’s“, sagt Mikrobiologie-Professor Mark Wheelis von der University of California in Davis, einer der wenigen Kenner der Materie. „Zwar gibt es noch einige praktische Probleme zu lösen. Und einsatzbereit sind solche Super-Bakterien zur Zeit wohl auch noch nicht. Aber klar scheint, sie sind machbar. In US-Waffenlabors wurde schon daran geforscht, wie 2002 aufflog. Offiziell wurden die Versuche eingestellt. Doch ich habe Sorge, dass die Forschung jetzt im Geheimen weiterläuft.“

 

Genmanipulierte Bakterien zur Zerstörung feindlicher Ausrüstung und Infrastruktur: Für die meisten Laien und Experten klingt das nach Biowaffe. Deren Entwicklung ist durch die – von US-Präsident Nixon initiierte und 1975 in Kraft getretene – Biowaffenkonvention sowie durch amerikanische Gesetze verboten. Doch Gama-Fans im US-Militär verweisen auf ein angebliches Schlupfloch in der Definition: Biowaffen seien nur dann geächtet, wenn sie sich gegen Mensch, Tier oder Pflanze richteten. Anti-Material-Waffen jedoch fielen nicht in diese Kategorie.

 

Einer ebenso perfiden Logik folgt das zweite Argument: Weil auch andere Hirne solche Waffen ausbrüten könnten, müsse man wissen, wie man sie abwehren könne. Verteidigungsforschung ist erlaubt. Um einen Angriff zu simulieren, gegen den man sich verteidigt, müsse man zu „Testzwecken“ eine Waffe bauen. Argumentationskreis geschlossen. Biowaffe fertig. Natürlich nicht offiziell. Und rein defensiv.

 

Zugleich wehren sich die USA vehement gegen jegliche Überwachung ihrer Labors. Im Juli 2001 blockierten sie kategorisch ein Protokoll zur Biowaffenkonvention, das Inspektionen regeln sollte. Weil, wie der Chefunterhändler Donald Mahley vor einem Kongressausschuss zugeben musste, eine Reihe von US-Institutionen „nicht eindeutige, biologische Aktivitäten“ verfolgten und deshalb eine Kontrolle verweigerten.

 

Parallel dazu versuchten hochrangige US-Diplomaten, die Konvention umzudefinieren: Vor den UN argumentierte etwa der für Abrüstung zuständige Staatssekretär Avis Bohlen im Oktober 2001, als Biowaffen gälten nur „biologische Agenzien“, die „in tödlicher Absicht“ genutzt würden. Gamas fielen nach dieser Definition nicht darunter.

 

Doch angeblich interessiert sich das amerikanische Militär gar nicht für die Material zersetzenden Mikroben. „An dem Thema ist nichts dran“, sagt Captain Shawn Turner, Sprecher des „Joint Non-Lethal Weapons Directorate“ bei den US-Marines, das die Entwicklung nichttödlicher Waffen für alle Teilstreitkräfte koordiniert. „Wir führen solche Forschungen nicht durch.“

 

Das klingt eindeutiger als es ist: Nach Lesart der Amerikaner müssen dem Sekretariat der Biowaffenkonvention nur Projekte des Verteidigungsministeriums gemeldet werden. Tatsächlich aber wurden Biowaffen-Projekte auch vom Justizministerium, dem

Energieministerium und der CIA top secret betrieben, wie Anfang September 2001 ans Licht kam. Rein defensiv deklarierte Projekte, versteht sich. Für die Verteidigung gegen B- und C-Waffen sollen allein im Jahr 2003 mindestens 4,5 Milliarden Dollar ausgegeben werden.

 

Dass auch Labors von US-Navy und Air Force zumindest in der Vergangenheit an genmanipulierten Super-Mikroben forschten, hat das rüstungskritische deutsch-amerikanische „Sunshine Project“ aufgedeckt. „Zersetzen der gegnerischen Mobilität, der Logistik und der Wartung während oder schon vor einem militärischen Engagement“ gab das Office of Naval Research 1998 in einem Projektantrag als Ziel an. Damals verkündete auch das Biotech-Forschungslabor der Brooks Air Force Base bei San Antonio, Texas, es ließen sich „Anti-Material-Katalysatoren zur Zerstörung jeglichen Kriegsmaterials entwickeln“. Alle militärischen Dienste hätten „daran ein Interesse“.

 

Die geheime Forschung an solchen Offensivwaffen lief teilweise über Jahre. Und erreichte konkrete Ergebnisse, wie das Sunshine Project recherierte: Das Navy Research Laboratory in Washington, DC beispielsweise hält ein Patent auf einen Pilz, der Polyurethan

zersetzt, einen wichtigen Bestandteil von Radarwellen schluckenden Tarnfarben. Und die Air Force brüstete sich, ihre Armstrong Laboratories hätten Bakterien („biological agents“) im Arsenal, die Raketentreibstoff, Plastik und andere organische und künstliche

Polymere rasch zerstören – ohne „Feuer oder Explosion“.

 

Was sich beinahe harmlos anhört, kann dennoch tödlich sein. Für ein (auf Anonymität bestehendes) Mitglied einer Expertengruppe der amerikanischen National Academy of Sciences zu nichttödlichen Waffen besteht kein Zweifel: „Ob tödlich oder nicht, kommt nur auf die Anwendung an.“

 

Aber auch ein anderer Aspekt besorgt Experten: Wie verhindert man, dass sich Metall, Kunststoff oder Beton zersetzende Gentech-Bakterien nach ihrem Einsatz gegen militärische Ziele auch über zivile Einrichtungen hermachen? Militärforscher der Navy wollen das mit so genannten Selbstmord-Genen verhindern, die sie ins Erbgut der Mikroben einbauen. Die „Terminator-Technologie“ soll die Bakterien zu einem vorprogrammierten Zeitpunkt abschalten.

 

„Irrsinn“, findet Jan van Aken vom Sunshine Project. „Selbst wenn die Militärforscher sicher sind, die Terminator-Technologie funktioniere zu 99,9999999 Prozent, reichen bei Abermilliarden von Bakterien einige wenige, bei denen sich das Selbstmord-Gen nicht einschaltet. Die könnten sich dann unkontrolliert vermehren.“ Gegen den Ausbruch solcher Super-Bakterien wäre ein Bombenanschlag auf eine Großstadt kaum mehr als ein kleiner Unfall.

 

MAX ZEIMET



Von KIRSTEN BRODDE und MARCEL KEIFFENHEIM
Illustrationen: ENVER UND DIETER



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