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greenpeace magazin 1.04
Der amerikanische Psychologe und Ex-Offizier David Grossman über traumatisierte Soldaten und gezieltes Abtrainieren von Hemmschwellen.
GPM: In Ihrem Buch „On Killing“ vertreten Sie die These, der Mensch eigne sich nicht zum Töten der eigenen Spezies. Wie begründen Sie das?
DAVID GROSSMAN: Sowohl im vorderen Teil unseres Gehirns, der uns menschlich macht – weil er für Vernunft, Ethik und abstrakte Vorstellungen zuständig ist– , als auch in den tieferen Schichten des Hirns, die bei Impulsen wie Angst, Aggression oder erotischen Reizen aktiviert werden, ist eine angeborene Tötungshemmung verankert. Wir können zwar noch nicht erklären, woher dieser natürliche Widerstand kommt; denn das Gebiet ist bislang kaum erforscht. Fest steht allerdings: Menschliche Wesen sind von Natur aus keine Killer.
Krieg, Mord und Totschlag durch die Jahrhunderte lassen auf
das Gegenteil schließen.
Wenn es um Krieg geht, dann ist und bleibt der Akt des Tötens elementar. Das lässt sich einfach nicht verleugnen. Interessanterweise zeigen historische Dokumente jedoch, dass Soldaten zwar bereitwillig auf unsichtbare Ziele feuern, aber nicht auf Menschen. Im amerikanischen Bürgerkrieg hat die Mehrzahl der Beteiligten bewusst über die Köpfe ihrer Gegner gefeuert; die meisten Toten fand man mit geladener Waffe. Sogar im Zweiten Weltkrieg betrug der Anteil der Soldaten, die mit tödlicher Absicht auf den Gegner schossen, nur zwischen 15 und 20 Prozent. Erst später stieg diese Quote: In Korea betrug sie 55 Prozent, in Vietnam 90 Prozent. In diesem Bereich bewegen wir uns auch heute. Früher hingegen konnten Soldaten oft nicht einmal durch Drohungen und Prügel zum Töten gebracht werden.
Selbst nicht unter Todesangst?
Man sagt, jeder würde töten, wenn er um sein Leben fürchten muss. Die überwiegende Mehrheit der Krieger hat jedoch durch die Geschichte der Menschheit hindurch auf Schlachtfeldern nicht versucht, einen Feind zu töten, selbst wenn sie dadurch sich oder ihre Kameraden hätten retten können – anders als heute.
Was hat zu dieser Entwicklung beigetragen?
Bis nach dem Zweiten Weltkrieg waren Soldaten lediglich gewohnt, auf eine Zielscheibe zu feuern. Das hat sie zwar als Schützen geschult, aber nicht als Killer. Wie gesagt, unser Instinkt hält uns zurück. Inzwischen haben wir allerdings Techniken entwickelt, die den Rekruten systematisch dazu zwingen, auf Menschen zu feuern. Wir erzeugen im Training eine naturgetreue Kampfhandlung. Die Zielscheibe ist ein menschliches Abbild, das bei jedem Treffer fällt. Durch die ständige Wiederholung dieses Vorgangs wird die natürliche Tötungshemmung schließlich neutralisiert, der Soldat handelt gewissermaßen automatisch. Wir sind extrem gut darin geworden, Menschen zum reflexhaften Töten zu erziehen und kaltblütige Killer zu schaffen.
Welche Techniken verwendet man zu diesem Zweck?
Das können Videospiele sein, die sogar im Handel erhältlich sind – wie „Doom“, um nur eines zu nennen –, oder Computerprogramme, die Kampfhandlungen simulieren. Aber auch psychologische Schulungen, die Experten wie ich überall in der Welt geben, gehören dazu. Die Soldaten müssen verstehen, was sie tun. Man muss sie emotional vorbereiten, Akzeptanz und Schutzmechanismen aufbauen, damit sie den Akt des Tötens besser verarbeiten können. Viele Soldaten – und Polizisten – verhalten sich wie Cowboys, die nie darüber nachdenken, wer sie sind und was sie tun.
Wie wichtig sind für die Soldaten Motive wie Angst vor Bestrafung, Gehorsam, Lob, Orden, Heldenstatus?
Schwer zu sagen. Regeln werden oft um der Regeln willen befolgt. Aber wir wissen auch, dass Soldaten in totalitären Systemen mehr aus Angst handeln denn aus Unterwürfigkeit. In Demokratien wiederum ist Gesetzestreue ein starker Einfluss, aber auch Scham. Ein Veteran hat mir mal gesagt: „Dein Instinkt sagt dir: ,Ich will leben.‘ Aber du kannst dich nicht einfach umdrehen und weglaufen.“ Ich denke, hinsichtlich der Motive sind wir von Spekulationen abhängig. Wie gesagt: Der Schüssel ist die Konditionierung durch Training. Viele andere Faktoren können darüber hinaus eine Rolle spielen und die Bereitschaft zum Töten beeinflussen. Außerdem finden Sie immer einen geringen Prozentsatz von Psychopathen, die gerne töten.
In seinem Buch „Jarhead“ erzählt der Golfkriegsveteran Anthony Swofford, Soldaten hätten aus Ärger, während eines Fronteinsatzes nicht getötet zu haben, später Leichen geschändet.
Jeder Mensch, insbesondere der Soldat, ist ein Produkt seiner Umwelt. Im Krieg gibt es dramatische Faktoren, die Gehirn und Psyche beeinflussen. Hinzu kommt, dass das Individuum vielleicht nicht töten will, die Gruppe es aber zum Killer macht. Aus der Tierwelt wissen wir, dass Gruppendynamik zur Hysterie führen kann. Hyänen etwa töten im Rudel Gazellen wie im Rausch, viel mehr Tiere, als sie fressen können.
Wird gezielte Brutalisierung heute noch angewendet, um Hemmschwellen abzubauen?
Jede Nation versucht, im Krieg ein minderwertiges Image des Feindes zu schaffen, um das Töten moralisch zu legitimieren und abzugrenzen von Mord. Das ist äußerst wirksam. Viele Veteranen erzählten mir bei meinen Interviews zu „On Killing“, für sie seien die feindlichen Soldaten keine Menschen gewesen, sondern Tiere. Die Japaner haben im Zweiten Weltkrieg beispielsweise chinesische Gefangene unter den Anfeuerungsrufen umstehender Kameraden massakriert. Anschließend wurden die Mörder mit einem Galadiner belohnt und von Frauen verwöhnt. So haben sie gelernt, Töten mit Vergnügen und Genuss in Verbindung zu bringen. Doch Brutalisierung, obwohl sie von allen Armeen der Welt weiterhin in unterschiedlicher Weise praktiziert wird, ist kontraproduktiv. Sie führt zu Greueltaten. Töten ist eine Notwendigkeit im Krieg, Gräueltaten sind verabscheuungswürdig.
Sind Bombenangriffe wie im Irakkrieg, bei denen Hunderte von Zivilisten ums Leben kommen, nicht auch Gräueltaten?
Auf eine humanitäre Diskussion möchte ich mich an dieser Stelle nicht einlassen. Es ist jedoch unstrittig, dass die Distanz zum Opfer großen Einfluss darauf hat, wie der Angreifer das Geschehen psychisch verarbeitet . Die Faustregel lautet: Je weiter entfernt das Opfer, desto weniger belastet der Akt des Tötens den Soldaten. Wenn aber Krieg notwendig ist – und in meinen Augen ist er das manchmal –, dann müssen wir bemüht sein, die psychologischen Kosten für die Beteiligten möglichst gering zu halten. Distanz hilft in diesem Zusammenhang. Krieg zerstört schon genug. Es wäre geradezu verrückt, auch noch die Menschen zu zerstören, die überleben.
Was verstehen Sie unter den „psychologischen Kosten“ für die Beteiligten?
Individuelles Leid wird nicht als „Kosten“ des Krieges erfasst. Man rechnet in Geld, Menschenleben, Verwundeten. Doch allein die Teilnahme an Kriegshandlungen ist seelisch extrem zerstörerisch. In jedem Krieg des 20. Jahrhunderts war die Wahrscheinlichkeit, psychisch krank zu werden, größer als die, getötet zu werden. Zwei Monate nach der Landung in der Normandie 1943 waren 98 Prozent aller US-Soldaten psychisch krank. Beim Töten selbst hängt es vom Einzelnen ab, manche können damit leben, manche entwickeln eine dauerhafte Amnesie, manche leiden ihr Leben lang unter posttraumatischem Stress (PTSD).
Zwischen 500.000 und 1,5 Millionen Männer, die in Vietnam ge-kämpft haben, leiden an PTSD. Gibt es eine Erklärung für dieses kollektive Trauma?
Von jeher wurden Krieger nach der Schlacht einem Ritual der Reinigung unterzogen, um ihre Blutschuld zu tilgen. Nach Vietnam hat Amerika einer ganzen Generation von Soldaten diese Anerkennung verweigert. Zu dem Horror des Erlebten kam eine bis dahin unbekannte Verurteilung durch die Gesellschaft. Die Folge waren hohe Scheidungsraten, Sucht, Depression und eine Flut von Selbstmorden. Etwa 150.000 Vietnam-Veteranen haben sich das Leben genommen – dreimal mehr, als während des Krieges gefallen sind. Man muss bedenken, dass die Rekruten damals im Durchschnitt 19 Jahre alt waren. Junge Menschen lassen sich zwar leichter motivieren zu töten, sie können jedoch schwerer mit dem Erlebten umgehen.
Könnte das auch den Heimkehrern aus dem Irak bevorstehen, zumal die Kritik an der Besetzung auch in den USA wächst?
Das glaube ich nicht. Ich betrachte diese Operation als moralisch legitimiert, und unser Militär sieht das ebenfalls so. Außerdem liegt der Altersdurchschnitt unserer Soldaten bei 25 Jahren. Sie wurden besser vorbereitet als unsere Truppe in Vietnam. Beide Kriege sind nicht miteinander vergleichbar, obwohl wir anders als im Golfkrieg 1991 mehr Nahkämpfe führen und nun auch Guerillaattacken ausgesetzt sind.
Sie haben festgestellt, ein Land im Krieg verzeichne stets eine kleine, aber signifikante Steigerung der Mordrate. Was bedeutet das für die USA, die wie kein Land in den vergangenen Jahrzehnten an kriegerischen Handlungen beteiligt waren?
Daraus würde ich keine allzu großen Rückschlüsse ziehen. Amerikas Gewaltbesessenheit hängt vielmehr mit den toxischen Einflüssen unserer Kultur zusammen. Die Medien gehen verantwortungslos mit Gewalt um, weil sich Gewalt verkauft. Hollywood glorifiziert den Krieg. Wir kreieren undisziplinierte Figuren wie Rambo, die keineswegs typisch sind für das Militär. Interaktive Videospiele mit brutalen Inhalten erziehen unsere Kinder und Jugendlichen zu Aggression und Gewalt. Die Kinder beobachten Szenen von menschlichem Leid und Tod und lernen, sie mit Spaß, Softdrinks und Popcorn zu assoziieren. Gewalt ist ein Magnet wie Sex, wir können uns der davon ausgehenden Faszination nicht entziehen. Für einen 12-Jährigen sind diese Videospiele, um im Bild zu bleiben, wie Porno.
Lassen sich so tatsächlich Massaker auf amerikanischen Schulhöfen wie an der Columbine High School erklären?
Das Thema ist komplexer, keine Frage. Aber alleine durch diese Videospiele trainieren wir junge Menschen wie Soldaten – mit dem Unterschied, dass die Kids nicht völlig unterscheiden können, was real und was ein Spiel ist. Ich lebte in Jonesboro, Arkansas, als 1998 dort zwei Teenager vier Schüler und einen Lehrer erschossen. Erstaunlich war, mit welcher Treffsicherheit die Täter zielten. Ganz offensichtlich hatten sie ihre Reflexe tausendfach am Computer geschult. Wir haben es hier mit einem Virus zu tun, der sich zur Epidemie ausbreiten wird, wenn Medien und Unterhaltungsindustrie nicht reagieren.
Nachdem Sie über eine militärische Ausbildung verfügen und mit der Psychologie des Tötens vertraut sind, stellt sich die Frage...
... ob ich einen Menschen töten könnte? Ich hoffe, ich werde nie dazu gezwungen. Ich lege Wert auf die Feststellung, dass ich nicht dazu gezwungen werden will. Aber auf Basis meiner persönlichen Reife, meiner Erfahrungen und meines Wissens glaube ich, es wäre eine kontrollierte Handlung, mit der ich in jeder Hinsicht umgehen könnte. Vielleicht täusche ich mich aber.
Von GERHARD WALDHERR
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