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Schatzkammer der Früchte

Thailands traditionelle Heimgärten sind artenreiche Miniatur-Ökosysteme. Die Pflanzen spenden einander Schatten und Nährstoffe - und liefern den Bauernfamilien fast alles, was sie zum Leben brauchen.

Früh am Morgen geht der alte Mann durch den Garten. Vögel singen im Bambus, ein Hahn kräht, heiseres Hundegebell. Leise rascheln die Blätter unter Thongchueas Füßen. Noch ist es kühl und schattig. Noch zirpen die Zikaden nicht. Im Teich schnappen Karpfen und Sa-Wai-Fische nach Luft. Wie immer trägt Thongchuea seinen breitkrempigen Strohhut, wie immer tickt an seinem linken Handgelenk die goldene Uhr. Unter dem Jeanshemd lugt eine Tätowierung hervor. Muskulös ist er, der Großvater, kräftig und geschmeidig trotz seiner 73 Jahre.

 

Mit einer Bambuskelle schöpft er Wasser auf die Schößlinge, hie und da muss ein Baum beschnitten, die Erde gelockert werden. Später wird Thongchuea Tamarinden und Limonen pflücken, Chilis vom Strauch klauben, Ananas ernten. Mit einer Machete schlägt er schmale Schneisen in den Dschungel, der sein Garten ist. Hier gibt es keine Beete, keine Baumreihen oder Zäune – die Pflanzen wachsen durch- und übereinander. Orchideen, Lianen und Moose wuchern an den Stämmen. Mittendrin ein winziger Schrein auf Stelzen, der das Anwesen vor bösen Geistern beschützt.

 

300 Meter lang und 70 Meter breit ist der suan (Garten) der Familie Lek-kham, den traditionell die Alten pflegen. Während die Jüngeren die schwere Arbeit auf den Reisfeldern verrichten, kümmern sich Oma und Opa um die Früchte – und um die Früchtchen. Für die ist der suan ein Spielplatz, zur Arbeit werden die Kinder kaum herangezogen. Das meiste erledigt sich eh von selbst. Blätter und Früchte, die zu Boden fallen, verwandeln sich in hochwertigem Kompost – man darf sie nur nicht wegräumen.

 

„Wir sind mit gutem Klima gesegnet“, sagt Thongchuea. „Tagsüber wird es sehr heiß, aber die Luft bleibt immer feucht. Ideal für tropische Früchte.“ Geerntet wird das ganze Jahr über. Erst Mangos und pflaumenartige Ma Prang, im Mai die stacheligen Durian, dann die murmelgroßen Langsat-Früchte. Es gibt Lychees, Feigen und Annonen mit ledrigen Blättern, Long Kong und Mafai, die burmesische Traube. Einen Teil der Ernte verkaufen Thongchuea und seine Frau auf dem lokalen Markt, ihre delikaten Durians treten sogar die weite Reise nach Japan an. Das meiste landet jedoch im eigenen Wok, zugekauft wird nur wenig. Sogar Medizin stellen die Lek-khams selbst her: Bei Erkältungen und Verspannungen hilft ein Aufguss aus Zitronengras, andere Kräuter bei Wunden und Stichen.

 

Vor 30 Jahren sah es bei den Lek-khams und den anderen Reisbauern von Ban Khunphang noch ganz anders aus. Damals gab es in dem Dorf in der nordthailändischen Provinz Uttaradit keinen einzigen suan mehr. Monokulturen hatten sich breit gemacht. Thongchuea setzte auf Mais und Bananen. Doch Pestizide und Überdüngung machten den Boden unfruchtbar, Dürre und Erosion ließen seine Erträge schrumpfen. Zudem waren die Kleinbauern plötzlich schwankenden Welthandelspreisen ausgeliefert.

 

1975 beschloss Thongchuea, wieder das anzubauen, was seine Vorfahren gepflanzt hatten – Obstbäume und Kräuter, Gewürzsträucher und Gemüse. Seine Rückbesinnung auf alte Traditionen war ein ökologischer und ökonomischer Erfolg. Die meisten Nachbarn folgten Thongchuea Lek-khams Beispiel. Erst kürzlich wurde der ruhige Mann mit dem zufriedenen Gesichtsausdruck für seine Pioniertat als „hervorragender Landwirt“ ausgezeichnet.

 

Seit mehr als 7000 Jahren wird in der Chao-Praya-Ebene, einem der ältesten landwirtschaftlichen Gebiete der Welt, Reis angebaut, und die suan sind seit Jahrhunderten Bestandteil der klassischen Siedlungsstruktur der Reisbauern – wie überall in Asien, wo dieses Getreide angebaut wird. Rund um die Häuser wurde und wird auf kleinem Raum all das gepflanzt, was man zum täglichen Leben braucht; die Kleinbauern sind dadurch weitgehend autark.

 

Aber auch Mechaniker, Busfahrer oder Büroangestellte besitzen Heimgärten. Solange die Familien intakt sind, funktionieren auch die suans. Mit der Qualität und Frische der selbst angebauten Produkte – und mit ihrem Preis – kann kein Supermarkt konkurrieren. Zwar sind nicht alle Gärten so gut in Schuss wie Thongchueas, aber fast überall in Thailand konnte sich die Gartenkultur trotz zunehmend industrialisierter Landwirtschaft behaupten – selbst in der Peripherie der Millionenstadt Bangkok.

 

Das Verschwinden der suans wäre ein unwiederbringlicher Verlust. In ihnen steckt das Wissen vieler Generationen: die Abstände zwischen den Bäumen, die Anordnung schnell und langsam wachsender Pflanzen, die Pflege. Biologen nehmen an, dass die mehrstöckigen Gärten das Ökosystem des tropischen Regenwalds imitieren. Wie im Urwald spenden sich die Pflanzen gegenseitig Schatten, Nährstoffe und Wasser werden optimal genutzt. Die traditionellen Heimgärten sind das vielfältigste von Menschenhand geschaffene agrikulturelle Ökosystem überhaupt.

 

Und Thongchuea Lek-khams Garten ist ein Musterbeispiel für diesen faszinierenden Artenreichtum. Hier wachsen verschiedenste Mango-Arten, seltene Durian-Sorten – und der vom Aussterben bedrohte Tao-Baum. Diese Palmenart mit essbaren Samen gibt es nur noch in den abgelegensten suans. Kletterpflanzen ranken am Stamm empor. Riesige Palmwedel streifen seine Rinde. Es riecht feucht und modrig, nach Wachstum und Verfall. Thongchuea hält den Schirm schützend über sich und seine Enkelin. Jedes Jahr, so erklärt er dem Mädchen, trägt der Tao seine Früchte etwas tiefer. Wenn sie ganz unten hängen, so Thongchuea, muss der Baum sterben. „Und dann“, sagt der alte Mann, „dann pflanzen wir natürlich einen neuen.“


Fotos: THORSTEN FUTH

Selbstversorger

 

Kleingärten

„Nur Arbeitslose und Arme“, verfügte 1819 ein englisches Gesetz, „dürfen die Parzellen pachten und darauf Gemüse anbauen.“ Auch in Deutschland stand die 1864 in Leipzig begründete Schrebergartenbewegung anfangs ganz im Zeichen der sozialen Idee: Die Gärten sollten den Arbeitern zur Erholung dienen, die eigene Ernte ihren Speiseplan aufwerten. Heute gibt es bundesweit mehr als eine Million Kleingärten, deren Wert für Naherholung und Stadtklima unschätzbar ist. Zugleich sind sie — etwa für alte Obstsorten — Refugien der Artenvielfalt. Zunehmend setzen sich chemiefreie Naturgärten durch: „Mischkulturen schützen vor Schädlingsbefall“, rät der Bundesverband Deutscher Gartenfreunde. „Ringelblumen neben dem Blattsalat halten Blattläuse fern. Und Möhren schützen Zwiebeln vor Zwiebelfliege oder Radieschen vor Erdflöhen.“

Internet: www.kleingarten-bund.de

 

Permakultur

Alles ist vernetzt und stärkt sich auf fruchtbare Weise gegenseitig — die Idee der Permakultur (aus dem Englischen: „permanent agriculture“) ähnelt der uralten Tradition von Thailands Bauerngärten. Im Zentrum der von dem Australier Bill Mollison begründeten Lehre stehen artenreiche Pflanzenkulturen, die Ökosystemen gleichen und zugleich den Menschen ernähren, der Teil des Ganzen ist. Am besten werden gleich ganze Siedlungen permakulturell angelegt, aber auch auf Dächern, Balkons und in Gärten lässt sich nach Mollisons Grundsätzen eine „ökologische und soziale Umwelt“ schaffen.

Internet:www.permakultur.de; www.cityfarmer.de

 

Tropische Bio-Früchte

Mangos und Papaya, Sesam und Vanille, Kokos- und Macadamia-nüsse — die Liste tropischer Früchte, die bei uns aus ökologischem Anbau erhältlich sind, ist lang. Es lohnt, für sie ein bisschen mehr auszugeben. Nicht nur, um Pestizide und Gentechnik zu meiden. Zugleich unterstützt man eine oft kleinbäuerliche, in Kooperativen organisierte Landwirtschaft mit traditionellen Anbaumethoden und ohne Gesundheitsgefahren für die Feldarbeiter.

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