greenpeace magazin 5.03

Aus für die Hagia Atomica

Stade findet’s schade — dass sein AKW als erstes nach dem Atomkonsens abgeschaltet wird. Wie die Bevölkerung gelernt hat, ihren Reaktor zu lieben.


Wo der Zaun das Atomkraftwerk von den Apfelbäumen trennt, wo er mit betonierten Fahrzeugsperren, rostendem Stacheldraht und Beobachtungsposten an die verblichene DDR erinnert, da baden sie. Eine Mutter plantscht mit ihren drei Kindern im Elbwasser, ein Rentner lässt sich nahtlos bräunen. FKK am KKW, 300 Meter neben der grauen Reaktorkuppel. „Am Anfang hab’ ich immer mal rübergeschaut, aber mit der Zeit wird man phlegmatisch“, sagt Herr Hecht, und dann erzählt er von seinem Schulkameraden, der als Elektriker im Kraftwerk gearbeitet habe: „Da hat immer was getropft, der hat’s jetzt an den Knochen.“

 

Rings um das Atomkraftwerk Stade lässt sich eine paradoxe Formel aufstellen: Mit der Nähe zum Reaktor nimmt die Bedrohung ab. Für Atomkraftgegner in ganz Deutschland gilt das zweitälteste noch aktive Kernkraftwerk als Symbol für die Risiken der Atomenergie. Hier erreicht die grüne Bewegung ein Etappenziel: Im November wird der 31 Jahre alte Reaktor als erstes Kraftwerk nach dem Atomkonsens abgeschaltet. Die meisten Stader bedauern das.

 

Zum Beispiel Gisela Meyer-Stuhr. Die Endfünfzigerin, blond, aufrecht, mit frischem Teint, steht in ihrer Scheune, in der sich die Obstkisten bis unters Dach stapeln, und verkauft Äpfel. Frau Meyer-Stuhr ist in dieser Gegend geboren und hat den 25 Hektar großen Obsthof von ihrem Vater übernommen. Vor zehn Jahren hat sie auf integrierten Anbau umgestellt, „wir wollen unser Obst ja selbst mit Genuss und gutem Gewissen essen“. Vom Reaktor, der zwei Kilometer hinter ihren Bäumen liegt, hat sie sich nie bedroht gefühlt.

 

„Da war ja nie was“, sagt sie, „und die ganzen Physiker, die von Kerntechnik echt ’ne Ahnung haben, die haben alle hier ihre Häuser gebaut.“ Ihr eigener Mann hat als Bauingenieur im Kraftwerk gearbeitet – die Stader reden meist neutral vom „Kraftwerk“, manchmal vom Kernkraftwerk, nie vom Atomkraftwerk. „Pünktlich um vier am Nachmittag kam er angeradelt, und dann hat er hier weitergearbeitet.“ Zum Abschied bekam er einen Apfel aus Beton geschenkt. Der hat einen Meter Durchmesser, einer der Söhne hat ihn rotbäckig angemalt, an der Hofeinfahrt soll er Kunden locken. „Für die Region ist es ein großer Schaden, dass das Kraftwerk aufhört“, sagt die Obstbäuerin, „denken Sie nur an die Arbeitsplätze.“ Das Atomkraftwerk beschäftigt rund 400 Menschen. Die Kreisstadt Stade hat 45 000 Einwohner, davon 2000 Arbeitslose.

 

Heinz Dabelow kam 1945 auf dem Bahnhof von Stade an und fragte sich: „In diesem Nest soll ich bleiben?“ Er war 23 Jahre alt, hatte in Stettin Schiffbauer gelernt und fünf Jahre als Panzerfahrer in Russland hinter sich. Granatsplitter wanderten durch seinen Körper, sein linkes Auge ist aus Glas.

 

Heute sitzt Dabelow unter dem großen Sonnenschirm eines Cafés mitten in Stade. Passanten grüßen ihn respektvoll. Dabelow nickt freundlich zurück, mit der Routine des Politikers, die nicht erkennen lässt, ob er den Gegrüßten tatsächlich kennt. Sein weißes Haar leuchtet in der Sonne, der alte Herr sagt aufgeräumt: „Wenn ich durch die Stadt gehe, spüre ich die Anerkennung der Bürger.“ Seit 1976 war Heinz Dabelow, SPD, im Ehrenamt Bürgermeister von Stade. Als er sich 2001 nicht mehr zur Wahl aufstellen ließ, stiftete die CDU die „Bürgermeister-Dabelow-Bank“ für den „Bürgermeister-Dabelow-Platz“ vor dem Rathaus, mitten in der aufwändig restaurierten Altstadt. Rote Klinker in weißem Fachwerk, Sprossenfenster und Renaissancefassaden, Hafenkran und Schwedenspeicher erinnern hier an die wohlhabende Vergangenheit der Hansestadt. Biotonnen sind aufgestellt, Passanten mit Tragetaschen bummeln durch die gepflasterten Gassen.

 

Heinz Dabelow reibt die Finger wie zum Geldzählen und sagt: „Altstadt – Kernkraftwerk“. Will heißen: 1972 ging das Atomkraftwerk ans Netz, im selben Jahr begann Stade, seine Altstadt zu restaurieren. Das Kraftwerk brachte nicht nur Gewerbesteuer, es lockte mit seinem billigen Strom Industriebetriebe ans Stader Elbufer: Dow Chemical, heute mit 1600 Arbeitsplätzen das größte Unternehmen, sowie zwei Aluminiumwerke. Vergangenes Jahr schwemmten die Unternehmen eine Gewerbesteuernachzahlung von 55 Millionen Euro in die Stadtkasse. Dabelow spricht von seinem Kraftwerk, dem Motor der Industrialisierung, in einem warmen Ton der Dankbarkeit: „Vom Kernkraftwerk haben wir gelebt.“

 

Das Rathaus von Stade liegt 4,5 Kilometer vom Atomkraftwerk entfernt. Die graue Kuppel und der Schornstein, schlank wie ein Minarett, sind von der Altstadt aus nicht zu sehen. 1981 gab es bei Dow Chemical eine Explosion, sieben Arbeiter wurden verletzt, 600 Kilo Chlor waberten über der Stadt. Vom Atomkraftwerk war nie etwas zu spüren, was das Credo der Stader erschüttert hätte: Das Kernkraftwerk ist sicher und schafft Arbeitsplätze. Jedes Jahr kamen 1000 Mann zur Revision und untersuchten einen Monat lang die Anlage. Wirte und Vermieter von Fremdenzimmern freuten sich.

 

Auch die Katastrophe von Tschernobyl rüttelte nicht an den Überzeugungen des Heinz Dabelow. „Ich kenne ja die russische Technik“, sagt der ehemalige Frontsoldat, „bei denen hängt schon mal ein Kabel rum. Mich hat das nicht gewundert.“ Genosse Dabelow erinnert sich an eine Wahlkampftour mit dem jungen Gerhard Schröder, als der noch in Niedersachsen in der Opposition saß. Sie fuhren mit einer Barkasse auf der Elbe, Schröder blickte zum falschen Ufer, und Dabelow stieß ihn an: „Hierher musst du gucken, hier ist die Industrie.“ Als Schröders Bundesregierung den Atomkonsens aushandelte, kämpfte Dabelow persönlich für sein Kernkraftwerk. Er fuhr ins Kanzleramt. „Briefeschreiben bringt ja nichts, da muss Butter bei die Fische.“ Im letzten Wahlkampf, erzählt der alte Herr schmunzelnd, habe Schröder seinen Stab gefragt: „Ist der Dabelow immer noch Bürgermeister in Stade?“

 

Am 5. Februar 1999 demonstrierte Stade für sein Kernkraftwerk. 4000 Menschen kamen zusammen, Dabelow stand mit der Bundestagsabgeordneten von der CDU in der ersten Reihe. „Ich hab’ in meinem Leben oft demonstriert, aber immer nur mit Truppen“, sagt der Veteran. Deshalb hat er auch die Demos der Atomkraftgegner in Stade „nie so richtig ernst genommen“, wie er freimütig zugibt, „das war ja ein ganz kleiner Haufen, die meisten kamen aus Hamburg oder Bremen“, die Einheimischen konnte man an den Fingern abzählen. Dieser Gegner war vernachlässigbar, manchmal konnte man ihm sogar Anerkennung zollen: 1998 kletterten Greenpeacer auf die Kraftwerkskuppel, die weder Tritt noch Halt bot, und montierten einen metergroßen symbolischen Ausschalthebel. „Das war eine artistische Leistung“, sagt Dabelow sportlich.

 

Auf dem Besprechungstisch von Thomas Friedrichs steht eine Designeruhr mit dem Logo von Eon. Friedrichs, Jahrgang 1962, ist seit sechs Jahren Wirtschaftsförderer im Rathaus. Zur Atomenergie hat er ein unideologisches Verhältnis: „Ich muss verhindern, dass der Standort Stade totgeredet wird.“ Am 30. Juni hat die Saline dichtgemacht, 175 Arbeitsplätze fallen weg. Die Saline bezog vom Kernkraftwerk Dampf, ab November hätte sie dieses Produktionsmittel anderweitig teurer besorgen müssen. Friedrichs fürchtet einen Domino-Effekt: Was machen die beiden Aluminiumwerke und die Chemiefabrik, wenn die Energiekosten steigen?

 

Vor drei Jahren hat Greenpeace eine Studie vorgelegt: Würden in Stade Windenergieanlagen hergestellt, könnten 600 zusätzliche Arbeitsplätze entstehen. Der Standort wäre ideal, um die riesigen Rotoren direkt auf dem Wasserweg zu neuen Offshore-Windparks im Meer zu transportieren. „Wenn man das öffentlich als tolle Idee gefeiert hätte“, sagt Friedrichs, „hätte man sich einige eingefangen.“ Er wollte diese Chance trotzdem ausloten und sprach mit den sechs größten Herstellern von Windkraftanlagen. Keiner hatte Interesse an einem neuen Werk in Stade. „So liegt jetzt eine schöne Studie im Schrank.“

 

Der Wirtschaftsförderer lamentiert nicht. „Das Thema Kernkraft ist durch.“ Mit Fleiß hat er sich an den Umbau des Standorts gemacht, jetzt schaut er selbstbewusst in die Zukunft. Im Juli wurde der Grundstein für ein Technologiezentrum gelegt: Rund um das Airbus-Werk sollen High-Tech-Unternehmen hier an Kohlefaser-Werkstoffen für den Leichtbau in Fahrzeugen aller Art forschen. Und südlich der Stadt liegen zwölf Kilometer Sand in den Wiesen – die Trasse für die Autobahn nach Hamburg. „Unsere Demonstrationen haben die Politiker bewogen, unseren Wunsch Nummer eins zu erfüllen: Endlich wird die Autobahn gebaut.“

 

Die Kapelle „Edelweiß“ spielt „Que sera“, die dralle Bedienung wirft im Festzelt das erste Tablett um: Das 149. Stader Schützenfest ist eröffnet. Der Präsident überreicht sechs Frauen die Ehrennadel für 25 Jahre Mitgliedschaft, nicht ohne kritischen Unterton: „Ich frage mich: Wo bleibt die Männlichkeit im Stader Schützenverein?“ Uwe Merckens, Fraktionsvorsitzender der Grünen im Stadtrat, erhält einen Pokal für seinen zweiten Platz beim Ratsschießen. Es ist 35 Grad warm, Merckens hat heute morgen die Stade-Krawatte aus dem Schrank gegriffen. Er sagt: „Die ist nicht geglückt, aber sie hat viel Grün.“

 

Uwe Merckens, 52 Jahre alt, schaut pfiffig aus einem etwas verquollenen Gesicht. Er trägt Kinnbart und ist untersetzt. 1976 wechselte er als Maschinenschlosser für eine Fremdfirma im Atomkraftwerk Ventile aus. Weder er noch seine Kollegen machten sich Gedanken über Radioaktivität. „Ich hab’ in der Industrie gesehen, wie leichtsinnig Menschen mit ihrer Gesundheit umgehen. Erst wenn sie was am eigenen Leib fühlen, werden sie aktiv.“ Angeregt durch Erlebnisse bei der Bundeswehr kam er zur Friedensbewegung, von dort zu den Grünen.

 

Merckens stammt aus dem benachbarten Alten Land, seit 1978 lebt er in Stade. „Die Stader sind mit ihrem Kraftwerk groß geworden“, erklärt er sich die emotionale Nähe zum Atomreaktor. „Manche outen sich bei mir: ‚Ich wähl´ dich, aber du darfst es nicht sagen’ – Einzelhändler stecken genauso in Abhängigkeiten wie Ärzte.“ Bei grünen Demos machte Merckens die Erfahrung , „dass selbst Bekannte sich mit merkwürdigen Ausreden drückten“.

 

Mitte der 80er Jahre erreichte die Initiative der Grünen in Stade ihren Höhepunkt: Physiker hielten atomkritische Vorträge, zwei Kabarettisten kamen. Zur größten Demo brachten die Grünen 1000 Leute auf die Beine, „davon zwei Prozent Stader, das war schon peinlich“. Eine kleine Befriedigung zieht Merckens aus dem Umstand, dass die große Demonstration für das Kraftwerk 1999 ebenfalls importiert war: „Ich hab’ die Busse aus Würgassen und von den anderen AKW-Standorten gesehen. Und die Stader haben alle frei bekommen, mitten unter der Woche, zur schönsten Arbeitszeit.“

 

Der Fraktionsvorsitzende Merckens geht zum jährlichen Grünkohlessen des Kernkraftwerks, und er nimmt am Vereinsleben teil: „Wenn du nicht an der Theke mit den Leuten schnackst, giltst du als Spinner.“ Mit einer gewissen Dickfelligkeit erträgt er Frotzeleien. Feindseligkeit spürte er nur Ende der 90er Jahre, als RotGrün den Atomkonsens aushandelte. In Stade luden die Grünen zu einer Informationsveranstaltung, Mitarbeiter des Kernkraftwerks wollten sie nicht in die Gaststätte lassen. „Da hatten wir Angst, dass die Auseinandersetzung in die Wohnungen getragen wird.“

 

Bei der Kommunalwahl 2001 rutschten die Grünen von 11,4 auf 8,5 Prozent. Im Bundestagswahlkampf machte Jürgen Trittin einen Bogen um Stade, auch Joschka Fischer kam nicht. Merckens konnte schließlich Bärbel Höhn für einen Auftritt gewinnen. 2000 beschloss Eon, das Atomkraftwerk zurückzubauen. Das sichert Arbeitsplätze bis 2015. „Damit war das Thema durch“, urteilt Merckens, „seither sind die Arbeitnehmer befriedigt.“ Der grüne Fraktionsvorsitzende sieht dem Tag Mitte November mit gemischten Gefühlen entgegen, wenn das Atomkraftwerk Stade vom Netz geht: „Ich hätte mir das viel früher gewünscht. Und Eon tut das ja gar nicht weh, weil sie die eingesparte Reststrommenge von Stade mit einem anderen AKW verrechnen können. Dass ich alter Kämpfer diesen faulen Kompromiss mitmachen muss.“

 

„Für wen schreiben Sie?“ fragt der Hausarzt, „na gut, das liest hier sowieso keiner.“ Volker von der Damerau-Dambrowski, 61 Jahre alt, betreibt seit 26 Jahren eine Praxis in Stade. Mit randloser Brille und Siegelring sitzt er hinter seinem Schreibtisch, gut genährt und selbstbewusst. Auch Mitarbeiter des Kernkraftwerks, das er spöttisch „Hagia Atomica“ nennt, gehören zu seinen Patienten. „Wer dort arbeitet, sieht das Kraftwerk positiv, und das hat Strahlkraft auf andere“, erklärt er dessen Beliebtheit bei der Bevölkerung. „Und die Gefahren blenden wir alle, die wir Wand an Wand mit dem Ding leben, ein Stück weit aus.“ Aus besorgten Fragen von Patienten, die sich ihrem Hausarzt gegenüber öffnen, weiß er: „Es spielt in der Phantasie der Menschen eine Rolle, es wird als Bedrohung empfunden. Aber wir neigen dazu, nicht darüber zu sprechen. Wir können’s ja doch nicht verändern.“

 

Nach Tschernobyl wurde die Angst vor einem GAU in Stade mit einem zynischen Witz überspielt: „Bei uns kommt der Wind von Westen, dann kriegt Hamburg das ab.“ Dr. Damerau hatte ein Schlüsselerlebnis, als er die offizielle Broschüre über das Verhalten im Störfall las: „Das ist ja nachgerade lächerlich, wenn wir gezwungen wären, so nach dem Motto zu handeln: Aktentasche vor den Kopf halten.“ Doch nüchtern sagt er: „Die Konsequenz wäre gewesen wegzuziehen. Aber das ist ein großer Schritt. So haben wir’s halt ertragen und gelebt.“ Seine persönliche Konsequenz: „Ich habe phasenweise die Partei gewählt, die dagegen war.“

 

Dr. Damerau kennt keinen Patienten, dessen Krankheit in einem ursächlichen Zusammenhang mit dem Atomkraftwerk steht. „In meiner Praxis häufen sich zwar die Fälle von Unfruchtbarkeit, aber ich kann wissenschaftlich keinen Zusammenhang beweisen.“ Ein Krebsregister, das die Grünen gefordert haben, hat der Landkreis nie eingeführt. Dameraus Praxis liegt fünf Kilometer vom Reaktor entfernt. Mit einem jovialen Lachen sagt der Arzt: „Wir alle, die wir keine direkten wirtschaftlichen Interessen mit dem Kraftwerk verbinden, sind froh, dass das Ding eingestampft wird.“

Am schwarzen Brett des Kraftwerks hängen die Termine für das Forellenfischen, dazu eine Namensliste: „Den u.g. Herren (Rentnern) wird ohne Firmenausweis der Zutritt zum Angeln auf das Betriebsgelände erlaubt!“ Der Rückbau des Atomkraftwerks dauert zwölf Jahre. So lange bleibt ein Großteil der Arbeitsplätze erhalten. „Es wird keine betriebsbedingten Kündigungen geben“, verspricht Betreiber Eon. Wer noch zu jung ist für den Vorruhestand, erhält ein Angebot zur Weiterbeschäftigung an einem anderen Konzernstandort. Trotzdem ist der Betriebsratsvorsitzende Werner Hecker gegenüber Greenpeace nachtragend: „Das passt ja wie Topf auf Deckel: Erst steigen Sie uns aufs Dach, und dann wollen Sie auch noch Informationen von uns.“

 

Hecker nimmt den Ausstieg aus der Atomenergie persönlich. Dass Eon das Stader Kraftwerk aus wirtschaftlichen Gründen frühzeitig vom Netz nimmt, will er nicht glauben. Im „Stader Tageblatt“ betreibt er Legendenbildung: „Die möchten nur nicht den Eindruck aufkommen lassen, dass Stade ein Bauernopfer ist und sie einen Bückling vor der rot-grünen Regierung machen mussten.“

 

Im letzten Haus von Stade-Haddorf, neun Kilometer vom Reaktor entfernt, liegt der Bioladen „La Vida“. Veronica Sanchez führt ein sorgfältig ausgewähltes Sortiment von Demeterbrot über Biokäse bis zu Öko-Hefeweißbier. Die 38-Jährige ist Ernährungsberaterin und Heilpädagogin. „Nehmen Sie das basische Badesalz“, berät sie eine Kundin, „das entsäuert und nimmt den Stress. “

 

Vor fünf Jahren zog Veronica Sanchez mit ihrem Mann, einem Feng-Shui-Berater, und ihren drei Kindern von Hamburg nach Stade. „Uns war klar, dass das Atomkraftwerk bald abgeschaltet wird.“ Ihre Erleichterung darüber wird getrübt durch eine Verschwörungstheorie: „Hier wird ein Endlager gebaut. Da wäre es fast besser, wenn das Atomkraftwerk am Netz bleibt.“ Neben dem Kraftwerk entsteht eine Halle, 66 Meter lang, die Wände aus 80 Zentimeter dickem Stahlbeton. Hier soll der kontaminierte Bauschutt zwischengelagert werden, der beim Abriss anfällt.

 

Familie Sanchez hat sich in Stade eine alternative Nische eingerichtet: Strom kommt vom Windrad und von den Solarzellen, an den Deckenbalken hängen Zwölf-Volt-Lampen, hinter dem Haus schwimmen Koi-Karpfen im Teich. Leider führt direkt am Idyll die B 73 vorbei, auf der jeden Tag die Autofahrer ihren Frust darüber austoben, dass es zwischen Hamburg und Cuxhaven keine Autobahn gibt. „Deshalb bin ich da ganz egoistisch und freue mich, dass wir bald die A 26 bekommen“, sagt Frau Sanchez. So profitiert sie doppelt vom deutschen Weg aus der Atomenergie.

 

Andererseits kommen in den Bioladen regelmäßig Kundinnen, deren Männer ihr Geld im Atomkraftwerk verdienen. „Das sind die, die nicht auf den Preis gucken“, sagt Victoria Sanchez, „es wäre schon schade, wenn die wegziehen.“



Text: Johannes Schweikle
Fotos: André Lützen



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