greenpeace magazin 6.01
Für ihr Hobby nehmen Meeres-Aquarianer fast jeden Preis in Kauf — und keine Rücksicht auf die Umwelt. Korallenriffe und Artenvielfalt bleiben beim Handel mit exotischen Fischen auf der Strecke.
Leuchtend rosarote Fächerkorallen prangen, purpurne Demoisellen flösseln vorüber, Tentakeln wippen in der Strömung. Orange-schwarze Seesternarme schlängeln in Felsritzen, Borstenwürmer kriechen durch feinen Kies. Zwei gelbe Doktoren jagen durchs kristallklare Wasser, erschrocken verschwindet ein feuerroter Flammenkaiser hinter einer Seeanemone, während ein Einsiedlerkrebs sich hastig in seinem Schneckenhaus verkriecht.
700 Liter tropisches Leben mitten in Berlin – und direkt daneben auf dem Ledersofa im Wohnzimmer sitzt Leo Gessert, der stolze Besitzer des marinen Biotops. Seit 13 Jahren ist der 47-jährige Justizbeamte Meeresaquarianer, seit vielen Jahren in einem Berliner Verein organisiert und Herausgeber der Vereinszeitschrift "MarinLife". Mehrere zehntausend Mark hat er über die Jahre für sein Hobby ausgegeben, und deswegen vermutlich schon mehr als einen Ehestreit mit seiner Frau ausgestanden.
Christa Gessert sitzt einen Meter entfernt im anderen Eck des Sofas. Die Aquaristik ist auch heute noch nicht ihr Steckenpferd: Mal kommt ein kritischer Kommentar, mal ein missbilligender Blick, wenn ihr Mann mit kindlich leuchtenden Augen davon erzählt, wie er für mehrere tausend Mark sein Aquarium in Leipzig maßanfertigen ließ oder in einem Laden in der bayerischen Provinz endlich das fehlende Weibchen für seinen gelben Lippfisch erstehen konnte. Gessert ist mit Leib und Seele Aquarianer, ein bisschen verrückt, ein echter Meeresfisch-Freak.
Schätzungsweise mehrere zehntausend Deutsche begeistern sich für dieses Hobby, die Bundesrepublik ist nach den USA und Japan der drittgrößte Markt weltweit. Jährlich werden hierzulande zweistellige Millionenbeträge umgesetzt und geschätzte sechs Millionen Meeresfische importiert, vor allem aus den Philippinen, Indonesien, Thailand, Singapur und Hawaii. Seit den Anfängen in den 60er Jahren ist die Fangemeinde stetig gewachsen, und so hat sich auf Hawaii beispielsweise die Zahl der gefangenen Meereszierfische seit Anfang der 70er verfünffacht. Nach einem Report des Washingtoner World-watch-Instituts werden weltweit jährlich 500 bis 600 Millionen Zierfische aus den Meeren geschöpft. Für viele der meist armen Exportländer ist der Zierfischhandel eine wichtige Einnahmequelle.
Aber je mehr Menschen in den reichen westlichen Ländern den Wunsch haben, sich mit tropischen Fischen und bunten Korallen einen Tupfer Exotik ins Wohnzimmer zu holen, um so problematischer wird diese Leidenschaft: Nicht nur leiden die durch Klimaerwärmung, Meeresverschmutzung, Taucher und Ankerschäden eh schon arg strapazierten tropischen Korallenriffe unter dem Fischen mit giftigem Zyanid oder sind viele gehandelte Arten wie Seepferdchen oder etliche Steinkorallen inzwischen vom Aussterben bedroht. Vor allem die hohe Todesrate der Tropenfische ist ein Problem: Ein Teil wird schon im Riff mit Zyaniden vergiftet (siehe Kasten), andere wiederum werden so brutal aus dem Netz gerissen, dass die Kiemen aufreißen und sie verbluten. Der nächste Teil stirbt am Dauerstress oder erstickt in schlecht belüfteten Transportbehältern. Mindestens die Hälfte der Fische ist schon tot, ehe sie überhaupt in ein Frachtflugzeug nach Europa, in die USA oder Japan verladen wurde.
Für den Flug werden bis zu 20 Tiere in eine Plastiktüte mit möglichst wenig Wasser gepackt: "Die Fische sind eigentlich billig, teuer ist vor allem der Transport", erklärt der Berliner Großhändler Heiko Franke. Nach seinen Angaben sterben durchschnittlich zehn Prozent der Fische direkt nach der Ankunft bei ihm – oder sind schon tot.
Um Gewicht zu sparen, ist das Wasser in den Tüten oft so knapp, dass Fische bis zu 48 Stunden auf der Seite liegen müssen, damit sie nicht aus dem Wasser ragen. "Sie schnappen noch verzweifelt nach Luft, wenn man die Tüten öffnet, und rühren sich dann nicht mehr. Bei vielen Lieferungen war die Hälfte der Fische tot oder fix und fertig, in Extremfällen lebten von 500 Tieren gerade noch zwei", erinnert sich Dieter Bruhns (Name von der Redaktion geändert), der lange Zeit im deutschen Meeresaquarienhandel gearbeitet hat. "Das lag auch an meinem damaligen Chef, einem Großhändler, der hat profitgeil dort gekauft, wo es am billigsten war. Der Zustand der Fische war ihm egal. Es zählte allein das Geschäft – Kohle, Kohle, Kohle."
Sinken die Gewinne wegen hoher Ausfälle bei den Lieferungen zu stark, wechseln die Großhändler einfach den Exporteur, doch in den meisten Herkunftsländern sind die Haltungsbedingungen ähnlich katastrophal: Oft vegetieren die Fische tagelang ohne Futter in rostigen Blecheimern oder schwimmen in Massen von Antibiotika, bevor sie für den Transport verpackt werden.
Für die wenigen Tiere, die den Leidensweg vom Fanggebiet bis zum deutschen ischgroßhändler überlebt haben, geht das Martyrium weiter: In Plastiktüten und Transportkartons werden sie zum Einzelhändler gekarrt. Bei Andreas Franke, seit 1997 Besitzer eines kleinen Meeresaquaristikgeschäfts in Berlin, gehen rund zehn Prozent der Fische nach der Ankunft ein. Ex-Verkäufer Bruhns erzählt, dass die Ausfälle im Einzelhandel teilweise noch viel höher sind: "Beim Pinzettfisch, einem der beliebtesten Korallenfische, starben von fünf gelieferten Tieren vier bei uns im Laden."
Selbst von jenen Fischen, die es bis ins Becken eines Aquarianers schaffen, "kippt" ein großer Teil in den ersten Wochen "weg" (wie die Szene es nennt). Viele sterben wegen altungsfehlern wie falscher Fütterung oder zu dichtem Besatz, andere sind schon so angeschlagen, dass auch die beste Pflege sie nicht mehr retten kann. So sind bei mit Zyanid gefangenen Fischen die Leber und andere Organe meist irreversibel geschädigt. Oft wurden den Tiere auch hochdosierte Antibiotika ins Wasser geschüttet, was ihre Darmflora zerstört und sie langsam verhungern lässt. Letztendlich, wird geschätzt, haben für jeden Meeresfisch in deutschen Aquarien zehn bis hundert Artgenossen ihr Leben gelassen.
Zahlen, die Aquarianer nicht gerne hören, aber doch indirekt bestätigen: "Es werden Tiere verkauft, die von vornherein Todeskandidaten sind. Ich kenne Leute, die haben in kurzer Zeit schon den fünften Weißkehldoktorfisch über die Klinge springen lassen. Der Handel verdient so gutes Geld", erzählt Leo Gessert. "Wir handeln mit manchen Arten nicht, weil sie sich nicht halten lassen", sagt der Berliner Ladeninhaber Andreas Franke. "Andere verkaufen leider alles."
Leise surren die Sauerstoffpumpen in seinem Laden im Norden Berlins, während er erzählt. Die Luft ist feucht, es riecht ein wenig nach Meer. An einer Wand stapeln sich mehr als 20 Verkaufsbecken in drei Reihen über- und nebeneinander, in denen orange-weiß gestreifte Anemonenfische, bizarre Drachenfische und majestätische, dunkelblaue Pfauen-Kaiserfische kreisen. Ein riesiges Schaubecken in der Mitte des Raumes ist randvoll mit weißen, rosa- und lilafarbenen Korallen.
"Wer in die Meeresaquaristik einsteigen will, muss für Becken, Ausrüstung und Fische mit mindestens 10.000 Mark rechnen", sagt Franke, der seine jüngste Lieferung inspiziert – eine Styroporbox mit 40, 50 bunten Fischen. Acht Mark muss man bei ihm für eine Demoiselle auf den Tisch legen, 70 Mark für einen gelben Doktor, 700 Mark kostet ein seltener gelber Kugelfisch. Während sein Gehilfe den Großteil der Tiere zunächst in Eimer und später auf die Verkaufsbecken verteilt, fachsimpelt der Chef mit einem Geschäftsmann im Anzug über die richtige Wasserchemie.
Auch wenn Franke ein paar schwer zu haltende Spezies nicht im Angebot hat, eines stellt er klar: "Auf manche Arten können wir nicht verzichten, weil die jeder will, so wie den gelben Doktor." Der Gelbe Hawaiidoktor, der in fast jedem Meerwasseraquarium schwimmt, galt lange Zeit als robuster "Anfängerfisch". Doch inzwischen gibt es selbst damit massive Probleme, was Leo Gessert schwer in Rage bringt: "Seit zwei, drei Jahren gehen viele gelbe Doktoren schon Wochen nach dem Kauf ein, weil sie massenweise Antibiotika bekommen haben.
Wir haben uns beschwert, damit die Händler bei Großhändlern und Exporteuren Druck machen."
Doch nicht nur Antibiotika, auch Beruhigungsmittel und Hormone zur Steigerung der Farbintensität gehören zum Speiseplan der Exoten. "Immer häufiger bekommt man im Laden aufgeschwemmte, verdauungsunfähige, fehlfarbene Todeskandidaten vorgesetzt. Liegen diese Giftbomben endlich tot am Boden des Aquariums, rührt sie kein Einsiedlerkrebs, ja selbst kein Borstenwurm mehr an", klagt die Verhaltensforscherin Ellen Thaler in der Juni-Ausgabe der Aquarianer-Zeitschrift DATZ.
Die Professorin, selbst eine Meeresfisch-Liebhaberin, unterstellt den Aquarianern eine Wegwerf-Mentalität. Viele verschlissen Fische oder wechselten sie aus, weil gerade andere Arten "in" sind. "Je seltener ein Fisch ist, desto begehrter ist er auch. Der Preis spielt dann keine Rolle mehr", sagt Bruhns über seine ehemaligen Kunden. "Früher oder später holt sich jeder einen Fisch, von dem er besser die Finger lassen sollte." Sein vernichtendes Fazit: "Von zehn Meeresaquarianern sollten sich neun ein anderes Hobby suchen. Die sehen die Fische nur als Zimmertapete."
Mit solchen Freizeit-Aquarianern kann Leo Gessert sich nicht identifizieren. Fische sind seine Leidenschaft. Er verschwindet in der Küche. Als er mit einem Stück Gurke wieder auftaucht, ist er empört: "Jetzt haben die Jungs meinen Fischen den Salat weggefressen." Seine Frau grummelt, die Söhne seien ja auch wichtiger. Doch er widmet sich schon ganz dem Gurkenstück, welches er gekonnt an einem mit einem Stein beschwerten Draht befestigt. "Die Fische brauchen Abwechslung. Mal kriegen sie ein Salatblatt, mal ein Stück Banane oder auch etwas Ananas", erklärt er mit fürsorglicher Stimme. Kaum liegt der Stein am Grund des Aquariums, stürzen sich Fische und Garnelen auf den in der Strömung baumelnden Leckerbissen.
Der Meeres-Freak setzt sich zufrieden wieder aufs Sofa neben dem Aquarium und bestätigt mit ernster Miene Bruhns Kritik: "Leider gibt es viele Aquarianer, denen es egal ist, wenn ein Fisch kaputt geht, dann holen sie sich halt einen neuen."
Die Lust auf immer neue, immer exotischere Tiere ist für einige Spezies längst zur Bedrohung geworden. Die putzigen Seepferdchen etwa, die je nach Art 30 bis 5000 Mark kosten, sind immer noch begehrt, obwohl viele Arten kurz vor der Ausrottung stehen. Zwar ist der Hauptgrund dafür die Verwendung von Seepferdchen-Pulver und -Tinkturen in der traditionellen chinesischen Medizin, aber auch für den Zierfischhandel werden weltweit jährlich 500.000 Tiere gefangen.
Die meisten Aquarianer und Händler haben zum Naturschutz ein gespaltenes Verhältnis: Zwar schimpfen sie laut über Umweltschäden, verdrängen aber zugleich die negativen Folgen ihres Hobbys. Denn im Gegensatz zur Süßwasseraquaristik, wo die meisten Arten inzwischen nachgezüchtet und nur etwa zehn Prozent der gehandelten Fische der Natur entnommen werden, sind im Meeresaquarium 95 bis 98 Prozent der Tiere Wildfänge. Die meisten Zuchtversuche scheitern daran, dass fast alle Meeresfische Freilaicher sind. Die Weibchen geben die Eier direkt ins Wasser ab, und die Larven ernähren sich von umherschwimmendem Plankton. Doch eben diese Eier und das Plankton werden von den für die Wasserqualität des Beckens unerlässlichen Filtern abgefischt – ein bislang ungelöstes Problem. "Daraus wird in Zukunft nichts werden, weil es technisch zu aufwendig und zu teuer ist. Das kann man vergessen", winkt Fischforscherin Thaler ab.
So wird die Nachfrage nach Korallenfischen aus dem Riff wohl auch in den nächsten Jahren weiter zunehmen. Trotz stetig steigender Exportzahlen gibt es bis heute nicht einmal für bedrohte Arten konkrete Bestands- oder Handelszahlen oder irgendwelche Handelsbeschränkungen, jeder darf importieren, was und wie viel er will.
Die dramatischen Folgen zeigt die weltweit bislang einzige Studie zu den Auswirkungen des Meereszierfischfangs in Hawaii (1999) auf: Dort wurden die natürlichen Populationen von zehn häufig gehandelten Arten durch den Fang rasant dezimiert – in nur zwei Jahren um 38 bis 57 Prozent. Und dies, obwohl dort nicht einmal mit Zyanid gefischt wird. Der Autor der Studie, Brian Tissot, drängte erfolgreich darauf, mindestens 30 Prozent der Küstengewässer Westhawaiis zu Reservaten zu erklären, in denen jegliches Fangen von Fischen verboten ist. Zudem werden auf den Inseln der Handel und die Populationszahlen kontrolliert. Von solchen Maßnahmen sind alle anderen Exportländer weit entfernt.
Doch auch in den Importstaaten gibt es keine Handelsstatistiken. In Deutschland etwa ist nur die Gesamtmenge der jährlich importierten Zierfische in Tonnen bekannt (2000: 105 Tonnen Süßwasser- und 45 Tonnen Meerwasserfische). Als das Bundesamt für Naturschutz (BfN) Anfang der 90er versuchte, die Handelsdaten zentral zu erfassen, scheiterte dies am Widerstand der Händlerlobby. "Die dachten, wir wollen ihnen das Geschäft kaputt machen", erzählt BfN-Abteilungsleiter Harald Martens.
Auch 1997, als die Bundesartenschutzverordnung an die EU-Gesetzgebung angepasst wurde, gab das BfN klein bei: Das acht Jahre lang geltende Importverbot für die farbenprächtigen Kaiser- und Falterfische wurde ohne Ausnahmen aufgehoben. "Es ließ sich in der EU nicht durchsetzen. Und ein deutscher Alleingang war nicht drin", sagt Martens.
"Wenn das BfN gewollt hätte, hätte man das Verbot beibehalten können", meint hingegen ein Kollege eines ostdeutschen Umweltamtes. "Auch andere Länder haben beim Import bedrohter Arten Sonderregelungen erreicht. In Schweden darf man beispielsweise keine exotischen Vögel halten, in Frankreich keine Greifvögel."
Seit der Aufhebung des Verbots haben Aquarianer und Händler wieder die freie Auswahl in allen Ozeanen. Nur einige langsam wachsende Steinkorallenarten aus Indonesien dürfen nicht importiert werden. Dafür werden sie illegal ins Land geschmuggelt. "Wir sind da schwer überfordert", stöhnt die zuständige Expertin vom Zoll am Frankfurter Flughafen, "wir sind ja Zöllner und keine Biologen. Wenn’s nach uns ginge, sollte die Einfuhr von Korallen ganz verboten werden."
Dass in der Meeresaquaristik dringend etwas getan werden müsste, darüber sind sich im Prinzip alle Beteiligten einig, Aquarianer, Händler, Wissenschaftler, Naturschützer und Behörden (siehe Kasten "Lösungen"). Vom Öko-Label über chemische Stichproben bis zu Mindestverkaufspreisen – Vorschläge gibt es genug. Doch bisher ist nichts geschehen.
Bestimmte Arten hätten aber selbst mit Öko-Label und transparentem Handelsweg nichts im Aquarium zu suchen. Davon weiß auch der Fisch-Fanatiker Gessert ein Lied zu singen. Er hatte vor einiger Zeit das Ei eines Ammenhais erstanden: "Das war schon toll, man konnte genau beobachten, wie unser kleiner Hai in dem ovalen, zehn Zentimeter langen Ei immer größer wurde." Sogar seine Frau am anderen Ende des Sofas nickt beifällig. Stolz fährt Gessert fort: "Als der Hai gerade am Schlüpfen war, kam sogar das Fernsehen und wir waren auf SAT 1 zu sehen." Dem Höhepunkt seines Aquarianer-Lebens folgte schon bald das Entsetzen: Eines Tages stank es in der Wohnung säuerlich nach Fisch. Der Hai war aus dem Becken gesprungen und dahinter verendet.
Lösungen fürs Aquarium
Zum Schutz von Korallenriffen und vom Aussterben bedrohten Meereszierfischarten fordern Experten wie Ellen Thaler, Verhaltensforscherin, und Daniel Knop, Chefredakteur des Fachmagazins „Koralle“:
1. Transparenz
Es muss erfasst werden, wo und wie welche Arten in welcher Menge gefangen und wie sie „gehältert“ und transportiert werden.
2. Öko-Label
Mit Netzen gefangene Tiere bekommen ein Zertifikat und werden über ausgewählte Händler verkauft. Für die geringere Sterbequote netzgefangener Fische (im Ver-gleich zu giftgefischten) werden die Fänger mit höheren Preisen pro Tier entlohnt.
3. Stichproben
Ob Fische tatsächlich schonender gefangen und gehalten wurden, wird durch stichprobenartige chemische Analysen auf Zyanid- und Antibiotikagehalt überprüft.
4. Reservate
In allen Fangregionen wird ein Netzwerk ausreichend großer Reservate eingerichtet, in denen das Fischen vollständig verboten ist. Von dort können wieder Fische in die Fangregionen nachwandern.
5. Handelsbeschränkungen
Für besonders schwer haltbare und vom Aussterben bedrohte Fischarten gelten Handelsbeschränkungen oder -verbote.
6. Mindestpreise
Um zu verhindern, dass schwer haltbare Arten „verbraucht” und einfach wieder neu gekauft werden, werden für diese Arten im Verkauf Mindestpreise festgesetzt.
7. Ausbildung
Großhändler, Händler und Verkäufer müssen sich regelmäßig in Naturschutz und artgerechter Haltung schulen lassen.
8. Kontrollen
Durch Stichproben wird überprüft, ob Aquarienhändler geschützte Arten verkaufen und ob sie umweltgerecht beraten.
Von RALF WILLINGER Fotos: ANJA GRABERT
Zyanidfischen: Hohe Gewinne mit Todesgift
Seit den 60er Jahren werden in Südostasien (vor allem in Indonesien und auf den Philippinen) Meereszierfische mit dem hochgiftigen Natriumzyanid gefangen. Allein auf philippinische Korallenriffe werden jährlich 150.000 Kilogramm geleert. Aus Plastikflaschen schießen die Fischer das Gift auf die Fische und sammeln die betäubten Tiere ein. Die Hälfte der Fische, zahllose Korallenpolypen und andere Rifftiere sterben sofort, zudem gehen viele Fische Wochen später an Organschäden ein. Die Fänger verdienen meist nur ein paar Dollar pro Monat. Zwischenhändlern und Exporteuren hingegen winken oft mehrere hundert Prozent Gewinnspanne. Zwar ist Giftfischen in allen Ländern verboten, aber fast nirgends wird es verfolgt. Polizei und Richter werden systematisch bestochen. In Indonesien wurde bis heute kein Fall vor Gericht gebracht.
Seit den 80er Jahren versucht die "International Marinelife Alliance" den Giftfang zu stoppen, indem sie philippinische und indonesische Fischer im Fang mit Netzen unterrichtet. Dafür erhalten die Fänger höhere Preise. Um Betrug zu verhindern, werden die Fische stichprobenartig auf Zyanid kontrolliert. Mit einem "Zyanidfrei"-Zertifikat versehen, werden die Tiere an spezielle Großhändler in den USA und Kanada geliefert. Das System soll die Basis einer Art von Öko-Label werden, welches den naturverträglichen Fang und Transport insgesamt garantiert. Auf den Philippinen zeigen sich erste Erfolge: Der Anteil der Giftfänge ging von über 80 Prozent in 1993 auf 20 Prozent in 1998 zurück.
Trotzdem wurden nach Schätzungen der Umweltgruppe "The Nature Conservancy" 1998 mehr als 70 Prozent aller in die USA importierten Fische mit Zyanid gefangen. Experten aus aller Welt bezeichnen das Zyanid- und Dynamitfischen (letzteres zum Fang von Speisefischen) deshalb als "die größte Bedrohung für die Riffe in Südostasien — schlimmer noch als die Korallenbleiche infolge der weltweiten Klimaerwärmung". Sollte die Zerstörung der Korallenriffe weitergehen wie bisher, würden 70 Prozent von ihnen innerhalb der nächsten 50 Jahre verschwunden sein.
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