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greenpeace magazin 2.01
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Glitzernd dreht sich der riesige Wirbel im Kreis. Tausende Makrelen bilden einen rotierenden Schwarm, in dessen Mitte, schutzsuchend, einige andere Fische fast unbewegt im Wasser stehen. Plötzlich gerät die Choreografie durcheinander, dutzende Fische stieben pfeilschnell davon – ein Hai ist gefährlich nahe gekommen. Doch die Makrelen entwischen, bald dreht der Räuber wieder uninteressiert seine Runden. Darunter, auf sandigem Grund, lungern Flundern und Rochen. Und ab und zu kommt hinten zwischen den mächtigen Felsen eine bizarre Kreatur zum Vorschein: ein grimmiger Seewolf etwa, ein Hummer oder ein gewaltiger Meeraal, der sich im Wrack eines Kutters einen neuen Ruheplatz sucht.
Das submarine Schauspiel wird hinter einer Scheibe aufgeführt: 41 Zentimeter dickes Acryl mit den Ausmaßen einer Kinoleinwand. Kinder drücken sich daran die Nase platt, Eltern sitzen in grünlich blaues Licht getaucht auf einer Tribüne, staunen, rätseln oder bewundern den Mondfisch: ein Tier mit dem Charme eines rüssellosen Unterwasserelefanten. Er ist zweifellos das seltsamste Wesen in dem Viereinhalb-Millionen-Liter-Becken, der Attraktion des „Nordsømuseet“ im norddänischen Hirtshals.
Aquarien liegen im Trend, in ganz Europa entstanden in den letzten Jahren neue (siehe Seite 64). Meist erinnert in ihnen wenig an die Fischhäuser der Zoos, die in kleinen, aneinandergereihten Becken das aquaristische Pflichtprogramm zeigen – vom bunten Korallenfisch bis zum Piranha. Mit Riesenbecken, neuen Präsentationsformen und Spezialthemen wie „die Nordsee“ in Hirtshals wird der Besuch in den emporgeholten Unterwasserwelten zum ebenso spannenden wie lehrreichen Wochenend- und Urlaubserlebnis.
Pioniere der neuen Aquaristik waren vier Meeresbiologen, die 1984 mit der Gründung des „Monterey Bay Aquarium“ südlich von San Francisco eine Vision verwirklichten: Sie holten keine Exoten ins Becken, sondern ganz einfach die Tiere und Pflanzenwelt der angrenzenden Pazifikbucht. Durch zwei riesige Rohre pumpten sie stündlich bis zu 1800 Kubikmeter Meerwasser herein. Der stete Strom sicherte nicht nur die Wasserqualität, sondern brachte auch Larven mit sich, die auf den Kunstfelsen ganze Lebensgemeinschaften bildeten – und Plankton, das diese ernährt. Auch wenn es ohne viel Technik und regulierende Eingriffe nicht geht: Im Aquarium von Monterey entstand die Illusion eines funktionierenden Ökosystems, ein fast realer Einblick ins lebendige Meer. Die Idee hatte Erfolg – 1,8 Millionen Menschen kommen jährlich – und machte Schule: Viele neue Aquarien konzentrieren sich, der Globalisierung trotzend, auf die lokale Tierwelt. Der Verzicht auf Tropenimporte mindert Transportverluste und die Gefahr, dass umwelt- oder artgefährdend gefangene Tiere in die Becken gelangen. Über die Herkunft seiner Tiere weiß zum Beispiel Gerd Meurs, Leiter des „Multimar“ im schleswig-holsteinischen Tönning, genau Bescheid. „Ein paar Fischer, die wir kennen, haben immer eine Plastikwanne an Bord“, sagt er. „Wenn sie was besonderes fangen, bringen sie es mit. Einige Tiere kriegen wir von Forschungsschiffen oder anderen Aquarien. Und kleine Arten, die nicht ins Netz gehen, holen wir uns selbst aus dem Meer“, erzählt der Biologe, der zudem Berufstaucher ist.
Das "Multimar Wattforum", 1999 eröffnetes Informationszentrum des Nationalparks Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer, bietet, klein aber fein, vieles von dem, was die neuen Aquarien so sehenswert macht. Durch die Beschränkung auf die Nordsee werden die Besucher nicht von Eindrücken überschwemmt. Phantasievoll gestaltete Tafeln mit Multimediaeinsatz informieren über Hintergründe, während in Kinderhöhe raffinierte Spielchen mit Wattbezug zum Mitmachen einladen. Körpereinsatz ist beim Brandungsbecken gefragt: Mit einer Kurbel kann man beachtliche Wellen gegen Felsen klatschen lassen, auf denen Tiere siedeln, denen das behagt. Und die Aquarien wirken wie echte Ausschnitte aus dem Meer: Seesterne machen sich über Miesmuscheln her. Mit aufgestellter Rückenflosse zeigt ein erregter Leierfisch sein betörendes Blau. Und eine Strandkrabbe droht mit emporgereckten Scheren einem vorbeischwimmenden Knurrhahn.
Auch die beiden deutschen „Sealife Centre“, Ableger einer englischen Kette mit europaweit 13 Aquarien, setzen in ihren rein kommerziellen Häusern ganz auf die Reize von Nord- und Ostsee und heimischen Flüssen. Die von vielen der graugrünen Langweiligkeit verdächtigten Gewässer unserer Breiten beherbergen eine solch vielfältige Tierwelt, dass kaum einem Gast in Timmendorfer Strand bei Lübeck oder in Konstanz am Bodensee die bunten Exoten fehlen. Greenpeace unterstützt die Sealife Centre, weil die Aquarien die Besucher „für den Lebensraum Wasser sensibilisieren“, und zeigt Ausstellungen über die Gefährdung der Haie oder Überfischung. Die Zusammenarbeit ist mit Auflagen verknüpft: Tabu sind nicht nur tropische Arten und solche, deren Fang Bestände gefährdet. Auch Tiere, die sich nicht artgerecht halten lassen – wie Meeressäuger und Seeschildkröten – müssen draußen bleiben.
Den Greenpeace-Kriterien werden nur die wenigsten Aquarien völlig gerecht. So will man in Hirtshals auf die Seehunde nicht verzichten. Andere haben zwar einen lokalen Schwerpunkt – wie in Barcelona, wo man, in einem Glastunnel von einigen Millionen Litern „Mittelmeer“ umgeben, auf einem Laufband um ein rundes Becken gleitet. Aber gerade die Betreiber der neuen Mega-Aquarien meinen, ihren Besuchern karibische Haie, Tropenpavillons oder zumindest einige Becken mit bunten Fischen und Korallen nicht vorenthalten zu können.
Natürlich will sich kein Aquarium lumpen lassen: Fast jedes verweist publikumswirksam auf die Beteiligung an Schutzprogrammen für gefährdete Seepferdchen, Meeresschildkröten, Haie oder Delfine. Doch das löbliche Engagement darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Bedeutung von Aquarien für den Artenschutz gering ist und dass insbesondere Meerestiere fast immer aus Wildfängen stammen. Jürgen Lange, seit 23 Jahren Leiter des Berliner Zoo-Aquariums und einer der erfahrensten Aquarianer Deutschlands, sieht in der verstärkten Nachzucht deshalb eine Hauptaufgabe der Großaquarien. „Wir züchten bei uns bereits 17 Meeresfischarten“, sagt er nicht ohne Stolz. Doch er räumt ein, dass dies bei insgesamt 200 gehaltenen Arten in Berlin nur „ein Tropfen auf den heißen Stein“ ist. Auch Tiere, deren Aquarienzucht man früher für unmöglich hielt, brüten die Berliner heute aus: Quallen, den meisten nur als unappetitliches Geglibber am Strand bekannt, gleiten wie Wesen aus einer anderen Welt pulsierend dahin und schlagen Erwachse und Kinder gleichermaßen in ihren Bann.
Im Vergleich zu den Meeresausstellungen von Tönning, Barcelona oder Hirtshals wirkt ein traditionelles Aquarium wie das in Berlin aber eher antiquiert – von moderner Zoopädagogik ist nicht viel zu spüren. In dem alten Gebäude mit kunstvollen Fenstern mit Meeresmotiven tummeln sich in vielen kleinen und einigen großen Becken die skurrilsten und farbenprächtigsten Tiere: durchsichtige Glaswelse, augenlose Höhlensalmler und riesenmäulige Löffelstöre, Fische mit klingenden Namen wie Elfenwels, Ritterfisch und Goldstreifenkopfsteher – und natürlich fehlen auch Haie nicht. Der Reiz liegt in der Vielfalt: 500 Arten mit 10.000 Tieren gibt es, in den oberen Etagen residieren Reptilien, Amphibien und Insekten. Doch obwohl die Architektur des alten Baus und chronischer Geldmangel Grenzen setzen: Auch in Berlin geht es weg vom musealen Ausstellen der Tiere, hin zur Nachbildung naturnaher Biotope. Und manche Art, die sich für die Beckenhaltung schlicht nicht eignet, sucht man heute vergeblich: Schon vor Jahren wurde eine Meeresschildkröte feierlich in die Freiheit entlassen. FISCHE WIE SAND AM MEER Das Greenpeace Magazin nennt die spannendsten Aquarien Europas – und das Vorbild aus den USA.
DÄNEMARK Nordsømuseet Willemoesvej, 9850 Hirtshals Tel. 0045/98944444 > siehe Haupttext
DEUTSCHLAND quarium im Institut für Meereskunde Düsternbrooker Weg 20, 24159 Kiel, Tel. 0431/5973857 > Das öffentliche Aquarium des renommierten Instituts zeigt hauptsächlich Tiere aus Ost- und Nordsee, leider auch Seehunde.
Aquazoo Löbbecke Museum Kaiserswerther Str. 380 (im Nordpark), 40200 Düsseldorf Tel. 0211/8996150 www.duesseldorf.de/kultur/aquazoo/ > Aquarium und Terrarium mit langer Geschichte, heute im Neubau. Kritik: Meeresschildkröten und Robben werden gehalten.
Deutsches Meeresmuseum Katharinenberg 14-20, 18439 Stralsund, Tel. 03831/295135 > Aquarium im Klostergewölbe mit Meeresforschungs- und Fischerei-Ausstellungen. Die Aussenstelle Darßer Ort im Nationalpark „Vorpommersche Boddenlandschaft“ zeigt Ostsee-Arten.
Multimar Wattforum Am Robbenberg 1, 25832 Tönning Tel. 04861/96200 > siehe Haupttext
Natur- und Umweltpark Güstrow, Aqua-Ausstellung Verbindungschaussee, 18273 Güstrow, Tel. 03843/82485 > Mit Süßwasseraquarien und einem zwölf Meter langen Aqua-Tunnel in den Fluss Nebel.
Sealife Konstanz Hafenstr. 9, 78462 Konstanz Tel. 07531/128270 > Zeigt neben Meerestieren viele Süßwasserfische (siehe Haupttext).
Sealife Timmendorfer Strand Kurpromenade 5, 23669 Timmendorfer Strand Tel. 04503/35880 > siehe Haupttext
Zoo-Aquarium Berlin Hardenbergplatz 8, 10787 Berlin Tel. 030/254010 > siehe Haupttext
FRANKREICH Océanopolis Port de Plaisance du Moulin Blanc, BP 411, 29275 Brest Tel. 0033/2/98344040 > Wächst derzeit zum futuristischen Riesenaquarium heran. Meeresfauna der Bretagne, Polar- und Tropenpavillon.
GROSSBRITANNIEN National Marine Aquarium Rope Walk, Coxside, Plymouth, PL4 0LF Tel. 0044/1752/600301 > Panoramabecken mit Wasser und Tieren aus dem Ärmelkanal, aber auch karibische Haie und „Galerie der Seepferdchen“.
ITALIEN Stazione Zoologica Anton Dohrn Villa Communale, 80121 Neapel Tel. 0039/81/5833111 > Tiere aus dem Golf von Neapel in einzigartiger Atmosphäre. Das Aquarium des Instituts, in dem die bedeutendsten Meeresbiologen forschten, wurde 1874 eröffnet und seitdem kaum verändert.
MONACO Musée océanographique Avenue Saint-Martin, 98000 Monaco Tel. 00373/93153600 > Pionier-Aquarium im alten Museumsgebäude. Von hier kam wahrscheinlich die ökologisch verheerende „Killeralge“ Caulerpa ins Mittelmeer.
NIEDERLANDE Burger’s Zoo Schelmseweg 85, 6816 SH Arnheim Tel. 0031/26/4424534 > Neueröffnetes Zooaquarium mit mehreren schicken Riesenbecken.
EcoMare Ruyslaan 92, 1796 AZ De Koog, Texel Tel. 0031/222/317741 > Zentrum für Wattenmeer und Nordsee mit Aquarien; Dünenpark und Auffangstation für kranke Seehunde und Vögel.
NORWEGEN Akvariet i Bergen Nordnesbakken 4, 5817 Bergen Tel. 0047/55557171 > Im Mittelpunkt steht die norwegische Meeresfauna; Ausstellung über Aquakulturen.
ÖSTERREICH Aquarium im Tiergarten Schönbrunn Maxingstr. 13b, 1130 Wien Tel. 0043/1/87792940 > Neu eröffnetes Zooaquarium mit Themenbecken und einem Glastunnel durch den Amazonas.
PORTUGAL Oceanário de Lisboa Esplanada D. Carlos I Doca dos Olivais, 1900 Lisboa Tel. 00351/21/8917002 > Der Ozean-Pavillon der Expo 98, spektakulär ins Wasser hineingebaut, ist eines der größten und schönsten Aquarien der Welt.
SPANIEN L’Aquàrium de Barcelona Moll d’Espanya del Port Vell, 08039 Barcelona Tel. 0034/932217474 (nur spanisch) > siehe Haupttext.
USA Monterey Bay Aquarium 886 Cannery Row, Monterey, CA Tel. 001/831/6484800 > siehe Haupttext |
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